Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 120 (3.4.1930)
- Date
- 1930-04-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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# Seite 8 DIE STIMME Nr. 120 Die Wiener Trauerkundgebung für Lord Balfour Samstag, den 29. März, fand im Festsaale des Hotels Continental die vom Zionistischen Landeskomitee für Oesterreich veranstaltete Trauerkundgebung für Lord Balfour statt. Die Feier, die gut besucht war, nahm einen sehr würdigen Verlauf. Herr Friedmann leitete den Abend mit einem Orgelpräludium ein. Sodann würdigte der Präsident des Zionistischen Landeskomitees, Herr Dr. Jakob Ehrlich, in einer längeren Rede Lord Balfours Persönsichkeit und Verdienste um das jüdische Volk. Dr. Ehrlich führte in seiner Rede folgendes aus: «Wir haben uns heute hier versammelt, um unserer Trauer Ausdruck zu geben, in die wir durch das Hinscheiden Lord James Artur Balfours versetzt worden sind. Er starb wohl in hohem Alter, nach schwerer Krankheit, sein Tod kam nicht unerwartet, und wenn wir ihn auch kommen sahen, hat uns die erwartete Nachricht aufs Tiefste erschüttert. Und unser Unglück wollte es auch, daß wir ihn zu einer Zeit verloren haben, in der wir seiner werktätigen Freundschaft in besonders hohem Maße bedurft hätten. Einen großen Staatsmann, einen Denker und Philosophen von Rang, einen großen Menschen hat das englische. Weltreich verloren. Wenn sein Name in der Geschichte Englands weiter leben wird als des Staatsmannes, der durch Jahrzehnte die stärkste Persönlichkeit des englischen Unterhauses war, der seinem Vaterland unschätzbare Dienste geleistet hat, so müssen wir uns doch sagen, Englands Geschichte ist reich an großen Männern, und es sind Männer in sie eingezogen, deren Ruhm auch den hellen Stern Balfours verdunkeln kann. Er hat gewiß seinem Vaterland unvergängliche Dienste geleistet: als Parlamentarier, als politischer Führer, als Minister; als Statthalter in Irland zu einer Zeit, die schwer und sorgenvoll war für England: als erster Lord der Admiralität gegen Ende des Weltkrieges, in welcher Stellung sein jugendfrischer, schöpferischer Geist Erstaunliches leistete; und schließlich hat er nicht am wenigsten zur Entscheidung des Weltkrieges zugunsten der Alliierten beigetragen, als er im Weißen Hause von Washington seine berühmte Rede hielt, die den Eintritt der Vereinigten Staaten von Nordamerika zur Folge hatte. Das alles sichert ihm im höchsten Maß die dankbare Erinnerung seiner Nation. Aber England hat viele große Männer, wir Juden aber nur wenige große Freunde. Und an Balfour haben wir einen Freund verloren, einen guten, weisen, dabei aber mächtigen Freund, wie uns ihn das Schicksal nur nach unendlich langen, Abschnitten unserer tausendjährigen Geschichte zu schenken pflegt. Und deshalb ist es keine Unbescheidenheit von uns, sondern der Ausdruck unserer tiefsten Dankbarkeit, wenn wir sagen, daß Balfours Name deshalb unvergessen bleiben wird, weil er nicht vergessen werden wird in der Geschichte, der Menschheit, solange jüdische 'Menschen auf dieser Erde, leben werden. Viele von uns erinnern sich der Festrede unseres unvergeßlichen Chajes, die er bei einer Makkabäerfeier gehalten hat, in der er ausführte, daß in unserer Geschichte sich ähnliche Ereignisse zu wiederholen pflegen und in der er viele Ereignisse unserer Zeit mit der Zeit des Endes des babylonischen