Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 120 (3.4.1930)
- Date
- 1930-04-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 120 DIE STIMME Seife 7 Die arabische Delegation Von Dr. Karl Schwager. Nach einer Jerusalemer Meldung der «Times» vom 25. März, hat endlich die arabische Delegation Palästina yerlassen. Damit scheint nunmehr der Streit beendigt, der ßchon seit Monaten die arabischen Konventikeln Palästinas wegen der Zusammensetzung dieser Delegation durchtobt hat und der so charakteristisch ist für die tiefere Bedeutung der politischen Strömungen innerhalb der Araberschaft Palästinas. Es ist nicht uninteressant/ die Persönlichkeiten unter die Lupe zu nehmen, welche die Forderungen der palästinensischen Araber vor der englischen Oeffentlichkeit vertreten sollen. Der Führer Muza Kasim Pascha, schon seit Jahren Präsident der arabischen Exekutive, ist als Gegner der zionistischen Bewegung nicht unbekannt, ebenso wie Hadr Amin, der Großmufti von Jerusalem, schon seit seinem Auftreten bei den Unruhen im Jahre 1920 und erst recht durch sein Verhalten im Vorjahre seine unbedingte Gegnerschaft gegen Zionismus und Mandatspolitik bezeugt hat. Beide gehören der einflußreichen Familie der Husseini an und es ist charakteristisch, daß als drittes Mitglied auch Rhagib Bey Nashashibi die Delegation begleiten wird, der langjährige Bürgermeister Jerusalems und Angehöriger der Familie Nashashibi. Die arabische Politik Palästinas erhält ihr Gesicht seit vielen Jahren im wesentlichen nur durch die Rivalität, die zwischen den beiden genannten Familien herrscht. Während in den westlichen Ländern die Parteien auf der Basis weltanschaulicher Differenzen oder wirtschaftlicher Interessengemeinschaft aufgebaut sind, spiegeln sich im orientalischen Palästina Reste der alten patriarchalischen Stammesgliederung noch in der Politik, selbst wenn diese auf neuen Wegen zu wandeln scheint. Der Kampf zweier reicher und angesehener Familien um die Machtposition im öffentlichen Leben spaltet das ganze Land in zwei feindliche Lager, denn hinter den an und für sich weit verzweigten Sippen stehen die vielen kleinen und kleinsten Nachläufer, die wirtschaftlich von den großen Herren abhängig oder ihre Protektion beim Wettiauf um Aemter und Postchen erhoffend, wie mittelalterliche Vasallen und Leibeigene den feudalen Herren den Rückhalt der «Massen» geben. Jener Rhagib Nashashibi, der jetzt als Anwalt des arabischen Volkes Arm in Arm und wenigstens nach außen hin eines Sinnes mit den Husseini nach London fuhr, wurde bekantlich nur durch die Unterstützung der jüdischen Wählerkurie Sieger im Wahlkampf um den Bürgertneisterstuhl Jerusalems, der nach dem famosen Wahlgesetz, — es preßt die jüdische Mehrheit der palästinensischen Hauptstadt in deren Vertretungskörper in eine Zwangsminorität — nichts anderes übrig blieb, als von den beiden Uebeln das anscheinend kleinere, nämlich die Nashashibis als Machthaber, zu wählen. Es bedeutet zweifellos in der arabischen Politik Palästinas' ein wichtiges Moment, daß durch die Beschickung der Delegation mit maßgebenden Persönlichkeiten beider rivalisierenden Familien eine sichtbare Einheitsfront geschaffen ist. Es muß der Zukunft überlassen bleiben, ob auch weiterhin die Gegensätze niedergehalten werden können. Der Advokat Auni Bey Abdul Hadi hat sich in den Tagen der Untersuchungskommission als einer der