Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 123 (24.4.1930)
- Date
- 1930-04-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 128 D)£ STIMME Seite 5 luden wohnen, so muß man über das große Ifttefessc für Literatur und Kunst staunen. Eine große Anzahl von. Verlagsanstalten und Bibliotheken geben allwöchentlich neue Werke heraus. Hier bemerken wir, vielleicht zum erstenmal in der Geschichte unserer Literatur, die merkwürdige Erscheinung, daß die Werke fremder Literaturen ausschließlich in hebräischer Uebersetzung gelesen werden. Ein Beweis, daß die hebräische Sprache in Palästina bereits die primäre Sprache der Juden geworden ist. Der hebräische Schriftstellerverband unter dem Präsidium Bialiks und sein Organ die literarische Wochenschrift «Mosnajim» tragen zur Schaffung des guten literarischen Geschmackes sowie einer ernsten Richtung in der Kritik viel bei. In der allerletzten Zeit werden ernste Versuche zur Schaffung einer zentralen literarisch-wissenschaftlichen hebräischen Monatsschrift gemacht, die sicherlich zur Förderung des hebräischen geistigen Lebens das ihrige beitragen wird. Die Hebräisierung macht große Fortschritte, und das erfreuliche dabei ist, daß heute in Palästina auch darauf geachtet wird, daß man nicht nur ein fließendes, sondern auch ein r i c htiges Hebräisch spricht. Die geplante Gründung einer Sprachakademiie, über die in ihrem Blatte bereits berichtet wurde, und die Lektüre guter Bücher werden sicherlich noch mehr zur Purifizierung der Sprache beitragen. In Palästina hat man auch großes Interesse für fremde Literaturen und die zahlreichen Uebersetzungen sind genügend Beweis hiefür. Auch auf wissenschaftlichem Gebiete werden viele Standardwerke ins Hebräische übersetzt. Auf diesem Gebiete wäre der Junowitsch-Verlag zu erwähnen, der jetzt eine gesamte Plato-Ausgabe in hebräischer Sprache vorbereitet. In dieser Ausgabe wird auch meine Uebersetzung von Platos «Staat», die bereits im Druck ist, demnächst erscheinen. Palästina verfügt auch über ein gutes Theater, und die Aufführungen des «Ohel» könnten es mit so mancher Aufführung guter europäischer Bühnen aufnehmen. Im allgemeinen hat man bereits heute, sobald man nur für kurze Zeit das Land verläßt, das Gefühl, daß Palästina schonheutedasgeistigeZentrumdesWe 1tjudentums darstellt, und zwar ein Zentrum, das jüdischen Inhalt hat und auch um neue Formen ringt. Eine berfierkenswerte Erscheinung ist beispielsweise die Tatsache, daß ein großer Teil unserer Gymhasialjugend zur Chaluziuth strömt und es als ihr höchstes Ziel ansieht, in jüdischen Siedlungen zu arbeiten. Unsere Jugend ist positiv jüdisch eingestellt und zeigt gar keine Anzeichen, das Land jemals verlassen zu wollen. In Palästina ist auch das religiöse Leben weitaus reichhaltiger als in der Gallith. Der Oneg Schabath trägt sicherlich zur Stärkung des religiösen Gefühls in der Jugend bei. - ' In gesellschaftlicher Hinsicht vollzieht sich der Amalgamierungsprozeß der Juden verschiedener Länder, der Geist der. sogenannten «Landsmannschaften», und die dadurch oft entstandenen Differenzen lassen zusehends nach. Die Gruppierung nach Ländern hört auf. ln dieser Hinsicht hat auch der Hebräisier.ungsprozeß seinen Teil beigetragen. Der ganze Jischuw ist von einem Gefühl großer Verantwortung, des Aüsharrens und der Friedensliebe beherrscht. Alle wünschen, daß sich auch die jüdisch-arabischen Beziehungen zum Vorteile beider Völker ändern. Die in manchen zionistischen Kreisen außerhalb Palästinas vorherrschende Ansicht, als ob die revisionistische Richtung in Palästina im Wachsen begriffen sei, kann sicher als falsch bezeichnet Werden. Der Brith Schalom ist als Organisation in numerischer Hinsicht nicht stark. Wenn auch hinsichtlich der Taktik innerhalb einzelner