Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 119 (27.3.1930)
- Date
- 1930-03-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 DIE STIMME Nf. 119 Die jüdischen Frauen in der romantischen Schule Von Ottiiie G r ö b 1. «Wenn die Größe eines Volkes sich messen läßt an der relativen Zahl seiner hervorragenden und bedeutender Kinder — steht das Judentum zweifellos an erster Stelle!» Als die ersten Aeußerungen der Sturm- und Drangjriode vorübergezogen waren, begannen die Gründer der romantischen Schule ihr reges Werk. Eine junge Schar begabter und fleißiger Freunde, die noch lebhaft an die Stürmer und Dränger gemahnten, vereinigte sich in Jena zu eifriger und anregender Arbeit. Fichte und Schölling waren ihre Meister. 1797 ist das Geburtsjahr der «Romantischen Schule» oder der Neuromantik der neualtdeutschen «religiös» patrotisehen Kunstgenosseuschaft. Gleichzeitig mit der französischen Revolution hat also auch Deutschland eine Revolution und zwar die literarische. Die erste Regung dieser literarischen Umwälzung verdankt ihr Motiv den romanischen Völkern, daher die Benennung «romantische Schule». Durch zwei große Tatsachen brachte Frankreich die Verkündigung dieser Richtung: durch die Revolution und Napoleon. Doch Deutschland verlieh dieser Schule die eigentlichen Prinzipien und vollzog die epochemachende Verwertung und Verarbeitung dieses Motivs. Der Ursprung dieser neuen Aera wurzelt ganz in der vorangegangenen genialen Sturm- und Drangperiode, somit waren die deutschen Klassiker, deren hauptsächliches Bestreben die Pflege des Ideals bildet, die eigentlichen Vorläufer der zweiten Romantiker. Und in dieser Zeit sichert sich bereits jüdischer Geist durch Moses Mendelssohn im deutschen Schriftum einen hervorragenden Platz und wirkt befruchtend auf seine großen Zeitgenossen in Literatur und Kunst (Chodowiecki- Lessing). Das Ideal der Romantiker ist die Identität von Poesie und Leben, an eigenem Leibe und eigener Sache wollten sie die Identitätsphilosophie offenbaren, indem sie Geist und Natur zugleich sein wollten. Was einstens Weimar, ward nachher Jena. Nun erhält im literarisch-künstlerischen Leben jener Tage nebst anderen hervorragenden Frauen die jüdische Frau eine ganz bedeutende Rolle. Diese neuangebrochene Aera entsprach nämlich ihrem heißen Wunsch nach Emanzipation! Frauen wie Henriette Herz, Rahel Varnhagen, Dorothea Mendclsohn u. v. m. beherrschten damals die Geselligkeit von Berlin und Jena. Mit vollem Recht durften sie sich eines starken Einflusses auf die in ihrem Kreise sich bewegenden Dichter und Denker rühmen. Mit aller Kraft ihrer Seelen streben sie nach dem «literarischen Salon» der ihrem Glücksbegehren einigermaßen Genüge leistet — denn der theoretische Begründer und Wortführer der Romantischen Schule, Friedrich Schlegel, hat seih machtvolles Schlagwort bereits geprägt: Schafft eine Möglichkeit, eine Luft, eine Umgebung einen «Salon» für das Geniale und exzentrische Individuum, wo es sich ausleben und auf die spießbürgerliche Menge mit souveränem Hohn herabblicken kann. Und diesem Programm gemäß schufen jene Frauen ihre «Salons», welche Tummelpunkte geistiger Elite wurden und wo die hervorragendsten Deutschen Denker und Dichter ihre rege Tätigkeit entwickelten, durch ihre kritischen und wissenschaftlichen Arbeiten die deutsche Aesthetik förderten, großen Gelehrten neue Bahnen wiesen, gegen schroffen Familienzwang opponieren und eine weitgehende Freiheit der Lebensführung entwickeln konnten. Unter den sich in dieser Amtosphäre bewegenden Frauen ist besonders bemerkenswert Mendelssohns älteste Tochter Dorothea Mendelssohn. Sie heiratete im Alter von 15 Jahren den Bankier Veit, einen Mann von äußerst vornehmer Gesinnung und lebte mit ihm durch viele Jahre in glücklicher und kinderreicher Ehe bis zum Zeitpunkte, da sie Friedrich Schlegel kennen und lieben lernte. Sie inspirierte Friedrich Schiege! zu seinem größten Werke Luzinde, was ganz Berlin damals genau wußte — dieser