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Die Stimme · 1930-04-10 · Heft 121 (10.4.1930) · page 9

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 121 (10.4.1930)
Date
1930-04-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Nr. 121 DIE STIMME Seite 9 Das Tote Meer und seine Reichtümer Es gibt noch eine andere Seite in diesem deprimierenden Bild. Die jüdischen Kolonisten haben Wunder gewirkt, wo immer sie die Möglichkeit gehabt haben. Sie haben die Sanddünen mit Bäumen bepflanzt, Sümpfe ausgetrocknet, die Malariabrutstätten waren, wüste Flächen bewässert und trockene ßandwüsten in blühende Gärten verwandelt. In ihren Versuchsstationen haben sie Gemüse und Obstarten gezüchtet, die diesem schweren Klima widerstehen werden. Sie haben in ihren Gartendörfern Elektrizität eingeführt und sie gehen daran, auch die Mineralreichtümer des Toten Meeres auszubeuten. Sie haben für tausende Juden, die nur die hoffnungslose Erniedrigung des Ghettolebens in Polen gekannt haben, ein neues Leben des Fortschrittes und der Arbeit geschaffen. Ihre alte Sprache ist als ihre Muttersprache wieder belebt worden und ihre Universität zu Jerusalem haben sie zu einem Brennpunkt der Kultur ihrer begabten Rasse gemacht. Die Wohltaten ihrer wissenschaftlichen Arbeit und ihres höheren sozialen Gewissens sind jedoch auf ihr eigenes Volk allein nicht beschränkt. Ihre Apotheken dienen den vernachlässigten arabischen Dorfbewohnern. Ihre Gesundheitsfeldzüge gegen die Malaria dienen dem allgemeinen Wohl des Landes. Ihre Gewerkschaften bemühen sich, die hilflosen arabischen Arbeiter zu organisieren. Sie heben den Standard dieser zurückgebliebenen Bevölkerung, was Gesundheit, Löhne und Erziehung anbelangt. Ihre technischen Pläne sind vor allem dazu bestimmt, ihre eigenen Siedlungen mit Wasser und elektrischer Kraft zu versorgen, aber sie verschaffen auch der arabischen Bevölkerung Arbeitsgelegenheiten. Sie bringen fortgeschrittene moderne Zivilisation in ein Land, welches ohne ihr Kommen weiterhin rückständig geblieben wäre. Weiterhin ist es für uns durchaus nicht gleichgültig, daß die meisten dieser jüdischen Pioniere Sozialisten und viele ihrer landwirtschaftlichen Siedlungen kooperative Gemeinschaften sind. Die Landfrage Welcher Zukunft geht dieser Versuch, ein Nadonalheim der Juden zu errichten, entgegen? Der natürliche Zuwachs der arabischen Bevölkerung geht rascher von statten, als der der Juden. Andererseits hat uns die Erfahrung eines ernsten «Krachs» gezeigt, daß es für das Tempo der jüdischen Einwanderung wirtschaftliche Grenzen gibt. Es ist nicht leicht, für die Boden zu finden, die ins Land gehen wollen. Zweifellos bearbeiten die Araber den Boden in einer unrationellen Weise, aber sie können nicht enteignet werden, um so die unzufriedenen Mächte anschwellen zu lassen. Der erste Schritt müßte die Bodenvermessung sein, die Mr. Snell empfiehlt Gibt es noch, wie die Juden behaupten, Boden, der noch jetzt für sie erreichbar ist, welche weitere Fläche könnte noch hinzukommen, wenn das allgemeine Niveau der Landwirtschaft gehoben werden könnte. Gibt es nicht überdies weite Staatsländereien, die, wie es das Mandat ausdrücklich bestimmt, die Verwaltung aus ihrer Hand geben könnte, wenn jüdischer Unternehmungsgeist sie zu übernehmen bereit wäre? Bis diese Fragen nicht beantwortet sind, nicht von der Verwaltung, sondern durch eine unparteiische Körperschaft von Bodenvermessern, wird der Verdacht bestehen bleiben, daß das langsame Tempo der jüdischen Besiedlung zum Teil der einfachen Tatsache zuzuschreiben ist, daß die Verwaltung selbst keinen Glauben