Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 121 (10.4.1930)
- Date
- 1930-04-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nf. 121 DIE SUMME Seite 5 An die osterrdchlsclie Jadeihclf! Die Lage des jüdischen Volkes in der ganzen Welt wird immer unhaltbarer. Das russische Judentum ist wirtschaftlich, religiös und national gebrochen. Das polnische befindet sich in einem wirtschaftlichen Auflösungsprozeß. Das sind Länder der jüdischen Massensiedlung. Die Einwanderungsländer aber sind für uns gesperrt. Auch in Oesterreich ist die Lage des Judentums äußerst trist, wir wissen nicht, was wir mit unseren Kindern anfangen sollen. Nur ein Land ist vorhanden, in dem wir Juden begründete Hoffnung haben, uns in Massen anzusiedeln und zu einem normalen, gesunden Volke zu werden: Palästina. Die Augustunruhen haben bewiesen, daß unsere wirtschaftliche Stellung keine Erschütterung erfahren hat und daß das dortige Judentum sich voll bewußt ist, Pionieraufgaben für das gesamte Judentum zu erfüllen. Palästina ist das Land der Zukunft, aber auch schon der Gegenwart, da cs immer mehr Juden aufnehmen kann, die von ihrer produktiven Arbeit leben. Aber eine Bedingung muß immer von neuem erfüllt werden: Vergrößerung unseres Bodenbesitzes in Stadt und Land. Dieser Boden muß jedem Juden als Standort für seine Lebensarbeit zur Verfügung stehen, darf also kein Spekulationsobjekt bilden. Diese Voraussetzungen treffen beim Keren Kajemeth zu. Der Boden aber wartet nicht; je mehr wir ihn kultivieren, desto begehrenswerter wird er für andere, darunter auch für solche, die uns nicht gut gesinnt sind. „Gebt uns Boden!“ rufen alle Schichten des palästinensischen Judentums. Ganz besonders stark erschallt dieser Ruf aus den Kreisen der Erbauer unseres nationalen Heims — der Chaluzim. Juden Oesterreichs! Zu Hunderten und Tausenden richten heute Eure Kinder ihren Blick auf Palästina, vom tiefsten Glauben beseelt, daß ihnen dort eine auf schöpferische Arbeit begründete Zukunft blüht. Helfet unseren Kindern, helfet dem Judentum, sein Jahrtausende altes Ideal eines reinen, menschlich-jüdischen Lebens im alten Heimatlande zu verwirklichen. Die Voraussetzung aller Voraussetzungen aber ist der Boden. Stärket den Erlöser des Bodens — den Keren Kajemeth. Landeskommission des Keren Kajemeth. Zionistisches Landeskomitee für Oesterreich. Zionistische Arbeitspartei „Hitachduth“. „Misrachi“ Zentrale für Oesterreich. Jüdische sozialdemokratische Arbeiter-Organisation „Poale Zion“. iMaß dessen lag, was die Juden kraft ihrer Zahl zu beanspruchen berechtigt gewesen wären. Die Juden sind 20 Prozent der Bevölkerung, sie zahlen 40 Prozent aller Steuern und bilden 50 Prozent der Arbeiterschaft. Der Ausschluß jüdiischer Arbeiter von Regierungsarbeiten bis zuin Jahre ,1927 war eine schwere Ungerechtigkeit gegen die Juden, die durch die späteren Maßnahmen nur teilweise gutgemacht wurde. Das Memorandum wendet sich mit aller Schärfe gegen die von der Mehrheit der Kommission aufgestellte Behauptung, die Auswahl der Ärbeitereinwanderer geschehe nach politischen Gesichtspunkten. Der Vonvurf der Kommission, daß die Juden ein landloses Proletariat schaffen, sei unbegründet, denn von 700 von ihrem Pachtboden entsetzten Pächtern sind 90 bis 95 Prozent in den benachbarten Dörfern wieder als Bauern absorbiert worden. Von den 11 Millionen Dunam anbaufähigen Bodens in Westpalästina wird nur die Hälfte dauernd von Fellachen bearbeitet; 5 Millionen Dunam liegen brach und werden überhaupt nicht kultiviert. Eine Million Dunam ist in jüdischen Eigentum. Der Uebergang von der „primitiven Arbeitsmethode des arabischen Bauern zu modernen landwirtschaftlichen Methoden wird eine dichtere und wohlhabendere Bevölkerung möglich machen. In der Küstenebene im Umfang von 3/2 Millionen Dunam, von denen 2!