Teile des Jischuw Meinungsverschiedenheiten vorer laut: «Ja achwan! Ja achwanl (0' Brüder! o Brüder!) Brüder wollt ihr sein? — Warum sitzet ihr dänn noch da? Steht auf! Und kommt zu uns nach Jemen . v. Kömmt in mein Hausl Und ihr werdet sehen, was die Ge’ojim getan haben! . . . Äh! Ihr wollt nicht kommen? Ah! Wo sind sie, wo sind sie, die Juden von Chajbar? ...» «Ja Jehud Chajbar, Jehud Chajbar!» fing er jetzt aus ganzem Halse zu schreien an: «Ich werde sie finden, suchen, bringen! Und sie werden kommen, kommen!» So schrie er und rannte in seinem Zelt auf und ab. Und so erfuhren wir, daß er ein Jude sei aus Jaman (Jemen), Denn damals gab er auf alle unsere Fragen, nur die eine Antwort: Jehud Chajbar. Das war sein Wahn zu jener Zeit. Du weißt, Chawage’ a Daud, daß dort im Norden, weit, weit von Nege’d, ein Bedwistamm wohnt, den man Jehud Chajbar nennt. Ja, so ist es. Wenn man von der Nordseite über jene Berge kommt, sind manchmal plötzlich zwei, drei von diesen Chajbarjuden da. Und das sind kühne Räuber; sie nehmen von jedem, der durch ihr Land zieht, eine Art Steuer, Geld oder vielleicht ein Lamm oder sonst etwas. So erzählt man bei uns. Auch Scheich Farchan hat es berichtet, der selbst ein paar von ihnen gesehen hat. Wer aber ihre Forderung abschlägt, der kommt mit seiner Reise nie zu Ende. Ohne zu wissen woher, trifft ihn die tötliche Kugel. Aber unsichtbar sind sie selbst und niemand hat sie in unseren Gegenden in größerer Zahl gesehen. Und doch sagt man, daß ihrer sehr viele wären. Ja, so erzählt man bei uns. Eines Tages nun — so erinnere ich tniGh — als Abba jachja abermals gesclirien hatte, gingen vier oder fünf von den Unsrigen, in neue Gewänder gehüllt, dife Flinte über dem Rücken und das Schwert an der Seite, in eines der entfernteren Zelte. Dort setzten sie sich hih und wir stellten, tls wären eie Gäste, Kaffee und das NargileM) vor sie. herrschen, ist die allgemeine Ansicht: Sachliche, ruhige und konsequente Aufbauarbeit, StärkungjüdischerPositione rt, jedoch ohne überflüssige P rovozierung. Die politische Lage ist ja bekanntlich noch nicht geklärt. Dessen ungeachtet hat aber der ganze Jischuw die feste Zuversicht, daß in der nächsten Zukunft geregelte politische Verhältnisse auch auf dem Gebiete der arabisch-jüdischen Wechselbeziehungen eintreten werden. Der Waad Leumi hat unter Führung des Ing. Ruthenberg an Ansehen gewönnen. In wirtschaftlicher Hinsicht hat man auch den Eindruck, daß sich die Lage, trotz der Unruhen, wesentlich gebessert Am 15. April wurde i-n Jerusalem das Wolfsohn- Haus der National- und Universitätsbibliothek auf dem Skopus im Beisein vieler repräsentativer Gäste eröffnet. Unter den Festteilnehmern waren die hohen Beamten der Regierung mit dem High Commissioner an der Spitze, die Konsuln der auswärtigen Staaten und die Führer der palästinensischen Juöenheit zu sehen. Arabische Gäste fehlten vollständig, obwohl an führende Araber Einladungen ergangen waren. Das Amphitheater am Skopus, das der Feier als Schauplatz diente, bot einen prächtigen Anblick, der teilweise an die feierliche Universitätseröffnung im Jahre 1925 erinnerte. Aeroplane, die über. dem Amphitheater während der Feier kreisten, erhöhten den festlichen Elndruok. Die Festrede hielt der Kanzler der hebräischen Universität Dr. J. L. Magnes. Er gedachte — während Adiiuntff Neu erttflnelf Erstklassige orth. *1^3 Pension Weiß laurono bei Abfoazlca Herrliche Lage Zimmer mit Balkon und Meeresaussicht Vorzügliche Küche, mäßige Preise. Bitte Prospekte zu verlangen 1 sich die ganze Fest-versammlung von den Plätzen erhob — zuerst voller Ergriffenheitdes verstorbenen Lord Balfouir, sprach dann all,denen seinen Dank aus, die zu dem. .Bau der Bibliothek, beigetragen, haben nnd feierte da« Andenken David Wolfsohns. Er