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Die Stimme · 1930-04-10 · Heft 121 (10.4.1930) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 121 (10.4.1930)
Date
1930-04-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DIE STIMME Nf. 121 B«dgetau»fchuß vorgefchLgene E«*t im feiner Gänze angenommen. Zum Punkt „Judengefetz" fpricht der Vorfitzende der Tagung, Rechtsanwalt Stern (Liberaler), (ein Befremden darüber aus, daß eine lebenswichtige Frage des Preußifchen Judentums durch bureaukratifche Maßnahmen verzögert werde. Nach einer kurzen Debatte wird ein Antrag der liberalen Fraktion angenommen, wonach die Schaffung emes neuen Judengefetzes dem Verbandstage nach wie vor als dringendes Gebot erfcheine. Herr Alfred Berger (Jüdifche Volkspartei) und Frau Ollendorf (Liberale) fprechen ihr lebhaftes Bedauern darüber aus, daß die Wirtfchaftsnot der deutfchcn Juden nicht mehr zur Sprache gebracht werden könne. Herr Berger betont, daß (eine Fraktion den gleichen Gegenftand fchon beim vorigen Verbandstag zur Verhandlung Hellen wollte, daß dies aber nicht möglich gewefen fei, weil die Liberalen die Dringlichkeit verneint haben. Auch bei diefer Verbandstagung fei bedauerlidierwcife die rechtzeitige Behandlung nicht vorgenommen worden. Es wird nun befchloffen, diefc Angelegenheit dem ftändigen Ausfchuß zur Erörterung zuzuweifen, worauf dann der Präfident Heinrich Stern die Tagung mit einer kurzen Anfprachc fchloß. Mit diefer Tagung verfammelte fich der Verbandstag zum letzten Mal in diefer Legislaturperiode, da am 30. Nevomber d. J. Neuwahlen ftattzufinden haben. Aus den Verhandlungen ift klar zu erfehen, daß der Verband trotz vieler Schwierigkeiten auf dem, Gebiete der Organifierung der deutfehen Judenheit große Fortfehritte gemacht bat. Der Gedanke der Demokratie der öffentlichen Behandlung aller jüdifchen Angelegenheiten, hat auch in diefer Verfammlung eine große Rolle ge-, fpielt. In der Generaldebatte machten befonders die Redner der jüdifchen Volkspartei ftarken Eindruck. Eine etwas lebhaftere Epifode entftand durch die Bemerkung des Vorfitzenden des Zentralvcreines, JufHzrat Brodnitz, der die völlige Gleichftellung der Oftjuden in den Gemeinden in Frage zog. Dicfe Stellungnahme rief auch in den Reihen der Liberalen unangenehme Gefühle hervor. Der Verbandstag, deffen Debatten auf einem außerordentlich hohen Niveau (landen, bewies, daß die wichtigen Fragen, Reichsverband und Judengefetz, bereits zum Gemeingut aller Parteien geworden Und. Kleine Nachrichten ausPalästina Arabischen Dörfern, die an der Zerstörung der Kolonie Klar Uria beteiligt waren, wurde eine Kollektivstrafe von 1650 Pfund auferlegt. — Kolonei Kish besuchte letztens die Siedlungen im Emek und ObergaHläa im Zusammenhang mit der Vorbereitung der Wiederaufbauarbeiten in den zerstörten Gebieten. — Die Kampagne gegen die Heuschrecken dauert nach wie vor an, da die Heuschreckengefahr weiter besteht. — Die Orangenverschiffungen von Palästina betrugen bis Mitte März über 2,100.000 Kisten. Die entsprechende Ziffer für das Vorjahr war 1,085.000 Kisten. — Demnächst sollen die Arbeiten an der Ausbesserung des Hafens in Jaffa angefangen werden. Hiefür ist ein Budget von 57.000 Pfund notwendig.— Der Stadtrat von Tel Aviv hat beschlossen, eine Elementarschule, die Lord Balfours Namen tragen soll, zu gründen. — Im Februar kamen 772 Einwanderer, unter ihnen 593 Juden, ins Land; 240 Personen, unter ihnen 190 Juden, verließen Palästina. — Die Wahlen in die Assefath Haniwcharim werden im Juli d. J. stattfinden. — Anläßlich des Nebi Mussa-Feiertages wurden vom Jerusalemer Gouverneur Keath-Roach besondere Vorsichtsmaßnahmen ergriffen. Die PoKzeioffiziere haben weitgehende Rechte erhalten, im Falle von aufhetzenden Reden emzuschreiten. Orphaii zum zweitenmal zum Tode verurteilt