Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 121 (10.4.1930)
- Date
- 1930-04-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3053752-3053859-3053874--1662-3057030- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 DIE STIMME Nr. 121 Shaw—Macdonald Der Bericht der Shaw-Kommission hat, wie zu erwarten war, in der ganzen jüdischen Welt Entrüstung ausgelöst. Wenn auch die ersten Nachrichten die Ergebnisse der Untersuchungs- Kommission in einem weitaus schlechteren [Lichte erscheinen ließen, als sie sich später auf Grund der authentischen Auszüge aus dem offiziellen Bericht erwiesen haben, so konnte doch der Gesamteindruck nicht verwischt werden, daß die Untereuchungskommission bis auf Harry Snell in ihrer Darstellung, hauptsächlich aber in ihren Empfehlungen an die Regierung, eine antijüdische Stellung eingenommen hatte. Unter dem ersten Eindruck frug man sich, ob denn die Regierung Und die englische öffentliche Meinung ohne weiteres diesem Bericht zustimmen werden. Die i uhrende englische Presse hat, wie wir an anderer Stelle berichten, zum großen Teil sich gegen den Bericht ausgesprochen und die für den jüdischen Aufbau Palästinas geltenden Bestimmungen des Palästinamandates voll und ganz anerkannt. Der englische Premierminister Macdonald hat kurz nach dem Erscheinen de3 Berichtes anläßlich einer Interpellation des Führers der Konservativen, Baldwin, Gelegenheit genommen, den Standpunkt der Regierung klarzulegen. Macdonald verkündete von der Tribüne des englischen Unterhauses klipp und käar, daß England nach wie vor das Mandat in Palästina im Sinne der Balfour-Deklaration und der. international gewährleisteten Verpflichtungen ausüben werde und daß von irgendeinem Verzicht auf das Mandat seitens Englands gar keine Rede sein könne. Nicht minder wichtig ist jener Teil der Erklärung, in dem scharf betont wird, daß die englische Regierung im Einvernehmen mit den Bestimmungen des Mandates für. die Förderung der Idee der Schaffung einer jüdisch-nationalen Heimstätte in Palästina verantwortlich sei. Mit dieser Erklärung hat Englands Premierminister entgegen den Konklusionen der Untersuchungskommission nochmals vor aller Welt proklamiert, daß ungeachtet der arabischen Ueberfälle und sonstiger politischer Quertreibereien, England von der einmal übernommenen historischen Verpflichtung, in Palästina die Errichtung einer jüdischen Heimstätte zu fördern, nicht abkommen und sich in dieser Politik von niemandem beirren lassen werde. Die darauf abgegebenen Erklärungen der Parteiführer Baldwin und Lloyd George geben uns die Zuversicht, daß Macdonalds Antwort vom Parlament mit einer Mehrheit zur Kenntnis genommen werden wird. , . Wenn auch Macdonalds Erklärung, die jüdische Oeffentlichkeit beruhigt und nochmals den Beweis erbracht hat, daß Englands verantwortungsvolle Politiker ee mit der Balfour- Deklaration und dem Palästinamandat ernst nehmen, so -ist doch für uns Zionisten klar, daß wir unsere Aufklärungsarbeit konsequent fortsetzen und der politischen Tätigkeit gebührende Aufmerksamkeit schenken müssen, um in Zukunft vor etwaigen neuen politischen Ueberraschungen bewahrt zu werden. Noch stehen uns schwere politische Tage bevor. Die in London zurzeit weilende arabische Delegation wird wohl alles unternehmen, um unsere Position zu schwächen. Wir hegen aber die Hoffnung, daß auch diese Schwierigkeiten überwunden werden. Der