Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 117 (13.3.1930)
- Date
- 1930-03-13
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 DIE STIMME Nr. 117 25 $to%. der fpeitdeneingönge des “Heren Haje» Hu iti dieses Jabwes haben Sö fetbstbontin£ent- Ser auf&ebwadtt. — Sind Sie bereits darunter? Das Koftkind der imerkonielTionellcn Fürforge v.’cchlelt die Koftcltcrn häufiger als ein Kleid — anders ifl es bei uns. Wenn wir mal ein folchcs Kind dm jüdifchcn Kofteltern wegnehmen wollen, weil irgend ein trittiger Grund dafür fpridit, wird ein regelrechter Kampl daraus. Das Gros diefer verladenen und Waifcnkinder kommt dann in unfere Heime. Es gibt deren drei für Knaben: Waifenhaus Probusgalie mit 70 Plätzen; Heimftättc und Springcrldacs Waifenhaus mit 39 Tlätzen; das Wailcnhaus in Baden mit 32 Plätzen. Und vier für Mädchen: Mcrcrcs-Waifenhaus mit 60 Plätzen: Mädchcn-Waifenhaus Ruthgallc mit 60 Plätzen: Kinderheim, XIII., Auhofflraßc, mit 30 Plätzen: Zirner-Kindcrheim in Burkersdorf mit 20 Plätzen. Dann ftelicn für Knaben das Lehrlingsheim Zukunft mit 60 Plätzen und für Mädchen das Dr.-Krüger-Heim mit Sa Plätzen zur Verfügung. In diefen Heimen werden lie einem Beruf zugeführt. Für dicl'e Kinder ift gut geforgt. Anders lieht es für die aus, denen ein elterliches Heim geblieben ift. Vater und Mutter und ein Dach über den Kopf, wo follte da für Fürforgc noch ein Platz fein? Das Kind hat Liebe — aber oft kein Stückchen Brot. Wenn cs Letzteres lange genug entbehrt hat, dann meldet lieh die Unterernährung und ihre Folgen, und dann kann man wieder etwas für diefe Kinder tun. Sie kommen in Ferienkolonien: Vöslau-Mühlhof, 3 Serien zu je 60 Kindern; Vöslau-Florahof, 3 Serien zu je 150 Kindern; die gefährdeten in das Sonnents.gesheim Augarten in 3 Serien zu je 104 Kindern und in das Sechofpiz Grado in 3 Serien zu je 30 Kindern. Mit unendlichen Geidopfcrn von Seiten der Fürforge ringt man diefe Kinder in jahrelangem Kampfe der Tuberkulofe ab. Die Kranken werden in interkonfeflionellen Heilftättcn, liebevoll und häufig ihren fchweren Eigenarten Rechnung tragend, behandelt. Und wenn wir fic gefund und arbeitsfähig wieder haben, dann kommt die Sorge der Berufsberatung. Sie alle werden auf der Berufsbcratungsftelle der Gemeinde Wien geprüft und beraten — fehr oft auf Kolben der jüdifchcn Wefensart. Wir wilTcn das, und doch machen wir dem Minderjährigen Vorwürfe, wenn er die Lehre verläßt oder fich etwas zufchulden kommen ließ. Da find wir nun bei der ziemlich hohen Zahl von Jugendgerichtsfällen. Die meiften diefer Jugendlichen find unfchuldig fchuldig; häusliche VcrhältnifTc, Verfiändnislofigkeit der neuen Umgebung find die Urfadien, die einem ij- bis 16jährigen feinen reinen, ehrlichen Namen rauben können. Zu Haufe findet er Unfrieden, Armut und Kälte. Manche führt ihr Weg in die Jugendvereinigung. Die Gleichaltrigen fchaffen eine Atmofphäre von Gleichberechtigung. Im Klubheim und in den Kolonien ift Ehrlichkeit und Anftändigkeit fo felbflverftändlich, wie frohe Stimmung — fic befitzen alle nichts und haben alles. Nach Gefinnung und Herkunft,ließen fie fich in folgende Gruppen vereinigen: Hafchomer Hazair: Sommerfiedlung Lafnitzmühlc, ijo Plätze; Makkabi Hazair: Ferienlager Burgau, 69 Plätze; Gcdud Zcirim: Sommerlager Unterbergern, 32 Plätze; Jugendbund Gordoniah: Sommerlager Greifcnftcin, 45 Plätze; B’rith Hamifchmar: Ferienlager Wienerbruck, 8j Plätze; Jugendgruppc der Agudas Jifroel: Kolonie in Grabenweg, 48 Plätze; Jugendgruppe der Misradii: Kolonie in Kobersdorf, 35 Plätze; Wanderbund