teilte mit, daß, die Kosten des Baues in seiner jetzigen Gestalt und Einrichtung .48.668 Pfund Sterling betragen haben. Der Bau sei aber nicht als abgeschlossen zu betrachten. Die Bibliothek hat jetzt für rtur 300.000 Bände Raum, es ist aber eine Erweiterung des Gebäudes vorgesehen, durch die für weitere 225.000 Bände Raum geschaffen werden soll. Von den Baukosten ist der größte Teil durch die Woifsohn-Sti.ftung und einzelne Zuwendun¬ Chajbar. Und sie möchten dich' sehen und dich sprechen hören.» So sagten wir ihm_Er riß die Augen auf, selig glänzte sein Blick; und er sprang auf und rief wie ein frohes Kind: «Wo sind sie? O Zeiget sie mir!» Hastig stieß er das hervor. Wir aber führten ihn zu jenem Zelt und traten ein. «Da sind sie», sagte ich zu ihm, «die berühmten Jehud Chajbar!» — Er trat näher und verneigte sich zwei, drei Male. «Was ist dein Begehr, o Bruder?» fragte ihn der Sohn des Scheich Farchan, der wackere Hamadan, mit der Stimme eines Gebieters. «Ja Ssid, ja Ssid! (0 Herr, o Herr!) O kommt doch nach Jaman! Kommt und schaut, was die Mysslems, die Göjinis, mit uns tun. Wie sie dort schlachten und plündern, was sie mir zu Leid getan habön: Vor diesen meinen Augen haben sie meine Kinder geschlachtet, und — mein Weib — o, mit >.'.:m Schwert haben sie ihr den Kopf zerspalten — und meinen Vater, , und meine Mutter — und viele, viele von den Leuten . . .» Er weinte und sprach, als stünde er vor einem Kadi (Richter). «Kommt doch, schaut: wie Wasser strömt das Blut von Assrail . . . wie Wasser . . . Schaut nur ... ihr seht doch ...» Demütig redete er. Und so erfuhren wir denn, wie es in Wahrheit mit ihm gekommen sei, ürid wir wußten nun, daß er auch die Wahrheit sprach.. «Und dein Name?» fragte Hämadan wieder. «Ich bin Jachja ibn Schimeon Laui (Levi); ihr aber, ihr Jehud Chajbar, ihr seid Bani Mussa (Stamm Mosche), Brüder seid ihr uns . . . Helden ... und ihr werdet doch uns zu Hilfe eilen, uns, den Bani Assrail ... 0, ihr wißt nicht, daß die Bani Assrail geknechtet sind . . . geknechtet . . . und zugrunde gerichtet . . . o, ihr wisset das ja nicht . . kommt. . . erhebt euch . . . kommt in Waffen . . . und rächet das Blut von Assrail ... wir haben keine Kraft mehr * unsere Kraft ist zu Ende •». zu Ende ..«; (Aus dem Hebräischen von hat. Ueberatl merkt man Fortschritt und reges Arbeiten. Von einer Arbeitslosigkeit ist keine Redef Zum Schluß möchte ich noch bemerken, daß anläßlich einer Studentenversammlung in Jerusalem außerhalb Palästinas die Ansicht aufkam, als ob die Universität zu einem Tummelplatz politischer Kämpfe geworden ist. Es sofl festgestellt werden, daß die Nachrichten über diese Zwischenfälle stark übertrieben wurden. Im Lehrbetrieb sowie im Verkehr zwischen der Universitätsleitung und den Studenten spielen politische Ansichten gar keine Rolle. Im Gegenteil. Das letzte Semester verlief ungestört und die Studenten oblagen ihrem Studium mit großem Ernst und Fleiß. gen, wie die von Felix Warbur-g (5134 Pfund), Morris Symonds aus Sidney (5000 Pfund), David Simon aus Detroit (1000 Pfund) gedeckt worden. Die Deutsche Bank hat ein Darlehen von 4816 Pfund und Judge Julian Mack ein solches von 2053 Pf. gewährt. Insgesamt ist das Gebäude noch mit 12.000 Pf. Schulden belastet. Das Berliner Komitee der Freunde der Universität hat cs übernommen, 5000 Pfund aufzubringen. Magnes feierte die Bibliothek als Forschiungsstätte und Mittelpunkt geistiger Arbeit und gab dem Wunsche Ausdruck, sie möge die Heilige Stadt und alle Einwohner dieses altneuen Landes wohltätig beeinflussen. Die eigentliche Eröffnungsrede hielt High Commissioner Sir John Robert Chancellor, dem eine Ovation bereitet wurde. Im ersten Teil seiner Rede gedachte er Balfours und führte aus, die Ehrungen des Andenkens dieses