/2 Millionen bewässerbar sind, und die einen der besten Fruchtböden der Welt darstellt, leben jetzt 20.000 arabische Familien von unprofitablem Körnerbau. Nach sachverständigem Urteil!bietet die Ebene Scharon Platz für mindestens 30.000 neue! Siedlerfamilien, wobei die gegenwärtigen Bewohner noch i zu einem höheren Lebensstandard Jcömmen. Aehnldch steht 'es im Jordan-Tal und in Hule. Die Palästinaregierung wird die Umformung der landwirtschaftlichen Methoden, die viel! Kapital erfordert, nicht durchführen können. Die jüdische 'Einwanderung und Kolonisation aber wird auch dem arabischen Landwirt die für die Modernisierung der Landwirtschaft notwendigen Methoden und das erforderliche Kapital bringen. Das Memorandum spricht zum Schluß die Erwartung aus, daß die Arbeiterregierung den Vorschlägen der Kommission auf Beschränkung der jüdischen Einwanderung und Kolonisation keine Folge geben wird und betont die Genugtuung darüber, daß gerade der Vertreter der Labour Party, Harry Snell, sich so unzweideutig von der Stellung der Kommission distanziert hat. Führende englische Politiker werfen der Unter- 6tichungskomniission Ueberschreitung ihres Aufgabenkreises vor London, 3. April. (J. T. A.) Viscount Cecil of Chehvood, John Buchan, Malcolm Macdonald (Sohn des Premierministers und Arbeiterdeputierter für Basselow), Sir Archibald Sinclair veröffentlichen einen gemeinsam Unterzeichneten Brief in den «Times», in welchem sie der Shaw-Kommission vorwerfen, daß diese ihren Aufgabenkreis überschritten habe, indem sie sich in ihrem Bericht mit Fragen höherer Politik befaßt. Sie handelte der zweimal gegebenen Versicherung des Premierministers zuwider, der vor dem Parlament feststellte, daß Fragen höherer Politik nicht in den Aufgabenkreis der Kommission fallen, sondern dem Ermessen der Regierung Vorbehalten bleiben. In dem Brief wird von der Regierung verlangt, daß sie erstens das Festhalten Britanniens an Geist und Buchstaben des Mandats neu versichert, und zweitens die Methoden wählt, mit deinen die Bestimmungen des Mandats am besten erfüllt werden können. Allgemein wird zugegeben, daß die befriedigende Erfüllung des Mandats eine Aufgabe ist, für deren Erfüllung Großbritannien feierlichst seine Hand hingestreckt hat Die polnische Judenheit gegen den Bericht Warschau. Unter dem Eindruck des Berichtes der Untersuchungskommission hat das Präsidium der Warschauer Jüdischen Gemeinde an den Premierminister Ramsay Macdonald ein Telegramm gerichtet, in dem der großen Beunruhigung der jüdischen Bevölkerung in Polen anläßlich des Berichtes der Untersuchungskommission, die das historische Recht des jüdischen Volkes auf Palästina trotz ihrer Festlegung in der Balfour-Deklaration und im Palästinamandat zur Gänze ignoriere, Ausdruck verliehen wird. Die jüdische Bevölkerung Polens erwartet, daß die englische Regierung und das englische Parlament es als ihre Pflicht erachten werden, die von England