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Die Stimme · 1930-03-20 · Heft 118 (20.3.1930) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 118 (20.3.1930)
Date
1930-03-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 118 DIE STIMME Seife S Eine neue Sowjetwaffe gegen das Judentum Von Ludwig Bato. Viele Maßnahmen der Sowjetregiertmg politischer nnd wirtschaftlicher Art, Umformungen von rein zweckmäßigem Anstrich haben bei ihrer Anwendung auf die luden neben dem Bestreben, auch diese unter die volle und ausschließliche Botmäßigkeit der Sowjets zu bringen, noch die planmäßig und rücksichtslos verfolgte Tendenz, als Waffe gegen das Judentum zu dienen. Dies trifft vor allem auf die K o 11 e k t i v i- Bierung der Landwirtschaft zu, die den höchsten Ausdruck der von der Sowjetregierung 1927 beschlossenen agrarkommunistischen Umbildung darstdlt. Diese Kollektivisierung strebt nach außen hin die Rationalisierung der Landwirtschaft, eine höhere Wirtschaftlichkeit an, in Wirklichkeit dient sie aber in der Hauptsache rein politischen Zielen. Sie will den Einzelmenschen aus den bestehenden Gemeinschaften herausholen, um ihn in eine große Gemeinschaft einzugliedern, wo er aber gänzlich entwurzelt werden soll. Und das Ist das letzte Ziel: entwurzelte Menschen zu schaffen, um über diese zusammenhanglose Masse um so schrankenloser herrschen zu können. Drei Formen der kollektivisierten Landwirtschaft gibt es: die Genossenschaft zur gemeinsamen Bodenbenutzung (die mildeste Form der Kollektivisierung), das Artel und die Kommune. Sie beginnt mit der gemeinsamen Bearbeitung des Bodens, wobei der Gewinn nach Maßgabe der vollbrachten Leistung unter die Mitglieder verteilt wird und kulminiert in der vollständigen Zusammenlegung der ganzen Lebenshaltung der Mitglieder. Da wohnen die Menschen in großen Gemeinschaftshäusern beisammen, die aber dem Einzelnen nicht viel mehr als Schlafräume bieten. In gemeinsamen Sälen spielt sich das gesamte übrige Leben ab. Das ganze Leben ist kollektivisiert, das Individuum aufgehoben, verschwunden. Für die Kinder wird gemeinsam gesorgt. Auch der letzte Rest des Einzeldaseins ist aufgehoben, selbst der Verbrauch des Arbeitsertrages ist gemeinsam. Dieses System der Kollektivisierung wird nun auch auf die jüdischen Kolonien angewandt. Hiebei wird es aber nicht nur als allgemeine Agrarreform in die Tat umgesetzt, sondern dazu benützt, die kleinen zusammenhängenden jüdischen Siedlungsgebiete zu zerschlagen und ihres jüdischen Charakters zu entkleiden. Denn die jüdischen Kolonien werden mit den umliegenden nichtjüdischen Siedlungen zusammengelegt und so sollen die jüdischen Bauern mit ihren größten Feinden zusammen Kollektiven bilden. Bezeichnend ist übrigens, daß'dies? auch von den nichtjüdischen Bauern abgelehnt wird..Es ist an die Schaffung einer durchwegigen, alle Phasen des menschlichen und. nationalen Lebens umfassende Schicksalsgemeinschaft gedacht, was natürlich das vollständige Verschwinden des Judentumsaus diesen Kolonien zur Folge haben soll. Auf diese Weise glaubt die Obrigkeit, das jüdische nationale, kulturelle und religiöse Leben unter ihre strengste Kontrolle bringen und allmählich ertöten, sowie die den Sowjets unangenehmen, das heißt gut jüdischen Elemente aus den Siedlungen entfernen zu können. Auf diese Weise soll dann der «Schmelztiegel» von Lunatscharsiki verwirklicht werden. Typisch ist beispielsweise, daß die jüdischen Siedler in den Kollektiven gezwungen werden — Schweine zu züchten 1 Daß die Zusammenlegung mit Elementen erfolgen soll, die