Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 122 (17.4.1930)
- Date
- 1930-04-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 MBJBl Nr, 122 □uden! Bedenket beim Thocaaufruf des Erlösers des jüdischen Bodens — des Keren Kajemeth „Unheilige Erinnerungen an das Heilige Land". Der Präsident der Zionistischen Weltorganisation, Professor Weizmann, hat vor einiger Zeit (in einer Rede vor der Centeral Asian Society in London) das bezeichnende Wort geprägt, daß in letzter Zeit so viel über Palästina geschrieben worden sei, daß man es bequem mit einem Zeitungsartikel überdecken könnte. Tatsächlich ist der schmale Landstrich im östlichen Mittelmecr, wie kein zweiter Fleck der Erde vielleicht, in den Mittelpunkt des Weltinteresses gerückt, denn hier stoßen religiöse Gefühle und politische Ambitionen vieler Nationen aufeinander. Von jüdischer Seite ist naturgemäß die wache Aufmerksamkeit für alle Vorgänge in Palästina in besonderem Maße gesteigert, da ja in diesem Lande die jüdische Schicksalsfrage entschieden wird. Was für andere Völker Annex, Teilproblem ist, ist für die Juden zur Alternative «Sein oder Nichtsein» geworden. Es ist daher nicht Wunder zu nehmen, daß die rege jüdische Interessenahme für alle Vorgänge in Palästina sich in einer reichen Palästina-Literatur niedergeschlagen hat. Dieser Tage erschien in London ein Buch, das wir als das Palästinabuch der letzten Jahre ansprechen können. Horace B. Samuel, der neben Harry Sacher der bekannteste Rechtsanwalt Palästinas war, gibt seine Erinnerungen über die Jahre 1920 bis 1928, die er in Palästina verbrachte, unter dem Titel «Unholy Memories of the Holy Land» («Unheilige Erinnerungen an das heilige Land»*) heraus. Ein geradezu aufregendes Buch, denn hinter jeder Zeile steht die unerbittliche Wahrheit des Lebens, die in ihrer eindringlichen Klarheit von keinen Theoremen und Idealismus verdunkelt wird. Samuel hatte in seinem Beruf als Richter (von 1918—1920) und dann als gesuchter Rechtsanwalt (von 1920—1928) wie wenige Juden in Palästina Gelegenheit, mit allen Schichten und Gruppen der palästinensischen Bevölkerung in enge Berührung zu kommen, so daß die Summe seiner Beobachtungen, die sich auf alle Erscheinungen und Gestaltungen des palästinensischen Lebenserstrecken, die erste praktische Soziologie Palästinas darstellt Samuel kommt mit Col. Pattersons Regiment im Jahre 1918 nach Palästina und tritt nach Kriegsende als Richter in den palästinensischen Staatsdienst ein. Schon während der Periode der Besatzungsarmee machen die englischen Militärs und hohen Beamten aus ihrer altjüdischen Gesinnung kein Hehl. Diese geht so weit, daß Samuel seinen Richterposten wegen eines «zionistischen Vergehens» verlassen muß; er hatte es nämlich gewagt, die Regierung antizionistischen Vorgehens zu zeihen. Daß englische Antisemiten sich würdig an die Seite ihrer mitteleuropäischen «Gesinungsfreunde» stellen können, zeigt folgende Episode: Während einer Verhandlung der Untersuchungskommission im Jahre 1920 (nach den Unruhen in Jerusalem) tritt Scott, ein hoher englischer Justizbeamter, in den Vorsaal und wendet sich mit folgenden Worten an die Menge, unter der sich auch Juden befinden: «Machen Sie nicht so viel Lärm — das ist keine Synagoge.» Daß er daraufhin von seinem Posten zurücktreten mußte, bietet nur geringen Trost, da ja das Bedauerliche bestehen bleibt, daß solche Beamte überhaupt nach Palästina geschickt wurden. Daß.dies nicht ein Einzelfall ist, beweist die Geschichte eines berühmten amerikanischen Archäologen, der wegen seiner judenfreundlichen Gesinnung von den britischen Beamten konstant «geschnitten» wurde. Dies zeigt uns