übernommene historische Verpflichtung dem jüdischen Volke gegenüber zu erfüllen. Ein ähnliches Telegramm schickte auch das Warschauer Rabbinat. Waffenfunde bei Arabern Jcrufalem. Im Beth Schemen fand die Polizei j Bomben, die fdieinbar von Arabern flammen. Die Polizei hat diefen Fund fchon vor 10 Tagen gemacht, ihn aber aus unbekannten Gründen verfchwiegen. In Galiläa wurde eine arabilche Kampforganifation entdeckt, die drei große geheime Waffenlager unterhielt. Man fand auch zahlreiches Propagandamaterial hetzertfehen Inhaltes. Im Zufammenhang damit wurden t6 Araber verhaftet. DieAeA Siicfe£‘6iLtgt Ihnen dafür, daft Sie das damit verschlossene Speisefett Kunerol ohne Bedenken zur Zubereitung von Osterspeisen verwenden könnea Kunerol ist reines Kokosnuß fett und wird in den Kunerolwerken, Wien, unter streng ritueller Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S.Ehrenfeid zu Mattersburg erzeugt. NER0L tOOZ R61NES KPKQSJiUÄSfEU Berliner Brief (Von unterem M.-J.-Berichterftatter.) Berlin, 4. April 1930. Das jüdifche Berlin fland in den letzten Tagen im Zeichen der fechflen Tagung des Preußifchen Landesverbandes jüdifcher Gemeinden. Es erübrigt fich wohl, zu betonen, daß die Tagungen der Landesverbände, infolange in Deutfchland noch keine Gefamtvertretung mit einem Reichsverband an der Spitze bcfleht, als Exponenten der jüdifchen Gefamtheit zu betrachte? find, die in ihr vorhandene Anfichten, Strömungen und Willensäußerungen zum Ausdrude bringen. Umfo größere Bedeutung kommt der Tagung des Preußifchen Landesverbandes zu, in dem die Mehrzahl der deutfehen Juden vertreten ift. Die letzte Tagung hatte nicht nur aktuelle Fragen der jüdifchen Gemeindeverwaltung, der Wirtfdiaftslage, fondern auch die zwei aktuellften Probleme, den Reichsverband und das Judengefetz, zu behandeln. Einen nicht minderen Raum nahm auch die Frage der Wirtfchaftsnot der deutfehen Juden ein, zu deren Behandlung fogar ein fpezieller lländiger Ausfchuß eingefetzt worden ifl. Die Tagung wurde Sonntag, den 30. März, in den ftattlichen Räumen des ehemaligen Preußifchen Hcerenhaufes unter Teilnahme der Vertreter {amtlicher Gemeinden des Verbandes und einer großen Zuhörerfchaft nach einem Weihefprudi des Rabbiners Dr. Rofenthal vom erften Vorfitzenden, Rechtsanwalt Heinrich Stern, eröffnet, der in feiner Anfprache auf die Hauptfragen der Tagung hinwies. Kammergerichtsrat Wo 1 f (Berlin) erflattete dann einen eingehenden Bericht über die allgemeinen Aufgaben des Landesverbandes. Direktor Karefki berichtete über Etatfragen fowie Anleihen an Gemeinden und den Stand der Verhandlungen über die Staatsbeihilfe. Dr. Klee erllattetc den Bericht des Subventionsausfchuffes der ungefähr J4.000 Reichsmark zur Verteilung brachte. Dr. Ismar Freund fügte noch einige Ergänzungen, insbefondere zur Frage der Staatsbeihilfen, hinzu, wobei er die Notwendigkeit der Schaffung einer einheitlichen Vertretung der deutfehen Gcfamtjudenheit betonte, da bereits jetzt gewifle feparitiflifchc Aktionen von einzelnen Verbänden die ganze Angelegenheit der Staatsbeihilfen aufs fchwerfle gefährden könnten. Die Generaldebatte eröffnete für die liberale Partei' Frau Paula Ollendorf, die mit warmen Worten für das Frauenwahlrecht in den jüdifchen Gemeinden cintrat. In ihren Ausführungen befchäftigte fie fich vor allem mit der Frage des Reichsverbandes und gab die Erklärung