Wille des jüdischen Volkes zur Erfüllung seines Jahrhunderte alten Ideals einer eigenen Heimat in Erez Israel ist viel zu stark als daß äußere Schwierigkeiten es an dessen Durchführung hindern könnten. sehen als ihre Mitbürger und Mitarbeiter, deren Bedürfnisse ihre Bedürfnisse sind und deren Zukunft ihre Zukunft ist, Oie Verwirklichung des Zionismus wird als die Schaffung einer neuen Öekonomie angesehen werden, nicht um die arabische Öekonomie tu ersetzen, sondern um sie tu ergänzen.» Ich glaube, daß diese Statements von jeder jüdischen Organisation in Palästina und von der zionistischen Bewegung in der ganten Welt gebilligt werden. Es kann deshalb angenommen werden, daß die Juden das Rächt der. Araber auf genügend Boden tu ihrem Lebensunterhalt anerkennen. Sie behaupten jedoch, daß diese nicht unvereinbar ist mit ihrer eigenen Forderung nach weiterem Boden zur Ansiediung. Sie betonen, daß es im wesentlichen eine Frage der Produktivität ist, daß die jetzige Bevölkerung nicht der Orenze der Absorptionsfähigkeit des Landes nahekommt und daß die auf jetzigen Kultivierungsmethoden basierten Schätzungen in keiner Waise als endgültig angesehen werden können. Die jüdische Forderung beruht auf der Annahme, daß durch intensivere Kultivierung und Kulturfähigmachung von jetzt noch brachliegenden Gebieten genügend Boden für die Bedürfnisse beider Rassen äuf viele Jahre hindurch verfügbar gemacht werden kann. Es wird dringend gefordert, daß nach dieser Richtung hin jede Anstrengung gemacht werden solle. Es ist meine wohlerwogene Ansicht, daß das Gedeihen Palästinas, wenigstens für die nächsten Jahre, von der erfolgreichen Entwicklung der Landwirtschaft und der Besserung der Landwirtschaftsmethoden abhängt. Ich sehe keinen anderen Weg, dies zu erreichen, als den durch jüdische Unternehmungen. Ich bin deshalb von der Notwendigkeit überzeugt, daß jüdischen Kolonisten ein fairer Anteil an allem verfügbaren Boden gegeben werden muß. Der Wunsch der arabischen Führer nach Selbstregierung ist durchaus achtbar. Er bildet einen Faktor, der in Rechnung gezogen werden muß. Aber ich glaube nicht, daß die Nichterhaltung eines sie zufriedenstellenden Maßes von Selbstregierung in irgendeiner Weise zu den Ausbrüchen beitrug. Meiner Ansicht nach kann Fortschritt In Palästina — womit ich den gemeinschaftlichen Fortschritt der beiden Völker meine — nicht auf den Richtlinien politischer Konzession erwartet werden, sondern eher durch sozialen und wirtschaftlichen Wiederaufbau und durch Öffentliche Sicherheit. Es ist wahrscheinlich, daß die Führer beider Rassen dann versagten, die Umstände und die Notwendigkeit einer dauernden Anstrengung zur Erreichung guter Beziehungen richtig zu würdigen. Die Juden besonders verwendeten ihre ganzen Energien darauf, eher den Körper der neuen Nation zu erbauen als ihre Seele. Ihr Volk kam überdies aus vielen Ländern und ihre verschiedenen Erfahrungen und Vorurteile mußten zu einem gemeinsamen Aspekt geformt werden. Sie hatten eine geliebte und alte Sprache wieder zu beleben und zu popularisieren; sie hatten die sozialen, wirtschaftlichen und administrativen Grundlagen zu einem großen Unternehmen zu legen. Unter diesen Umständen ist es meine Ansicht, daß trotz mancher Mißerfolge die Leistungen der Juden in Palästina in dem letzten Jahrzehnt so bedeutungsvoll sind wie nur irgend etwas, das in unserer Zeit sich ereignet hat. Deshalb glaube ich, daß trotz rassischer Differenzen und ungeachtet der tragischen Erengjüdischer fr’ationalfonds Graz jüdischer Liederabend Mittwoch, den 16, April 1930, um halb 9 Uhr abends Im K&mmertnuslksaal Hilda Dullckaja, Wien Lieder, Volkslieder (hebräisch und jiddisch), chasstdisehe, synagogale und Palästina-Lieder. Am Flügel: Frau Martha Freudmann. Karten von S 1.