Exils und des Auszuges der Juden nach Judäa verglichen hat. Und cs fordert tatsächlich Vieles zu einem Vergleich heraus. Und so hat auch Weizmann, als er unter dem unmittelbaren Eindruck der Todesnachricht in der letzten Sitzung des Aktionskomitees in London dem Schmerz der zionistischen Weltorganisation Ausdruck verlieh, mit voller Berechtigung ausgerufen, daß Balfours Name in der jüdischen Geschichte fortleben wird wie der Name des Perserkönigs Cyrus. Aber gerade angesichts solcher Gedanken können wir erst ermessen, welchen unendlichen Verlust wir erlitten haben. Wenn wir zweieinhalb Jahrtausende in unserer Geschichte zurückblättern müsse.., bis wir auf einen Namen stoßen, dessen Bedeutung für die Entwicklung unserer Geschichte sich vergleichen läßt mit dem, was Batfour für unser Volk getan hat, dann sehen wir erst, v/as wir verloren haben, und das Gefühl schmerzlichster Vereinsamung muß uns erfassen. RESTAURANT OPERER iw Wien, 11., Taborstraße 12 (Hotel Stephanie) Erstrangige Wiener und polnische Küche. — Menü Suppe, Braten, Beilage, Mehlspeise S 2.601 La Gratar, Original rumänische Rostspeisen: Pastramä, Pepene murati. Täglich frische Pfefferkarpfen r noD ■?» -isn Spezia! ioo o/* Fettgehalt Gelb, geschmeidiges Pflanzenfett, überall erhältlich Unter Aufsidit des Herrn Oberrabbiner Fürst (Schiffsschul} Als Balfour seine berünmte Proklamation erließ, welche den Grundstein bilden soll für die Errichtung der nationalen Heimstätte der Juden in Palästina, und noch lange nachher, sind allerorts Neunmalweise aufgestanden, welche dieser Erklärung jede ernste und insbesondere jede ideelle Bedeutung nehmen, sie als einen Akt der Opportunitätspolitik Englands hinstellen wollten, als ein Kriegsversprechen, dessen einziger Zweck angeblich gewesen sei, der kämpfenden Alliierten die Sympathien des Weltjudentums zu erwerben. Sie konnten es nicht glauben, daß ein Balfopr in Wirklichkeit erfüllt und beeinflußt war von dem Geist der Bibel, von den Verheißungen der Propheten, sie konnten es nicht verstehen, daß der Gedanke der Rückkehr der Juden nach Palästina bei englischen Schriftstellern gerade aus dieser Einstellung heraus seit Jahrhunderten immer wiederkehrtc, und daß er immer dann, wenn Ereignisse im nahen Orient gewisse Umwälzungen anzukündigen schienen, den Gegenstand ernstlicher Erörterung bildete. Und so wurde auch für Balfour die Rückkehr der Juden nach Palästina eines der Kriegsziele der Alliierten. Und unvergessen werden ihm die Worte bleiben, die er im englischen Unterhaus einem Interpellanten gab, der ihn über die Zweckmäßigkeit der englischen Palästina-Politik befragte; «Die Rückgabe Palästinas an ike Juden ist kein Akt von Opportunismus, sondern die Tilgung einer weltgeschichtlichen Schuld.» 4 Schon fast zwei Jahrzehnte vorher hatte Balfours Geist, der gewohnt war, an das Ende der Probleme zu gehen, den Gedanken erfaßt, daß eine Lösung der Judenfragc nur möglich sei, wenn .es gelänge, große Massen von Juden auf einem Territorium, anzusiedeln, wo sie ungestört und geschützt vor. Verfolgungen in friedlicher Arbeit imstande wären, ihre Eigenart fortzubildeit.' Daß dieser Boden nur Palästina sein könne und ein. anderer hiezu ungeeignet sei, mag damals seiner Ueberzeugung noch nicht entsprochen haben. Und so sehen wir ihn schon in den jahren 1901 und 1902 an der Seite Mr. Chamberlains, als dieser den Zionisten Uganda zur