Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1930-03-13 · Heft 117 (13.3.1930) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 117 (13.3.1930)
Date
1930-03-13
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3053752-3053859-3053870--1608-3056972
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 12 DIE STIMME Nr. 117 JUDEN! Ohne nationalen Boden — kein nationales Heim Spendet daher für den Keren Kajemeth! hiezu zu zwingen, so wollen wir une den anderen großen Gemeinden anschließen, um gegen diese Widerspenstigen mit aller Strenge, so weit unsere Macht nur reicht, aufzutreten, um Beiträge für Palästina von ihnen zwangsweise herauszubringen, denn eine derartige Zedaka sott&auch durch Zwang und mit Gewalt eingetri^jn werden. M. D. G. «... Es ist uns geboten, das Land zu erwerben (zu erobern), das Gott, gelobt sei er, unseren Vätern Abraham, Isak und Jakob gegeben hat. Wir sollen es nicht anderen überlassen oder als Oede . . . Aus dem Wortlaut der Schrift bei den Kundschaftern geht hervor, daß dies ein Gebot ist, nicht nur Mahnung und Verheißung. ... Du darfst Dich auch nicht irreleiten lassen, als ob dieses Gebot nur auf jene Zeit der sieben heidnischen Völker sich bezieht; nein, für jegliches Geschlecht gilt es: Die Eroberung des Landes. Wenn | darum unsere Weisen die Verpflichtung des «Wohnens im Lande Israel» immer und immer wieder so nachdrücklich betonen, so tun sie es deshalb, weil das Land zu besiedeln ein deutliches Gebot ist. Jeder einzelne von uns ist dadurch auch zur Zeit des Galut und für alle Geschlechter verpflichtet.» Nachmanides. (Ergänzungen zum Sefer Hamizwoth des Maimonidcs.) Das tägliche jüdische Eiend in Wien Von Pfoni. Kann in der Stadt des allgemeinen Geschäftsniederganges, der Arbeits- und Wohnungslosigkeit ein besonderes jüdisches Elend unterschieden werden? Die Formen der Not und ihre wirtschaftlichen Ursachen sind wohl im wesentlichen die. gleichen, doch treten bei der jüdischen Bevölkerung noch einige verschärfende Umstände hinzu. Ohne erst die allzu lückenhafte Statistik heranziehen zu müssen, vermag man aus einfachen Tatsachen zu erkennen, daß die Juden von der wirtschaftlichen Notlage besonders schwer betroffen sind. Die bei unseren Volksgenossen so sehr verbreitete Eigenheit, die Not möglichst zu verbergen, damit man gesellschaftliche Stellung erlange oder bewahre, kann bei dieser Beurteilung nicht irre führen. Mittelstand! Handel! Nur diese beiden Worte muß man nennen und jeden», der auch nur ungefähr die Verhältnisse in Oesterreich kennt, wird sogleich klar sein, wie traurig es um die Mehrheit der Wiener Juden bestellt sein muß, die immer dem handelsbeflissenen Mittelstand angehörte. Zu tausenden zählen die jüdischen Geschäftsleute, Bankbeamte und Handelsangestellte, die ihre Existenz verloren. Nur einem Bruchteil dieser Schwerstbetroffenen kommt das Hungerbrot der Arbeitslosenunterstützung zu. Jahre des drückendsten Elends, der verzweifeltsten Erwerbsuche und Versuche. Diese Menschen stellen das große Heer der Versicherungs- und Provisionsagenten, der. unbefugten Hausierer und der ruhelosen Sucher nach Gelegenheitsgeschäften aller Art. Einem oder dem andern mag es auch so gelingen, sich halbwegs menschlich zu ernähren; der Normalfall ist dies nicht. Die vielen jüdischen Angehörigen der genannten Kategorien haben nicht nur mit einem völlig unzureichenden, sondern, was noch ärger ist, mit einem unregelmäßigen, unsicheren Einkommen zu rechnen. ’ Die Kinder, die man nicht ordentlich zu ernähren vermag, in die Schulausspeisung zu schicken, wäre eine Schande. Die Kleidung soll so sein, daß man sich in denselben Kreisen zeigen kann, in denen man früher verkehrte. Alle Kunststücke des Umarbeitens müssen aber einmal versagen und das Ende ist der ewige Kampf, die ewige Sorge, den sich immer mehrenden Ratenzahlungen nachkommcn zu können. Die Unterernährung hat sich so in weite Kreise eingeschlichen, die als besserer Mittelstand gelten oder zu gelten suchen. Noch von anderer Seite erhält der Beruf der Provisionsagenten, ich bezeichne mit diesem Worte alle auf Zufallsgeschäfte angewiesenen Handelsbeflissenen, starken Zuzug. ' Besonders bei den Juden gibt es viele Menschen, die seit Jahrzehnten in Wien wohnen, ja oft hier geboren sind* aber die Zuständigkeit nach Oesterreich nicht erlangen könnten. Wehe dann diesen armen Leuten, wenn sie einmal nach dem Jänner 1923 einige Zeit zu Besuch im Ausland geweilt, oder wenn sie, was bei ledigen Untermietern so leicht der Fall sein kann, einmal durch zwei, drei Tage nicht polizeilich gemeldet waren! Verlieren sie einmal