Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 123 (24.4.1930)
- Date
- 1930-04-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE STIMME Nr. 123 Ifldlsdicr noflisdinlaussdiuB t Donnerstag, den 24. April d. J.. 8 Uhr abends Kaffee Arkaden (Souterrain) I., Universitätsstraße Referent Dr. Leo Goldhammer Kollegen erscheinet zahlreich! Gäste willkommen! •■Die || malerlallsflsdie eesdUdifsanliassong sm und der Klassenkampl im Zionismus In Palästina geht es vorwärts Ein Gespräch mit dem Dozenten der Hebräischen Universität in Jerusalem, Dr. Zwi Diesendruck lassen sich durch Seßhaftigmacluing von jüdischen Arbeitern und andererseits durch dichte Besiedlung der neugekauften großen Orangenbodenflächen noch Tausende von Juden ansiedeln. Ein Plan zur Kolonisierung von tausend Arbeiterfamilien in dieser Zone wurde von der Londoner Sitzung genehmigt. Wenn wir die möglichen Landkäufe (Regierungsböden im Beisan, Pflanzungsgebiet, Hule, Emek, Negeb usw.) und die Intensivierung auf bewässertem Boden bei Juden und Arabern in Anschlag bringen, so verstehen wir, daß Ruppin in der Londoner Sitzung davon sprach, daß in den nächsten 10 Jahren 50.000 jüdische Far miüen, d. s- 250.000 Seelen — ungefähr die Hälfte der heutigen arabischen landwirtschaftlichen Bevölkerung — neu angesiedelt werden könnten. Das sei nur eine Geldfrage und erfordere 1 lA Millionen Pfund per Jahr durch 10 Jahre. Wenn diese Rechnung auch ökonomisch richtig sein mag, so haben sich die politischen Verhältnisse so zugespitzt, daß wir, um diesen großen Plan durchführen zu können, in der Besiedlungspolitik vom bloßen Rechtsstandpunkt — wonach die Pächter durch Landzuweisung oder Geld entschädigt werden — zu einer positiven Haltung gegenüber der arabischen Landwirtschaft übergehen müssen. Gewiß, unsere Kolonisation hat schon bisher dem Fellachen bedeutenden Nutzen gebracht, aber quasi nur als Nebenprodukt. Wir sind nicht nach Palästina gegangen, um die Fellachen zu heben. Fortan aber müssen wir unser Interesse an ihrer Hebung direkt bekunden, und dieses ist sehr groß: nur durch Erhöhung der Konsumkraft der Massen und ihren Uebergang zu intensiver Kultur kann die jüdische Kolonisation sich mächtig ausdehnen. Wir müssen nach einer Kooperation streben, wie sie in der jüngsten Gründung einer ersten jüdisch-arabischen Landwirtegesellschaft im Gebiet von Samaria schon ein Vorbild gefunden hat. Auf diesem Weg wird auch eine politische Entspannung zu erreichen sein. Eine Solitarität der Interessen ist bei der landwirtschaftlichen Arbeit überall in der Welt vorhanden, es ist in Palästina nicht anders und deshalb können sich beide Völker auf dieser Basis leicht verständigen. Auf alle Fälle widersprechen die skeptischen Bemerkungen des Shawberichtes über verfügbaren -Böden- und Möglichkeiten weiterer jüdischer Ansiedlung völlig den Tatsachen. Sie werden daher durch die Zionistische Exekutive leicht widerlegt werden und daher keine schädliche Wirkung auf unsere fernere Kolonisationsarbeit ausüben können. Gründung einer neuen Kolonie Jerusalem, In Naama, in der. Nähe von Bechoboth, wurde eine neue jüdische Kolonie mit einer Bodenfläche von 1200 Dunam aus den Mitteln der amerikanisch-jüdischen Gesellschaft für die Entwicklung Palästinas begründet, Die Arbeiten in dieser Kolonie wurden bereits aufgenommen. Der bekannte jüdische Gelehrte und Schriftsteller Doktor Zwi Diesendruck, der seit zwei Jahren an der Hebräischen Universität in Jerusalem jüdische Philosophie liest, weilt in Familienangelegenheiten in