tüchtigsten Köpfe erwiesen, die die arabische Nationalbewegung aufzuzeigen hat. Er war als der Einheimische nach außen hin nur der dritte Mann neben den beiden Anwälten, welche sich die arabische Exekutive aus England verschrieben hatte. Aber die ganze Taktik der arabischen Vertretung vor der Shaw-Kommission war offensichtlich sein Werk und öfter als einmal hat er in temperamentvoller Weise die Führung der Untersuchung an sich gerissen. Daß gerade ihn Harry Sacher als einen jener arabischen Führer bezeichnen mußte, die vor Jahren eine arabisch-jüdische Koalition gegen England inspirieren wollten und erst vor der Untersuchungskommission ihre treuen Gefühle für Britannien entdeckten, sofern es nur von der Balfour-Deklaration abrücke, wird ihm in London vermutlich nicht schaden. Ebenso wenig wie der Großmufti ln London eine Minderung seiner Einschätzung durch den Umstand befürchten muß, daß er von der palästinensischen Polizei als politisch verdächtig auf einer Liste mit einer Reihe von jüdischen Arbeitern geführt wird, die ihrerseits wiederum durch ihre KundBiadiang Die Wiener Molkerei bringt auch heuer Pes- Sach-Koschermileh in allen ihren Filialen zum Verkauf. — Die Psssadi-Xoschermilcii wird in ihren Meiereien in Niederösterreich unter streng ritueller Aufsicht der von Sr. Ehiw. Herrn Rabbiner Dr. W. Rosemann bestellten religiös verlflDIlcben Organen DTOW eneuot. Jede Kanne u. jed,e Flasche ist mit einer Plombe, respektive mit einer Schleife versehen mit dem Aufdruck i-iüb -iiw nbn Wien, 3. April 1930 WIENER MOLKEREI kommunistische Agitation den britischen Beamten unliebsam bekannt sind. Gerade durch die Wahl solcher intransigenter Persönlichkeiten will die Exekutive vermutlich der Londoner Regierung die umräfeöhnliche Opposition ihrer Anhänger beweisen. Das fünfte Mitglied der Delegation ist Mr. Alfred Roch, ein Besitzer großer Orangerien in der Umgebung von Jaffa, der sich bis vor den Unruhen politisch nicht betätigt hat. Vor der Untersuchungskommission ist er aufgetreten und gab an, ein Abkömmling einer französischen Kreuzfahrerfamilie zu sein. Er soll jedenfalls das christliche Element in der Abordnung repräsentieren. Es wird sich darum handeln, welche Bedeutung man in London diesen Exponenten eines angeblichen arabischen Nationalwillens beimessen will. Mögen sich auch manches dieser Gesandten ihres Volkes sehr starrsinnig gebärden, — ein Gandhi ist nicht unter ihnen. Das wesentlichste aber ist die Frage: Wer ist das arabische Volk, das diese Leute zu vertreten vorgeben? Vier Großgrundbesitzer und ein Advokat — sind das die Abgeordneten eines Volkes von 700.000 Fellachen, kleinen Krämern, Handwerkern, Lastträgern und Hirten? Die arabische Exekutive proklamiert für Palästina die Forderung einer demokratischen Vertretung. Ist das Volk reif dafür, so müßten Leute aus seiner Mitte seine Wünsche vor der öffentlichen Meinung der Mandatsmacht vertreten. Vor wenigen Monaten ist in Haifa ein arabischer Arbeiterkongreß inszeniert worden. Es war offensichtlich ein Arrangement nationalistischer Kreise. Aber daß wenigstens der schöneren Aufmachung halber ein Vertreter des arbeitenden arabischen Volkes in die Delegation gehört hätte, scheint der arabischen Exekutive, die sonst sehr viel Talent für Regiekunst beweist, entgangen zu sein. Man mag sich ruhig vor Augen halten, daß es naturgemäß nicht leicht sein mag, in den breiteren