an den zentralen Zweck des Mandats hat. Ist die notwendige Beachtung dem vernünftigen Vorschlag der Zionisten geschenkt worden, daß die überschüssige arabische Bevölkerung leicht in das fruchtbare, aber dünn bevölkerte Gebiet Transjordaniens, das durch eine Entschließung Mr. Churchills für die Juden verschlossen wurde, hinübergeführt werden könnte. Diese Bodenfrage liegt sowohl der Unzufriedenheit der Juden wie der Araber zugrunde, aber man sollte auch nicht den Umstand außer acht lassen, daß die industrielle Entwicklung, die dem Kraftwerk am Jordan folgen sollte, eine größere Ausbreitung der jüdischen Bevölkerung ermöglichen könnte. Diese wirtschaftlichen Probleme sind es wohl nicht, die einen Fortschritt in Palästina wesentlich entscheiden. Palästina kann nicht gedeihen, insolange der Streit der beiden Bevölkerungsteile nicht beigelegt ist. Klarerweise kann man ihm nicht Selbstregierung gewähren, wenn es inAufruhrist, denn die arabische Majorität würde seine Macht dazu ausnützen, um die Juden zu verdrängen. Vieles könnte auch jetzt getan werden durch ein System kultureller Autonomie, welches den drei religiösen Gemeinschaften ermöglichen würde, das Erziehungswesen und die soziale Arbeit für sich selbständig zu führen. Man nahm allgemein an, daß die britische Regierung eine Periode von 25 Jahren im Auge hatte, als sie dieses Mandat annahm. Je stärker wir innerhalb der nächsten 15 Jahre unseren festen Willen zeigen, das Jüdische Nationalheim zu errichten, desto größer ist die Aussicht, daß die Araber zu dauernder Ruhe kommen werden. Irgend ein Zeichen von Zögern auf unserer Seite, irgend eine Unklugheit, das Tempo der Immigration ungebührend zu verlangsamen, irgend eine Vorstellung, daß die Verwaltung die arabische Abneigung gegen die jüdische Idee teilt, wird die Opposition nähren, die Versöhnung der beiden Rassen verzögern und den Zeitpunkt verschieben, in dem Selbstregierung in Sicherheit zugestanden werden kann. Die Periode des Schutzes Wir können nicht daran denken, unsere direkte Verantwortlichkeit aufzugeben, bis die jüdischen Siedlungen stark und zahlreich genug sind, ihre eigenen Interessen zu verteidigen und die Felder zu beschützen, die sie der Wüste entrissen haben. Diejenigen, die es besonders wünschen, daß die Periode des Schutzes gekürzt werde, sollten als die ersten darauf bestehen, daß das Kolonisationswerk jede nur mögliche Ermutigung von einer freundlichen und tatkräftigen Administration empfange. Es wird manchmal gesagt, daß es ihre Aufgabe ist, «neutral und unparteiisch» zu sein. Ganz im Gegenteil ist es ihre erste Pflicht, die Schaffung eines jüdischen nationalen Heims zu fördern. Sie ist mit einer großen schöpferischen Aufgabe betraut. Und wenn sie dies vergißt, stehen wir vor der Welt als Heuchler da, die die Maske der Sympathie für den Zionismus nur dazu angenommen haben, um unsere strategischen Pläne für die Sicherheit des Suezkanals zu verwirklichen. Aber ihre Pflicht ist es auch sicherlich, darauf zu sehen, daß kein Araber und besonders kein arabisher Bauer Schaden erleide, sogar wenn dadurch der Zionismus gefördert werden sollte. Die beiden Pflichten sind in Uebereinstimmung zu bringen. Denn die Juden machen ihr Land, das sie lieben, und dem sie ihr Geld, ihre Intelligenz und ihren Idealismus opfern, zu einem Vaterland, das für all seine Bewohner wertvoller wird. fit Actum.' dM 'tit du/uA livz. HU 'UM 'f-it/l MVIVHM. vmdtn \ 'Bttatung, T.'ZCufaUiticwiL} pit.u Zb-l-ft) ('f'ftpdln ta&nfUnUjufotöt J Einiges über die Pathologie des Hühnerauges Wenn fich die Zehen durch eine Senkung des vorderen Quer