Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 119 (27.3.1930)
- Date
- 1930-03-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 ljflE STIMME Nf. 119 Die weltberühmten amerlkanisdieit Cradiers fand sind bereits eingetroffen und in ul len besseren Lebensmittelgeschäften erhältlich MANISCHE Will MAIEOS - VERTRIEB wiea, 2. Bezirk, ratlMdutassc Nr. 24 (NordbaünstraOe 38) Telephon Nr. D 25-9-32 and R 48 0 82 Filiale: lg. Frost, 2. Beza, Haidgasse 9, Telephon Nr. A 41-8-64 Palästinabrief. In Kfar»Jeladim. Von J. Gal-Eser. Ende Februar ist es, nach den schweren Winterfegcngüssen, die zwei Wochen gedauert haben. Von Afuleh, der Emekstadt in der Jesreel-Ebene, führt eine zwei Kilometer lange Landstraße nach Kfar Jeladim, dem Kinderdorf. Die holprige Straße ist völlig versumpft. Ein paar Pferde können den einfachen Landwagen nicht ziehen, und von vier Maultieren lassen wir uns «durch Täler und über Berge» schleppen. Hoch spritzt der Kot und nur langsam kommt der Wagen vorwärts. Fast eine Stunde dauert der kurze Weg. Schon sehen wir das Dorf vor uns und seine Synagoge mit den zwei Kuppeln von der sinkenden Sonne beleuchtet, die durch die Regenwolken gedrungen ist. So kommen wir ins Kinderdorf. Es ist vor Sabbath-Eingang. Im Dorf herrscht Sabbathstimmung. Jungen und Mädchen haben bereits Sabbathkieider angelegt und vor der Synagoge begrüßt das Orchester von Kfar Jeladim den nahenden Sabbath. Die 80 jugendlichen Dorfbewohner und ihre Lehrer sind vollzählig zum Abendgebet versammelt. Es herrscht die peinlichste Ordnung; den Gästen werden Gebetbücher gebracht und mit lieblichem Chorgesang wird die Prinzessin Sabbath empfangen. . Beim Abendessen im großen, luftigen Speisesaal des Kinderdonfes. An langen, sabbathlich gedeckten Tischen sitzen die jungen Dorfbewohner mit Lehrern und sonstigen Personen, die im Dorf beschäftigt sind, vielfach ehemaligen Zöglingen. Auch drei jüdische Gendarmen, die vor Abend zum Wachtdienst aus Afuleh gekommen sind, haben in eifrigem Gespräch mit den jungen Freunden an der Tafel Platz genommen. Nach dem Kiddusch des Direktors wird von den diensthabenden Mädchen der Gemeinde das festliche Mahl serviert. In den Pausen der Abendmahlzeit werden Sabbathgesärvge angestimmt, frei und ungezwungen. In irgendeiner Ecke des Saales beginnt eine angenehme Stimme und bald erklingt ein Chor von fast hundert Kehlen. Nach Beendigung des Mahles folgen frohe Volksweisen und Heimatlieder. Sabbathmorgen. Wärmende Frühlingssonne ergießt ihr Licht über die nach dem Winterregen erwachte Natur. Ueber Nacht haben sich die Knospen der Mande&bäume geöffnet. Eine fröhliche Mädchenschar hat aus am Vortag vorbereiteten Frühlingsblumen Kränze gewunden und eine Anzahl duftender Sträußchen gebunden, die sie jetzt den Lehrern und Gästen mit freundlichem Schabbath-Schalomgruß anbieten. In der Synagoge verrichtet ein dreizehnjähriger Chasan mit Ernst und Würde das Gebet, vom Chor der jungen Gemeinde 'begleitet, und seine Thoravorlesung beweist Geschick und Erfahrung. Man sieht auch, daß es den jungen Gemeindemitgliedern Freude macht, zur Thora gerufen zu werden. Mit größeren Spaziergängen in die .Umgebung des Dorfes, mit Spiel und Sport wird der Sabbath verbracht. Eine größere Gruppe besucht die Beduinen, welche an der Grenze von Kfar Jeladim ihre Zelte aufgeschlagen haben. Freundlich werden sie begrüßt und bald sind die größeren Jungen in eifrigem Gespräch mit den Nachbarn vertieft und die kleineren Mädchen spielen mit den Lämmern der großen Schafherde, die den Beduinen gehört. Kleine Gruppen von zwei bis drei Knaben und Mädchen lagern im frühlingsfrischen Gras und lauschen einem Vorleser. Verschiedene Gruppen des Kulturverbandes halten Vorträge über diverse Themen. Ein junger Lehrer spricht vor einem kleinen Kreise über jüdische Musik und bemüht sich, durch Beispiele das gar nicht leichte Thema zu erläutern. Immer wieder wird das wirklich freundschaftliche Verhältnis merkbar, das hier zwischen Schülern und Lehrern herrscht, unbekümmert um die