— bis S 5.— im Vorverkäufe bei: Alexander Landskroncr, Annenstraße 28, 'Tabaktrafik Paul Kletter, Joanneumrihg 5, Osias Liechtenstein, Bismarckplatz 6, Geschirrhan Ölung Julius Preis, Jakominiplatz 3, Möbelhaus Artur Preis, Annenstraße 11, Teppichhaus Samuel Weiß, Stubenberggasse 4. nisse vom letzten Jahre, sogar jetzt eine genügende Basis guten Willens auf beiden Seiten vorhanden ist, auf der beide Rassen gemeinsam bauen können. Einige Kritik ist am neuen jüdischen Immigranten geübt worden, Indem man ihm den erschrockenen und bescheidenen Vorkriegsjuden entgegengestellt hat. Aber durch eine solche Kritik geschieht den Immigranten Unrecht. Ihre Begeisterung wurde wohl als überlegte Provokation mißverstanden. Ich stimme dem zu, daß die Feindseligkeit der Araber gegen die Juden die fundamentale Ursache des Ausbruches vom letzten August war, aber Ich glaube, daß dieses Gefühl eher das Ergebnis eines Propaganda- und Aufhetzungfeldzuges als die Folge wirtschaftlicher Faktoren war. Ich stimme völlig überein, daß die Regierung Sr. Majestät erwägen sollte, ob es erwünscht sei, mit geringstmöglicher Verzögerung ein klares Statement der Politik herauszugeben, die sie in Palästina zu verfolgen beabsichtigt, und daß sie es klar machen solle, daß es ihre Absicht ist, diieser Politik mit allen Ihr zu Gebote stehenden Mitteln volle Wirkung zu verleihen. Ich erlaube mir vorzuschlagen, daß das Statement besonderen Nachdruck auf die Internationale Verantwortung der Regierung Sr. Majestät für die Erfüllung der Verpflichtungen legt, die sie in dem Mandat für Palästina übernommen hat. Ueberdies ist es meiner Meinung nach von der größten Bedeutung, daß die Absichten der Regierung Sr. Majestät, wenn über diese beschlossen worden ist, jedem erwachsenen Bürger Palästinas zur Kenntnis gebracht werden sollten, vielleicht durch, die Verteilung von Flugblättern in Jedem Dorf und durch Anschläge in hebräischer und arabischer Sprache, die die wesentlichen Punkte des Politik-Statements enthalten. Zweifellos Sind die Beziehungen gespannte, aber Palästina ist ein Land, wo die politische Atmosphäre sich schnell ändert. Und wenn die Lage mit Sorgfalt behandelt wird, könnte die Zusammenarbeit der beiden Rassen in dem Aufbau einer gedeihlichen palästinensischen Nation gesichert werden. Die größte Gefahr ist augenblicklich die, daß die arabische Erbitterung zu einer dauernden werden könnte. Die Führer der jüdischen Meinung sollen deshalb jede Anstrengung machen, um die Mißverständnisse auf der Seite der Araber zu beseitigen. Die wesentliche Notwendigkeit nach dieser Richtung ist, daß dde Araber davon überzeugt werden, daß ihre Befürchtungen für die Zukunft ihrer Rasse in Palästina sehr übertrieben sind, und daß keine Absicht weder auf der Seite der Juden noch auf der Seite der Regierung besteht, sie landlos zu machen oder ihre Interessen als Volk zu schädigen. Sie müssen die Versicherung erhalten, daß Ihre «zivilen und religiösen Rechte» nicht werden beeinträchtigt, sondern gleich denen jedes anderen Behob mto RESTAURANT M. OPERER1», WIEN, 2« BEZIRK, TABORSTR. 