Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 121 (10.4.1930)
- Date
- 1930-04-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 121 DIE STIMME Seite 11 Vor 25 Jahren Erinnerungen von Z. F. Finkeistein Ais frühreife Kinder verließen wir den Che-der und schicksalsschwer würgte uns das Minderwertigkeitsgefühl polnischer Juden jungen. Wir waren jung — doch drang kein Sonnenstrahl des Frohsinns in unsere grüblerischen Dämmerseelen. Der Sinn des Judentums: Auserwähltheit, nationale Wiedergeburt, allzu brennend dtinkten uns diese Probleme als daß wir noch an den eitlen Tand jugendlichen Uebermuts denken konnten. Wie Gezeichnete schlossen wir uns zusammen und dieweil das Joch der polnischen Schulen uns zu Tode bedrückte, weitete sich unsere Seele ins Unendliche unter den aufgehenden Strahlen der jüdischen Renaissancebewegung. Draußen in der großen Welt, da waren wir nur unansehnliche Judeüiungen, die man in graue Monturen polnischer feymnasiasten eingezwängt hatte, aber bei uns, in unserer Welt, da waren wir Auserwählte, die sich gegen ein Chaos von Unverständnis der Aelteren und kriechendem Renegatentum einer ganzen Generation aufzubäumen begannen. Kinder waren wir, doch machte uns die Not der Stunde zu Helden. Die polnischen Lehrer haßten uns, mit einer wahren Blutgier und wir sogen mit einem verbissenen Groll in uns die polnische Kultur ein — die Juden verstanden uns nicht und stempelten uns zu Narren. Helden oder Narren waren wir — und zwischen diesen zwei Polen zerrannen unsere Jugendjahre... Waren wir wirklich je jung? In der Morgenröte des zionistischen Ideals gab es bei uns keinen Widerspruch zwischen Leben und Traum. Der Zionismus war uns blutwarmes Leben und Traum zugleich. Was uns des Lebens Mühsal und Pein versagte, das spönnen wir weiter in schwärmerischer Ekstatik kindlicher Seelen. _ Wir standen nicht mehr an der Schwelle des „Beth-Ha-Midraseh“ wie die Generation um Bialik und tasteten erst auf dem Wege zur neuen Kultur. „Hoj, hoj, amar Rabbi!“ sauste uns stets in den Ohren wie ein Fluch des Sklavenvolkes und mit dem Herzblut verlorener Jugend erkauften wir den Weg zum Volke... * „Hasch'acKar“ hieß die Vereinigung der Studenten in Lemberg, der unser ganzes Tun und Denken gehörte. Wir wanderten von einem Lokal ins andere, bis es uns gelang, ein Heim, ein eigenes Heim aufzuschlagen. Es war in einem Hotel „zum Bären“ am Goluchowskiplatz, wo wir am Dachboden ein kleines Kämmerlein mieteten. Da wurden wir mit einemmal zu Königen, die ein eigenes Reich gründeten. Die Wände wurden mit allerlei Zeitungsausschnitten überklebt, einige Stühle und Bänke wurden herbeigeschafft, eine blau - weiße Schärpe an der Front, ein Porträt Herzls obenan — und in diesem Raum verlebten wir unsere erhabensten und weihevollsten Stunden. Am Vormittag drückte man die Schulbank, nachmittags rannte man von einer Lektion zur anderen, um im Sinne unserer Selbständigkeitstheorien den Eltern nicht zur Last zu fallen und am Abend, ach, am Abend schlich man einzeln, damit es, Gott behüte, kein Spion der Polizei entdeckt, durch die schmalen Treppen zum Dachboden. Da gab es gemeinsame Lektüre, hebräische und historische Kurse, da diskutierte man unermüdlich, schrieb Zirkulare an alle studentischen Zirkel in anderen Städten, schmiedete Pläne für die zionistische Arbeit, zog neue Kreise heran und bearbeitete die alten. Und wie komisch es beinahe klingt — es gab bereits ausgeprägte Individualitäten, um die sich die übrigen wie um Halbgötter scharten. Einer war es vor allem, der, um einiges älter als die übrigen, wie ein leibhafter Philosoph alles durch Grübelei und Spitzfindigkeiten erklärte. Wie ein wahrer Diogenes hielt er nichts von Aeußerlichkeiten des Lebens, trug mit Vorliebe eine arg durchlöcherte Studentenbluse und blieb mit Gleichmut, als wenn es ihn nichts anginge, zwei Jahre in jeder Klasse stecken. Mit einem ewigen Spötteln auf den Lippen wirkte er befruchtend und anregend, da man hinter dem Spötteln NEUES JÜDISCHES THEATER, II., PRATERSTR. 60. _(Leitung Friedes.)