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Die Stimme · 1930-03-20 · Heft 118 (20.3.1930) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 118 (20.3.1930)
Date
1930-03-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Sette 6 DIE STIMME Nr. 118 Zionismus und Landespolitik. Von H. K. Wenn man sich über die Aufgaben einer jüdischen Renatesancebewegung und einer dieser dienstbaren jüdischen Volkspolitik klar werden will, dann muß man die einzelnen Strömungen in der Kulturwelt und im eigenen jüdischen Volke erfassen und darf niemals die Zusammenhänge aus dem Auge verlieren, die zwischen der spezifischen Lage der Juden, ihren Bedürfnissen und den anderen Völkern bestehen. * Die Politik der Nachkriegszeit wird ja immer mehr WeltpoHtik, die Wirtschaft immer mehr Weltwirtschaft; aus dieser Tatsache folgen für alle Völker und insbesondere für das über fünf Weltteile zerstreute jüdische Volk wichtige Konsequenzen. Die Juden können mit Erfolg ihre nationalen, religiösen und wirtschaftlichen Interessen nur dann vertreten, wenn sie ihre Bestrebungen in Einklang bringen mit den großen Aufgaben der Zeit und den Bedürfnissen der Völker, unter denen sie leben. Naturgemäß gehört es zu den dringendsten Aufgaben einer jüdischen Volkspolitik, das Verhältnis der Juden zu den anderen Völkern und untereinander zu klären. Ein Teil der vorhandenen Gegensätze beruht auf der Schlagwortpolitsk und der Verkennung der Tatsache, daß eine neue Zeit mit neuen Bedürfnissen wirtschaftlicher und kultureller Natur die Hinwegräumung eines Teiles der alten Gegensätze und die Konzentration aller Kräfte auf neue konstruktive Arbeiten erfordert. Dies gilt insbesondere für die Judenfrage, die auch theoretisch so lange unlösbar ist, als man nicht begreift, daß sie kein nur nationales, nur ökonomisches und nur religiöses Problem ist und daher auch durch kein einseitig nationales, religiöses und ökonomisches Programm in ihrer Totalität gelöst werden kann, was ja auch die Lage der Juden in den einzelnen Ländern deutlich beweist. Infolge des Mangels eines zeitgemäßen, den Verhältnissen angepaßten, großzügigen Programmes und infolge der Unklarheit, die hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Zionismus und Landespolitik herrscht, finden wir auf der ganzen Linie die dafaus naturgemäß entstehenden inneren Zerwürfnisse, die einerseits die jüdischen Positionen schwächen und andererseits dem ökonomischen, nationalen und religiösen Antisemitismus immer neue Nahrung zuführen. Bevor man aber zu der Frage der jüngst wieder so umstrittenen Landespolitik übergeht, ist es vor allem nötig, die Frage einmal endgültig zu beantworten: Ist der Zionismus eine ausschließlich palästinensische Kolonisationsbewegung oder eine allgemeinjüdische Renaissancebewegung, die sich mit allen jenen Problemen beschäftigen muß, welche die Erhaltung und Erneuerung des jüdischen 16-MiUionen-Voikes betreffen? Stehen im Mittelpunkte dieser Probleme nur das jüdische Land oder auch der jüdische Mensch? Dominieren nicht dieselben oder ähnliche nationale, religiöse und ökonomische Probleme, welche die Lebensfragen des jüdischen Volkes in der Diaspora sind, auch Im neuen Palästina und können beim Aufbaue eines Erez- Israel diese Probleme übergangen werden? Alle diese Fragen hat die Entwicklung der letzten drei Dezennien mit einem entschiedenen Nein beantwortet. Es ist somit falsch, anzunehmen, daß jede Landesarbeit in den verschiedenen Wohnsitzen der Juden die Palästina- Arbeit hindere; sie ist im Gegenteile eine durchaus notwendige Ergänzung zur palästinensischen Arbeit. Wenn man unter Palästina-Arbeit eine in der Hauptsache auf das Sammeln von Geldern beschränkte Tätigkeit versteh! und unter Landesarbeit eine bloße Man-datspolitik, dann allerdings ist es überaus schwer, eine Harmonie zwischen beiden herzustellen. Eine richtig verstandene Landesarbeit besteht jedoch nur zum Teile aus einer nur