Roman, dessen Inhalt seine eigenen Erlebnisse, sein ganzes Privatleben darstellte, war ein Muster von rein romantischer Poesie, den er, wie er behauptete — seines zeitlichen und ewigen Glückes wegen schrieb. Im Jahre 1799 läßt sie sich von ihrem Gatten scheiden, verläßt den Gatten, Kinder und Glauben ihrer Väter um Friedrich Schlegel zu heiraten. Und nun ist sie als Dorothea Schlegel dank ihrer vom Vater ererbten ganz besonderen Klugheit, gediegenen Bildung und köstlichem Mutterwitz, Gegenstand allgemeiner Bewunderung. Dorothea war seine erträumte Ergänzung, sie ward auch nachher seine unentbehrliche geistige Stütze und Ratgeberin. Als seine Frau, arbeitete sie mit ihm gemeinsam, las, gab Rezensionen heraus und wurde durch das anmutige Geplauder ihrer zu v ahren Kunstwerken sich erhebenden Bride berühmt. Was darauf folgte war — bitterste, traurigste Enttäuschung. Nach Seopotd SdkistAa Wien, II., Krummbaumgasse 1 Telephon R 47-2-63 offeriert sämtliche Spezerei waren riDB bv “nw bestens und billigst. Provinzversand. schweren, kummervollen Jahren mußte sie Wiederaufnahme in ihrem einstmaligen Familienkreis suchen. Doch unvergänglich ist ihre Mitwirkung wie auch all jener Jüdinnen. An der Entwicklung der «Romantischen Schule», sie bildet ein starkes und wichtiges Moment, doppelt so wichtig, da die Anregungen dieser Literaturrichtung noch heute mächtig fortwirken. WIZO in aller Welt Aden Die kleine WIZO-Gru-ppe in Aden, die kürzlich ihre Tätigkeit begann, leistet wahre Pionierarbeit unter den Frauen dieser versprengten jüdischen Gemeinde und erweckt auch dort Interesse und Eifer für unser Werk. Argentinien Die WIZO-Gruppe in Buenos Aires hat bereits einen großen Teil ihrer VerpflichtU'ngen gegenüber der von ihr unterhaltenen Mädchenfarm Afuie erfüllt. Sie ist heute eines der aktivsten Zentren der WIZO. Australien und Neuseeland Diese Länder wurden kürzlich Von Frau Henriette Irwell, Mitglied der WIZO-Exckutive, in Begleitung von Frau David Nathan, Präsidentin der Neuseeländer Gruppe bereist. Baltikum Unter den WIZO-Gruppen in den baltischen Ländern zeichnen sich besonders Riga und Libau (Lettland) durch rege Aktivität aus. Li'bau hat einen Teil seines Budgets bereits überwiesen. Derzeit befindet sich Frau Kurt Blumenfeld, Berlin, auf einer Vortragsreise durch die Städte des Baltikum. Belgien Die WlZO-GFuppe hat bereits einen Teil ihrer Budge:- quote erfüllt und geht mit Eifer an die Durchführung des Mitglieder-Drives. Um dieser Arbeit besonderen Nachdruck zu verleihen, wurde Dr. Martha Hofmann von der Antwerpener Gruppe zu einer Vortragsreise eingeladen, und wird sicli Ende März für einige Tage von London dorthin begeben. Chile In der letzten Zeit haben sich auch im Süden Amerikas Frauengruppen begeistert der VVIZO augeschlossen und in der letzten Zeit nahezu 200 Pfund Sterling überwiesen. China Die Charbiner Gruppe zählt bereits 208 Mitglieder und bemüht sich weitere Mitglieder zu werben. Deutschland Die Arbeit sowohl in Berlin wie im Reiche ist end* scheidend bestimmt durch die Vereinigung der bisher getrennt arbeitenden Gruppen, WIZO und Kulturverband, zu einer einheitlichen Föderation. Die neue Föderation hat bereits einen großen Teil ihres Budgets an itns überwiesen. Frankreich Die «Union des Fenmies Julves Francaises poiif la Palcstinc», französische Föderation der WIZO, hat bekanntlich anläßlich der WIZO-Konferenz in Zürich das volle Budget für das Mothcrcraft Training Centre in Tel- Aviv übernommen und einen beträchtlichen Teil der Quote bereits überwiesen. Groß-Britanniea und Irland In den letzten Tagen des Jänner fand in London die 11. Jahreskonfercnz der «Federation of Wb men Ziönists* statt. Im Anschluß an diese Konferenz wurde in England der Mitgüeder-Drive mit . vorbildlicher Energie durchgcfiihrt und auch die Arbeit für den Keren Kajemeth sowie die Vorbereitungen für das jährliche große Gartenfest, welches das bedeutende Budget unserer englischen Föderation garantieren soll, in