von Neuem, daß in Palästina das arabisch-jüdische Verhältnis in seiner Schwere hinter den Beziehungen der Juden zu den Engländern zurücktritt, wie ja überhaupt die Engländer den Schlüssel zu einem dauernden Frieden zwischen Juden und Araber in der Hand haben. Wenn die Engländer unparteiisch und objektiv ihres Amtes walteten, wäre das arabisch-jüdische Problem mit einem Schlage aus der Welt geschafft. Solange sic aber fortfahren (wie es vor der Untersuchungskommission vor einigen Monaten der Fall war) mit den Arabern gegen die Juden gemeinsame Front zu machen, hat eine arabisch-jüdische Verständigung keine großen Chancen. Das war auch der Hauptfehler Sir Herbert Samuels, daß er nicht energisch gegen arabische Uebergriffe auftrat, sondern immer durch Zugeständnisse die Araber «besänftigen» wollte. Horace B. Samuel, der ein Verwandter Sir Herbert Samuels ist und mit ihm in Palästina wahrscheinlich enge Beziehungen unterhalten hat, berichtet aus eigener Anschauung: «Sooft eine Frage betreffs arabischer und jüdischer Forderungen auftauchto (und es *) Erschienen im Verlag Hogarth Preß, London, 1930. ■ . 1 " . ■ 1 ■ ' ~ VILLA SEVIGNE, Lausanne, Schweiz Israelitisches MHdchen-PensIonat Erstklassige Referenzen Prospekte durch die Vorsteherinnen: Mmes. M. und B. BLOCH war unvermeidlich, daß solche Fragen jeden Augenblick und bei jeder Angelegenheit auftraten), gab der High Commissionar den Arabern in allem, aber jedenfalls in den meisten Punkten, ihren Forderungen nach.» Daß Sir Herbert Samuel sogar so weit ging, das politische Sekretariat mit dem erklärten Antizionisten E. T. Richmond zu besetzen, war ein nicht geringer Schlag für die Optimisten, die mit dem jüdischen Oberkommissär ein neues Zeitalter hefannahen sahen. Psychologisch tbag man das Verhalten Samuels begründen, daß er in seiner Sucht, die Juden nicht allzusehr zu begünstigen, in das gerade Gegenteil verfiel, und so dauernden Schaden anrichtete. Denn wenn auch sein Nachfolger, Lord Plumer, sich von arabischen Intriganten und dem Großniufti nicht terrorisieren ließ und möglichst sachlich und unerschrocken sein Amt durchführen wollte, so war doch der unter Sir Herbert Samuel stabilisierte antizionistische Kurs der Verwaltung bereits zu stark geworden. Die Weisungen des Colonial Office in London zerschellten an der zionistenfeindlichen Gesinnung der Administration in Palästina. Die Unruhen im August 1929 sind für den tiefer blickenden Beobachter des Regimes Lukes nicht überraschend gekommen, wenn auch die hohen Beamten nachher so .getan haben, als ob sie von nichts geahnt hätten, obwohl sie von jüdischer Seite gewarnt worden waren. Nochmals sei betont, daß dem anglo-jüdjschen Problem endlich in zionistischen Kreisen dieselbe Aufmerksamkeit geschenkt werde, wie dem in seiner Bedeutung oft maßlos gesteigerten jüdisch-arabischen Verhältnis. Wenn es den politisch verantwortlichen' Leitern der zionistischen Bewegung gelingen wird, bei der englischen Regierung zu erwirken, daß nach Palästina nur Beamte geschickt werden, die ihre Aufgabe, im G.eiste des Mandates durchzuführen gedenken, so. wird -viele Nervenkraft und Fachärztliche Behandlung von Haut- und Geschlechtskrankheiten Physikalische Theräpifc, ärztliche Kosmetik. Heilanstalt Sol-Ra, I.,.Kärt)tnersträ£e 10, Eingang Seitengasse. Tel. R 27-1-88, r. r. r. . materielles Gut für bessere Zwecke als •aufreizende Proteste und ermüdende Kleinkriege ..verwendet werdenkönnen. Kulturgeschichtlich sind uns die, Erinnerungen Samuels von besonderem Interesse, weil sie uns (zum ersten Male vielleicht) tiefen Einblick in den . palästinensischen Alltag vermitteln. Als Rechtsanwalt hatte er vor allem Gelegenheit, die Justiz des Landes ejngehend zu studieren. Was da. an Korruption herauskommt, jst auch, für den an rechtbeugenden Richtern gewohnten Mitteleuropäer haarsträubend. Nicht das Recht entscheidet, sondern Macht und Einfluß, ja, «es gilt sogar als ernste Verletzung der lokalen Sitte, wenn der Arme gegen den Reichen, der Schwache gegen den Mächtigen Recht behält.» (!)