lokalen im Interesse der Judenschaft eines bestimmten Landes; der integrierendste Bestandteil jeglicher Landespolitik ist und bleibt die Erziehung neuer jüdischer Menschen, erfüllt von den Ideen der Völkerverständigung, der sozialen Gerechtigkeit und einer wahren inneren Religiosität. Eine in diesem Sinne erzogene jüdische Jugend wird nicht nur in der Diaspora ihre Aufgaben als Welt- und Staatsbürger sowie als Kulturmenschen und Angehörige ihres Volkes erfüllen, sondern auch in Palästina sehr viel beitragen können zur Milderung der Gegensätze innerhalb des jüdischen Volksteiles in Palästina als auch zwischen diesem und dem arabischen Volke sowie den anderen asiatischen Völkern. Somit beinhaltet dieser Teil der Landesarbait gleichzeitig auch ein Stück Palästina-Arbeit. Umgekehrt wind eine vernünftige Sozial- und Nationalpolitik des jüdischen Volkes in Palästina auch wesentlich beeinflussen die Einstellung und das Verhältnis der nichtjüdtedhen Völker zu den Juden in allen Ländern der Diaspora. RESTAURANT OPERER Wien, 11., Taborstraße 12 (Hotel Stephanie) erstrangige Wiener und polnische Küche. — Menü: Suppe, Braten, Beilage, Mehlspeise S 2.60 LA Cratar, Original rumänische Rostspeisen: Pastrama, Pepette rnurati. Täglich frische Pfefferkarpfen ▲▲▲▲▲▲▲▲▲▲▲AAAAAAAA £)ie Woche Berlin: Der Weitverband der Schomrei Schabbos erhielt vom Leiter der Sektion für Handels- und Verkehrswesen beim Völkerbund, die dem Spezialkomitee zum Studium der Kalenderreform angegliedert ist, ein Schreiben, in dem mitgeteilt wird, daß die seinerzeitige Resolution des Verbandes bezüglich der Kalenderreform Beachtung finden wird. — Der Reichstag hat den Antrag der Nationalsozialisten über den «Rasseverrat» mit überwältigender Majorität gegen die Stimmen der Nationalsozialisten abgelehnt. — Am 30. März findet die 28. Jahresversammlung des Hilfsvereins der deutschen Juden statt. — Henry Torres, der berühmte französische Advokat und Schriftsteller, der Verteidiger des jüdischen Uhrmachers Schwarzbart, der den ukrainischen Hetman Petljura in Paris als Vergeltung für Pogromtaten in der Ukraine erschoß und daruf von einem Pariser Geschwornengericht freigesprochen wurde, hat den Berliner Anwalt und Dramatiker Hans J. Rehfisch, Mitverfasser des erfolgreichen Dramas «Die Affäre Dreyfus» aufgefordert, gemeinschaftlich mit ihm den Fall Schwarzbart zu dramatisieren. Hans J. Rehfisch hat die Einladung angenommen. —- Karlsruhe: Der Badische Landtag hat in seiner Sitzung vom 13. d. M. den von der Fraktion der Nationalsozialisten gestellten Antrag auf Einführung des Schächtverbotes aogelelint. — Der Ober rat der Israeliten Badens veranstaltet für samt* liehe Religionslehrer und Kantoren einen Fortbildungskurs für israelitische Religionslehrer und Kantoren. — London: Kreise der Agudas Jisroel haben im Einvernehmen mit dem Wcltverband der Schomrei Schabbos dem Internationalen Arbeitsamt beim Völkerbund ein Memorandum übergeben, in dem die Forderungen der sabbattreuen Juden in der ganzen Welt dargelegt und begründet werden. — Die letzte Gruppe der 1200" jüdischen Emigranten, die im Jahre 1924 infolge des Einwanderungseinschränkungsgesetzes in die Vereinigten Staaten nicht mehr hineingelassen wurden, hat Einreisevisa erhalten und wird sich in diesen Tagen nach Amerika einschiffen. Alle diese Fragen haben nicht bloß eine theoretische, sondern auch eine eminent praktische Bedeutung für das jüdische Volk, angesichts der Tatsache, daß in verschiedenen mittel-, osteuropäischen und balkanischen Staaten Parlanientsneuwar.Ien vor der Türe stehen. Es ist somit eine Einigung und Verständigung über alle diese Fundamentalbegriffe eine unbedingte Notwendigkeit im Interesse einer einheitlichen jüdischen Politik, innerhalb deren Rahmen sioh nach Tunlichkeit BLAIMSCHEIWS ° Unerreicht in Qualität und Preisl Erzeugt unter streng ritueller Aufsicht Seiner Ehrwürden des Herrn Oberrabbiners S. Fürst D&xf