die Juden als Eindringlinge geradezu hassen, schert die Regierung durchaus nicht. Und die Kollektivisierung ist auch schon im Zuge. Kalinindorf ist am 1. Jänner 1930 vollständig kollektivisiert worden, die jüdischen Kolonien im Kreise Cherson, Krivojrog und Nikopol sollen im Laufe 1930 kollektivisiert werden. Diese Kollektivisierung geht aber durchaus nicht glatt vor sich, da sich die jüdischen Siedler weigern, mit den niahtjüdischen Siedlungen zusammen Kollektiven zu bilden, was sie — selbst nach Mitteilung der jiddischen kommunistischen Blätter — damit begründen, daß die Kollektivisierung zur vollständigen Assimilation und zur Vernichtung der jüdischen Religion führe. Es liegt im Wesen aller jüdischen kommunistischen Stellen und Organisationen, daß sie der Regierung bei der Durchführung der kollektivisierenden Entjudungsarbeit von allem Anfang an treue Dienste leisteten. An der Spitze marschierte selbstverständlich die Jewsekzia, der sich hiebei willkommene Gelegenheit bot, dem politischen Gegner eins am Zeug zu flicken. Aehnlich verhalten sich auch die ihr nahestehenden Körperschaften. So hat das Präsidium der privaten kommunistischen Gesellschaft für Landansiedlung der Juden Ozet im Jänner 1930 beschlossen, die Regierung bei dem Werke der Kollektivisierung zu unterstützen und die Möglichkeit zu schaffen, «alle antisowjetistisch gesinnten jüdischen Kolonisten aus den Siedlungen zu entfernen». Der weißrussische Ozet ging in seinem regierungstreuen Radikalismus noch weiter. Er forderte am 5. Jänner 1930 die jüdischen Siedler auf, sich binnen zehn Tagen zu entschließen, ob sie gemeinsam mit den nicht jüdischen Bauern das Kollektiv bilden wollen, widrigenfalls sie ihren Boden verlassen müssen. Auch die Regierungskommission für jüdische Kolonisation Komzet steht dabei nicht zurück. Sie faßte in einer anfangs 1930 abgehaltenen Konferenz radikale Beschlüsse zur Durchführung der Kollektivisierung der jüdischen Kolonien in der Sowjetunion. Ein Mitglied 0444 das mit dem 2 eichen der streng rituellen Erzeugung versehene Kunerol. Das Verschlußsiegel bürgt Ihnen dafür, daß Kunerol von jedem Strenggläubigen ohne Bedenken genossen werden kann. Kunerol ist reines Kokosnußfett und kann sowohl zur Zubereitung von Milchspeisen als auch zur Zubereitung von Fleischspeisen verwendet werden. NER0L 100^ REINES KOKOSNUSSFETT des Komzet, J. Golde, arbeitete ein Projekt aus, demzufolge sich die jüdischen Kolonien in Zentralrußland noch vor dem kommenden Frühjahr mit den nichtjüdischen Siedlungen — wie dies jetzt schon in Weißrußland durchgeführt wird — vereinigen sollen. Etwas zögernd in dieser Frage ist die Haltung der mit amerikanisch-jüdischem Gelde erhaltenen Stellen, so daß sich die Moskauer jiddische Tageszeitung «Emes» bereits im Februar 1930 veranlaßt gesehen hat, an die in Rußland arbeitenden ausländischen jüdischen Aufbau-Organisationen die ultimative Forderung zu richten, sich klipp und klar für oder gegen die Kollektivisierung der jüdischen Kolonien zu entscheiden. «Wir müssen den ausländischen Bourgeois-Organisationen, schreibt die Zeitung, klar machen, daß in unserem Lande eine «doppelte Buchhaltung» nicht zugelassen werden kann. Wir müssen sie warnen und ihnen sagen, daß das Tempo der Kollektivisierung auch im jüdischen Dorfe nicht gehemmt werden kann und darf.» Der «Enies» behauptet weiter, daß der vom American Joint Distribution Committee für die jüdische Landansiedlung in Rußland, ins Leben gerufene «Agro-Joint» die Kollektivisierung der jüdischen Siedlungen in der Krim störe, den