Blau-Weiß, 100 Plätze; Bund jiidifcher Jungwanderer, 60 Plätze. Eine Sorge für fich bilden unfere Mündel. Es find fremdzuftändige Kinder. Wir willen den Namen und das Geburtsdatum und nun gehen wir auf die Suche nach dem Heimatfehein. Es gibt Gemeindeämter, die antworten, und cs ift auch fchon vorgekommen, daß wir Dokumente bekamen, freilich hießen die Kinder manchmal ganz anders als wir dachten. Aber viel öfters ift nichts zu erfahren und erfl nach jahrelangem Suchen führt eine Spur ans Ziel. Dies find in kurzen Zügen die Wege unfercr Fürforge — fie laufen in allen Fällen auf Hilfe hinaus. Man bedenke, daß niemand davor gcfchützt ift, einmal Hilfe in Anfpruch zu nehmen — und daß jeder Hilfe bringen kann. Hillel sagt: «Trenne Dich nicht von der Gemeindef» (Sprüche der Väter, 11, 5.) <r.Und Gott, gelobt sei er, sprach: Mir ist in Erez Israel ein kleines Kollegium weitaus lieber als ein großes Synhedrion außerhalb des Landes.-» (Jeruschalmi N’darim 86.) Ueber Kindergärten und Heimstätten Von Franks Rittermann, Präfidentin des Vereines der „Jüdifchen Kinderfreunde” Im November 1918 hat ur.fer unvergeßlicher Ehrenpräfident, Oberrabbincr Prof. Dr. Chajes f. A. den Verein „Jüdifche Kinderfreunde“ gegründet und deflen Richtlinien feftgclegt. Ein iin Jahre 1919 vcranflaltcter Sammeltag brachte die Mittel zur Errichtung von Kindergärten und Heimftätten. In den cif Jahren des Beftandes haben die „Jiidifdien Kinderfreunde” etwa 7000 Kinder befürforgt und in jüdifchem Sinne crzieherifdi beeiflußt. In den Jahren 1919 bis 1921 haben wir ji2 Kinder zur Erholung ins Ausland gcfchickt und 3080 Kinder haben in den Jahren 1921 bis 1929 ihre Ferien in unteren Tagcserholungsftättcn verbracht. In den erften Jahren unferer Tätigkeit haben wir im großen Konzerthaus- und Mufikvcrcinsfaal große Kindcr-Ciianukah- und Purimfcfte veranftaltct und hiedurch dem jüdifchcn Wien gezeigt, wie Kinder jüdifche Teile feiern follcn. Heute können v/ir uns fchon darauf bcichränken, diefe Fcftc in unteren Kindergärten und Heimftätten intern zu feiern. Urfprünglich haben wir um hauptfädtlich mit der Bcfürforgung der Sdiulkindcr befaßt und da erkannten wir: follcn wir jüdifche Kinder jüdifda erziehen, müffen. wir beim Kleinkinde beginnen, denn das Schulkind ift fchon viel zu fehr der nichtjüdifchen Ileeinfluffung der Schule unterworfen, Deshalb haben wir unfer Hauptaugenmerk dem Kindergartenkindc gewidmet. Derzeit erhält der Verein drei Kindergärten fowle drei Tagcshcimftättcn für fdaulpflidatige Kinder, in denen über Kinder untergebracht find, darunter etwa 140 fremdzuftändige und ftaatenlofe, die hauptfädilich auf unfere Befürforgung angewiefen find. Es find dies nicht nur Kinder des Proletariates, fondern auch des früheren Mittelftandes, die durch die wirtfchaftlichen VerhältnilTe gezwungen find unfere Heime zu frequentieren. Die vorfdiulpflichtigen Kinder in den Kindergärten werden tagsüber von padagogifch gefdiulten Kindergärtnerinnen betreut und volliländig verpflegt. Die Heimftättenkinder kommen von der Schule ins Heim, wo fie unter Aufficht gcfchulter Lehrkräfte den ganzen Nachmittag verbringen und verpflegt werden. In den Heimftätten bieten wir den Kindern abgefehen von allgemein erzieberifdier BccinfhilTung auch Schulnadihilfe fowie Unterridat in Hebrüifch, jüdifcher Gefchichtc Handfertigkeit ufw. Des öfteren müften wir auch Kinder, deren Eltern auf der Durchrcife find in unfere Heime aufnehmen. Durch die Erhaltung unferer Kindergärten und Heimftätten ermöglichen wir den Eltern unferer Kinder, oft