in unnatürlicher Lage befinden, kommt es durch die Reizwirkung des Schuhwerks auf die Zchenhaut und das gefamte, darunter liegende Gewebe, zu einer Wucherung der Epidemis und im weiteren Verlaufe zu einer krankhaften Umwandlung der tieferliegenden Gewcbsteile. Die Natur fchützt lieh durch Bildung einer folchen Gewebsverfthrkung gegen die chronifche Reizeinwirkung. Solange der Druck noch nicht andauernd und heftig genug gewirkt hat und die tieferen Gewebspartien vom Reiz im wefentlichen noch unbetroffen find, iffc das Hühnerauge erft im Werden begriffen, noch nicht fchmerzhaft und einer oberflächlichen Behandlung mittels geeigneter Pflafter und des Meffers wirkfam zugänglich. Anders aber ift es bei dem behandlungsbedürftigen Hühnerauge. Ein foldhes befteht in feinem Wefen in einer Dauerfchädigung jener Nervcnfafern, welche — der Zehenfpitze zuftrebend — im Bereiche der Druckwirkung liegen und fich bei mikrofkopifcher Unterfudiung nicht mehr als normales, fondern als entzündetes und entartetes Nervengewebe präfentiert. In folchen Fällen, und dies find etwa 80 Prozent, nützt kein Pflafter und kein Meffer zur Erzielung eines befriedigenden Behandlungserfolges. Um einen folchen zu erreichen, muß die Schmerzurfache, fomit der erkrankte Zehennerv, therapeutifch beeinflußt werden, eine einleuchtende Forderung, ohne deren Erfüllung der ungeheuren Verbreitung des Hühneraugen-Leidens niemals rationell geftcuert werden kann. Hier fetzt die ärztliche Kunft ein. Es ift durch lange, gewiflenhaft durchgeführte Verfuche gelungen, eine rein medikam entöle Behandlung ausfindig zu machen, durch welche die in Mitleidenfchaft gezogenen Zehennerven zur gründlichen Abheilung gelangen, fo daß die oft unerträglichen Schmerzen verfchwinden, und was das Wichtigftc ift, auch nicht mehr zum Vorfchein kommen. Es ift wohl als fel'bftverftändlich anzunehmen, daß jedermann, der fich durch lange Jahre von den läftige.n „Parifiten“ quälen ließ, diefen Fortfehritt der Behandlungsmethode mit Freuden begrüßen wird. Dr. Karl Poell. Der Wundermann Eine Pessach-Legende von J. L. Perez In einem Städtchen Wolhyniens erschien einmal lin Wundermann. Obwohl es vor Pessach war, zur Zeit, da jeder Jude voller Sorgen ist, rief doch seine Ankunft größtes Aufsehen hervor. Ein Rätsel von einem Menschen 1 Die Kleider zerfetzt und ein zerdrückter Zylinderhut am Kopfe. Ein jüdisches Gesicht — das Ebenbild Gottes und von einem,Bart keine Spur! Auch keinen Reisepaß hatte er und noch nie sah ihn jemand etwas essen, weder koscher noch treife — er ißt überhaupt nicht! Fragt man ihn: »Woher?» «Aus Paris!» «Wohin?» «Nach London.» «Durch ein wolhynisches Nest?» Er hat sich verirrt. Ging offenbar zu Fuß. Ins Bethaus zu «Minjan» kommt er auch nicht, sogar am «großen Sabbath» nicht. Lauft man ihm nach, steht man um ihn herum und bittet, verschwindet er plötzlich, als ob ihn die Erde verschlungen hätte, und — erscheint am zweiten Ende des Marktplatzes wieder. Und Wunder verrichtet dieser Mann — kein menschliches Auge hat so was je gesehen. Uebernatürlich! Gar bald hat er sich einen großen, bequemen Saal gemietet, damit er dort seine Künste vor aller Augen demonstriere. Glühende Kohlen verschlingt er wie Erdäpfel und aus dem Munde zieht er allerlei Seidenbänder heraus, von verschiedenen Farben. Und lang sind die Bänder — wie die Galathe! Aus den Stiefelschäften wirft er Truthühner paarweise heraus — wie die Kälber groß, sie leben auch wirklich und laufen am Boden herum. Er hebt dann einen Fuß und kratzt von den Stiefelsohlen Dukaten ab, wirkliche Goldstücke, eine ganze Schüssel voll. Man applaudiert