Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1930-03-27 · Heft 119 (27.3.1930) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 119 (27.3.1930)
Date
1930-03-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3053752-3053859-3053872--1637-3057003
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 119 DIE Stimme Sette 1 deren Gebieten. In ihren Wohnzimmern aber sitzen die jümgeren Schüler und Schülerinnen und bereiten ihre Aufgaben für den nächsten .Tag oder schreiben Briefe an ihre Freunde. Klein ist die Gemeinde des Kinderdorfes, nur 8Ö Mitglieder, Mädchen und Jungen. Die natürliche Entwicklung des Dorfes verlangt eine Vergrößerung dieser Zahl auf etwa 120. Jedoch die Mittel, welche in großzügiger Weise dem Kinderdorf durch das Komitee jüdischer Frauen aus Südafrika zur Verfügung gestellt werden, gestatten keine Erweiterung. Wem es aber vergönnt war, Kfar Jelad im mit seiner liebenswürdigen jungen Gemeinde kennen zu lernen, der wird mit Freude der angenehmen Stunden gedenken, die er in diesem schönen Kinderdorf verbracht hat, wo eine Generation aufrechter und gesunder Bürger Erez Israels aufwäohst, die verdienen, daß der Kreis ihrer Freunde im Galuth ständig wächst und sich ausdehnt. Sowjetrußland finanzierte die Unruhen in Palästina Sensationelle Enthüllungen Wladimir Burzews Wladimir Burzew, der alte russische Revolutionär, der Vor dem Kriege die Gegenspionage gegen die zaristische Ochrana organisierte und jetzt einen ähnlichen Dienst gegen die G» P. U. eingerichtet hat, machte, wie wir bereits meldeten, dem Pariser Vertreter des Jerusalemer «Doar Hayon» Angaben über die Beteiligung der kommunistischen Internationale an den Palästinaunruhen, die eine interessante Ergänzung der bereits veröffentlichten Angaben Bessedowskis sind. Darnach hat cler Komintern durch die sogenannte russische Handelsdelegation nach Arabien, die Ende 1928 bis nach dem Yemen herunterfuhr, dem Sowjetvertreter in Djidda, dem Tartaren Hakhimoff, 20£>00 Dollar für die Veranstaltung der Unruhen ausgezahlt. Diese 20.000 Dollar wurden von Hakhimoff an eine Reihe von Scheichs, darunter verschiedene in Transjordanien, weitergeleitet. Die Komintern subventioniert laufend eine Reihe arabischer Persönlichkeiten, die demzufolge seinen Befehlen gehorchen und sich an den letzten Unruhen beteiligt haben. Die sogenannte «Kommunistische Partei Palästinas» erhält jährlich eine Subvention von 25.000 Dollar, die ihr durch die geheimen Sowjetagenten in Alexandria ausgezahlt wird. Bis Alexandria wird das Geld durch die kommunistischen Zellen transportiert, die in den Schiffen der Sowtorg-Flotte bestehen. Die Partei, die früher keine große Rolle im Aktionsplan der kommunistischen Internationale gespielt habe, aber seit Anfang 1929 in den Vordergrund rückte, wird teils von Moskau, teils von Berlin aus geleitet. In Berlin sitzen die führenden Männer der Orientabteilung der Komintern. Eine der wichtigsten Persönlichkeiten dieser Abteilung hat nach den Unruhen insgeheim Palästina besucht, um die «Partei» zu revidieren Und ihr neue Instruktionen zu erteilen. Die ganze «Partei» zählt etwa 500 Mitglieder. Aus den nach unseren Informationen ungefähr zutreffenden Angaben Burzews über die «Stärke» der Kornnnuinistischon Partei Palästinas (die kurioserweise auch noch in Stalinisten und Trotzkisten gespalten ist), geht bereits hervor, daß sie als selbständiger MachtJäktor gar nicht in Frage kommt, und höchstens als Sensationsniaterial für die Rothermere-Presse geeignet ist. Sie stellt in Wirklichkeit eine Armee von teilweise gut ausgebiideten Agitatoren dar, deren Arbeit aber, soweit es