jüdischen Kollektiven die Kredite verweigere, während sie gleichzeitig jüdischen individuellen Kolonisten, die sich den Kollektiven nicht angeschiossen haben, Kredite einräume. Der «Emes» hofft, daß es am 1. April 1930 im gesamten Rayon Krivojrotg keine einzige individuelle jüdische Wirtschaft geben werde, sondern daß alle in Kollektiven zusammengeschlossen sein werden. Heute seien 60 Prozent der jüdischen Kolonien im Rayon Krivojrog zu Kollektiven vereinigt. Auch bei der dem wirtschaftlichen Aufbau dienenden amerikanisch-jüdischen Organisation ORT scheint nicht die Geneigtheit zu, bestehen, den von der Sowjetregieru-ng vorgezeichneten Weg der Kollektivisierung der jüdischen Landwirtschaft zu beschreiten. Sie sieht sich denn auch gezwungen, auf die Kolonisationsarbeit in den Distrikten Minsk und Mohilew zu verzichten und sich auf die Arbeit im Distrikt Bobruisk zu konzentrieren, wo die jüdischen Kolonien nicht gezwungen sind, sich mit den nichtjüdischen zu verschmelzen. In den Distrikten Odessa und Perwomeisk (Ukraine) wird der ORT sein Kolonisationswerk ungeschmälert fortführen und versuchen, rein jüdische Kollektiven zu gründen. Bei dieser Stellungnahme der ORT ist es kein Wunder, daß sie bei den jüdischen Kommunisten heftigen Anstoß erregt. So verlangt auch der «Emes», daß die Tätigkeit des ORT in Rußland verboten werde. Die Sowjetregierung hat aber rechtzeitig gegen die Widerspenstigen vorgesorgt. Sie fand bereits im Herbst des Vorjahres ein Mittel, jüdische Kolonisten zu zwingen, sich den Kollektiven anzuschließen. Sie ging bei der Getreideaufbringung in den kollektivgegnerischen Siedlungen so scharf vor, daß verschiedene Kolonien in der Ukraine und der Krim buchstäblich ohne Brot geblieben sind. Die Folge war, daß hunderte Siedler, vom Hunger getrieben, sich entschlossen haben, den Widerstand aufzugeben und in die mit Lebensmitteln besser dotierten Kollektiven einzutreten. . Bei ihrer Propaganda für eine jüdische Kolonisation in Rußland hat die Sowjetregierung die Juden im Auslande, um sie für das jüdische Kolonisationswerk in Sowjetrußland zu gewinnen, hoch und heilig versprochen, ein zusammenhängendes großes jüdisches autonomes Gebiet, eine jüdische Republik zu schaffen. An Stelle dessen läßt nun die Sowjetregierung selbst die bestehenden jüdischen Siedlungselniheiten zerstören, indem sie gewaltsam mit nichtjüdischen Kolonien verschmolzen werden. Die auf diese Weise durchgeführte Kollektivisierung ist daher glatter W o r t b r u c h. Am 14. März 1930 hat das Zentralkomitee der kommunistischen Partei beschlossen, den Gang der Kollektivisierung der Landwirtschaft, offenbar infolge des Widerstandes der Bauern, in so ferne zu hemmen, als es vorläufig die Schaffung von Kollektiven bei der zweiten Stufe, beim Artel, ihre Bewandtnis haben, und die Ueberleitung in landwirtschaftliche Kommunen der Bestätigung der obersten Ortsbehörden Vorbehalten bleiben wird. Es ist kaum anzunehmen, daß hiedurch die eingeleitete Kollektivisierung der jüdischen Siedlungen eine Aenderung erfahren wird. Es geht wieder los Antisemitische Studentenexzesse in Jassy In Jassy kam es am 11. März zu schweren Ausschreitungen der antisemitischen Studenten gegen die jüdischen Universitätshörer. Mehrere jüdische Studenten wurden arg verprügelt. Während sich die Tumulte abspielten, befand sich gerade der Unterrichtsminister, Univ.