Massenansiedlung anbot. Es ist bekannt, daß der Zionismus dieses großmütige Angebot nicht annehmen konnte, als Nachtasyl nicht, wie es von Max Nordau bezeichnet worden war. Und Balfour hat dies später sehr wohl begriffen, und in seiner Einleitung zur Geschichte des Zionismus von Sokolow schrieb er die denkwürdigen Worte; «Der Plan war sicherlich gut gemeint und hatte große Vorzüge. Aber er hatte einen ernsten Fehler: es war eben kein Zionismus.» In der Zwischenzeit hatte Balfour den Weg vom einfachen Judenfreund, der sich mit den Verfolgungen der Juden im zaristischen Rußland beschäftigte und dem auch sonst das jüdische Problem naheging, dem die Judenfrage auch durch ein Memorandum der Chowewe Zion näiiergerückt war und dem es ursprünglich nur darum gegangen war, die Juden von grausamen Verfolgungen in. Sicherheit zu bringen, zum lOOprozentigen Zionisten gefunden, eis welchen er sich mit Stolz bezeichnete. Und nur weil er die Wahrheit und Schönheit des zionistischen Gedankens erfaßt hatte, war die Erlassung.der Balfour- Deklaration möglich. Einen wahren Freudentaumel hat sie'in den jüdischen Massen hervorgerufen. Die Kriegsfurie war über die Länder der jüdischen Massensiedlungen mit besonderer Wut dahingerast. In tiefste Hoffnungslosigkeit waren die jüdischen Massen des Ostens versunken, denen der Krieg nichts bringen konnte und alles genommen hatte. Dazu erhob der Judenhaß, bestärkt durch die Wehrlosigkeit unseres Volkes, die verleumderischesten Beschuldigungen gegen die Juden. Trotz der unerhörten Opfer, die wir überall gebracht hatten und die in Nichts zurückstanden hinter den Opfern :der übrigen Völker, erhob sich überall die nichtswürdige Beschuldigung, die Juden hätten nicht ihre Pflicht erfüllt, das Märchen von der jüdischen Feigheit, vom jüdischen Verrat. Und gerade in dieser Zeit der größten Erniedrigung, des größten Unglücks, der erschütterndsten Massenkatastrophen kommt die Balfour-Deklaration, wird uns verkündet, daß die britische Regierung mit Wohlwollen die Schaffung einer nationalen Heimstätte für die Juden in Palästina betrachtet und die größten Anstrengungen machen wird, um die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern. Und wie uns Balfour im November 1917 zur Zeit unserer größten Not die Freundeshand eines großen Volkes entgegen-' streckte und wir ihm hiedurch eine sittliche Erhebung sondergleichen verdanken, blieb er aiich weiter unser Freund in den Tagen der Freude und der Not. Mit ganzer Seele und mit ganzem Herzen hing er an dem Werk, mit dem sein Name verknüpft bleiben wird. Als 78jähriger Greis unternahm er die beschwerliche Reise nach Palästina, um die hebräische Universität in Jerusalem zu eröffnen. Er bezeigte unserer alten neuerstandenen Sprache seinen Respekt, indem er den ersten Satz seiner Eröffnungsrede hebräisch sprach. Und hoch beglückt war er, als er sich von den Fortschritten überzeugen konnte, die das Aufbauwerk seit Kriegsende gemacht hatte. Und nochmals zeigte sich in düsteren Tagen wenige Wochen vor seinem Tode seine treue Freundschaft. Die Augustereignisse in Palästina hatten die jüdische Welt aufs Tiefste erschüttert. Wir waren nicht nur niedergedrückt von dem großen Unglück, das über Erez Israel gekommen war, wir waren aufs Tiefste betroffen von der ruhigen Gelassenheit, mit welcher ein großer Teil der englischen Oeffentlichkeit die Ereignisse aufnahm. Die barbarischen