Jerusalem, 3. April. (J. T. A.) Das Kreisgericht in Jaffa hat heute zum zweitenmal ein Todesurteil gegen den jungen spaniolischen Juden Josef Orphaii ausgesprochen. Kurz nach den arabischen Angriffen auf die jüdische Stadt Tel-Aviv, die zurückgewiesen wurden, wurde Orphaii von Arabern beschuldigt, daß er an der Verteidigung von Tel-Aviv teilgenommen und dabei auf Araber Schüsse abgegeben hat. Palästlna-Mazzoth nDD Wellte aus Rlachon le Zion WÜRSTEL-BIEL I., SCHOTTENRING 14 I., FÜHRICHGASSE 3 Auf Grund dieser Aussagen wurde Orphaii vom Jaffasr Kreißgericht zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde vom Jerusalemer Obersten Gericht aufgehoben und der Fall an das Jaffaer Kreisgericht n,eu verwiesen. In der nup vor dem Jaffaer Kreisgericht stattgefundenen zweiten Verhandlung wurden zwei neue Zeugen vernommen, Angehörige der britischen Luft Wehrmacht, die sich seinerzeit an der Zurückweisung des arabischen Angriffes auf Tel-Aviv beteiligten. Sie bekundeten vor Gericht, daß an dem kritischen Tage eine große arabische Menge einen Angriff auf die Stadt Tel-Aviv versuchte, der aber von britischen Soldaten und Angehörigen der Luftmacht zurückgeschlagen wurde. Sie, die Zeugen, und andere Soldaten feuerten auf die Angreifer, von denen mehrere getötet und verwundet wurden. Von nichtmilitärischen Personen wurden Schüsse nicht abgegeben. Trotz dieser Aussagen sprach das Gericht auch diesmal das Todesurteil gegen Josef Orphaii aus. AAAAAAAAAAAAAAAAAAA SHe Worte Warschau. In Polen wird seit einiger Zeit die Schaffung einer polnischen Kolonie auf dem Mandatswege besprochen. Neuestens ist ein Vorschlag aufgetaucht, Angola, ein Territorium in Südafrika, zur polnischen Kolonie zu machen, um dort vor allem die zahlreichen in wirtschaftschlftlicher Not sich befindlichen Juden Polens anzusiedeln. Bekanntlich hat bereits der verstorbene Israel Zangwill im Jahre 1911 namens der JTO (Jewish Territorial Organisation) mit der portugiesischen Regierung wegen Angola verhandelt, um dort eine jüdische Kolonie zu errichten. Eine jüdische Kommission hat damals das Projekt ernstlich in Erwägung gezogen, aber nach Besichtigung des Landes den Vorschlag abgelebnt. Vor einiger Zeit hat nun eine von der polnischen Regierung eingesetzte Kommission die Kolomsationsmögiichkeit in Angola geprüft und einen günstigen Bericht abgegeben. Thüringen. Der Innen- und Volksbildungsmiwister Frick hat dem Gesetzgebmgsaussctouß des Landtages vorgcschlagen, auf Grund der Verhandlungen mit der Kirche •und der Lehrerschaft im Schulunterricht die al'ttestamentarischen Stoffe stärker zurücktreten zu lassen, da der «jüdische Geist des Alten Testamentes mit dem Geist des Christentums nichts gemeinsam habe». Berlin. Dozent Dr. Grünberg, Vorsitzender des «Weltverbandes für Sabbatschutz Schomrei Schabbos», besuchte den Direktor des Internationalen Arbeitsamtes in Genf, Albert Thomas, anläßlich seines Aufenthaltes in Berlin und informierte ihn über die Bestrebungen und Ziele des Weltverbandes. — Der deutsche Landesverband «Ose» richtet an die deutsche Judenheit einen Aufruf zur Unterstützung und Förderung des jüdischen Gesundheitsschutzes in Osteuropa. — In den Räumen des Logenhauses fand die Generalversammlung des «Verbandes russischer Juden in Deutschland», der bereits seit 10 Jahren besteht, statt. Aus den Berichten ist zu ersehen, daß der Verband unter den in Deutschland lebenden russischen Emigranten eine große Fürsorgetäfcigkeit entfaltete. Letztens leitete der Verband eine Aktion bei amerikanischen Juden russischer Herkunft ein. Genf. Das Komitee zur Bekämpfung des Frauen und Kinderhandels hielt hier seine neunte Tagung ab. Von jüdischer Seite nahm S. Cohen aus London als Vertreter der «Jüdischen Gesellschaft zum Schutze von Mädchen und Frauen» teil. Ein großer Raum in den Beratungen ist