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Die Stimme · 1930-03-27 · Heft 119 (27.3.1930) · page 9

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 119 (27.3.1930)
Date
1930-03-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Nr. 119 DIE STIMME Seite 9 jüdischen Frau Die Stimme der Die „Mirjam-Mutter“. Zum 10. Semester des Bestandes des Z. M. V. in Wien. Von Sofie L ö w e n h c r z. fn den letzten Wochen feierte die zionistische Mädchenvereinigung «Mirjam» in Wien, das 10. Semester ihres Bestandes. Die Veranstaltungen anläßlich dieses freudigen Gedenktages versammelten nicht nur die Jugend, welche die «Mirjam» umfaßt, sondern auch Eltern und Freunde dieses Kreises. Die Generalversammlung machte uns mit den Leistungen der «Mirjam», deren stetem Wachsen wir zionistischen Frauen seit Jahren mit Freude zuschauen, näher bekannt. Es erfüllt uns mit freudigem Stolz, über die Arbeiten unserer jungen Menschen so viel Positives zu hören. Die Berichte der Leitung, sowie der ihr angeschlossenen Gruppen offenbarten nicht nur den tiefen Ernst, der in der Kulturarbeit der einzelnen Gruppen vorherrscht, sondern zeigten auch den unmittelbaren Kontakt unserer weiblichen Jugend mit Palästina. Wir Frauen konnten mit Freude feststellen, daß eine neue Generation heranwächst, die, von einem tiefen jüdischen Gefühl beseelt, Anteil an den Angelegenheiten des jüdischen Volkes und des jüdischen Heimes nimmt und ernst daran arbeitet, eine Gemeinschaft mit national-jüdischen Bestrebungen und Zielen zu bilden. In dieser Gemeinschaft lernen die Mädchen, sich in die Geschichte, die Bräuche und das Wesen unseres Volkes zu vertiefen, seinen Wert und Schönheit zu empfinden, an jüdische Dinge zu denken und von jüdischen Dingen zu sprechen. Außerdem lernen sie hier Disziplin ihrer geistigen Führerin gegenüber, der sie nicht nur Anhänglichkeit und Dankbarkeit bewahren, sondern auch wahre, tiefe Liebe einer Tochter zur Mutter entgegenbringen. Der «Mirjam-Mutter» gehorchen sie alle. Die «Mirjam-Mutter» lieben alle und sie ist ihr Ideal und Vorbild, zu dem sie mit Bewunderung emporblicken. Seit fünf Jahren scharen sich die jungen Mädchen um sie und stets wächst der Kreis, weil die Jugend hier die Ueberzeugungskraft einer Persönlichkeit fühlt, deren Lebensführung jeden Widerstand und störenden Einfluß beseitigt und stets ernst, einwandfrei und ohne sich durch die Gleichgültigkeit der Umgebung entmutigen zu lassen, unermüdlich für das zionistische Ideal lebt und arbeitet. Fünf Jahre hindurch arbeitet Frau Marie Pollak, die «Mirjam-Mutter», wie sie genannt wird, mit zäher Ausdauer und großem Eifer an der Erziehung junger jüdischer Menschen. Bei dieser Arbeit gilt es, auf die Jugend, womöglich schon auf die Kinder einzuwirken. Das Wichtigste bleibt aber immer das Beispiel. Man wirkt erzieherisch am stärksten dadurch, daß man die Anforderungen, die die Jugend an ihre Führer stellt, vollauf erfüllt Frau Marie Pollak, die Gründerin und Leiterin der «Mirjam», erfüllt eben diese Anforderungen und deshalb setzte sich der Erfolg ihrer Arbeit stets durch. Ließen die ersten Erfolge vielleicht länger auf sich warten, als es die Geduld de«* Jugend vertrug, da waren es äußere Umstände, die das Tempo verlangsamten. Oft waren es die Widers+önde de« Eltern, der Einfluß der Familie und Schule, die sie errt überwinden mußte, um sich den direkten Zutritt zu den jungen Menschen zu sichern. Sie rief vor fünf Jahren einige Mädchen ihres Wiener Bekanntenkreises zu sich und begann hier zu den Kindern der assimiliertesten Kreise über das Judentum zu sprechen. In geistreichen Gesprächen machte sie die Mädchen auf das Bestehen einer jüdischen Kultur aufmerksam und lenkte ihr Augenmerk auf die in ihr enthaltenen Schönheiten. Hier haben jüdische Kunst und schönwissenschaftliches Schrifttum eine große Rolle gespielt. Jüdische Romane, ■Dramen und