Angriff genommen. Holland Die Gruppen Amsterdam und Rotterdam haben seit dem Besuch des Exckutivmitgliedes Frau Sieff im November vorigen Jahres besonders intensive Arbeit geleistet und einen großen Teil ihrer Budgetquota überwiesen. Im Jänner d. J. erließ die Joodsclic Vrouwenvereeniging ein Manifest an die jüdischen Frauen Hollands, worin sie alle zur praktischen Mithilfe an unserem Aufbauwerk einlud. Italien Die «Associazone delle Donnc Ebree d'Italia» mit dem Zentralkomitee in Mailand, hat durch Erhöhung ihres Budgets einen erneuten Beweis ihres Verständnisses für die Bedürfnisse Palästinas gegeben. Frau Margulies-Aucrbach (Tcl-Aviv) wird dieses Land, in dem sie lauge frciWiirkt hat, auf Ersuchen der Exekutive demnächst bereisen. Jugoslavien Die Vorfälle in Palästina batten eins Verstärkung und Intensivierung der WIZO-tArbeit zufolge. Die Mitgliederzahl und das Interesse fiir zionistische Frauenarbeit wurde bedeutend gehoben. Kanada Das reguläre Budget für die von der WIZO-Gruppe der kanadischen «Hadassah», erhaltenen Lehrfarm Nahalal ist teilweise überwiesen worden. Während der Unruhen überwies die kanadische Föderation 2000 Dollar für das Säuglingsheim in Jerusalem. Polen Anfang Februar fand auf Einladung des Zentralkomitees der WIIZO, Warschau, eine Konferenz statt. Es wurde die Schaffung eines Oberrats der WIZO- Föderationen der Polnischen Republik beschlossen, def alle drei Monate seine Sitzungen abhalten wird u. zw. abwechselnd in Warschau, Lemberg und Krakau, und der sie Formulierung eines sozialistischen Gedankens. Beruria nimmt sogar an einer Gelehrtendiskussion über Reinheit und Unreinheit teil, welche Kapitel bekanntlich zu den schwierigsten und wichtigsten Partien des jüdischen Gesetzes zählen. Ihre diesbezüglichen Ansichten werden genau so wie die eines Tannaiten (eines Gesetzeslehrers) im Talmud zitiert und zwar nach der obligaten Form des Mischnastiles, wie z. B. R. Meir sagt, oder R. Akiba sagt, heißt es an dieser Stelle: Beruria sagt: Ihre Ansicht wird auch angenommen. «Recht hat Beruria», sagt R. Jehoschua. Wie wenigen ist diese wundervolle Frauengestalt bekannt. Uns Frauen, die nicht würdig waren, Thora zu lernen, hat man die Geistesblüten der antiken jüdischen Kultur vorenthalten und die Mäner, die nur der Halacha, dem Gesetzesstudium sich widmeten, übersehen und kümmerten sich wenig um die Poesie im Talmud, um die Agada. Die Phantasiegestalten fremder Literaturen, wie ein Gretchen oder eine Solvejg, für uns Juden Schöpfungen fremder Kulturen, sind uns bekannt und mit Recht ans Herz gewachsen. Die Gestalten unserer Vergangenheit, wie Rachel und Beruria, schlummern den Dornröschenschlaf, verschlossen in den düsteren Folianten des Talmuds, und warten geduldig, bis auch sei einmal erweckt und Leben annehmen werden. Neben der zarten, rührend schönen Gestalt der Rachel*), die eine Charakterstärke und eine Treue verrät, die ins Ueberdimensionale wächst, erscheint die Gestalt der geistessprühenden Beruria, als die einer hochgebildeten Frau von einer heroischen Seelenstärke, wie die Agada anläßlich des Todesfalles ihrer beiden Söhne berichtet. In solch einem fürchterlichen Falle, wo eine Mutter zwei Söhne auf einmal verliert, würde auch die stärkste Frau zusammenbrechen, der Mann wäre es dann, der sie stützen und mit größter seelischer Kraftanwendung beruhigen müßte. Hier geschieht es anders, die Frau trachtet mit der größten Seelenruhe in erster Reihe den Sabbath nicht zu verletzen, reicht dem Manne den Becher für die Hawdala und das Nachtmahl, ruft dann eine geschickte Diskussion hervor, um aus dem Munde des unglücklichen Vaters das zu hören, was sie ihm hierauf im Augenblicke " *) Siehe «Stimme» Nr. 108, 100 seines Zusammenbruches als seine eigene Behauptung zu vergegenwärtigen hat, itm vielleicht seine Auflehnung gegen das von Gott Gegebene abzuschwächen und ihn so vor einer Sünde zu schützen. Während R. Meir sich wie ein Verzweifelter gebärdet, mahnt sie ihn resigniert, die