den Gefahren der jüdisch-religiösen Eheschließungen ohne standesamtliche Trauung gewidmet. Herr Cohen informierte die Kommission eingehend über das jüdischreHgiöse Ehegesetz und betonte, daß die Zahl der Mißbräuche nicht so groß ist, wie angenommen wird. Die jüdische Gesellschaft suche selbst eine diesbezügliche Lösung. Der beste Ausweg wäre, daß man fti den Ländern Osteuropas die Schließung einer religiösen Ehe von einer standesamtlichen Trauung abhängig mache. Der polnische Vertreter erklärte, daß seine Regierung bestrebt ist, die religiöse Ehe Im Rahmen der allgemeinen Gesetze anzuschließen und solche Ehen zu registrieren.' Knndmadiunfi Die Wleilir Molkerei bringt auch heuer P0SlaCh-KOSCllOrmllCfl in allen ihren Filialen zum Verkauf. — Die Pessadi-Kostiiermilcli wird in ihren Meiereien in Niederösterreich aofer streng ritueller Aufsicht tfer von Sr. Ekrw. Herrn Rabbiner Dr. W. Rosemann bestellten religiös vertäflllchen Organen D’nwö eriengt. Jede Kanne v. jede Flasche ist mit einer Plombe, respektive mit einer Schleife versehen mit dem Aufdruck nDE> Sw izo nbn Wien, B. April 1930 WIENER MOLKEREI Orphaii appelliert auch gegen das zweite Todesurteil Jerufalcm, 6. April. (J. T.-A.) Wie die J. T.-A. erfahrt, hat fich der junge fpaniolifche Jude Jofeph Abraham Mizradii Orphaii, der vom Jaffaer Gericht zura zweiten Male zum Tode verurteilt wurde, entfchloffen, auch gegen diefes zweite Todesurteil Berufung einzulegen. Trotzdem zwei Angehörige der britifchen Luftmacht in Aegypten ausgefagt haben, daß von Zivilfeite keine Schufte abgegeben wurden, erklärt das Gericht in feiner Begründung, es fchließe dies die Möglichkeit nicht aus, daß Orphaii trotzdem laut Auslage arabifcher Zeugen auf zwei Araber gefeuert hat; da die Schüffe während eines arabifdien Angriffes fielen, fo fei der erfte Schuß ohne, der zweite aber fchon mit Vorbedacht abgegeben worden. Vom Gericht gefragt, ob er fich fchuldig fühle, erhob Orphaii beide Hände und fchwur bei Gott, daß er unfchuldig fei. Die Lage der Juden in Rußland Channah Ifrailewa, eine jüdifche Frau, gewefene Sdinciderin, wurde vom Präfidium des Zentralexckutiv-Komitees der Ukraine zum Oberflen Staatsanwalt für Arbeitsangelegenhciten ernannt. * Das Arbeitskommißariat verfügte, daß 5000 deklamierte Juden in der Ukraine fofort als Schwerarbeiter ber Bauwerken eingeflellt und nach Beendigung der Baufaifon zu qualifizierten Handwerkern ausgebildet werden. Bukarest. Am 3. April erschien ein PoKzeiinspektor in Begleitung von 20 Polizeiagenten im Jüdischen Studentenheim und führte eine Hausdurchsuchung •durch. Die Polizeiageuten beschlagnahmten zionistische Manifeste und Korrespondenten. Die Allgemeine Vereinigung der jüdischen Studenten protestierte gegen die ungesetzliche Vorgaaigsweise der Polizei. Budapest. Aus Anlaß des Ablebens des OberrabWners von Czegled, Dr. Josef Feldmann, hat der stellvertretende evangelische Bischof, Dr. Ludwig Törtölf, auf dem Torrn der evangelischen Kirche in Czegled die Trauerfahne hissen lassen. N«w York. Hier wurde die erste jiddische Kultur« konferenz unter Teilnahme von 1000 Delegierten und Gästen eröffnet. Der Konferenz wohnen der bekannte jiddische Schriftsteller Dr. Chaim Schitlowsky und der Redakteur der Wilnaer Tageszeitung «Tog», Saiman Raisen, bei. Prag. In der letzten Sitzung der Repräsentanz der Prager jüdischen Gemeinde wurde das Budget für das Jahr 1930 tu der Höhe von Kc 1,810.000 angenommen. Der kürzlich in London verstorbene Jude Arnstein, ein. geborener Prager, hat der Prager jüdischen Gemeinde einen Betrag von mehr als 400.000 Kc testiert. Budapest Der ungarische Reichstagsabgeordnete Doktor Paul Sandor vollendete in diesen Tagen sein 70. Lebensjahr. Rom. Fräulein Dr. Lea M e r i z z i wurde vom italienischen Kultusminister zum Hochschulprofessor in Rom ernannt. Sie