arabischen Volksschichten repräsentative Persönlichkeiten zu finden; trotzdem bleibt die Tatsache bestehen, daß die arabische Delegation ganz unverfroren das wahre Gesicht der Politik enthüllt, die gegen das jüdische Nationalheim in Palästina geführt wird: Eine kleine Clique von Großgrundbesitzern gängelt eine Masse, die noch nicht kritisch genug ist, ihre Geschicke selbst in die Hand zu nehmen. Man müßte das Vertrauen für den demokratischen Instinkt der englischen Oeffentlichkeit verlieren, wenn diese Würstel-Biel I., SCHOTTENRING 14 I., FUHRICHGASSE 3 Delegation in London einen stärkeren Eindruck machen würde als den von Gentlemen im Fez, die für eine überlebte Feudalwirtschaft gegen den Ansturm eines neuen Prinzips Gönner suchen. Welch anderes moralisches Gewicht haben dagegen die Führer der zionistischen Sache! Für den Moment mögen zwar jene Delegierte behaupten können, daß sie die arabische Bevölkerung Palästinas führen, weil sie die beherrschen, und sie mögen vielleicht auf ihre Verbindungen mit anderen Machthabern der islamitischen Welt hinweisen können. Aber die Gärung, in der sich der Orient heute befindet, bedeutet, daß auch dort fünf Feudalherren nicht mehr lange den Willen eines Volkes repräsentieren werden dürfen. Nachdruck verboten. Purim In Tel-Aviv... Von C. Sirkes. Aus der Ueberlieferung, die in der Errettung des jüdischen Volkes — durch Frauenschönheit verbunden mit dem Frühjahrsbeginn — wurzelt, sind in Palästina, hauptsächlich aber in Tel-Aviv, am Purim Festlichkeiten zur Tradition geworden, die durch einige Tage alle Kreise der Bevölkerung in freudentrunkene Stimmung versetzen. Ein Maskeradentaumel, der sich. Tage und Nächte durch die mit bunten Lampions, Blumengewinden, wehenden Wimpeln geschmückte Straßen ergießt. Musik, Tanz, Gesang, Jubeln und Jauchzen angesichts des strahlenden Himmels, leuchtender Meeresfläche, heller Mondnächte. Es ist ein wahrer Freudenrausch, an dem auch die aus nah und fern versammelten Gäste teilnehmen. Beglückend ist die Vorfreude, die schon durch den Trubel der Vorbereitungen gezeugt wird. Wochenlang herrscht auf den Straßen, in den Geschäften reges Treiben. Die Hotels voll besetzt, alle Hände im Dienste der Festlichkeit tätig, neue Verdienstmöglichkeiten entstehen, die auch den Aermsten an den Purimfreuden teilnehmen lassen. Vor allem wird das Interesse gewidmet der Wahl der Königin Ester, der schönsten Frau, die den Kärnevalsumzug eröffnet und die Purimtage beherrscht. Hinter großen Spiegelfenstern prangen verheißungsvoll Preise für sinnreiche, geistvolle, schöne Madcen. Die Kostllmfrage: Stöße glitzernder, farbiger Stoffe gewinnen durch Phantasieblitze der Ideen Gehalt und Form. Und dann die Kinder, für die der Purim den Himmel auf die Erde zaubert, sämtliche Schranken von der trennenden Mitwelt aufhebt. Das Märchen wird lebendig. Dank bunten barven werden die Kin- Wm 6(£:aeraen... Zogal£aft(etten! Sogal^aMettttt ftnb unübertroffen jur 93efämpfung rheumatischer» gichtischer und nervöser Schmerzen, Kopfschmerzen, Erkältungskrankheiten. $ogal föeibet bie Sarnfüure aus unb gebt baber bireft gut SBurael be$ Üebel$ 1 2öenn §aufenbe non Slerjten biefeS Mittel oerorbnen, fömten auch Sie eg »erftaueng« ooU taufen, fragen Sie Sbre« $lwtl 3« allen Slpotbcten ireig S 2.40 der zu Pflanzen, Blumen, Gemüsearten, zu Vögeln, Tieren, zu Sternen und Mond. Sie werden in