großen Briten durch die jüdischen Gemeinschaften aller Länder der Welt habe Balfours Landsleute und Freunde tief berührt. Ihm, Chancellor, gehe Balfours Tod auch, persönlich sehr nahe, denn vor 26 Jahren habe er das Glück gehabt, in persönlicher Berührung mit diesem großen Staatsmann zu kommen, und zwar als einer seiner Sekretäre Im Committee for Imperial Defence, das Balfour als Premierminister eingerichtet hatte. Meine Anschauungen über Führung öffentlicher Angelegenheiten, sagte Chancellor, sind durch meine Berührung mit ihm dauernd beeinflußt worden. Die Begründer der hebräischen Universität haben das Ziel vor Augender jüdischen Forschung und den jüdischen Idealen, ein Heim zu bereiten, ein Heim, in dem die jüdische Kultur, eins mit den Kulturen der östlichen und westlichen Welten, sieh frei entwickeln kann. Es besteht ferner der Wunsch, die Universität zu einem Mittelpunkt gelehrter Forschung zu machen, der allen Studenten ahne Unterschied der Nationalität, des Glaubens und der Rasse offen sein soll. Diese Ziele sind jeder Anstrengung wert. Die Eröffnung der Bibliothek bezeichnet eine wichtige Station in der Entwicklung der Wirksamkeit der Hebräischen Universität. Der Ort, auf dem das Gebäude steht, ist eine der schönsten und bedeutendsten historischen Stätten, die die Welt aufzuweisen hat. Diese vornehme Stätte muß würdig ausgestaltet werden, und hier besteht eine Aufgabe für die hervorragendsten Architekten. Der High Commissioner hob billigend den Plan der für die Universität verantwortlichen Kreise hervor, ein Wohnviertel für. Studenten und Professoren auf dem Skopus zu schaffen, und gab dem Wunsche Ausdruck, daß die hohen Pläne der Begründer der Universität alle ihre Verwirklichung erfahren mögen. Zum Schluß erklärte der High Commissioner das Bibliotheksgebäude für eröffnet. Nach ihm sprach der Direktor der National-Bibliofhek, Dr. Hugo Bergmann. Er skizzierte die Geschichte der Bibliothek seit ihren Anfängen im Jahre 1892, die der Bialystoker Arzt Dr. Joseph Chasanowitsoh allein ins Leben rief, und die Schwierigkeiten ihres Werdens. Er erinnerte daran, wie eine Spende von Sir Moses Montefiore im Betrage von 5 Pfund damals in den Anfangsjahren Aufsehen erregte und stellte dem die erste große Bücherspende der amerikanischen Zionisten im Jahre 1920 entgegen. Die Bibliothek hat mehrere Aufgaben zu erfüllen. Sie ist in erster Reihe die Nationalbibliothek des jüdischen Volkes, die alle auf Juden und. Judentum bezügliche Druckschriften und Manuskripte sammelt. Sie ist ferner die Bibliothek der Hebräischen Universität und sammelt als solche Bücher aus allen Gebieten der Wissenschaft und der Kunst. Sie hat aber auch noch — und dies ist ihre dritte Mission — als palästinensische Landesbibliothek allen Schichten und Klassen der Bevölkerung ohne Unterschied der Volkszugehörigkeit und des Glaubens zu dienen. Nachdem Dr. Magnes zahlreiche Giückwunschbotschaften, u. a. vom Präsidenten der Jewi&h Agency, Dr. Welzmann, vom ägyptischen Kultus- und Erziehungsminister, von den führenden jüdischen wissenschaftlichen Institutionen und Persönlichkeiten, von der New Yorker jüdischen Aerztevereinigung und vielen Freunden der Universität in Europa und Amerika verlas, besichtigten der High Commissioner und die Ehrengäste da« BibKotbetegebäude and «eine Efefc&taogen. Daud. Ja, ganz richtig. Du bist gescheit, ChaWage’ a Das war es.» Immerfort wiederholte er diese Worte, nur zuweilen rief Dann gingen wir zu zweit in Abba Jachjas Zelt und sprachen zu ihm: «Ssalamü aleikum, ja Jachja! Willst du, so komm mit uns! Nicht weit von dir sitzen Männer von den Jehud Einweihung des Hauses der jüdischen Nationalbibliothek auf dem Skopus Das Wolfson-Haus eröffnet. — Reden von Magnes, Chancellor u« Dr. Bergmann *•) Wasserpfeife.