Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 124 (1.5.1930)
- Date
- 1930-05-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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mmmmm MB STOCHE Nf. 1U Herzl — der (udenstaatler Von Dr. N. M. Gelbar ScEoü lange vor Herzl haben Juden und Nichtjuden den Gedanken der Wiederherstellung des jüdischen Staates propagiert. Sämtliche Judenetaatspläne vor Herzl beruhten entweder auf religiös-mystischen Grundlagen oder auf dem Humanitätsgedanken und sonstigen politischen Motiven. Keiner von den Vorläufern Herzig hat versucht* mit seinem Judenstaatsplan die Judenfrage in ihrer Totalität zu lösen. Während die Anhänger der religiös-mystischen judenstaatsidee, wie Holger Pauli (1644— 1714), Marquis de Langallerie (1656—1717), Moritz von Sachsen (1747) u. v. a., sich mit der Idee der Wiedererrichtung des Judenstaates vielmehr aus einem romantischen Gefühl heraus* sehr oft vielleicht einer Marotte zuliebe beschäftigten, haben andere Judcnstaatler den Hnmanitätsgedonken »um Ausgangspunkt für die Lösung der Judenfrage auf judensta&tlieber Grundlage genommen, so z. B. Fürst de Ligne, der Pariser Anonymus ans dem Jahre 1798 u. a. Gar andere Motive veranlaßten wohl Napoleon und einzelne englische Präzionieten mit Judenstaatsprojekten hervorzu treten. Herzl versuchte mit seiner Konzeption des Judenstaates im Gegensatz zu einem großen Teil seiner Vorläufer nicht nur die Ursachen der Notwendigkeit der Begründung eines Judenstaates, sondern vor allem die Grundprinzipien zu behandeln, nach denen der Judenstaat errichtet werden 6oll. In allen früheren Judenstaatsplänen finden wir kaum je eine Erwähnung, wie der von den betreffenden Verfassern projektierte Judenstaat aussehen soll. Schon im der Vorrede zu seinem „Judenstaat“ erklärt Herzl, daß der Gedanke des Judenstaates wohl ein uralter sei, er versuche nur die Notwendigkeit der Begründung des Judenstaates und seine Grundlagen darzustellen. Für Herzl bilden den Ausgangspunkt der Judenfrage nur der Antisemitismus und die Judennot. In dieser! Begründung des Zionismus liegt eben der Keim jenes scharfen Gegensatzes, der in der; zionistischen Bewegung schon zu Beginn seiner j pölitißohen Betätigung durch den sogenannten; Aehad-Haamismue zum Ausdruck gekommen ist. Herzl ging von der Annahme aus, daß die Emanzipation die Judenfrage aus dem Grunde nicht zu lösen vermochte, weil die Juden als MitteJstandsklasse der Bourgeoisie der herrschenden WirtöVölker Konkurrenz bieten. Diese Reibungen verursachten allmählich die scharfen Formen des Antisemitismus. Nur die Gründung eines Judenstaates könne die vollständige Lösung der Judenfrage herbeiführen. Herzl bezeichnet seine Schrift als Staatssöhrift, die aber ■— sollten die Juden an die Verwirklichung des Judenstaates nicht herantreten — nur ein Staatsronmn bleiben werde. In der Art, wie Herzl die Judenfrage betründet, stoßen wir auf Schlagworte, die wir öreits in der früheren zionistischen Literatur vorfinden. So das Motiv der Xenophobie, die bereite Pinsker als Ursache des Judenhasses anführt Herzl will vor allem die „Volksper- «Önlichkeit der Juden“ vor dem Untergänge retten. Die Judenfrage könne nur als eine politische Weltfrage aufgefaßt und durch entsprechende Wege einer Lösung zu geführt werden. Eine allgemeine jüdische Wanderung, gestützt auf edi&er großen Idee, kann und wird den Juden andere Daseins bedingnngen schaffen, Als d i e Idee, die diese bezaubernde Macht aus* üben könnte, bezeichnet Herzl die Staatsidee, denn nur sie hat wohl eine solche Gewalt. In dieser ausdrücklichen Betonung der Staatsidee ,uhd ihrer geistigen Macht erkennt man, daß Herzl die politische Schulung des altöeterreichischen Staates durchgemacht hätte, in dem bekanntlich angeeicht* der Völkerbuntheit die nationale Ide<e im Interesse der Monarchie der Staatsidee den Vorrang einräumen mußte. Herzls Broschüre zeigt nun, wie die jüdische StaAtetdee -in Wirklichkeit umgesetzt werden kaam Sie soll verwirklicht werden im Wege moralischer und juristischer Personen. Als gflcnoqti^oooflöoooooooooöoooooo^ Mutt ln Mm im Catt „Rltes Rathaus" (Cafetier Leo Lowy) Grofer« ttftd kltme Kfablokafe 1. Be&i Wlpplioggfstrafife 24 H Tel U 97-4-84, U 36-2-74 qpoooooonrxxaocxxxxxhoooQocxxxxhooooocxy« moralleebe bezeichnet Herzl die Society of Jews, welche Subjekt von Rechten außerhalb der Privatvermögenssphäre