Wien zu kurzem Aufenthalt. Ein Mitarbeiter unseres Blattes hatte Gelegenheit, mit Dozent Dr. Diesendruck ein längeres Gespräch über die gegenwärtige Lage in Palästina zu führen, aus dem wir nachstehendes bringen: Es ist klar, daß mich vor allem die Hebräische Universität interessiert. Ich möchte daher ihren Lesern einige Details aus dem Lehr- und Lernbetrieb unserer ersten Hochschule in Palästina mitteilen. Die Universität gliedert sich nach Instituten, die mit der Zeit im Rahmen von Fakultäten aus- ■ gebaut werden sollen.. Fast vollständig ist bereits die - humanistische Fakultät, die der philosophischen einer europäischen Universität gleichkommt. In dieser Fakultät ist das : judaistische Institut das stärkste und zählt 11 Dozenten, die BÜCHERSTUBE M. RATH Buchhandlung» Antiquariat, Leihbibliothek Wien, II., Taborstraße 20 a, Tel. R-43-1-58 M. RATH’S Moderne Leihbibliothek bietet Ihnen eine reiche Auswahl von Büchern aller Art, insbesondere von Neuerscheinungen im Original,' bzw. geschmackvollen Bibliothekseinband. Außer den deutschen Büchern. auch englische, h e b r ä i.s c he,, j i d d i» e h e u. De utseh-Judaiea in reicher Auswahl. Täglicher Umtausch Den ganzen. Tag;vo&. $ bis 6 . Uhr geöffnet , Monatsgebühr MIPS 3«— Keine. Bandgebühr über Talmud, hebräische Literaturgeschichte, PaJästiriakunde, jüdische Philosophie lesen. Nebst diesen jüdischen haben wir bereits Lehrkanzeln für allgemeine Philosophie, Soziologie und klassische Philologie. Im Sommersemester werden auch Vorlesungen über jüdische Geschichte aufgenommen. Eine große Entwicklung hat bereits das orientalistische Institut unter Leitung des Prof; Horowdtz, in dem vier Dozenten Vorlesungen halten, genommen. Nicht unerwähnt soll bleiben, daß auch die übrigen Institute (mathematisches, chemisches, hygienisches, mikrobiologisches, botanisches) einen größeren Kreis von Hörern zählen, die nebst ihrer Ausbildung auch in wissenschaftlicher Hinsicht geschult werden. Die Universität wird von 200 Hörem besucht, die vielleicht ein einzigartiges Hörermaterial darstellen, wie es keine andere Universität besitzt. Der größte Teil der Hörer steht im Berufe und so mancher leistet schwere physische Arbeit. Sie sind von einem hohen Idealismus und überaus großer Wißbegierde beherrscht, die sie zu ernstem Studium aneifert. Sämtliche Dozenten halten nebst ihren Vorlesungen Seminare ab, in denen ernste wissenschaftliche .Arbeit geleistet wird. Im Herbst dieses Jahres werden die ersten Schlußprüfungen, zunächst aus den Nebenfächern, sodann aus den Hauptfächern stattfinden und den Absolventen wird dann voraussichtlich ein derif' «Measter* der englischen Universitäten gleichwertiger Titel verliehen werden. Natürlich sind die Professoren der Universität nebst, ihrer Lehrtätigkeit auch wissenschaftlich rege tätig, und die vom. Prof. Epstein herausgegebene Zeitschrift «Tarbiz», die mit ihren ersten zwei Heften in der wissenschaftlichen Welt großen Anklang gefunden hat, legt hiefiir beredtes. Zeugnis ab. Auch der neugegründete Univcrsitätsverlag sammelt um sich Wissenschafter und ermöglicht ihnen die Herausgabe ihrer Arbeiten. Ich erwähne nur den «Ozar Hageonjm», von dem vor kurzem der zweite Band erschienen ist. Im Drucke befindet sich auch die «Tossefta Konkordanz» vom Verfasser der bekannten Mischnah-Konkordanz, auch eine Talmud* Bäbli-Konkordanz wird im Manuskript fertig und wird ebenfalls vom Universitätsverlag herausgegeben werden. Außerdem wird eine ganze Reihe wissenschaftlicher Arbeiten auf dem Gebiete