nur einzelnen Elternteilen, einem Berufe n.tdizugchen, indem wir ihnen die Sorge um ihre Kinder während des Tages abnehmen. \ om Standpunkte ausgehend und dem Wunfche unferes Gründers des Oberrabbiners Chajes f. A. entfprcchend, daß die Eltern fich der Sorge um ihre Kinder nicht ganz entledigen Jollen, heben wir Verpflegsbeiträge ein, die nach den materiellen VerhältnilTen der Eltern, die durch Recherchen genau geprüft weiden, abgefeuft find. Wir erzielen dadurch einen moralischen Erfolg und wirken crziehcrifch auf die Eltern ein, womit wir eine Entlastung der öffentlidien Mithilfe erreichen. Seitens der ifraelitifdicn Kultusgemcinde wird uns immer wärmftes IntcrelTc und Anerkennung unferer Leiftungcn entgegengebracht, wie ja die Kultusgemcinde auda fonft, dank dem Einflufl’e der zionilcifchcn Mandatare, ihr Hauptaugenmerk auf die jüdifche Jugendfürsorge richtet. Es ift nur bedauerlich, daß feitens der Kultusgemcinde finanziell nicht mehr als bisher für diefe Fürforgeinftitutionen geleiftet werden konnte. Unfer monatliches Budget beträgt ungefähr S yeco.—. Idi hoffe, daß bei den bevorftchenden Beratungen der Kultusgemeinde über die Aufftcllnng des Budgets für das Jahr 1930 eine Einteilung der Subventionen getroffen wird, die nicht nur für die „Jüdifchcn Kindcrfrcundc” fondern auch für die anderen Fürforgeinftitutionen eine Erleichterung im Kampfe um ihre Erhaltung bringen wird. Den Bodenständigen ins Stammbuch «. . . Eine Vorschrift sei für den Eingeborenen und für den Fremdling, der unter Euch weilt!» (Exodus 12, 49.) «. . . Und lehret sie eueren Kindern, davon zu reden . . .» (Deuteron. 11. 19). Wenn ein Kind zu sprechen beginnt, ist der Vater verpflichtet, mit ihm hebräisch zu sprechen und ihn Thora zu unterrichten. Wenn er mit ihm nicht hebräisch spricht und. er nicht Thora unterrichtet, ist es so, als ob er es begraben hätte . . .» (Sifri.) Wie können wir jüdisch befürsorgen? Von Oberrechnungsrat MofeS Weiner, Kultusvorfteher Das Probiens der allmählichen Abbröckelung des Judentums durch Austritte und Taufe, ift in unferer Prelle fchon vielfach erörtert worden. Verfehledene Gegenmaßnahmen wurden vorgcfchlagen und auch teilweife getroffen. Ein wichtiges Problem ift das der Kinder aus Mifchehen, die fchon im vorhinein als für das Judentum verloren gelten. Bei jenen Mifchehen, die in der Kirche oder im Rathaus gefchloffen werden, ifl dies ja felbftverftändlich. Anders verhält fich dies bei jenen Mifdiehen, wo der nidit jüdifche Teil zum Judentum übertreten ift. In dielen Fällen ift noch immer Hoffnung vorhanden, daß die Kinder diefer Ehen jüdifdi erzogen werden. Die Erfahrung lehrt uns aber, daß die Kinder jüdifdi gefdilolTencr Mifchehen trotzdem dem Judentum verloren gehen, weil der Wille zur Erhaltung des Judentums, der bei der Ehefchließung nodi ausfchlaggebcnd war, im Laufe der Zeit erlahmt. Der jüdifdi cjngeftellte Teil folcher Ehcgemeinfdiaften würde nidit feiten eine jüdifdie Einwirkung von entfprechenden kompetenten Stellen wie Gemeinde ufw., gerne fchen, um ihre Kinder dem Judentumc erhalten zu können. Was wir diefen jüdifchcn Kindern bieten wollen, muß an ihr Leben eng anfdiließen. Vor allem wäre cs notwendig, geeignete Kindergärten zu begründen. Die bereits beftehenden hebräifdien Kindergärten kommen für diefe Kinder wenig in Betracht. Die vom Verein jüdifdier Kinderfreunde erhaltenen Horte für Sdiulkindcr wären das gceignetfte Mittel, die Erziehung diefer Kinder in die Wege zu leiten. Wohl ift cs unmöglich, in allen Bezirken Wiens jüdifche Kindergärten