ist, als juristische Person die Jewish Company, die ein „Erwerbeweeen“ ist. Seinen Judensta&tsplan baut Herzl auf 2wei Grundlagen auf: a) Society of Jews, b) Jewish Company. Zuerst muß die Society entstehen, die die Grundlagen und Voraussetzungen für die Company bilden wird. Die Society bereitet die wissenschaftlichen und politischen Voraussetzungen vor. Die Jewish Company wirkt sich nur praktisch aus. Sie besorgt die Liquidierung aller Vermögensinteressen der abziehenden Juden und organisiert im neuen Lande den wirtschaftlichen verkehr. Die Frage der Judenwanderung muß in politischer Hinsicht von der Society vorbereitet werden. Um diese sammeln sich alle Juden, die sich zur Judenstaatsidee bekennen. Die Society erhält die Autorität, die jüdische Sache allen Regierungen gegenüber zu vertreten, im Namen der Juden zu sprechen und zu verhandeln. Sie ist eben der staatsbildende Faktor oder, besser gesagt, der Judenstaat unterwegs. Durch die Begründung der Society wird die Grundlage zum wirklichen Judenstaat gelegt. Hier wäre zu bemerken, daß wir einer ähnlichen Formulierung bereits bei einem englischen Präzionisten, dem Obersten Churchill, begegnen, der im Jahre 1843 dem Board of Deputies den Vorschlag unterbreitete, eine politische Organisation der Juden zu schaffen, die die Rechte des Judenstaates anmelden und für sie vor dem Forum der Mächte einzutreten hätte. Auch die von Herzl vorgeschlagene Society, in der wir den ursprünglichen Rahmen für die spätere zionistische Organisation vorge^eichnet finden, hat die Verhandlungen mit den Mächten zu führen, ein geeignetes Territorium für den Judenstaat auszusuohen — es darf eben nicht vergessen werden, daß Herzl bei der Niederschrift seines „Judenstaates“ noch ein Territo* rialdst gewesen ist — sie regelt die politischen Grundlagen der Auswanderung und verhandelt unter dem Protektorate der Mächte über alle Details, die mit der Judenstaatsbildung Zusammenhängen. Obzwar Territorialst, kann sich Herzl doch der Tatsache nicht verschließen, daß Palästina die historische Heimat der Juden ist und daß sohon der Name einen wirkungsvollen Sammelruf für die Juden bilde. Nach Herzl soll die Grundlage des Judenstaatee nicht das Rousseausohe Prinzip des Contract social bilden. Im Staate soll es nur eine negotiorum gestio geben. Der Judenstaat ist wohl als eine ganz eigentümliche Neusiedlung auf einem noch unbekannten Territorium gedacht. Zu bedenken ist aber, daß nicht die Länderstrecken den Staat bilden, sondern die durch eine Souveränität zusammengefaßten Menschen. Das Volk ist die persönliche, das Land die dingliche Grundlage des Staates, wobei die erste die wichtigere sei Denn es gibt auch Souveränitäten ohne dingliche Grundlage (Papst). Der Rechtagrufid des Staates wird bald zu sehr in den Menschen, bald über den Menschen (göttliches Recht), bald unter den Menschen gesucht. Herzl sieht in. der Tat im Staate eine Mischung von Menschlichem und Uebermensohliohom. Für ihn ist die Gesamtheit der Bürger der negotiorum dominus und die Regierung der negotiorum gestor. Der Gestor verwaltet ein Gut, dessen Miteigentümer er ist. Er darf sich selbst aber als Miteigentümer keinen gültigen Auftrag geben. Er kann die Zustimmung der unzähligen Miteigentümer im günstigsten Falle nur vermuten. Der Staatsgüter ist daher genügend legitimiert, wenn die allgemeine Sache in Gefahr und der Dominus durch Willemsunfähigkeit oder auf eine andere Art und Wei«e verhindert ist, sich selbst zu helfen. In diesem Falle muß der Geötor für alles haften. Da nun die Juden der Diaspora zufolge verhindert sind, ihre politischen Geschäfte selbst zu führen, benötigem sie eines GcötoüB, in der Form der vor geschlagenen Society of Jews, die die Zentralstelle der beginnenden Judenbewegung lat und sowohl wissenschaftliche als auch politische Aufgaben durchführt. In wissenschaftlicher Hinsicht bat sie die Bedingungen der Judenwanderung, die Statistischen Grundlagen, die Pläne der Ansiedlting, die Vorarbeiten für die Gesetzgebung und Verwaltung ZU studieren. In politischer Hinsicht hat aia alle Kundgebungen dar Staatsmänner, der Parlamente, der Judengcroemden u. dgl, au Sammeln. Sie bat die völkerrechtlich gesicherte Souveränität auf einem für die Be- * ' dttrfnasee der Juden ausreichenden Landstrich zu erlangen. Sie hat auch die Vorbereitungen für die ins Leben zu rufenden Staatsinstitute zu treffen und mit Hilfe