Worte Hiobs wiederholend, dessen Schicksalsschläge noch um -.in Vielfaches die des R. Meir übersteigen, indem sie sich in das Schicksal fügt und sagt: «Gott hat gegeben, Gott hat genommen, gelobt sei der Name Gottes.» Die Geschicklichkeit, mit der sie den mit ihr diskutierenden Abtrünnigen abweist oder mit R. Meir disputiert, spricht dafür, daß Beruria nicht nur in der Thora wie ein gelehrter Mann bewandert war, sondern daß sie sogar die usuelle pilpulistische Form der Diskussion anzuwenden verstand. Die Antwort, die sie dem R. Josi Hagaiili gibt, beweist auch, daß Beruria auch in der Bibel bewandert war. Der Ausspruch daher, daß «das Gespräch der Weiber nur Buhlerei betrifft», dürfte bei dieser Frau nicht zutreffen. Und dennoch wird diese einzig und allein im Talmud dastehende Frau, deren Geistesvverte und Vorzüge die Agada unterstreicht, durch die Agada selbst entwürdigt. Nicht einmal diese einzige Frau wollte jene Zeit gelten lassen. Doch ganz unglaubwürdig klingt die Geschichte über Beruria und den Schüler, die sie der Aureole beraubt und die nur Raschi in Awoda Zara 18 überliefert. Die geistigen Werte dieser selten klugen Frau, ihr Ernst und ihre Seelenstärke, stellen im krassen Widerspruch zu dieser Tat, der sie beschuldigt wird. Diese in Raschi enthaltene Agada lautet folgendermaßen: Als Beruria die Gelehrten verspottete, weil sie den Ausspruch: «Alle Frauen sind leichtsinnig» prägten Und sie selbst ihrer Werte bewußt, sich als lebender Protest gegen diesen Ausspruch betrachtete, da wurde ihr zur Strafe, weil sie den Mut hatte, die Gelehrten zu verspotten, eine Untat angedichtet, weiche diese kluge Frau und Ideale Gattin ihrer Aureole beraubte. So erzählt die Agada, daß R. Meir selbst, um ihr zu beweisen, daß der Ausspruch ohne Ausnahme auf alle Frauen, Beruria nicht ausgenommen, anzuwenden sei, einen seiner Schüler beredet, Beruria zu verführen. Tatsächlich gelang es diesem Schüler, sie zu Verführen, und als sie erfuhr, daß sie in eine Falle gelockt wurde, beging sie Selbstmord und R. Meir flüchtete vor Schande nach Babylonien. Die soziale Ungerechtigkeit jener Zeit, die alle Frauen ohne Ausnahme und ohne Rücksicht auf ihre Werte, wie es eben die Geschichte der Beruria beweist, auf die Stufe der absoluten Minderwertigkeit herabdrückte, fand, wie aus manchen schönen Agadot und Aussprüchen über die Frau zu ersehen ist, nicht bei allen Gelehrten Widerhall. Eine Agada z. B. betont ausdrücklich clie Ungerechtigkeit des damals herrschenden Gesetzes der Frau gegenüber. Als Moses den Boden an die Söhne Israels verteilte, jedoch nicht an Frauen (Bamidbar 27.), da kamen die Töchter Zlofchads vor Moses, die Fürsten und die ganze Gemeinde und sagten: «Unser Vater starb in der Wüste und hinterließ keine Söhne, warum soll denn sein Name aus dem Kreise seiner Verwandten verschwinden? Gib uns ein Erbteil im Bereiche der Brüder unseres Vaters.» Und Moses brachte ihre Forderung vor Gott und Gott sagte: «Recht haben die Töchter Zlofchads, Du mußt ihnen einen Erbgrund im Bereiche der Gründe der Brüder ihres Vaters geben. Und den Söhnen Israels sage folgendes: Wenn ein Mann stirbt und keinen Sohn hinterläßt, so erben die Töchter. Der Midrasch sagt dazu folgendes: Als die Töchter Zlofchads zusammenkamen, um in dieser Sache zu beraten, da sagten sie: Die Barmherzigkeit des Menschen gleicht nicht der Barmherzigkeit Gottes. Der Mensch ist nur für den Mann gerecht, aber Gott ist anders, Gott gewährt gleiche Barmherzigkeit den Männern und den Weibern, denn es heißt in den Psalmen: «Gott gibt Brot allen Lebewesen», oder «Gott ist für alle gut». Auch in nationaler Beziehung ist so mancher Gelehrter der Frau gerecht worden. So sagt R. Natan in bezug auf die Töchter Zlofchads: «Einen größeren Verdienst haben die Frauen als die Männer, denn clie Männer wollten in die ägyptische Gefangenschaft zurück und sagten: .Wählen wir uns einen Führer und kehren wir nach Aegypten zurück’ und die Frauen sagten: ,Gebet uns Boden!'»