Gedichte, Gemälde und Skulpturen förderten diese von Frau Marie Pollak im Anfangsstadium geleistete Bekehrungsarbeit. Sic bekehrte ja zum Judentum die Kinder des im öffentlichen Liberalismus sich verlierenden jüdischen Bürgers. Sie erklärte ihnen die Werte und Ideale des Judentums und wies den Weg, den sie beschreiten sollen, um den Gefahren der Assimilation zu begegnen, ln ihrem Hause hörten die jungen Menschen, oft erst zum ersten Male in ihrem Leben, von der Judenfrage und ihrer einzigen Lösung in Palästina. Hier erfuhren sie von der Rückkehr des Judenvolkes ins Judenland, auf dessen steinigem Boden unter den Händen unserer besAen Jugend neue jüdische Siedlungen und Städte entstehen. In langen Abendstunden sprach man hier über das jüdische Leben. An die Vergangenheit des jüdischen Volkes wurde die Gegenwart angeknüpft und die Zukunftsbilder stiegen empor. Die Form, in der man den jungen Menschen die Kenntnisse beibrachte, war die möglichste beste und das Interesse der Mädchen wuchs. Sie kamen öfters in das traute Haus, wo sie sich mit der Zeit ganz «zu Hause» fühlten und brachten immer neue Freundinnen und Altersgenossinen zu den Abenden mit. Frau Pollak begrüßte stets mit Freude die neuen jungen Menschen, brachte für einen jeden Zeit und Geduld auf, bemühte sich, sie für die hohen Ideale, die ihrem eigenen Leben so viel Inhalt geben, zu begeistern. Und es gelang ihr immer. Sie verstand stets den richtigen Ton zu finden. Ihre Worte kommen vom Herzen und deshalb finden sie den Weg zu den Herzen aller, zu denen sie spricht. Sie sprach zu den jungen Freundinnen von dem beglückenden Gefühl eines Menschen, der für ein Ideal arbeitet. Sie wies auf die Sehnsucht, die Hoffnung und das Bewußtsein eines sich erfüllenden Ideals des jüdischen Volkes und weckte in so manchem Herzen die Sehnsucht nach dem Ideal. Sie machte es aber der Jugend nicht allzu leicht. Sie lenkte ihre Aufmerksamkeit darauf, daß das Heil nicht von außen, sondern von innen heraus zu erwarten ist. Der jugendliche Kreis, um,. Frau Pollak wuchs ständig und. mit der Zeit wurden die Räume ihrer Wohnung zu klein, für die vielen Mädchen, die zu ihr kamen, um bei ihr jüdische Bildung zu genießen. Aus dem kleinen häuslichen Kreis, dessen Mittelpunkt stets Frau (Marie Pollak war, entstand nun die zionistische Mädchenvereinigung «Mirjam». Frau Marie Pollak ist die Seele der «Mirjam». Sie hat in diesem Kreise viel gewirkt, sie erzog Schülerinnen und Agitatorinnen, die wieder neue Kreise gewinnen und neue Schülerinnen erziehen. Sie und Beruria (aus dem Zyklus: Frauengestalten im Talmud *) Von Cyla Waldman. Die zweite Frauengestalt im Talmud, die*außerordentliche geistige Vorzüge aufweist, die durch ihre Geistesschärfe und gissen hervorragt, war die Frau des R. Meir Beruria. R. Meir wirkte in der Zeit, als das Land durch Verwüstungen der Hadrianischen Epoche nach dem Bar- Kochba-Aufstnnde sich wieder emporzuschwingen versuchte. R. Meir galt als Schöpfer einer neuen Methode der Gesetzesauslegung, weil er sich immer vieler geistvoller Fabeln und Sagen bei der Auslegung bediente. Er soll, wie der Talmud berichtet, dreihundert Fuchsmärchen verfaßt haben, die leider außer einigen verloren gegangen sind. Der Talmud erzählt, daß man ihn deshalb Meir nannte, weil Meir der Lichtverbreitende heißt und er die Augen der Gelehrten in der Halacha, im Gesetzesstudium erleuchtete. R. Meir pflegte zu sagen: «Jedermann soll täglich drei Gebete verrichten, in denen er Gott dankt, daß er ihn als einen Sohn Israels und nicht als Weib und nicht als Unwissenden erschaffen hat.» Nach dem jüdischen Gesetze der Mischna Chagiga stehen Frauen und Sklaven auf gleicher Stufe, was die Erfüllung des Gesetzes anbetrifft. Darum pflegte auch R. Meir täglich Gott zu danken, daß er ihn nicht als Frau geschaffen hat. In der Diskussion des Talmuds über diese Stelle werden die Frau und