eines Rates von Staatsjuristen eine moderne, allen gerechten und sozialen Forderungen der Gegenwart Rechnung tragende Verfassung zustande zu bringen, in der Staatsform und Regierungsprinzip in einem ausgleichefiden Gegensatz zu einander stehen müssen. Herzl ist ein überzeugter Anhänger monarchischer Einrichtungen — wie er denn überhaupt in politischer Hinsicht ein Zögling der liberalen Aera in Altösterreich ist — weil sie eine beständige Politik ermöglichen und die Staätearhaltung bedingen, sowie die zur Regierung geborene und erzogene Familie die Voraussetzungen des staatserhaltenden Interesses bildet. Da aber die Juden seit Jahrhunderten kein Staatewesen besitzen und keine Kontinuität einer Stafttsform aufweisen, hält Herzl die Errichtung einer Monarchie für eine Lächerlichkeit. Er hält aber die Demokratie ohne ein Gegengewicht des Monarchen nur zur Schaffung von Berufspolitikern geeignet. Seiher Ansicht nach sind (Me Völker für eine unbeschränkte , Demokratie immer weniger geeignet, weil die reine Demokratie einfache Sitten voraussetzt, unsere Sitten aber werden mit der Entwicklung der Teohnik und der Kultur immer komplizierter und luxuriöser. Im Judenstaat darf niemand geknechtet werden. Jeder Jude soll aufiß teigen können, denn dieser Zug nach oben wird dem Staate nützliche, der Volksidee aber dienende Formen geben. Er wünscht eine aristokratische Repu-! blik, die dem ehrgeizigen Sinne des Judenvolkes, der jetzt zu alberner Eitelkeit entartet ist, entspricht. Herzl schweben etwa die Stäatsednrichtungen in Venedig vor, wobei alles, woran Venedig zugrunde gegangen ist, vermieden werden sollte. Die Juden wollen ein modernes Volk sein und däbel soll eben die Society die moralische Kraft und Autorität besitzen, alle diesbezüglichen Widerstände zu brechen. Hineiohtlich der Sprache ist Herzl für die Belassung aller jener Sprachen, die die Juden in der Gallith gesprochen haben, wobei er an e*ne Art Sprächenföderaldsmus, wie in der Schweiz, mit der deutschen als vorherrschenden denkt. Die hebräische Sprache, hält . er für entwicklungsunfäbig. Diese Ansicht Herzig veranlaßte die Kultur Zionisten zur Bekämpfung des politischen Zionismus. Herzl ist für die Einführung eines stehenden Heeres. Der Klerus soll nicht So hoch auf kommen und in Staatsangelegenheiten nichts dreinreden. Hat die Society die politischen Voraussetzungen des Judenstaates geschaffen, so tritt die Jewish Company nach dem Vorbilde der großen Landnahmegesellschaften als jüdische „öhartered Company“ auf den Plan. Sie hat ausschließlich koloniale und Wiederaufbauaufgaben. Sie wird als eine Aktiengesellschaft mit der engliechen Rechtssubjektivität nach’ den Gesetzen und unter dem Schutze Englands mit dem Hauptsitz in London begründet werden. Die Jewish Company ist nur ein Uebergangsinstitut Von rein geschäftlichem Charakter, das von der Society immer sorgsam unterschieden werden muß. Sie führt die Liquidierung der Wanderung durch, schafft die Grund-, lagen für den Aufbau, trifft Vorsorge für die Schulung der Arbeiter, sorgt für die Einführung des Siebenstundentages, organisiert die Arbeiterbataillone, regelt den Marktverkehr und schafft mit einem Wort die Bedingungen für alle wirtschaftlichen Positionen. Diese beiden Gesellschaften sollen durch ihre Tätigkeit den Beweis erbringen, daß die „Judenstaatsidee kein Märchen und kein Betrug“ ist. Es muß zunächst „Licht Werden in den Köpfen, der Gedanke muß hinausfliegen bi« in die letzten jammervollen Nester, wo un- «ere Leute wohnen. Sie werden aufwachen aus ihrem dumpfen Brüten, denn in unser aller, Leben kommt ein neuer Inhalt und jeder braucht nur an eich selbst zu denken und der Zug wird schon ein gewaltiger.“ Herzl fühlte Intuitiv, daß die Judenstaatsidee im jüdischen Volke stark verwurzelt ist. Er bezeichnet« daher seine persönliche Rolle mit folgenden charakteristischen Worten: „Ich’ Will gar nicht, daß die Idee neu sei, sie ist 9000 Jahre alt, neu Iet Btir das Verfahren, wie ich die Idee lanciere. Um später durch die Soelety endlich den Staat zu organisieren, d. h. nicht Ich, denn ich ziehe mich von der Ausführung zurück, die unpersönlich sein muß, ich schaffe nur das Organ, welches die Sache zu führen hat“. So hat Herzl mit «einem Judenstaatsplan. insofern ein neues Moment eingeführt, daß er «1« erster den Weg zeigte, wie der Juden«taat durchzufühaqm Wäre. In der Tat schein wir* daß