sich Um die Schaffung einer wirklichen kommunistischen Bewegung handelt, aus einer Reihe von objektiven Gründen vergeblich ist. Die Erfahrung der letzten zehn Jahre hat das bestätigt. Die Gefahr der bolschewistischen Betätigung in Palästina und den Nachbarländern besteht nicht in den kommunistischen Kräften, die dort etwa wirksam sind, sondern einfach in den Geldüberweisungen aus Moskau. Für den Bruchteil der Summe, die nötig ist, um in einer europäischen Großstadt Unruhen zu stiften, kann man mit Hilfe von ein paar geldibedürftigcn Scheichs in diesen Ländern eine ganze Revolution veranstalten. Die Verbindungen zwischen der Familiengruppe, die heute den obersten mohammedanischen Rat — eine offizielle Abteilung der englischen Palästina-Verwaltung! — beherrscht und der Kommunistischen Internationale sind alt und von den Arabern nie abgeleuginet worden. Gelegentlich marschierten sie bei Wahlkämpfen offiziell zusammen. Aus diesem Grunde schon ist es nicht unwahrscheinlich, daß den Ausführungen Burzews etwas Richtiges zugrunde liegt. Urn So mehr, als der Sekretär der inzwischen aufgelösten «Jüdischen Sektion» der Komintern nach den Unruhen offen erklärte: «War 'haben den Arabern in Palästina geholfen.» Palästina-Weine Palästina-JMaxxotft Pafäsiina-Crangen sowie sämtliche Spezereiwaren nDB bv “wa zu den billigsten Preisen liefert franko Haus, auch Provinzversand &a, tfamuef JCafpcrn Wien, II., Förstergasse 6 Telephon R 40-4-12 Mitglieder der Rabattsektion des Keren Kajemoth erhalten 5 Prozent Rabatt. ©«$ $Uter ttaf>f uttb mit tljm. feine Befdjfoetbött, Benommenheit, $opf* fdjmerjeit, ©djtombelgefüljt, ^erabeflemmungeit treten auf, Me SCrBeitSfäfiiftfeit nimmt ah. S&urd) eine 9t a b i o* fUcrirt^ür toirb beit §nterSerfd)einungern borgc&cugf. 5Die frei öetfäuflidjen Dtabiofflerintahletteu förbern bie In def Mittwoch, den 19. d. M., stattgefundenen Zweiten Budgetsitzung der jüdischen Gemeinde wurde die Generaldebatte fortgesetzt. Eingangs der Sitzung, die um 8 Uhr abends eröffnet wurde, nahm Präsident Univ.-Prof. Dr. P i c k Gelegenheit, auf die traurige Nachricht vom Hinscheiden des Lord Arthur James Balfour hinzuweisen. In einem nachhaltigen Nächruf würdigte Prof. Pick Lord Bälfours historisches Verdienst uni die Wiedererrichtung der jüdischen Heimstätte in Palästina. Lord Balfour war nicht nur der große Staatsmann, Politiker, Ethiker und Philosoph, sondern auch der Vater jener Deklaration, die uns Juden die Wiedererrichtung einer eigenen Heimstätte in Palästina ermöglicht. Durch diese historische Tat wird ihm das jüdische Volk für ewige Zeiten zu Dank verbunden sein. Zum Zeichen der Trauer unterbrach sodann Präsident Pick die Sitzung für die Dauer von drei Minuten. Nach Wiederaufnahme der Sitzung ergriff das Wort zur Generaldebatte der Vertreter der Zionistischen Fraktion, Doktor Desider F r i e d m a n n, zu einer großangelegten Rede, in der er zuerst die gegenwärtige finanzielle Lage der Gemeinde besprach. Mit Genugtuung stellte er fest, daß es dank der Mitarbeit des gesamten Kultusvorstandes gelungen sei, aus der Defizitwirtschaft.herauszukommen. Das Präsidium und der Finanzreferent sowie die Vertreter aller im Kultusvorstände befindlicheil Parteien haben sich redlich Mühe gegeben, im Wege von Sparmaßnahmen in den Haushalt Ordnung hineinzubringen. Die Erstellung des diesjährigen Budgets erfolgte zum großen Teil bereits im Sinne jener Prinzipien, die die zionistische Fraktion seit langem vertrete. Diesmal wurde wohl mir eine Reform des Fürsorgewesens vorgenommen. Redner hoffe aber, daß in den nächsten Jahren auch in der Budgetierung des Schullind