in keinem Jüdin oben Haushalt fehlen! nos itto Ueberall erhältlich! KARL BLAIMSCHEINS Vereinigte Margarine- und Butterfabriken, Wien, XIV., Diefenbachgasse 59 auch die Politik der jüdischen Minderheiten ln den europäischen Staaten bewegen soll. Richtlinien für eine solche Politik zu geben, ist eine unabweisliche Pflicht des nächsten zionistischen Kongresses, beziehungsweise der Parteitage; damit würde am besten verhindert werden, daß sich die jüdischen Gruppen in den einzelnen Ländern vor Neuwahlen gegenseitig bekämpfen find daß sich diese Erscheinungen der jüdischen Zersplitterung bei den nun bevorstehenden Neuwahlen in den verschiedenen Ländern wiederholen. Wer nicht die Augen absichtlich verschließt, kann nicht die Tatsache leugnen, daß sich innerhalb der letzten zwölf Jahre seit Friedensschluß die Wucht des Antisemitismus in seinen mannigfachen Formen nahezu in allen Ländern und nicht bloß in Europa, sondern auch in Asien, Afrika und Amerika immer mehr und mehr verstärkt hat. Dieser Umstand allein macht es zu einer gebieterischen Notwendigkeit, daß in Zukunft ln höherem Grade als in der Vergangenheit das jüdische Volk sich zusammenschließe, nicht gegen andere Völker, sondern zur Vertretung der eigenen Interessen, aber auch, wie es dem Vorkämpfer der paneuropäischen Idee, Coudenho-ve-Kalergi, vorschwebt und wie es schon unsere Bibel fordert, im Dienste der VölkersolldariRF und der sozialen Erneuerung, eingedenk der Devise: In necessariis unitas, in dubiis liberalitas, in Omnibus caritas. Die Lage der Juden in Rußland Der Antipessach-Feklzug in der Sowjetunion eingeleltet. Die Liga der Atheisten hat ihre Kampagne unter der jüdischen Bevölkerung gegen die Feier des religiösen Pessaoh-Festes offtoieM eingeleitet. Die Leitung der Atiheisten-Liga hat an alle ihre Ortsgruppen Instruktionen versandt, in denen darauf hin gewiesen wind, daß in diesem Jahre das Jüdische Pessach-Fest trat den ehrte tltabe« Ostern zusammenfällt und daß sonach d'ie beste Gelegenheit besteht, eine solidarische antireligiöse Front gegen die Feier von Pessach und Ostern zu bilden. Die Atheisten In allen Orten werden angewiesen, int der Nacht vorn 19. ziuin 20. April, also am ersten Seder-Abend, antireligiöse Straßerukundgebungen mit Fackekug zu veranstalten, bei denen antireligiöse Losungen ausgegeben werden sollen. Am ersten Pessach tage sollen durch Radio antfckekgltöse Würstel-Biel l„ SCHOTTENRINfi 14 l„ FUHRICH6ASSE 3 Ansprachen verbreitet werden. Auch soll toi Plakaten dne Bevölkerung überall zur Nichthaltumg des Pessach aufgefordert werden. Die gesamte Änrbipessach-Kampagne, heißt es ln der Instruktion, soll zur Stärkung der Propaganda für Schließung von Synagogen und Kirchen und für entsprechende Aufforderungen an die staatlichen Behörden benützt werden. Die jiddische Tageszeitung «Enieß» veröffentlicht einen neunspaltigen Artikel, in welchem Weisungen, wie die Antipessach-Kampagne zu führen sei, gegeben werden. An die jüdische Bevölkerung richtete «Erließ» die Aufforderung, die P es Sachlage zur Stärkung der Propaganda für den Industrialisierungs-Fonds zu benützen und freiwillig ihren Besitz an Wertgegenständen des religiösen Dienstes für diesen Fond« herzugeben. Die Bevölkerung wird ferner aufgefordert, kollektiv aus den jüdischen Gemeinden, wo solche Gemeinden noch bestehen, auszutreten. Wie der J. T. A.