_ Ab 13. April Gastspiel des berühmten Schauspielers und Sängers LEOPOLD JUNGWIRTH der Jannings der jüdischen Bühnen. Sonntag, 13. April, Erstaufführung «Ewige Mamme». Beginn V-*\ Uhr; volkstümliche Preise. Infolge des Sederabends nur Nachmittagsvorstellung. eine tiefe, begeisterungsvolle Seele fühlte, wenn auch so mancher im ersten Moment von seiner überlegenen Kasuistik oft verletzt wurde. Er spöttelte über das Leben und schöpfte doch aus ihm mit vollen Zügen. Das Schicksal verschlug ihn nach Danzig; ich sah ihn durch Zufall nach vielen Jahren, aber schon nach seinem Aeußern blieb er derselbe ungepflegte, dem Leben überlegene Student, der uns die Träume eines uralten Volkes durch ein Lächeln offenbarte. Endlich landete er in Wien und versinkt leider im Morast des Alltags ... Da gab es einen zweiten, der uns Führer und Meister war. Ein guter Redner, altklug, ein glänzender Organisator, schrieb bereits allerlei Broschüren und Aufsätze über Nossig, „Geschichte des Zionismus“ u. dgl. und überragte uns alle durch eine stoische Ruhe eines geborenen Führers. Welche Fülle von Begeisterung, Liebe und ein ganzes Volk umfassendes Träumen ging von diesem jungen Studenten aus! Jeden Abend und an Samstagen, an denen man die verfluchte Schulbank für eine Weile los wurde, auch bis über Mitternacht, saßen wir beisammen und Funken flogen aus unseren Reden und Diskussionen. Einige Jahre war er der unbestrittene Führer, bis das grausame, harte Leben kam und diese zarte Seele mit dem Gift einer hoffnungslosen Liebe durchtränkte. Wo ist jetzt unser einstiger Führer? Ich hörte, er änderte seinen Namen und geht irgendwo in Hamburg seinem Alltagsberufe nach ... Hier scheint es nur eine kurze Flamme gewesen zu sein, die wir einst als Licht der Ewigkeit begrüßten. Ein ähnliches Schicksal ereilte einen jungen Studenten Jakobsohn, der wie ein Meteor in un- JEHUDA EHRENKRANZ liest Dienstag, den 15. April, */49 Uhr im THEATERSAAL des HOTEL POST I., Fleischmarkt 24 jüdischerI HUMOR Scholem Alechem/Asch/Perez/Tunkeler u. a. | Karten bei: R. Löwit, I., Wollzeile 6, M. Rath, II., Taborstraße 20 a Karten S 1,— bis 5.— serer Mitte aufleuchtete und jäh erlosch. Ein glänzender Redner, ein phänomenales Gedächtnis, ein erstklassiger Hebraist und eine Ambition, die sich in Ungeduld und Arbeit verzehrte. Er hatte in sich den Funken eines Genies und hielt uns einige Jahre in Atem durch seine lebensprühende Individualität. Und eines Tages verschwand er und ging irgendwo nach Sumatra, um seither kein Lebenszeichen von sich zu geben... Eine gesunde Abwechslung in diesen Reihen war Moses Frostig. Ein kleines Studentlein mit blinzelnden Aeuglein, von scharfer Intelligenz und prächtiger Rhetorik, wirkte er stets belebend und ermunternd. Mit altkluger Gebärde wagte er sich an allerlei gewichtige Probleme heran und verstand es, durch angeborenes Organisationstalent uns alle stark im Zaum zu halten. Jahraus, jahrein riefen wir Konferenzen ein, an der Delegierte aus allen Städten Galiziens teilnahmen. Auf solchen Konferenzen waren alle Vereine vertreten, die allmählich in ganz Galizien durch uns gegründet wurden. Da gab es einen Ernst und eine tiefgründige Wechselrede, die wir heute noch als reife, allzu reife Menschen schmerzlich vermissen. Eine straffe Organisation im ganzen Lande, eine zentrale Leitung in Lemberg, ein eigenes publizistisches Organ „Haschachar“ — später „Moriah“ — ein Werk von Kindern und doch ein Werk, das tausend Herzen erzittern ließ und einige Generationen zum neuen Judentum erzog. Waren wir je jung? Waren wir je froh und lebenslustig? Ach, die Last von Jahrtausenden stürzte allzu jäh über uns junge Kinder und erstickte in uns jedes Lachen. Wir erlebten keine Kindheit, keine Jugend — nur das Ideal des zionistischen Gedankens füllte unsere Herzen und mit heißer Inbrunst trugen wir das Joch der. Geschichte., Purim und Pessach Von Dr. Sem Wolf. Vor vier Wochen bebten Synkopen zuni Andenken des großen Wunders. Vor vier Wochen schlug ein befrackter Hamite die Trommel und Pauke — Hanian zum Verderben. Vor vier Wochen tanzte Esther in ihren Goldpantöffelchen einen leidenschaftlichen argentinischen Tanz, und dem chokoladefarbenen Neger quollen die Augen aus den Höhlen, als er am Saxophon den Tango der Sehnsucht nach der schönen Königin blies. 