der Sklave ausdrücklich identifiziert, worauf Raschi bemerkt: Denn eine Frau ist eine Magd für ihren Mann, wie der Sklave für seinen Herrn. So dankte Rabbi Meir täglich Gott, daß er ihn nicht als Sklaven, sondern als freien Menschen erschaffen hat. Beruria, die, Frau des R. Meir war die Tochter des Gelehrten R. Chanina ben Tradion, der als einer der zehn Märtyrer in der Hadrianischen Zeit eines furchtbaren Todes starb, weil er K»-te des römischen Verbotes Thora lehrte. *) Siehe «Stimme» Nr. 108, 109. Der Talmud berichtet, daß man ihn in eine Thorarolle einhiillte und auf einen Scheiterhaufen frischer Weiden warf und, um ihm die Qualen zu verlängern, nasse Schwämme aufs Herz legte. «So muß ich Dich Vater sehen», weinte die Tochter, und er antwortete ihr: «Hätte man mich allein verbrannt, so wäre das schwer für mich, aber nicht, wo die Thora mit mir ist. Der, der die Schändung der Thora rächen wird, wird auch mich rächen.» Auch die Mutter Berurias wurde ermordet und ihre junge Schwester in die Gefangenschaft verschleppt, aus welcher sie dann R. Meir mit ungewöhnlicher Geschicklichlichkeit und Listanwendung, wie die Agada berichtet, mit eigener Lebensgefahr herauslockte. Eine Agada, welche die ungewöhnliche Seelenstärke Berurias bezeugt, berichtet folgend: «An einem Sabbathabend, als R. Meir im Lehrhause den Lehrvortrag hielt, starben seine beiden Söhne. Was tat ihre Mutter? Sie legte die beiden toten Söhne aufs Bett und deckte sie mit einem Leintuch zu. Als R. Mair vom Lehrhause heimkehrte, fragte er sie: «Wo sind denn meine beiden Söhne?». «Sie sind ins Lehrhaus gegangen», sagte sie. Ich schaute im Lehrhaus, fand sie aber nicht, sagte R. Meir. Sie reichte ihm den Becher, damit er den Segenspruch beim Ausgang des Sabbath, die Hawdala verrichten soll. Er tat es, dann fragte er nochmals: «Wo sind denn meine beiden Söhne?» «Manchmal pflegen sie irgendwohin zu gehen, kommen aber bald», antwortete Beruria. Sie richtete daun das Nachtmahl für ihn her. Als er gegessen hatte, sagte sie: «Rabbi, ich möchte Dich etwas fragen.» «Frage», sagte R. Meir. «Gestern kam einer her und ließ bei mir ein Pfand zurück, jetzt kam er, um es zu holen, soll ich es ihm zurückerstatten?» fragte Beruria. «Gewiß, meine Tochter. Wenn jemand eines anderen Pfand bei sich hat, so darf er es nicht zurückhalten, er muß es dem Eigentümer zurückerstatten.» «Ohne Dich zu fragen, hätte ich es ihm nicht zurückerstattet.» Was tat sie? Sie nahm ihn bei der Hand, führte ihn ins Zimmer, näherte sich dem Bette, und zog das Leintuch herunter. R. Mair erblickte seine beiden Söhne tot im Bette liegen. Er begann zu weinen und rief: «Meine Söhne, ihre Schülerinnen dringen in stets neue Kreise ein, gehen in andere Städte, in benachbarte Länder und erzählen dort den jungen Mädchen, was der Zionismus Schönes an sich hat und überall, wo sie erscheinen, bilden sich neue Mädchengruppen, deren Ziel und Zweck ist, nach dem Vorbild der Wiener «Mirjam» Erziehungs- und Bildungsarbeit auf der Grundlage des jüdischen Kulturbewußtseins zu leisten. Alle diese neu entstandenen Mädchenvereine in Polen und der Cechoslovakei sind Werke der Leistung der «Mirjam» in Wien, mit der sie sich alle eng verbunden fühlen. Von Wien aus bekommen die verschiedenen Mädehengruppen Anleitungen für ihre Arbeit; hier wird der gemeinsame Arbeitsplan ausgearbeitet, Referate werden verfaßt und an alle dem «Kontinentalbund der zionistischen Mädchenvereinigungen» angeschlossenen Vereine versendet. Das starke Organisationstalent der Führerin hält die neu geschaffenen Organisationszellen fest beisammen und die in verschiedenen Orten verstreuten Gruppen werden von der weitblickenden und sehr aufmerksamen «Mirjani- Mutter» stets wachsam betreut. Sie hat sie zu einem lebendigen Organismus zusammengefaßt und nun besteht und blüht eine Jugendgemeinschaft, die zu dem lebendigen Judentum den Weg