Greueltaten unkultivierter Räuberhorden hatten in weiten Kreisen nicht nur nicht das Gefühl des Abscheus, sondern vielfach feindselige Kundgebungen gegen unser Volk hervorgerufen. Wir haben eine Untersuchungskommission in Palästina ihres Amtes walten gesehen, deren Verhalten uns oft auf das Schmerzlichste überraschen mußte. Es schien uns oft, als ob uns nicht die Rolle des Anklägers, sondern des Angeklagten zugeteilt wäre. Man hatte nicht immer den Eindruck, als ob die Kommission 12 Jahre nach der Balfour-Deklaration, 10 Jahre nach Sa« Remo stattfinden würde, es schien oft, als ob wir uns dafür verantworten müßten, daß wir nach Kräften besterbt sind, jenes Werk aufzurichten, von dem es in der Balfour-Deklaration heißt, daß es von der englischen Regierung mit Wohlwollen betrachtet wird und dessen Durchführung Gegenstand des an England übertragenen Mandates ist. Wiewohl sich die ganze Welt im Klaren darüber war, daß die Ereignisse in Palästina nur der Unfähigkeit der englischen Administration zuzuschreiben, trotzdem man aus dem Munde der Regierung zu hören bekam, daß sie nicht daran denke, an den Grundprinzipien der Balfour-Erklärung etwas zu ändern, hat man bisher nichts davon vernommen, daß ein englischer Beamter zur Verantwortung gezogen worden wäre oder daß diie wirklichen Drahtzieher und Arrangeure des Aufstandes behelligt worden wären. Und da war es wieder Lord Balfour, der seine Stimme fiir uns erhob und das Gewissen des Parlaments aufzurütteln versuchte. In Gemeinschaft mit Llöyd George und anderen Freunden unseres Volkes hat er in einem Antrag, aus welchem ganz eindeutig seine Ansicht über das Versagen der englischen Verwaltung zum Ausdruck kam, die Einsetzung einer Subkommission verlangt, die sich mit der Frage der Revision der Verwaltung in Palästina befassen sollte. Und so galt seine letzte Sorge unserem Werke. Uebcrall wo Juden wohnen, ist in diesen Tagen Balfours gedacht worden. In unzähligen Aufsätzen der jüdischen Presse der ganzen Welt wurden seine Verdienste um unser Volk gefeiert, in unzähligen Versammlungen wurde und wird über diesen einzigartigen Mann gesprochen, dessen Popularität in der jüdischen Welt beispiellos ist und dessen Bedeutung für unsere Zukunft heute erst gar nicht abgeschätzt werden kann. Und so huldigen auch wir heute hier, vom Schmerz erfüllt über unseren ungeheuren Verlust, voll Bewunderung für die Größe dieses Manes, voll ehrfürchtigen Dankes für die unsterblichen Dienste, die er unserem Volke geleistet, dem teuren Toten. Und wenn wir in wenigen Tagen wieder in festlicher Stimmung vom Auszug aus Aegypten erzählen werden, die uns Wunsch und Verheißung gleichzeitig sind «Leschonoh habooh bijeruscholajim», da wird es kaum einen Seder geben, an dem nicht'des Mannes gedacht werden wird, der diesen alten Worten einen neuen Sinn gegeben hat, sein Andenken wird gesegnet werden und gesegnet sei es bis in die fernsten Zeiten.»1 Nach der eindrucksvollen Gedenkrede Dr. Ehrlichs sang Oberkantor Margulies, begleitet vom Orgelspiel, die «Hati'kwah». Xeop&ld fdkistfoa Wien, II., Krttmmbaumgasse 1 Telephon R 47-2-63 offeriert sämtliche Spezerei waren noe *?w bestens und billigst. , Provinzversanü, Der kleinste Versuch genügt, um sich von der Güte der besten amerikanischen nOROWITZ-n/HMtARCTHEN niZZOTH und Grieß zu überzeugen. Generalvertretung: Brüder WEINREB, Wien. 11., Taborstr. 62 T«r«ph«n