ab, daß die liberale Partei deffen Schaffung fördern wolle. Der Sprecher der jüdifchen Volkspartei, Dr. KoDenfdier, wendet fich gegen die Verletzung des demokratifchen Prinzips und die Verlängerung der Mandatsdaucr des Verbandstages. Erlles Bellreben fei die Schaffung einer Reichsorganifation,, die ohne Kompromille und ohne Partikularismus und Verletzung der Demokratie durchgeführt werden müffe. Die Parität muffe gewahrt bleiben, und eine Entrechtung der,,Olljuden dürfe nicht eintreten. Die Reichsarbeitsgemcinfchaft fei keine große Errungenfehaft. Seine Partei fordere die Anerkennung des Landesverbandes als KÖrperfchaft des öffentlichen Rechtes. Notwendig fei die Gründung einer dritten Kultuskommiffion, da die liberale und konfervative Kommiffion der Anfchauung keinen Raum gewähre, welche mehr das hillorifche Zufammengehörigkeitsgefühl der Judenheit betone. Befonders fcharf wandte lieh der Redner gegen die Austrittsdrohungen mancher Gemeinden. Wie für den einzelnen der Austritt aus der Gemeinde zu verwerfen fei, fo für die Gemeinde der Austritt aus dem Landesverband. Sehr bedauerlich fei es, daß der Verband feine Delegierten aus dem Bureau für Schäditfchutz zurückgezogen habe. Die Forderung nach einer jüdifchen Pädagogifchen Akademie dürfe man nicht aufgeben. Zum Schluß forderte er eine Sympathiekundgebung für die fchwerleidendc, ruffifdie Judenheit und begrüßte als befonderes Ereignis diefes Jahres die Schaffung der Jewish Agency. Audi Rechtsanwalt Horowitz, Geheimrat Stern (Mittelpartei), Juftizrat Brodnitz, befchäftigten lieh hauptfächlich mit der Olljudenfrage und vertraten den Standpunkt, daß ihnen nicht verwehrt werden loll, im religiöfen Leben der Gemeinden Einfluß zu gewinnen, dagegen fei es unmöglich, fie in ftaatsrcdhtlichen Fragen auf die gleiche Stufe mit deutfehen Staatsbürgern zu Hellen. Gegen diefe Ausfälle wandte fich mit aller Scharfe der Vertreter der jüdifchen Volkspartei, Benzion Fett, der darauf hinwies, daß die Olljuden Träger eines lebendigen jüdifdien Gedankens find und in der jüdifchen Gemeinde das Zentrum des gefamten jüdifchen Lebens fehen. Sic find es, die die Gemeinde nicht nur zu einer religiöfen Gemeinde degradieren lallen. Die jüdifche Gemeinde müffe als VoJksgemeinde der Ausdruck des gefamten jüdifchen Volkswillens werden, aus diefem Grunde fei die von den Liberalen' und dem Zentralverein propagierte Einführung eines Numerus clausus für die Olljuden unzuläffig. Nadi einer kurzen Auseincnderfetzung in der Frage der Stellung der Olljuden, in der Rechtsanwalt Heinrich Stern (Liberaler) feftftcllte, daß die liberale Fraktion fich in ihren Befchlüffen zum Judengefetz auf gleiches Wahlrecht für die Olljuden feftgelegt habe, legte Dr; Ludwig Tietz, als Vorfitzender des Budgetausfchuffes, den Voranfchhg für das Jahr 1730/31, in einer Gef amthöhe von 1,318.000 Reichsmark, vor. Der zweite Verhandlungstag begann mit Erörterungen über die Umgellaltung der Verfaffung des Landesverbandes und mit Beratungen über die Wahlordnung für den Verbandstag und den Rat. Die Beratung der Verfaffungsfragen begann mit einer Darlegung des Vertreters des Rates, Dr. Freund, der die Vorlage eilsgehend begründete. Er fdihjg eine Reihe von Aenderungen formaler Natur vor, zu denen verfchiedene Anträge der Liberal«! uad dar Jüdifchen Volkspartei Vorlagen- Muk g» Debatte über jhtbfleMdNtM «W daa voau