Altersdifferenz. Die Lehrer sind die älteren Freunde der Schüler, die als gleichberechtigte Gemeindemitglieder an allen Bestrebungen und Sorgen wie an den Freuden der kleinen Gemeinde Anteil nehmen. Nur wessen Seele wirklich jung ist, wer im Rahmen einer jungen, freien Gemeinde in wahrhaft idealer Weise seinen Lehrberuf ausüben will, und wer eine Vorbildung hat, die über die eines Durchschnittslehrers weit hinausgehen muß, der kann Lehrer in Kfar jeladim sein. Er wird aber in dieser dankbaren jungen Gemeinde Freuden erleben, die ihn für alle Mühen reich entschädigen werden. Gegen Abend. Im Speisesaal nach dem Essen verteilt das Anbeitskomitee die verschiedenen Arbeitsgebiete für die nächsten vier Wochen. Bereitwillig übernehmen die Jungens die Arbeit beim Reinigungsdienst, in der Bäckerei, in der Küche, in der Baumschule, auf dem Felde; die Mädchen in der Wäscherei, in der Nähstu'be, im Kuhstall, im Geflügelhof oder im Garten. Da gibt es kein Murren und kein Wählen zwischen ange- ■"» RESTAURANT OPERER nt«. Wien, 11., Taborstraße 12 (Hotel Stephanie) Erstrangige Wiener und polnische Küche. — Menü: Suppe, Braten, Beilage, Mehlspeise S 2.60 LA Qratar, Original rumänische Rostspeisen: Pastrama, Pepene muratl. Täglich frische Pfeiferkarpfen nehmen und unangenehmen Arbeiten. — In der Synagoge wird für die Aufführung eines Schauspieles für den 15. Schwat, das Neujahrsfest der Bäume, geprobt. Es herrscht auch hier die größte Ordnung. Nur Jack, ein elfjähriger Junge, ist ausgeschlossen worden. Er steht betrübt in einem Winkel und kämpft mit Mühe gegen die ansteigenden Tränen. Jack, «der Amerikaner», ist in New York geboren. Vor sechs Monaten ist er nach Kfar Jeladim gekommen, vollkommen verwildert, prügelte die anderen und wurde verprügelt. Das Lehrerkollegium wollte ihn wegschicken. Da entsandte die Generalversammlung der Gemeinde eine Deputation mit folgendem Vorschlag: Jack erhält eine Bewährungsfrist von einem Jahr. Er wird in eine «Familie» aufgenommen und erhält einen Verteidiger, der Achtung gibt, daß man Jack nicht verprügelt, und das Familienoberhaupt gibt selbst Achtung darauf, daß er keinen anderen prügelt und auch sonst nicht rückfäll Lg wird. Und Jack ist in wenigen Monaten ein vortreffliches Mitglied der Gemeinde geworden. Er, der Sohn eines Peddlers, will um keinen Preis in die Stadt zurück und sieht nur in der Landwirtschaft seinen Beruf . . . Und heute ist er rückfällig geworden. — Aber bevor noch das «Familienoberhaupt» einschreiten muß, hat sich Jackie entschuldigt und die Schauspielprobe nimmt ihren Fortgang. 6 Uhr. Ein grauer Afltagsmorgen. Durch Signale einer Trompete und der großen Trommel werden die Schläfer geweckt und eilen in die Waschräume, um dann, nach einem raschen Frühstück, ihren Verpflichtungen nachzugehen. Die Sonne steigt auf über Givath Hamoreh, zu dessen Füßen Kfar Jeladim liegt, und im Dorf ist es allenthalben lebendig geworden. Moischele, ein kleiner Knirps, hat eilends seine langen Hosen angezogen; sie sind zu lang und er muß sie bis zur Brust hinaufziehen, um sie richtig befestigen zu können. Dann treibt er mit hoohgeschwungener Peitsche die 30 Kühe des Dorfes auf die Weide. Sohloimele, der «Herr der Eselinnen», zieht seine beiden Grautiere aus dem Stall. Auf der einen Eselin reitet er mit Stolz, die zweite zieht er nach. Sie hinkt und der Kleine erklärt mit ernstem Gesicht, daß sich das Tier den Fuß verletzt hat und nun zum Tierarzt nach Afuleh geführt werden muß. Auf den Arbeitstieren reiten die älteren Burschen ins Feld hinaus. Milchkannen werden auf einem kleinen Wagen verladen. Auch im Geflügelhof ist es lebendig; die schönen, weißen Leghorn-Hühner werden gefüttert; zwei Mädchen sammeln die Eier; fast 400 Stück Geflügel hat das Dorf. Im Frühlingssonnenlicht liegt die Ebene Jesreel wie ein offenes Buch vor uns. Burschen und Mädchen ziehen hinaus zur Arbeit, und in der Schule hat der Unterricht begonnen. Aber der Tag ist zu schön und in den Schulräumen ist es kalt. Schon hat der eine Lehrer die Lesestunde ins