begeistert, da pfeift er, und in der Luft beginnen Semmeln und Sabbathkuchen zu schwirren, genau wie fliegende Vögel. Sie flattern im Reigen oder zeigen einen «Siegestanz», er pfeift abermals und alles verschwindet augenblicklich, nichts bleibt, keine Semmel, keine Sabbafchkuchen, keine Truthähne, keine Bänder, gar nichts! Nun ja, alle wissen es doch, daß auch der Teufel was vermag. Die Zauberer Aegyptens haben noch größere Wunder vollbracht. Zauberwerk! Worüber wir aber staunen, ist seine eigene Armut. Einer, der Dukaten von seinen Sohlen abkratzt, hat keinen Mietzins zu zahlen. Mit einem Pfiff bekommt er Semmeln und Kuchen in Mengen und lebendige Truthähne zieht er aus seinen Stiefelschäften heraus und doch — ein Gesicht hat er, Herr im Himmel, schönere legt man ins Grab! Und in seinen Augen brennt der Hunger, der leibhaftige Hunger. Die Leute staunen und tuscheln: Die fünfte Frage zu «Ma Nischtane». * Bevor wir aber zum «Ma Nischtane» kommen, wollen wir den Wundermann verlassen und ein wenig Chaim Jonah und sein Weib Riwke Beile betrachten. Chaim Jonah war Waldhändler. Da kaufte er einmal von einem hochgestellten Herrn einen Waid preiswert ab. Die Bauern aber, die im Walde arbeiteten, legten einen Protest ein, flugs kamen Beamte und sperrten den Wald ab. Chaim Jonah verlor dadurch sein ganzes Vermögen und wurde dann Waldschreiber. In der Folge verlor er auch diesen Posten und so — möge uns Gott davor bewahren — sitzt er schon monatelang ohne Verdienst. Der Winter war furchtbar, nun rückt schon der Pessach heran, und sämtliche Hausgeräte, vom Hängeleuchter bis zum Kopfkissen, sind längst schon verpfändet. Riwke Beile redet ihm zu: «Geh und nimm das Armenmehl!» Chaim Jonah aber antwortet, daß er zu Gott Vertrauen habe, der Ewige, gelobt sei er, wird ihn nicht verlassen. Riwke Beile durchstöberte die ganze Wohnung, suchte alle Winkel ab und, o Wunder, sie fand einen silbernen Löffel, der vor Jahren verschwunden war. Wahrscheinlich ein Wunder Gottes! Chaim Jonah nahm den Löffel, ging auf den Marktplatz, verkaufte ihn und übergab das Geld dem Gemeindevorsteher als Spende für das Armenmehl (Pessach-Mehl, das den Armen gratis gegeben wird), wie er es alljährlich getan hat. Die Armen, sagte Chaim Jonah, haben den Vorzug! Indes nähert sich der Feiertag, nur noch zwei Wochen sinds bis Pessach, und die Armut sitzt felsenfest. Chaim Jonah vertraut auf Gott. — Er wird helfen, er wird uns nicht verlassen. Riwke Beile schweigt. Eine rechtschaffene Frfcu gehorcht dem Manne. Tag auf Tag verrinnt. Riwke Beile findet keinen Schlaf, sie vergräbt das Gesicht im Strohsack und weint leise, daß es Chaim Jonah nicht höre. Und für Pessach ist nicht das geringste «da. Die Tage sind noch schlimmer als die Nächte. Nachts weint man, dann wird es leichter. Bei Tage aber muß man in die Backen kneifen, daß sie rot bleiben. Die Nachbarinnen schauen ihr nach, staunen und stechen sie mit Blicken voll Mitleid. Manche fragen: «Wann backen Sie Mazzoth? Haben Sie schon das Schmalz vorbereitet? Und die roten Rüben haben Sie schon eingelegt?» Die näheren Bekannten staunen: «Was tut sich bei euch, Riwke Beile? Mangelt euch an etwas? Wir wollen euch leihen, schämet euch nicht, das Leben ist ein kreisendes Rad . . .» Chaim Jonah aber mag keine Geschenke und Riwke Beile wird gegen seinen Willen nichts unternehmen. Sie sucht Ausflüchte und ihr Gesicht ist flammendrot. Die Nachbarinnen erkennen, daß es nicht beim Rechten ist und sie erzählen es ihren Männern, die gleich zum Rabbiner laufen: «Wie kann man das lassen?»

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