-Vertreter erfährt, beabsichtigen die Jiddischen Zeitungen und die Atheistenkreise sich in diesem Jahr nicht auf den Kampf gegen das Mazzofch- Es-s-en zu konzentrieren, da es ohnehin keine Mazzotih geben wird, sondern darauf, daß im Verlauf der Pessaoh-Woche die bei den Juden noch vorhandenen religiösen Gegenstände aus Messing, Silber und Gold dem Industrialisierungs-Fonds zugeführt werden. Die Zeitung «Emeß» versandte Instruktionen dieses Inhalts an alle -ihre Provinzkor re spondenten. Es wird ein neuer Zoll für aus dem Auslande eingeführte Mazzotb angekündigt, der 10 Rubel pro Kilo und zusammen mit weiteren Steuer- und Zollgebühren, etwa 3 Dollar pro Pfund ausmachen wind. «Euieß» behauptet, daß die berühmte JescMwah in Nevel, die im vorigen Jahre behördlich aufgelöst worden ist, illegal weiter besteht und daß Newel immer noch Zentrum illegaler jüdisch-religiöser Arbeit ist. Der Geist des «Lubawifsoher Rebbe», schreibt <Emeß», herrscht noch immer in Nove'l. Die Zeitung behauptete, daß der NevOter Rabbiner die Sammlungen für den Jesöbiwaih-Fonds und die illegale Jesohiwah seihst leitet und daß jüdische Arbeiter, unter Ihnen sogar Kommunisten, zur Erhaltung der Jesohiwah beitragen. Gegen den 68jährigen bekannten hebräischen Schriftsteller Leon Rabinowifsch, dem früheren' langjährigen Redakteur der hebräischen Tageszeitung «Hameiiz» wurde wegen einiger von ihm in der New Yorker j’iddfeohien Tageszeitung «Tog» (The Day) veröffentlichten Artikel die Anklage wegen Spionage und Verleumdung des Sowjetregimes im Auslande erhoben. Leon Rabinowitsch wurde bekanntlich im Oktober 1929 zusammen mit allen Mitgliedern des Vorstandes der Leningrader Jüdischem Gemeinde, dem auch er augehört, wegen angeblich gesetzwidriger Sammlung von Geldern zur Renovierung der Großem Synagoge verhaftet und befindet sich zusammen mit seinen Vorstandskofiegcn noch heute in Hafk Die Synagoge ist inzwischen beschlagnahmt worden. Die seit 1914 ln Leningrad existierende jüdische HöfegeselLsohaft «Jekopo», die eine rituelle Küche für unbemittelte jüdische Studenten, ein jüdisches Altersheim und andere Wohlfahrtsinstitait'ionen in Leningrad unterhalten hat, ist von der Sowjetbohörde für aufgelöst erklärt worden. Kleine Nachrichten ausPalästina Im Februar kamen nach Palästina 460 Qbaluizim aus Polen an. Im gleichen Monate des Vorjahres sind -im ganzen 79 polnische Ch-aluzi-m ewige wandert, — Mit dem Dampfer «-Maure-, nia» sind Ohaihiziiim aus Amerika eingetrofifen. Die hebräische Presse begrüßt freudigst diese Tatsache. — Sieben arabische Boylcot'tagenten wurden ln Jerusalem verhaftet. — Musa Kasim Pascha, der Präsident der arabischen Exekutive, veröffentlicht einen Appell, ln dem er ersucht, bis zur Rückkehr der Delegation aus London sich der Bildung neuer Parteien au enthalten. — Pänchas Rutenborg und CoL Kish hielten mit dem Reorganisator der palästinensischen Polizei, Dorwblggin, eine längere Beratung ab, bei welcher sie Ihm die Forderungen der palästinensischen Judenbeit hinsichtlich der Reorganisation der Polizei unterbreiteten. ■— Ana Fasttage vor dem Purim-Fest wurden kt allen Syagogen Palästinas Gebete für die verfolgten russischen Juden gesprochen. — Emir Abdullah von Transjordawien bemüht sich um -die Amnestierung aller Im Zusammenhang mit den Unruhen zum Tode verurteilten Araber. Die arabische Dolegatioai hat am 10. März die Reise nach London angetreten, naohdem säe von den in London weh lende« Jamal Husseiwe dringend aufgefordert wurde, sofort abzuretem, well die Veröffentlichung des Berichtes der Palästina,kommission unmittelbar bevorsteht. — Arabische Blätter berichten, daß sich die Wirtschaftslage in Jaffa andauernd verschlechtert und heute kritischer sefl, aAs während des Krieges. Von Jüdischer Seilte wird erklärt, daß die« eine Fdlge des antijüdischen Boykotts sei. Eine Ritualmordaffäre in Griechenland Saloniki, 14. März. (J. T. A.) In der Stadt Volo wurden zwei jüdische Kaufleute unter der Beschuldigung verhaftet, ein griechisches Kind zum Zwecke des Ritualmordes entführt zu haben. In Volo und der Umgebung entstand infolge der Hetze antisemitischer Agitatoren starke Erregung gegen die Juden. Schließlich erwies sich die Beschuldigung als nichtig und die beiden jüdischen Händler wurden in Freiheit gesetzt. VILLA SEVIGNE, Lausanne, Schweiz Israelitisches Mädchen*Penslonat Erstklassige Referenzen Prospekte durch die Vorsteherinnen: Mraea. M. und B. BLOCH

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