Kultuswesens eine wesentliche Reform erfolgen wird. Man kann schon heute von einer gewissen Eingemeindung der Tempel sprechen, da sie bereits vöh der Gemeinde in ausgiebiger Weise subventioniert werden. Hoffentlich wird es bald angezeigt sein, Vereine, die im übertragenen Sinne die Geschäfte der Kultusgemeinde erledigen, der Kultusgemeinde zu unterstellen. Es erübrigt sich wohl, zu betonen, daß die jüdische Gemeinde Fürsorge leisten soll und muß. Dieser Grundsatz ist bereits Gemeingut aller Parteien. Wohl sind die für Fürsorgezwecke aüsgeworfenen Beträge groß, in vielen Belangen aber noch immer nicht groß genug, um ein großzügiges Fürsorgewesen zu betreiben. Eines ist klar: wir haben bereits einen großen Fortschritt zu verzeichnen, wenn man bedenkt, daß wir gerade jetzt daran gehen, jüdisches Elend mit anderen Methoden zu mildern, als wie es früher hier in dieser Kultusstube Sitte war. Nicht Almosen und Bettelgroschen, sondern Fürsorge ln konstruktiver Weise muß unser Grundsatz werden. Trotz mancher Lichtseiten weist das diesjährige Budget auch Schattenseiten auf. Vor allem handelt es sich um den Beitrag des Bundes. Wohl hat die Gemeinde entsprechende Schritte eingeleitet; es wurde aber der Fehler begangen, daß man sich auf einen unrichtigen Rechtstitel berufen hat. Es genügt nicht, sich allein auf die Gleichberechtigung, die damit nichts zu tun hat, zu berufen. Die Gleichberechtigung ist vor allem ein individuelles Recht. Ais jüdische Gemeinschaft haben wir ein kollektives Recht, das in der freien Verwaltung unserer Gemeinden und in der freien Religionsübung zum Ausdruck gelangt. Dies hat aber mit einer Beitragsleistung des Bundes nichts zu tun. Die einzige Rechtsqtielle, auf die wir uns berufen können, ist § 68, Absatz 2 des Friedensvertrages, der, wie bekannt, einen Teil unserer Verfassung bildet Es ist nicht empfehlenswert, sich auf die Notlage der Gemeinde zu berufen. Die Beitragsleistung, die wir vom Bunde verlangen, ist keine Unterstützung, sondern gebührt uns im Sinne der Verfassung, und der Bund ist zur Leistung dieses Beitrages von Gesetzes wegen verpflichtet. Jeder Staat ist verpflichtet, da er seine Institutionen der Mehrheit der Staatsnation anpaßt, auch für seine Minderheiten zu sorgen, die nicht schlechter gestellt sein dürfen wie die Mehrheit. Es gibt jüdisch-spezifische Bedürfnisse, die zu b weisen wir nicht mehr nötig haben. Unsere Anstalten bestehen bereits seit langem. Der Bund ist daherverpflichtet, unsaus seinem Budget Beiträge zur Verfügung zu stellen. Es war daher nicht richtig, daß die Behörden nachforschen ließen, ob wir tatsächlich Defizite haben. Da nun einmal spezifische jüdische Bedürfnisse vorhanden sind, ist die Gemeinde berechtigt, Zuschüsse vom Bund zu verlangen. In unserem Folie handelt es sich Blutairrulcition, reinigen urtb bctbihtneit bo3 Blut, geben beit Slbcrn bie nötige Gfloftiaiint, tooöurd) SllterSerjdjeittuttg'eu nbgetoenbet unb bie Strbeitäfroft biß inß Ijoljc Sdter erholten bleibt. 9tabiumgef)dlt omt* I i cf) überprüft. SDcbot: Slpotfjefc B a b c r, Sßien, 1. Bewirf, SSoIfsctlc 13. — 'JJrofpefte gratis utib frotifo. lediglich um die Erfüllung der Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung. Und diese kann vom Wohlwollen des enein oder anderen Ministers nicht abhängig sein. Wir müssen diese Forderungen in dieser Richtung energisch vertreten. Der Kultusvorstand muß nur die rechtliche Grundlage vertreten und darf sich auf keinen Gnadenweg begeben. Auf dem Gebiete der jüdischen Erziehung haben wir wohl einen wesentlichen Fortschritt zu verzeichnen. Die- Zahl der Schulen und Schüler ist größer