der hebräischen Philologie, Literaturgeschichte und Botanik aus der Feder der Mitglieder des Lehrkörpers für den Druck vorbereitet. Im allgemeinen muß erwähnt werden, daß die Hebräische Universität heute im geistigen Leben Palästinas bereits eilte dominierende ■ Stellung einninimt. Eine wichtige Aufgabe erwächst jetzt der Universität in der Üeberwachurig der Lehrpläne der Mittelschulen; und. in der Durchführung; der Reifeprüfungen, .Die .diesbezüglichen langwierigen Verhandlungen mit der Regierung und deq- Mittdschtilen sind so gut wie abgeschlossen. Wie denn überhaupt das ganze jüdische geistige Leben in Erez Israel trotz der Unruhen sehr rege ist. Es herrscht eine gewisse Abgeklärtheit und Konzerttriertheit, die für die Entwicklung unseres Kulturlebens in Palästina sicherlich nur von Vorteil sein kann. Das literarische Leben konzentriert sich hauptsächlich in Tel-Aviv unter Bialiks Führung. Bialik ist die zentrale Persönlichkeit des geistigen Palästina. Der von ihm geleitete Verlag «Dwir» leistet vornehme literarisch-wissenschaftliche Arbeit. Die Neuausgabe der Standardwerke unserer alten Literatur sowie, die Herausgabe literarischer Originalarbeiten sichern dem Verlag den Ruf eines ernsten und schaffenden Unternehmens. Wenn auch in Palästina heute kaum 170.000 Abba Jachja. Aus der Erzählung eines Beduinen. Von J. Burla.*) v Den Morgen umspannte ein heiterer Himmel. Ein leichter, schmeichelnder Wind wehte, als ich das Zelt verließ. Da sah ich am Fuße des gegenüberliegenden Berges eine dunkle, in sich zusammengekauerte Gestalt. Ich schritt auf sie zu und fand einen jungen Mann, dem das Haupt zur Brust gesunken war. Beinahe ohne Leben schien er, kaum schlug ihm noch das Herz. Ich schüttelte ihn, ich rief ihn an: er gab keine Antwort. Ich richtete ihn auf, ein Kamerad brachte Kamelmilch herbei und ich goß sie dem Fremden in den Mund. Ich zerrte ihn am Ohr; wir schütteten ihm etwas Wasser über den Kopf: da begann er langsam die’ Augen zu öffnen. Und bald darauf trank er mit Gier von der Milch; er war . offenbar tagelang ohne jede Nahrung gewesen. Endlich konnte ich ihn zu unseren Zelten bringen. Und alle kamen sie herbei, um ihn zu sehen. Als wir ihn betteten, schlug er ein wenig seine Augen auf. Aber er blieb stumm. Im Zelt-bemühte man sich um ihn. Dabei verbrühte ihn Scheich Zeidan, ein großer «Schater» (Gelehrter) der Heilkunde, einigemal am Nacken und an den Schläfen. Am Abend — so erinnere ich mich — saß der Fremde, die Augen weit geöffnet, und starrte um sich. Mit Augen, behüt mich Gott, so auf gerissen, als ob sie aus ihren Höhlen' wollten. Er sprach kein Wort. Als wir ihn rüttelten und um seinen Namen fragten, sah er uns auf diese Frage hin eine Weile ins Gesicht, seufzte tief auf, regte sich ein wenig r-; und wandte sich ab. Scheich Zeidan sagte: Der ist vpn bösen Geistern besessen, laßt ihn schlafen und gebt ihm zu; essen. Kaffee soll er trinken, gebt ihm viel Kaffee und — *) Jehuda Burla, ein palästinensischer Sephärdi, ist heute unstreitig der beste Erzähler in der modernen, hebräischen Literatur. Die vorliegende Episode ist seiner Erzählung «B'Ii hochaw» entnommen, die 1927 im Jugendverlage «Kunpath hassefer» in Tel-Aviv erschienen ii t. niemand darf ihn anreden, beileibe nicht anreden! Von selbst wird er zu sprechen beginnen, ihr werdet sehen, von selbst wird er zu sprechen beginnen. — Und wir gehorchten. Ich kehrte zu meinen Kamelherden zurück. Als .ich nach einigen Tagen wieder zu unseren Zelten kapi, fragte ich gleich nach dem Befinden