Prinzen, Mohren, Arabern, Beduinen, Räuber, Helden, Engel und Teufel verwandelt. Für sie werden in den Schulen, Kindergärten, öffentlichen Spielplätzen Feste veranstaltet, für sie stehen Kamele, Eselchen, Karussels bereit, für sie die knallenden Spielzeuge, Berge von Leckerbissen, für sie flammen Raketen, für sie schafft die Liebe Wunderdinge. Purim, Prinz Karneval in Palästina . . . Doch diesmal ... Es war, als hätte an den Toren des Landes der Frühlingsodem, der den Winter verjagte, dem freudebeladenen Gefolge des lustigen Prinzen den Einzug verwehrt. Der Schmerz wurde lebendig, mahnte . . . Frische Erde deckt die Gräber von Hebron, Safed, Mozah. Noch ragen im hellen Sonnenschein schwarzgeräucherte Trümmer, noch sind die Gefängnisse nicht leer. Die Sta-dtgemeinde hat als Zeichen der Trauer den Karnevalsumzug untersagt. Auch die Wahl der Königin Ester blieb aus. Der Purim rückte immer näher, doch diesmal wurden keine Vorbereitungen getroffen. Purim ist doch das Fest der Errettung des Volkes aus der Gefahr der Vertilgung. Wurden da nicht, wenn auch auf ganz andere Art, die Gefahren abgewehrt? Wurde nicht wiederum ein blutiges Blatt der Geschichte des Judentums eingereiht? Heuer sind es hellbesonnte Tage ohne Freudenrausch, ohne Jubel und trotzdem ein Fest. Auch diesmal. Das Fest der Solidarität. In diesen Tagen, die u,ns nur Freude sein sollten, erschallte der Mahnruf der Toten. Sie litten und starben für uns, für die Heimat, für die Freiheit, die uns nur hier blühen kann. Auf den Straßen sah man tagsüber nur die verkleideten Kinder. Der Mummenschanz wurde ihnen gewährt, doch ohne Feste, ohne Ueberraschungen. Vielleicht ist diesen Kindern ein Unrecht geschehen. Kinder haben keine Erinnerungen, für sie soll die Sonne keine Flecken, die Freude keine Grenzen haben. Ihre Rechte durften nicht geschmälert werden. Oder vielleicht ist es doch richtig, daß auch für sie der diesjährige Purim anders war als die anderen. Später einmal werden sie es verstehen . . . Und die Purimabende . . . Man versuchte mit aller Gewalt, der drückenden Stimmung zu entrinnen. Einige Veranstaltungen fanden doch statt. Kostümbälle. Man tanzte, lachte, konnte aber dennoch nicht richtig froh werden. Die T’^bfeder, an der die Freude aus den Tiefen sponte’ mvüchsig emporschnellt, funktionierte nicht. Und irgendwo — man fühlte es eher als wußte — wachten die Namenlosen. Heiße Augen in den silbrig gleißenden Himmelsbogen geheftet, still, im Lauschen versunken . . . Einsame, schirmende Seelen um die tanzende Stadt ... Thomas Mann in Tel-Aviv Jerusalem. (J. T. A.) Der deutsche Dichter und Nobel- Preisträger Thomas Mann, der gegenwärtig eine Reise durch ganz Palästina macht, traf in Tel Aviv ein und machte einen Rundgang durch die Stadt. Er erklärte seinen jüdischen Begleitern, daß die Anlage und der schnelle Aufstieg der Stadt seine Bewunderung erregen und daß er sich besonders über die vielen gesunden und schönen Kinder freue. Er traf in Tel Aviv mit hebräischen Schriftstellern zusammen und gab seiner Freude Ausdruck, daß hebräische Ausgaben seiner Bücher veranstaltet werden. Palästina-Weine Palästina-Jtlaxxottk Patästina-Ciangen sowie sämtliche Spezereiwaren HDB 'vif *1E>3 zu den billigsten Preisen liefert franko Haus, auch Provinzversand Sin. fomuef Malpeni Wien, II„ Förstergasse 6 Telephon R 40-4-1Ü Mitglieder der Rabattsektion des Keren Kajemeth erhalten 5 Prozent Rabatt.