-Daß die Regierung noch heute vergebens gegen-diese Korruption der (arabischen, die englischen sind natürlich vollkommen integer) Richter ankämpft, zeigt ein Ausspruch eines hohen Justizbeamten Samuel gegenüber: «Die Korruption wuchert üppig; rechts und links nimmt man bestechungsgelder; X wird zu mir kommen und mir erzählen, wievipl «Y «verdient» hat, und Y wird sich über die Summe beschweren, die X eingesteckt hat.» Daß auch das Rechtsermittlungsverfahren durch alte Vorschriften in einer zeitgemäßen Entwicklung gehemmt ist, trägt nicht weniger zur Erschütterung des Vertrauens in die Justiz bei. Trotzdem der britische Richter überall die letzte Kontrolle ausübt, kann er doch nicht immer der Willkür untergeordneter Organe zuvorkommen. Obwohl Samuel nicht aktiv an den politischen Vorgängen in Palästina teilnahm, verdanken wir ihm dennoch, oder gerade deshalb, eine Fülle treffender Beobachtungen. Er bedauert es vor allem, daß das ganze Land in zu hohem Maße politisiert ist, daß die Juden nicht geeint dastünden, sondern in Parteien, Gruppen und Grüppchen gespalten sind. Als Engländer sieht er mit seinem unbestechlichen common sense sehr scharf die Auswüchse im jüdischen politischen Leben: die konstruktive Arbeit wird oft und oft durch schädliche Justamentstandpunkte aufgehalten. Samuel läßt auch die hervorstechenden jüdischen. und arabischen Persönlichkeiten des Lebens in Palästina an uns vorbeiziehen. Mit wenigen Worten charakterisiert er in meisterhafter Art die führenden Menschen. Wir erfahren z. B,, daß unter den Arabern der jetzige Bürgermeister von Jerusalem, Rhagib Bey Nashashibi, bei den Engländern gerade wegen seines gesellschaftlichen Auftretens und dank seiner mondänen christlichen Gattin viel Einfluß gewonnen habe. Obwohl die Zeit noch fern liegt, wo palästinensische Politik in den Boudoirs von ftablus oder Tel-Aviv gemacht werden wird, ist es doch zweifellos, daß gesellschaftliche Momente schon heute in Palästina eine gewisse Rolle spielen. Hinter Horace B. Samuels Erinnerungen steht schattenhaft, aber dennoch deutlich erkennbar, die Schuld Englands, die als Mandatarmacht die Durchführung des Mandates durchaus nicht gefördert und beschleunigt, sondern eher aufgehalten hat. Aber auch an den Juden liegt es, sich endlich mehr mit Wirtschaftsals mit Fragen der Politik abzugeben. Gerade dem Engländer kann man nur mit der realen Leistung imponieren und nicht mit politischen Beteuerungen. Da unsere ökonomische Position in Palästina, die Samuel durch die eine Masseneihwanderurtg ermöglichende Industrialisierung des Landes gestärkt sehen will, unsere politische Geltung bedingt, ist es die Pflicht jedes Juden, in erster Linie das wirtschaftliche Aufbauwerk Palästinas mit allen Kräften zu unterstützen. Wilhelm Ebenstein. Anfragen über die Person und die Position des Groß-* mufti London, 10. April. (J. T. A.) Das konservative Unterhausmitglied Captain Cazalet fragte, ob der Großmufti von Jerusalem, der von der Palästina-Administration ein Gehalt von 600 Pfund bekommt, Beamter der Administration sei und ihrer Kontrolle unterstehe. Dr. Shiels erwiderte: Als Präsident des Moslem Council ist Haj Amin Effendi el Husseini Beamter der Palästina-Administration. Howard Bury fragte, ob es nicht richtiger