ist die erste Frau in Italien, der das Amt eines Hochschullehrers erteilt wurde. — Auf der großen italienischen Kunstausstellung in Venedig wurde ein eigener großer Saa! für eine Bilderausstellung des verstorbenen jüdischen Malers Amadeo Modigliani zur Verfügung gestellt. New York. An den Folgen eines tragischen Unfalles verstarb hier der 109 Jahre alte Jude Kuppa Bier. YYVVVVYYVVYVYVVVYVY Palüstimm~Weine Palästina-Jttaxxoth Patästina-Cwangen sowie sämtliche Spezereiwaren riDD -)zo zu den billigsten Freisen liefert franko Haus, audh Provinzversand Sammst Jiaipem Wien, II, Förstergasse 6 Telephon R 40*4-12 Mitglieder der Rabattsektion des Keren Kajemeth erhalten 5 Prozent Rabatt. In der gegenwärtig in Leningrad ftattfindenden Konferenz junger jüdifcher Arbeiter wurde mitgeteilt, daß gegenwärtigem den verschiedenen Sowjet-Betrieben in ganz Rußland rund eine halbe Million junger Juden befchäftigt find, von denen etwa 40.000 Mitglieder der Komfomolc (Jungkommuniften-Liga) find. * Die Zahl der jüdifchen Arbeiter und Angeftellten in der Ukraine hat fich laut offizieller Statiftik von 220.000 im Jahre 1926 auf 260,000 zu Anfang 1930 vermehrt. * Es beftätigt fich, daß der Hauptrabbiner von Leningrad Lazarow zu zehn Jahren Verbannung in ein Konzentrationslager verurteilt worden ift. Sein Sohn und der Vorfteher der Lemngrader Synagoge „Zeniach Zedek“ wurden zu dreijähriger Verbannung verurteilt. Die vor längerer Zeit verhafteten Führer der Lemngrader jüdifchen Gemeinde wurde alle zu Verbannung von verfeniedener Dauer verurteilt. Infolge der Auflöfung der Leningrader jüdifchen Gemeinde mußte das von ihr erhaltene Greifen-Afyl aufgelöft werden. Zahlreiche 70- bis 80jährige, fowie noch ältere Greife und Greifinnen find jetzt obdachlos. In ftaatliche Greifen-Afyle werden die meiden von ihnen nicht aufgenommen, weil fie fich einmals mit Handel befaßten. Etwa i° der früheren Infaflcn des Leningrader Grcifen-Afyls wurden in das Greifen-Afyl von Dorpat, das in einem früheren Mönchsklofter untergebracht ift, aufgenommen. * Unter der Befchuldigung, Mitglieder von illegalen Organifationen, wie „Hafchomer Hazair“ und „Zioniften-Sozialiften" zu fein, wurden neunzehn Juden aus Moskau nach Mittelafien verbannt, jj weitere des Zionismus verdächtigte Perfonen mußten /ich fchriftlich verpflichten, Moskau nicht zu verladen. Auch mußten fic eine Erklärung unterfchreibcn, daß fie nicht mehr dem Hechaluz oder ähnlichen Organifationcn angeboren* Die Araber sind zufrieden London, 3. April. (J. T. A.) Die in London weilende palästinensisch-arabische Exekutive ließ dem Bureau Reuter eine Mitteilung zugehen, daß die Delegation den Bericht der Shaw-Kommission sorgfältig studiert hat und zu dem Schluß gekommen ist, daß das Dokument eine faire Schilderung der Lage gibt. Die Delegation erhebt aber Einwendung gegen die Art, wie diie Kommission die Tote-Meer- Konzession behandelt. Die Araber seien in dem Bericht sehr fair behandelt worden, insofern man sie von jeder Verantwortlichkeit für die Unruhen freispricht; die arabischen Führer können aber nicht den Tadel auf sich sitzen lassen, daß sie durch Informierung des Volkes über ihre Klagegründe die zu den Unruhen führende Erregung geschaffen haben. Nach Ansicht der Delegation sei es Pflicht der politischen und religiösen Führer, ihren Standpunkt vor dem Volke darzulegen. Im übrigen ist das Dokument als Ganzes von historischer Bedeutung für Palästina, Von Herrn Snell behauptet die Delegation, daß er schon vor seiner Berufung in die Kommission prozionistisch gesinnt war. Die Delegation begrüßt die Vorschläge, betreffend das Boden- und das Einwanderungsproblem, und spricht den Wunsch aus, daß diese von der Kommission empfohlene Politik in präzisen gesetzlichen Bestimmungen

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