des Mannes. Und man sagte mir, daß er sich etwas besser befände. Nur manchmal, da schrie er mit furchtbare Stimme unverständliche Wörter. So war es mit ihm. An einem Freitag — ich erinnere mich wohl — da gingen wir alle in das Zelt, das man ihm, eingeräumt hatte. Wir.waren viele: Scheich Farchan, Scheich Zeidan und wir Burschen. Mit Ruhe und Schonung fragte man ihn nach seinem Namen. Er aber blickte den Redenden an, soi als ob er überlege, sah dann wieder zu Boden und schwieg. Jetzt zog Scheich Farchan wütend sein Schwert, um ihm Furcht einzujagen; da begann er laut aufzuschreiep: «La ilah ila Allah w’ßaidna Muhammed raßul Allah!» (Es ist kein Gott als der Ewige, und unser Herr Muhammad i§t des Ewigen Künder!) Wieder und wieder schrie er es, bis er jählings verstummte. «Wie heißt du?» fuhr ihn der Scheich an. , «Muhammad . . . Muhammad bin ich . . . Muhammad . . . wahrhaftig . . . wahrhaftig . .■.» antwortete er mit weinerlicher Stimme. Und als ihn die Burschen weiter fragten, schrie er plötzlich auf: «Essma Assraill Essma Assrail!» Unaufhörlich rief und wiederholte er das. Und redete noch so manches in seiner Sprache . . . Wir dachten:, ein Unglücklicher, ein Narr. Und ließen ihn allein. . Kurz darnach kam ich mit dem Sohn des Scheich Farchan zufällig frühmorgens einmal an sein’Zelt. Als wir eintraten, wollte er, wie es so seine Art wpr, sich verstecken. Der Sohn des Scheich aber sprach ihn ari: «Fürchte dich nicht, ich bin dein Freund. Ich kam, dir zu helfen. Ich bin wahrhaftig dein Freund. Wie heißt du nun?» Da richtete sich der Fremde ganz auf — er schien kein Verrückter mehr — und streckte dem Jungen seine Hand entgegen: «Ahlan ussahlan umarchaba! (Willkommen)», redete, er. «Bitte setz dichl Bitte, setze dich gefälligst!» Höflich und gesittet sprach jetzt der Verrückte. Der Scheichsohn fragte: «Wie heißest du also?» Und er antwortet: «Jachja bin ich, dein Freund Jachja. Wer denn? Hast du denn deinen Freund Jachja vergessen* Ist das möglich? Schon nach einer Reise von zwölf Monaten? Meinen Namen hast du vergessen? Das ist nicht schön von dir, Scheich Ssaid.V So redete er zu ihm, wie zu einem Be» kannten.. Da trat, durch die Stimmen im Zelte angelockt, eines von unseren Mädchen ein und er brach ab und schwieg. Der Junge bat ihn: «Sprich doch weiter, mein Freund Jachjar» Er aber war hartnäckig stumm. Der andere fragte'wieder: «Bist du denn nicht mein Freund Jachja?» «Nein . . ., nein . . .. nein . . .»„ fing er da wie ein verschrecktes Kind zu weinen an — «ich bin Muhammad... Muhammad,. ..." wahrhaftig, Muhammad . i .. la ilah ila Allah.» Und sein endloses Jammern erklang wieder. So war es immer in der ersten Zeit. Nach einigen Monaten, soviel ich mich erinnern kann, begann er zu sprechen, ganz allein, in seinem Zelt. Den ganzen Tag, vom Morgen bis zum Abend, konnte man seine Stimme hören. Er sprach wohl wie ein Mensch; wir aber verstanden ihn njeht. Nur manchmal noch hob er sein furchtbares jammern an. In jenen Tagen sprach und schrie er immer nur ein und dasselbe. Und wir hörten immer , pur die gleichen Worte. Ich erinnere mich daran, als ob er es jetzt spräche: «Jehud Chaibar» upd «Ge‘ojim» — wie mir Abba*) Jachja nach Jahren erklärte, bedeutet das Wort «Ge’ojim» in der Judensprache: Mysslems — und. noch ein Wort war, das er ununterbrochen aussprach, und das bedeutete Verachtung, Erniedrigung, Knechtschaft — das aber habe ich vergessen ... .; ' «Vielleicht: Ge’alüth?» * Mit Abba (Vater) werden bei den Arabern ältere Personen angesprochen