sei, zu sagen, daß der Großmufti sein Gehalt von den moslemitischen Gerichten erhält und daß die Palästinaregierung nur Mittler ist. Dr. Shiels erwiderte: Der Oberste moslemitische Rat hat zwei Funktionen, eine richterliche und eine religiöse; die Zahlungen an den Größmufti er folgen auf Grund seiner richterlichen Funktion. Commander Kenworthy fragte unter Gelächter der Deputierten: Ist dies nicht der Gentleman, der . gegen die Regierung Propaganda betreibt: und gehört dies zu seihen religiösen Pflichten? Captain Cazalet stellte fest, daß die Gehälter an die Mitglieder des moslemitischen Rates und der Sharia-Gerichte in Palästina vom Schatzamt der Palästinaregierung gezahlt werden. Marjoribanks (kons.) frigte, ob die Regierung bereits eine Aktion im Zusammenhang mit dem Brief des Jerusalemer Mufti an den Präsidenten des moslemätisclien Rates in Beirut, in welchem der Mufti die syrischen Moslemiten zum Widerstand gegen die französischen Behörden auffordert, unternommen habe. Dr. Shiels erwiderte, die Angelegenheit sei vom High Commissiancr behandelt worden, der Staatssekretär für die Kolonien rbeab" sichtige nicht, sich mit ihr weiter zu befassen. Auf eine Frage Marjoribanks erwiderte Außenminister Henderson, die französische Regierung habe sich bisher über den Brief des Großmufti nicht beschwert. Colonel Howard Bury versuchte den Mufti in Schutz zu nehmen, Commander Kenworthy erklärte, er könne es nicht verstehen, warum die Regierung es duldet, daß ein Würdenträger, der vom Staate Geld empfängt, sich mit illegalen Tätigkeiten Gefaßt. Die Klagemauer-Kommission noch nicht gebildet London. (J. T. A.) Im Unterhaus fragte der liberale Deputierte Mander, ob die Regierung bereits die drei Personen für die Bildung der Klagemauer-Kommission zur Prüfung und Entscheidung betreffend die jüdischen und moslemitischen Rechte und Ansprüche an der Klagemauer nominiert habe und ob der Völkerbundsrat diese Nominierungen bereits gebilligt hat. Der Unterstaatssekretär für die Kolonien Dr. Shiels erwiderte: Die Namen der Mitglieder der Klagemauer-Kommission sind noch nicht definitiv festgesetzt, aber es werden Schritte unternommen, um die Nominierungen schnellstens vornehmen zu können. Eine arabische Propagandazeitschrift in Gent Genf, 10. April. (J. T. A.) In Genf begann unter dem Titel «La Nation Aräbe» eine politische, literarische und sozialwirtschaftliche Monatsschrift als das Organ der syrischpalästinensischen Delegation beim Völkerbund zu erscheinen. Die erste Nummer enthält einen Aufsatz «Le Sionisme. Vers l’abirne», in,welchem der Zionismus und die Balfour-Deklaration unter der Devise «Palästina ist ein arabisches Land und w.ird arabisch bleiben», bekämpft werden. Unruhe unter jüdischen Arbeitern im Orangengebiet , Jerusalem, 10. April. (J. T. A.) In der Kolonie Kfar Saba kam es zu einem Zusammenstoß zwischen Kolonisten und jüdischen Arbeitern, die der Arbeiterföderation Histadrutli angehören, als die Histadrutb-Mitglieder 'versuchter», eine Gruppe von 25 Mitgliedern der revisionistischen Organisation Brith Trumpeldor zur Niederlegung der Arbeit in der Kolonie zu zwingen, weil sie nicht durch den gewerkschaftlichen Arbeitsnachweis der Histadrnth der Kolönie als Arbeiter zugewiesen worden sind, ja, sieb nicht einmal beim Arbeitsnachweis haben registrieren lassen. Nach diesem Zusammenstoß wurden die Histadrutb-Mitglieder aus der Orangenpläntage, in der die Brith Trumpeldor- Mitglicder beschäftigt sind,, zurückgezogen. Polizei mußte herbeigeholt werden, uni die Ordnung wiederherzustellen. Paläfttina-Mazzottl HDD; StP Weine aus Risohon le Zion WÜRSTEL-BIEL I., SCHOTTENRING 14 I., FÜHRICHGASSE 3