und Horte ins Leben zu rufen. Es gibt aber eine Möglichkeit, in den judenftarken Bezirken auf andere Weife für die jüdifdie _ Erziehung diefer Kinder vorzuforgen. Jugcndgottesdicnfte, jüdifdiinhaltsreidie Sabbathsnachmittagsfeicrn würden fichcrlidi in der Lage fein, das zu erfetzen, was den Kindern ein regelrechter Kindergarten oder Hort bieten könnte. Man müßte auch für die Ausfpeifung und Bekleidung von Kindern der ärmeren Häufer vorforgen. Im Wege folcher Vcranftaltungcn, die von einer Stelle aus geleitet werden müßten, würde lieh die Möglidikcit ergeben, fo mandies jüdifdie Kind, das dem Judentum verloren zu gehen droht, zu erfaffen. Die Kultusgemeinde müßte alle Kinder, für die fic einen Erzichungsbcitrag leiftet, anhaltcn, diefe Veranftaltungcn zu befuchcn. Vor allem handelt cs fich um Kinder aus Mifchehen und folchc, die ihre Jugend in chriftlichcr Pflege verbringen. Wir find wohl bereditigt, an unfere Fürforge derartige Bedingungen zu knüpfen, da es fich in diefem Falle nicht fo fehr um eine materiell? als vielmehr um eine geiftige Fürforge handelt. Bemerken will ich noch, daß zwecks Evidcnzhaltung die Mifchehen befonders vermerkt werden follcn, um die Kinder folcher Ehen im Auge behalten und in Zukunft hin für eine jüdifche Erziehung gewinnen zu können. Abgefehen von der rein liatiftifchen Bedeutung folcher Angaben, würden folche Vormerke auch einen faktifdien Wert bieten, indem wir auf diefer Grundlage Richtlinien für unfere Bevölkerungspolitik fcftlegen könnten. «... 7/2 vereinten Kräften liegt das Heil, liegt der Segen . . .» Rabbiner Lazar Horwitz. (Rede zur Constitutionsfeier Im Israel, polnischen Beihause am 4. März 1850.) Die jüdische Gemeinde und das Rothschildspital Von Med. Dr. Sanel Beer, Kultusvorsteher. Das Budget der KuJtusgemeinde weist in den letzten Jahren ein Defizit von etwa 300.000 Schilling auf. Es ist klar, daß diese Last auf die Dauer nicht getragen werden konnte und daher verschiedene Versuche gemacht wurden, um das jährliche Defizit abzubauen. Da man bei den heutigen wirtschaftlichen Verhältnissen der Juden in Wien nur schwer mit Steuererhöhungen rechnen kann und auch das Hauptaktivum der Gemeinde, die Friedhofsgebiihren, nicht mehr zu erhöhen sind, bleibt nichts anderes übrig, als die Ausgaben zu verringern. Das ist sicherlich leichter gesagt, als durchgeführt, zumal ohnehin überall in der Gemeinde Sparmaßnahmen vorherrschen. Eine schwere Belastung für die jüdische Kultusgemeindc ist die Erhaltung des Israelitischen Spitals, im Volke Rothschild-Spital genannt. Bel einem Spitalbudget von etwa S50.000 Schilling muß die Gemeinde jährlich fast 300.000 Schilling, das ist gerade die Höhe des jährlichen allgemeinen Defizits als Zuschuß für das Spital aufwenden. Sicherlich ist ein Krankenhaus, noch dazu ein jüdisches, keine aktive Post. Es ist aber traurig und wiederholt von der Allgemeinheit als beschämend empfunden worden, daß das Haus Rothschild, dem die Gründung des Spitals zu verdanken ist, sich um dieses dem Andenken ihrer Vorfahren gewidmeten Spital nicht kümmert und zu den Erhaltungskosten nichts mehr beiträgt. Vor dem Kriege konnten die Ausgaben des Gemeindespitals nahezu zur Hälfte aus den Stiftungen und Widmungen gedeckt werden. Diese Fonds sind heute wertlos geworden und neue Stiftungen fließen nur spärlich zu. Vor dem Kriege mußte bei der Aufnahme ins Spital hinsichtlich der Zahlungsfähigkeit nicht so rigoros vorgegangen werden. Heute kann die Verwaltung nach einem Beschluß des Kultusvorstandes bloß 30 Prozent der Betten