0 du wunderbare Königin, darf ich dich zum Foxtrot bitten? In deinem blauschwarzen Haar glänzt ein Diadem aus der arthaxerxischen Schatzkammer. Deine Samtaugen lächeln gnädig und liebenswürdig. Nach Ambra und Myrrha duften deine gepflegten Hände. Die Hänge eines jüdischen Mädchens, das sein Volk vor einem gräßlichen Unglück bewahren wollte und die Frau des Despoten wurde. Megillath Esther. Ein sensationeller, nervenaufpeitschender Film. Als man ihn drehte, brannten keine Jupiterlampen — sengende Sonne hing über der iranischen Hochebene. Esther, oder richtiger: Sonja, Mizzi, wodu auch bist, in Tel Aviv, Wien oder Warschau — hörst du: Jazzband . . . darf ich zum Tanz dich bitten? Nach einem Alpdruck, nach einer fürchterlichen Pogromdrohung — deine Faschingsnacht, Happy end! Purimball 1! Vor vier Wochen . . . * Und dann kam das alljährlich wiederkehrende Wunder: der Frühling. Der chaldäische Götze Nissan übernahm die Herrschaft. Die Erde wusch und frisierte sich, sie wurde jung: Ihre Augen glänzen in der Vorahnung des Glücks. Ihre Arme waren ausgestreckt in einer noch unbewußten Liebe. Frühling. Dann plötzlich, zur Nachtzeit — eine Vision. 600.000 Sklaven rufen jauchzend: Freiheit! 600.000 in Knechtschaft Aufgewachsene richten sich auf. 600.000 Geknechtete feiern die Revolution der Erlösung, die Liebesnacht, in der die Sehnsucht und der Wille eins.werden. Die Cheopspyramide erbebt in ihren Fundamenten. Fanfaren schmettern und tragen in alle Seiten der Welt und in das Leben der kommenden Jahrtausende das Siegeslied der Befreiten. 600.000 Heloten, die nach langem Winterschlaf zum bewußten Leben erwachen, gehen in die Wüste. An der Spitze der Karawane schreitet der Meister. Sedn Bart flattert, seine Ideale ragen bis in den Himmel, sein Wille ist ehern, ln seiner Jugend verbrannte ein Stück glühender Kohle die Lippen: er kann nicht reden. Aber der fürstliche Führer des ewigen Volkes redet nicht — er wirkt. Einen Stock hält er fest in der Faust, seine Sohlen schreiten leise auf dem Sand. Von Zeit zu Zeit dreht er sich um und befiehlt: «Mir nach, in euer Vaterland!» Rast. Zelte werden aufgeschlagen. In der Mitte des Lagers brennt ein großes Feuer. Zähne kauern trockenes, ungesäuertes Brot. Wir werden es nicht mehr auf unseren gebückten Rücken backen. Der Rücken ist nicht dazu da, damit man auf ihm Brot backe, und nicht dazu da, damit er Ziegel trage unter der Knute des Aufsehers . . . Jetzt spielen Harfen und Zithern. Trommeln schlagen und Klarinetten weinen. Am Himmel glänzen Myriaden von Sternen und im Kreise beim Lagerfeuer steht ein Mädchen. Mirjam. Sie tanzt und singt ein wunderbares Lied. Das Herz pocht rascher und heißer kreist das Blut. Wir waren Sklaven — jetzt sind wir frei. Wir hatten Herren über uns — doch sie sanken in die Tiefen des Meeres. Wir hatten kein eigenes Heim — jetzt kehren wir in die Heimat zurück. Eiine hebräische Beduinin tanzt den Erlösungstanz. Ein schwarzhaariges, barfüßiges, semitisches Mädchen. Sie tanzt und erzählt Frauen und Männern, die sich vielleicht noch nach den ägyptischen Fleischtöpfen sehnen, daß die Brüst sich dehnt im Gefühl des Glücks, welches uns die Freiheit schenkt, und daß im gelobten Lande ein Leben auf eigenem Boden die Heloten erwartet. Mirjam, ein jüdisches Mädchen, Pionierin der Freiheit . . . * Visionen und Träume . . , Visionen und Träume werden manchmal zur Wahrheit und Wirklichkeit. Und die abgedroschene Analogie zwischen dem 17. Jahrhundert vor Christi und dem 20. Jahrhundert nach Christi ist dennoch wahr. Nur daß heute die vierzigjährige Wanderung noch länger währt, die Fleischtöpfe der Galuth eine noch größere Anziehungskraft ausüben und die Krise abwechselnd Palästina und den Zionismus erschüttert. Dafür aber Mirjam . . . Nicht eine Mirjam gibt es. Es gibt ihrer viele — barfüßige, bescheiden gekleidete jüdische Mädchen, ohne königliche Diademe, doch mit königlichem Stolz. Sie tanzen auf der kananäischen Erde den altneuen Tanz. In Arbeltsbluscn stehen ringsum junge, von Sonne gebräunte Menschen, jüdische Pioniere. Mirjam, die Schwester, tanzt in dem Kreise und befiehlt zu glauben. * Purim und Pessach; Esther und Mirjam; ein Faschingsball und ein Fest der Freiheit VILLA SEVIGNE, Lausanne, Schweiz Israelitisches Mädchen-Pensionat Erstklassige Referenzen Prospekte durch die Vorsteherinnen: Mmes. M. und B. BLOCH