gefunden hat. Selbst durch den Zionismus angeregt, arbeitet Frau Marie Pollak ständig für die höheren Ideale und Zwecke ihres Volkes und wirkt stets anregend auf die Schar der Mädchen, die sich um sie sammelt. Sie opfert ihnen ihre Kraft und Zeit, sie arbeitet mit ihnen, an ihnen und für sie. Vor allem arbeitet sie aber für sich selbst. Diese Frau hat durch ihr eigenes Leben bewiesen, daß sie sich ein Ziel setzte, dem sie zuversichtlich entgegenschreitet. Schon jetzt, in der Reife ihrer Jahre, kann sie den Erfolg ihrer Arbeit überblicken und eine seelische Genugtuung darf sich ihrer bemächtigen, wenn sie einen Rückblick auf ihre letzten fünf Arbeitsjahre wirft. Wir zionistische Frauen anerkennen sic als Mittlerin zwischen uns und dem jungen Geschlecht, welches einst berufen sein wird, an unserer Stelle die Geschicke der zionistischen Frauenorganisation zu leiten. Wir Mütter sind ihr dankbar dafür, daß sie es verstanden hat, unsere zionistischen Ideale den jüdischen Töchtern einzuflößen und eine Brücke zu hauen zu denen, die nach uns kommen werden. Die Jubiläumstage der «Mirjam» geben uns den freudigen Anlaß, ihrer Gründerin und Leiterin zu gedenken und ihr unsere besten Wünsche zu entbieten. VILLA SEVIGNE, Lausanne, Schweiz Israelitisches Mädchen-Pensionat Erstklassige Referenzen Prospekte durch die Vorsteherinnen: Mmes. M. und B. BLOCH Vertretung der Frauen in der Jewish Agency Anläßlich der jetzigen Tagung des Administrative Committees der Jewish Agency in London wurden von der Exekutive der WIZO Vorschläge für die Vertretung der Frauen in den ihren Arbeitsgebieten entsprechenden Ressorts innerhalb der Jewish Agency unterbreitet | meine Söhne! Meine Lehrer, meine Lehrer! Meine Söhne, j weil sic von mir die Sitten und Lebensformen lernten, meine Lehrer, weil sie mit ihrem Wissen meine Augen erleuchteten!» «Rabbi», sagte Beruria, «Hast denn nicht Du mir selbst gesagt, daß wir das Pfand ^em Eigentümer abgeben müssen?» «Gott gab und Gott nahm, gelobt sei der Name Gottes!» Ein Abtrünniger sagte einmal zu Beruria: «In Jeschajahuh heißt es: Singe, Du Kinderlose, die nicht geboren hat. Weil sie nicht geboren hat, soll sie singen.» «Du Narr», sagte Beruria, «schau auf das Ende des Satzes, dort heißt es: Die jetzt verlassene Frau wird noch mehr Kinder haben, als die verheiratete. Nun, was versteht man unter, die nicht geboren hat?» sagte Beruria. «Singe, Volk Israels, daß Du solche Söhne für die Hölle, wie ihr seid, nicht geboren hast.» Ein Gelehrter R. Josi aus Galiläa ging einmal des Weges, traf Beruria und fragte sie: «Welcher Weg ist es, der in die Stadt Ludd führt?» «Du dummer Galiläer», sagte Beruria, «weißt Du denn nicht, was unsere Weisen lehren? Spreche nicht zu viel. Du hättest daher kurz fragen sollen: Welcher führt nach Ludd?» Beruria zitierte einen Ausspruch des R. Josi bei Jochanan aus den Sprüchen der Väter, der lautet: Sprich nicht zu viel mit der Frau, mit der eigenen, um so weniger mit der Frau eines anderen, sagten die Gelehrten. Wenn ein Mann zu viel mit der Frau spricht, verursacht er Böses für sich und die Hölle ist sein Ende. ln der Nähe des R. Meir wohnten Bösewichte, die ihn ärgerten. Da betete R, Meir um ihren Tod. Da sagte Beruria, seine Frau, zu ihm: Weil es im Psaml heißt: Es sollen die Sünder vertilgt werden, flehest Du um ihren Tod. Heißt es denn dort, es sollen die Sünder vertilgt werden? Es heißt ja, die Sünden, und weiter heißt es dort: und die Bösewichter werden nicht mehr da sein. Somit, wenn die Sünden verschwinden, so wird es keine Bösewichter geben. Bete zu Gott, sie mögen Buße tun, da werden sie keine P"v3ewichter mehr sein.» Die Agada erzählt, daß R. Meir für sie betete, und daß sie sich zum Guten bekehrten. Die Aeußerung Berurias, das Verbrechen und nicht die Verbrecher seien zu vernichten, ist wohl die ideal-

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