Gratispatienten zur Verfügung stellen. Wohl besitzt das jüdische Spital einen Zahlsiotk mit sechzig Betten, der ebenso gut ausgestattet ist wie eine private Heilanstalt; dennoch ist diese Abteilung nicht dauernd belegt. Es'ist begreiflich, daß der Kultusvorstand alle Hebel in Bewegung setzt, um das Defizit im Spital abzubauen, denn dieses Defizit ist das jährliche Defizit der Kultusgemeinde. Und wenn schon ein so hoher Zuschuß von mehreren hunderttausend Schillingen geleistet werden muß, dann müßte das Spital wenigstens dauernd voll belegt sein können. Das ist aber unmöglich, da das Defizit bei der Aufnahme von mehr Gratispatienten sich noch steigern würde. Es erfüllt sonach das Spital gewissermaßen nicht den Zweck, dem es zu dienen hätte. Es gibt Patienten, die Aufnahme suchen, aber nicht aufgenommen werden können, obgleich Platz genügend zur Verfügung steht. Diesem Uebelstand kann nur durch Einführung der freien Aerztewah! auf der vollkommen getrennten, aus sechzig Betten bestehenden Zahlstockabteilung gesteuert werden. Diese Forderung erheben die zionistischen Mandatare des KultusvoiStandes schon seit Jahren. Unzählige Sitzungen, jüngst sogar eine Enquete mit Teilnahme hervorragender jüdischer Hochschullehrer, beschäftigten sich mit dieser Frage. Aber trotz aller endlosen Beratungen kommt man zu keinem praktischen Ergebnis, wei die heutige Unionmajorität in der Kultusstube und, sagen wir es offen heraus, auch die leitenden Aerzte des Spitales — diese sicherlich in lauterster Absicht, aber aus einer falschen Einstellung heraus — dem Plane abgeneigt sind. Wir haben wiederholt an der Hand von Berechnungen und mit Hinweis auf ähnliche Anstalten mit freier Aerztewahl, wie das Rudolfinerhaus, die Poliklinik, darauf hingewiesen, daß eine Abteilung mit sechzig Betten, mit Krankenzimmern für ein oder zwei Patienten, bei freier Aerztewah!, d. h wo jeder Patient sich vom Arzt seines Vertrauens weiter behandeln lassen kann, einen großen Teil des Spitalsdefizits zu decken imstande wäre. Aber selbst wenn dies nicht der Fall wäre — was sicherlich nicht richtig ist — müßte eine solche Abteilung mit freier Aerztcwahl für den jüdischen Mittelstand geschaffen werden, denn auch diesem Mittelstand, der sich heute kein teueres Sanatorium leisten kann, sich aber beim Spitalsaufenthalt von seinem Hausarzt weiter behandeln lassen will, muß die Möglichkeit gegeben werden, seine kranken Tage in dem Milieu eines jüdischen Spitales mit ritueller Verköstigung verbringen zu können. Die Kultusgemeindc hat die Pflicht, auch für diese jüdischen Schichten zu sorgen. Auch die jüdischen Aerzte empfinden es als eine schwere Zurücksetzung, daß ihnen das jüdische Spital der Gemeinde, das dauernd keinen vollen Belag erzielen kann, nicht geöffnet wird. In diesem Falle würde der Zustrom der Patienten ein viel stärkerer sein und die Aerzte hätten auch Interesse, das Spital zu belegen, Es ist doch zweifellos nicht zu rechtfertigen, daß ein so schönes, tadellos eingerichtetes, gut funktionierendes Spital, das mit allen modernen medizinischen Apparaten und Laboratorien ausgestattet ist und, was die Verköstigung anbetrifft, fast verwöhnte Ansprüche befriedigt, einerseits nicht voll ausgemitzt wird, anderseits der Wiener jüdischen Bevölkerung dadurch große Opfer auferlegt, das Defizit zu decken. Wenn die zionistischen Mandatare des Kultusvorstandes durch Einführung der freien Aerztewahl einen besseren Kontakt der jüdischen Bevölkerung mit dem Spital herbeiführen wollen, so sind damit noch nicht alle Forderungen, die wir