Freie verlegt. In einem Halbkreis werden die Stiihlchen aufgestellt und in der wärmenden Fnühlingssonne liest es sich viel angenehmer als im Klassenraum. Die zweite Klasse ist zum Unterricht in Naturkunde vor das Dorf hinausgewandert. Mädchen und Jungen sammeln Frühlingsblumen. Der Lehrer zerschneidet die Zwiebel der Blumen und erklärt ihre Struktur. Und eine dritte Klasse hat sich auf einem Hügel niedergelassen. Vor ihr liegt die Jesreel-Ebene, aus welcher die jüdischen Siedlungspunkte hervorleuchten: Tel Adaschim, Balfouriah, Ginegar; zur Rechten aber strahlt aus der Ferne das schneebedeckte Riesenhaupt des Hermon. Aus Afuleh kommt auf seinem Esel Amnon geritten, der die Post bringt. Nach den Unruhen in Palästina kommen zahlreiche Anfragen aus allen Ecken und Enden der Welt und Beantwortung von Briefen ist eine schwere Aufgabe für die Kinder geworden. Heute bringt er ein Schreiben vom jugendlichen Sekretär der Tarbuth-Schule in Ostrow Masow in Polen: «Wenn wir Euch auch nicht persönlich kennen, so sind wir doch besorgt um Euer Wohl. Ist es ruhig geworden ln Erez Israel? Habt Wir Wächter? ...» Am Nachmittag soll eine Generalversammlung der jugendlichen Gemeindemitglieder stattfinden. Die Tagesordnung, die sich mit Arbeits- und Gemeindefragen beschäftigt, ist bereits angeschlagen worden. Nun wird als letzter Punkt auch noch der «Brief aus Polen» hinzugefügt, der offiziell beantwortet werden muß. Die neueste Nummer der Monatszeitung des Dorfes ist erschienen; sie wird von einem Schülerredaktionskomitee herausgegeben und vervielfältigt. Sie enthält Beiträge von Kindern verschiedener Altersstufen und ist den Fragen des Lebens im allgemeinen und der kleinen Dorfgemeinde im besonderen gewidmet. Nach dem Mittagessen gehen die Kinder zur Arbeit, welche vormittags vier Stunden gelernt haben, und wer vormittags im Garten, im Stall, bei der Wäsche beschäftigt war, der setzt sich nachmittags für vier Stunden ins Schulzimmer. Von 16 Jahren an arbeiten die Kinder den ganzen Tag in der Wirtschaft oder in der Landwirtschaft und vervollkommnen sich in ihrem allgemeinen Wissen durch Abendkurse. — Nachmittags. An den Grenzen des Gebietes von Kfar Jeladim ziehen jugendliche Pflüger ihre Furchen durch die schwarze Erde. Im Dorf wird in allen Zweigen der Wirtschaft fleißig gearbeitet. In der Kanzlei des Dorfes bereitet die fünfzehnjährige Sekretärin das Material für die Generalversammlung vor und schreibt auf der Schreibmaschine. Vormittags hat sie im Kuhstall gearbeitet und eine halbe Stunde später gibt sie einer Mädchengruppe Unterricht in plastischen Tänzen für ein Festspiel. Vor Abend. Heimkehr vom Felde. Die Herde kommt von der Weide. Man eilt zur Generalversammlung. Klein-Mo'ischele hat sich rasch die Hände gewaschen, aber seine langen Hosen hat er nicht gewechselt. Der Koch kommt mit seiner Schürze und der weißen Mütze. Bald ist die ganze Gemeinde versammelt. An einem Tisch hat das fünfköpfige Präsidium Platz genommen. Die Präsidentin, ein sechzehnjähriges Mädchen, läutet aum Beginn der Sitzung; die Sekretärin überreicht das Material und bald entspinnt sich eine geregelte Diskussion über Tagesfragen im Dorf, das Aussäen der Wintersaat, Bibliothek und Orchester. Man meldet sich ordnungsgemäß zum Wort und gibt seine Meinung ab. Es ist eine wahrhaft mustergültige Versammlung. Schließlich wird als letzter Punkt der Brief aus Polen verlesen. Und Avigdor, der zweite Sekretär, gibt mit Worten dem Ausdruck, was alle fühlen: «Wir müssen unseren Freunden im Galuth sagen, daß unser Mut ungebrochen ist und daß wir mit verstärkter Energie Weiterarbeiten wollen am Aufbau unserer Heimat.» Jubelnder Applaus folgt seinen Worten. Und wenn der Mond aufgegangen ist über Givath Hamoreh, dann ist man noch fleißig im Kinderdorf. Abendkurse werden abgehalten für die «Großen», besonders in der Theorie der Landwirtschaft, und auf annoD iwn SP eziai ioo o/° Fettgehalt Gelb, geschmeidiges Pflanzenfett, überall erhältlich Unter Aufsicht des Herrn Oberrabbiner Fürst CSchiffsschul)