geworden. Dessenungeachtet ist es eine traurige Feststellung, daß wir für das Unterrichtsbudget bei einem Gesanitbudget von übersechs Millionen Schilling nur 384.705 Schillingverausgabten. In dieser Hinsicht benötigen wir noch eine gründliche Reform. Wir dürfen nicht vergessen, daß wir nur im Wege einer richtigen jüdischen Erziehung den Fortbestand unserer Gemeinde sichern können. Denn wer gibt uns Gewähr, daß die Generationen, die nach uns kommen, sich um die Gemeinde wirklich kümmern werden. Eine wirklich jüdische Erziehung unserer Jugend kann uns allein diese Gewähr geben. In diesen schweren Zeiten, die das jüdische Volk durchmacht, brauchen wir eine jüdische Jugend, die dem Judentum und seinen Problemen gegenüber nicht gleichgültig ist. Ein junges, begeistertes Geschlecht, mit jüdischen Werten erfüllt, mit den Kenntnissen des Judentums und seiner Vergangenheit, seiner Kultur und Sprache ausgestattet, wird in der Lage sein, dem jüdischen! Gemeindeleben richtiges Verständnis entgegenzubrlngeiL Um dies zu erreichen, muß die Majorität dieses Hauses endlich die Dringlichkeit der Reform des Jugend- und Erziehungswesens einschen. Hoffentlich wird recht bald der Tag der umwälzenden und tiefschürfenden Reform kommen. (Beifall.) Was die Gemeindeverwaltung betrifft, sind wir mit d«Jr Führung der Geschäfte durch das Präsidium zufrieden. Wir müssen aber verlangen, daß auch die anderen Kultusvötstände zur Mitarbeit herangezogen werden. Öeftere Beratungen und Sitzungen, eine gehörige Informierung über die Agenden der Gemeinde sind unbedingt notwendig, um alle zur Mitarbeit zu veranlassen. Eine ungemein wichtige Frage ist die des Gemeindebundes. Es geht nicht an, durch kleinliche finanzielle Befürchtungen das Zustandekommen des Gemeindebundes zu vereiteln. Es gibt kaum Länder, die noch keinen Gemeindebund ins Leben gerufen haben. Die Majorität, die den Gemeindebund scheinbar mehr aus Angst bekämpft, wird endlich einsehen müssen, daß auch der österreichische Gemeindebund zu einer Tatsache werden muß. Im Zusammenhang damit muß auch die WaWreformangelegenheit des Ausführlichen erörtert werden. Für uns Zionisten ist die Wahlreform auf der Grundlage des allgemeinen, geheimen, gleichen Wahlrechtes für Angehörige beiderlei Geschlechtes eine Frage ersten Ranges. Nach der Konstituierung dieses Vorstandes haben sich die oppositionellen Parteien mit der Majorität einvernehmlich geeinigt, die Erörterung dieser Frage bis zur Erledigung des Budgets pro 1930 zurückzustellen. Nun ist das Budget erledigt, somit ist die Bahn für die Erörterung der Wahlreform frei. Wir fordern daher, daß die Statutenkommission die Vorarbeiten zur Wahlreform ehestens aufnimmt. Wir erklären, daß wir auf keinen Fall auf die Wahlreform verzichten werde«. Das algemeine Wahlrecht, das immer das Ergebnis einet Freiheitsbewegung war, blickt auf eine langjährige Entwicklung zurück. Redner gibt sodann einen historischen Ueberblick über die Wahlrechtskämpfe in den letzten Dezennien und geiangt sodann zum Schlüsse, daß die meisten jüdischen Gemeinden in und außerhalb Oesterreich bereits das allge- HOtCl C0f€ Continental Mm wie», II. »rotersfr. 1 aller Wiener und Fremd«« Budgetdebatte in der Wiener Kultusgemeinde Nachruf für Lord Haitour —- Dr. Desider Friedmann begründet die Forderungen der Zionistischen Fraktion — Regierungsrat Oppenheim erklärt, daß die Union gegen die Einführung des allgemeinen Wahlrechtes ist — Spezialdebatte — Reden der zionistischen Vorsteher Bauminger, Moses Rath, Universitätsprofessor Dr. Geiger und Dr. Klaber — Palästinasubventionen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.