-Prof. Costachescu, in einem Laboratorium. Minister Costachescu erklärte Pressevertretern, daß er gegen schuldige Studenten mit den strengsten Strafen Vorgehen werde; er werde nicht ruhen, bis es ihm gelingt, die Politik aus der Universität zu verbannen, selbst wenn die Gefängnisse mit Studenten gefüllt würden. ... und in Warschau Im Anatomischen Institut der Warschauer Universität fand am Vormittag eine Versammlung national-demokratischer Studenten statt, in der die Redner erklärten, daß die christliche Studentenschaft nun, da die Aktion wegen Herbeischaffung jüdischer Leichen für Sektionszwecke erfolglos geblieben ist, zu Taten schreiten müsse. Am Nachmittag drang eine Studentenmenge in der Zahl von etwa 500, unter ihnen Hörer der Handelshochschule, des Polytechnikums und der Landwirtschaftlichen Hochschule, in den Saal der Anatomie ein, in welchem unter Leitung von Prof. Loth praktische Uebungen stattfanden, stürzte sich auf die im Saal arbeitenden Juden und trieb sie unter schweren Mißhandlungen auf die Straße. Hierauf wurde an das Tor der Anatomie eine Tafel mit riesiger Aufschrift „Eintritt für Juden verboten!“ angebracht. Während der Schlägerei haben auch christliche Studenten, die für Juden gehalten wurden, Verletzungen erlitten. Später veranstalteten die antisemitischen Studenten im Universitätsviertel eine Riesendemonstration, in der Transparente mit der Aufschrift: „Nieder mit der jüdischen Ueberschwemmung!“ getragen wurden. In jüdischen Kreisen herrscht große Erregung wegen des barbarischen Voi’gehens gegen die jüdischen Medizinstudenten. Gegen den Leiter der betreffenden Institutsabteilung, Prof. Loth, wird die Beschuldigung erhoben, daß er die mißhandelten jüdischen Studenten nicht in Schutz genommen und sich bei den antisemitischen Studenten für die ihm dargebrachten Ovationen bedankte. Die Unruhen im Anatomischen Institut fanden ein Nachspiel in der Universität, wo das Buffet der jüdischen Akademiker-Selbsthilfe und das Buffet der assimilatorischen jüdischen Studenten vollkommen demoliert wurden. In der Universität wurde dann eine Versammlung antisemitischer Studenten abgehalten, in der die Rufe ausgestoßen wurden: „Wenn die Juden keine Leichen für Anatomiearbeiten liefern, so werden wir in die Nalewkigasse (das jüdische Handelszentrum von Warschau) gehen und uns selbst jüdische Leichen holen!“ Ein Vertreter der Handelsakademie erklärte in der Versammlung, obwohl seine Kollegen an der Frage der jüdischen Leichen nicht direkt interessiert sind, so werden sie ihrerseits sich bemühen, die Juden aus Handel und Industrie hinausstoßen zu helfen. An dieser antisemitischen Hetzversaimnlung haben sich Studenten und Studentinnen der militärischen Offizierssanitätsschule beteiligt. Während der Straßendemonstrationen der antisemitischen Studentenschaft wurden in der Krulewskagasse mehrere Juden überfallen und schwer mißhandelt. Auch im staatlichen zahnärztlichen Institut überfielen die antisemitischen Studenten während der praktischen Arbeiten ihre jüdischen Kollegen und Kolleginnen, schlugen mit Stökken auf sie ein. und warfen sie aus dem Institut hinaus. Dabei wurden einige jüdische Studenten verwundet. Am Abend wurde im Lokal des Vereines der jüdischen Medizinstudenten eine Versammlung abgehalten, in der gegen die barbarischen Taten der antisemitischen Studenten protestiert wurde. Eine Abordnung des Vereines unter Führung seines Präsidenten Kleinbaum begab sich zum Kurator Prof. Nicz und forderte Sicherheit für die jüdischen Medizinstudenten. Die jüdische Presse gibt der Hoffnung Ausdruck, daß das Volksbdldungsministerium nunmehr endgültig den Streit in der Frage der Lieferung von jüdischen Leichen regeln wird.

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