12 TELEPHON R-44-501 Feierliche 3EDERABENDE unter Leitung eines Kantors Voranmeldungen erwünscht Raklamsvarkauf der weltberühmten PALXSTINA-WEINE ns to 8n ItMinii Kellereien Han-le-2i Plombierte Oflginal-Flasche Karmel S 4.— Alle anderen Weine, Tokayer, Slibowitz — nur Qu all tätss ortenbilligst BBS völkerungsteile8 geschützt sein werden. Die Juden anderseits haben ein Recht darauf, gewiß zu sein, daß die Regierung ihre Verpflichtungen gemäß dem Mandat mit voller Berücksichtigung des Wohles beider Rassen durchzuführen entschlossen ist. Die Hauptprinzipien einer Beilegung des rassischen Zwistes sind die, daß die ganze Bevölkerung dazu gebracht wird, sich zu vergegenwärtigen, daß die Mandatarmacht vom Völkerbund mit feierlichen Verpflichtungen betraut worden ist, die sie zu erfüllen entschlossen ist, und daß eine jüdischarabische Nation eine Tatsache ist, mit der man sich abfinden muß. Als Entgelt für die Sicherheit an Leben und Eigentum, die der Staat übernimmt, muß jede Rasse der anderen das Recht zu leben zugestehen, muß jede Rasse die Religion und die sozialen Traditionen der anderen Rasse respektieren, und jede für sich muß zu der Entwicklung einer birassischen palästinensischen Nation beitragen. Als ein erster Schritt zu rassischer Zusammenarbeit würde es sich empfehlen, daß einige wenige Männer beider Rassen, von unbezweifelbarem Charakter und Einfluß, Zusammenkommen, und die Möglichkeiten gemeinsamer Bemühung zu gemeinsamen Zielen erforschen. Eine solche Zusammenkunft könnte den Weg zu einer größeren birassischen Konferenz mit repräsentativem Charakter bahnen, die über spezifische Vorschläge, betreffend das Wohl der Nation als Ganzes, sich einigen könnte. Damit angefangen, könnte die Bewegung für rassische Zusammenarbeit von den Führern auf die gewöhnlichen Bürger beider Rassen, wo immer sie Seite an Seite leben, ausgedehnt werden, gemäß dem Prinzip, daß das organisierte Leben einer Gemeinschaft auf der breitest möglichen Basis ruhen müsse. Weder die engere Zusammenkunft, noch die breitere Konferenz, noch irgendwelche in Dörfern oder Städten bestehende Komitees sollten es versuchen, das rassische Problem als solches zu lösen; diese Körperschaften sollten sich auf die Ergreifung praktischer Schritte zur Sicherung sozialen Aufstieges, interrassischer Gerechtigkeit und guten Willens beschränken. Ihr Einfluß würde sich auf das ganze Land ausbreiten, praktische, segensreiche Ergebnisse würden folgen, Verdacht würde besänftigt werden, und aus allen diesen Bemühungen würde eine Reserve an Verständnis und gutem Willen anwachsen, dazu angetan, rassische Schwierigkeiten beizulegen und Araber wie Juden in der Aufgabe zu vereinigen, ein glückliches und gedeihendes Land aufzubauen. General Smuts Sonderkommissär für Palästina? London» 4. April. (J. T. A.) „Morning Post“ verzeichnet das Gerächt, daß die Regierung die Absicht hege, einen Sonderkommissär mit Erfahrungen in der Verwaltung von Mandatsterritorien nach Palästina zu entsenden, der ein Gutachten abgeben soll, ob und wie die Empfehlungen der Shaw-Kommission hinsichtlich der Verwaltung des Mandates verbessert werden könne. Die Zeitung nennt General Smuts als den wahrscheilichen Sonderkommissär. ALBERT HARDT WIEN, I., FREISINGERGASSE N"1 (Sckö Bacrtpnrnaril) Original englische Datnenmänlel und Heppenmodesloffe