ihre W<r den Partm will In arintr voH«n Pratlil r«nf«4en, soll sich an dlo SeUhn H nd Kttt Israel“ •mcJiII«*#» Die veranstalten ein«>i echten Purlmball am 16 März im Hotel Continental Arbeitsstelle, so wacht die industrielle Bezirkskommission sorglich darüber, daß sie keine neue antreten dürfen. Sich selbständig zu machen, mangelt es den Betroffenen meist an Kapital und so bleibt im allgemeinen nichts übrig, als Provisionsagend oder Gelegenheitsarbeiter zu werden. Die Fremdzuständigkeit oder Heimatlosigkeit verstärkt auch das Wohnelend unter den Juden. Zahlreiche Familien müssen, da ihnen doch keine Wohnungen zugewiesen werden, in unerschwinglicher Untermiete leben; die jungen Menschen, welche hier irgendwie das Arbeitsrecht verloren haben, können oft ihr Bett nicht bezahlen. Besucht doch einmal eine Wärmestube eines Judenbezirkes oder das Obdachlosenasyl! Wenn dies zu umständlich ist, dann geht nur einmal während des Sommers frühmorgens entlang dem Ufer dee Donaukanals und Ihr werdet erschrecken, wie groß die Obdachlosigkeit unter den Juden ist Nun wird man verstehen, daß sich unter denen, die polizeilich über die Landesgrenze abgeschoben werden, verhältnismäßig viele Juden finden. Meist allerdings lesen wir den Vermerk: «Aus Gründen der öffentlichen Ordnung>, wohinter sich gewöhnlich kein anderes Verbrechen birgt, als das der Subsistenz- und Wohnungslosigkeit. Wie dir*“ ’ >tte, soweit sie nicht ausgewiesen sind oder nicht ausgewiesen werden können, leben? Am Karmelitermarkt sieht man sie hungrigen Blickes warten, ob nicht vielleicht ein kleiner Trägerlohn zu verdienen sei, stets auf der Hut vor der Polizei hausieren sie mit Bleistiften, Kämmen und anderem, vor den- Gratisküchen sieht man sie bittend stehen, haben sie doch diese Institution schon zu oft in Anspruch genommen, und erst vor kurzem auf den tiefsten Grad der Verelendung Herabgesunkene haben den Vorzug, Auch in den Listen der Selbstmörder sind sie schließlich nicht selten zu finden. Nur noch einige speziell jüdische Gründe der gänzlichen Verarmung: Immer wieder, wenn der Familienerhalter aus irgend einem Grunde den Erwerb verliert oder wenn er stirbt, muß BÜCHERSTUBE M. RATH Buchhandlung, Antiquariat, Leihbibliothek Wien, II., Taborstraße 20 a, Tel. R-43-1-58 M. RATN’S Moderne Lelhhibllothek bietet Ihnen eine reiehn Auswahl von Büchern aller Art, insbesondere von Neuerscheinungen im Original, bzw. geschmackvollen Bibliothekseinband. Außer den deutschen Büchern auch englische, hebräische, jiddische u. Deutsch*Judaiea in reicher Auswahl. Täglicher Umtausch Den ganzen Tag von 8 bis 6 Uhr geöffnet Monatagebuhr nur S S.— Keine Bandgebuhr man erkennen, daß die jüdischen Mädchen noch vielfach keinerlei Beruf zugeführt werden. Heimarbeit, bei der man höchstens ein, zwei Schilling im Tag verdienen kann, gilt dann oft als Glücksfall. Abiturienten der Mittelschule, deren Eltern das Studium der Kinder zu. kostspielig geworden, junge Leute, die sich in den ersten Jahren nach dem Umsturz für den Lehrberuf oder sonst für einen Beruf ausbildeten, den man nur in städtischen oder staatlichen Dienste ausüben kann, lernen den Antisemitismus aller Schattierungen kennen und müssen oft froh sein, wenn sie schließlich als geistige oder auch physische Hilfsarbeiter landen. Der Fehlgriff in der Be- - rufswahl spielt bei den Juden die allergrößte Rolle. Soll ich nun einige Heilmittel anführen? Arbeitsbeschaffung im In- und Ausland, Berufsumschichtung, Kreditgewährung für Kleingewerbetreibende und andere sind oft genug genannt worden. Leider hat unsere Kuitusgemeinde keinen richtigen Sinn für wirkliche produktive Fürsorge. Wahre Fürsorge heißt, Menschen aufrichten, Existenzen aufbauen, nicht Schnorrertum pflegen, oder gar Schmerzen los werden wollen. Unsere Aufgabe besteht darin, den jüdischen Menschen wirtschaftlich einzureihen, ihn in die Kette der sozialen Wechselbeziehung einzugliedern und ihn zu einem brauchbaren Glied der menschlechen Gesellschaft zu machen. In unserer Zeit der Fürsofge, darf die Wiener Kultusgemeinde nicht Zurückbleiben. Nicht Almosenwirtschaft kann uns helfen, sondern zeitgemäße jüdische Fürsorgepolitik. Diese alte Forderung der zionistischen Mandatare, die sich in allen jüdischen Gemeinden des Auslandes langsam durchgesetzt hat, muß auch in Wien endlich ln Erfüllung gehen. Das Wahlrecht der Armen «... Vor Gott sind alle Menschen gleich — damit tröstet man die Armen seit Jahrtausenden — auch die Jüdischen. Aber gerade diese waren so dumm, sieh damit über alle Gebühr trösten zu lassen. Als finge selbst diese Gleichheit erst nach dem Tode an. Blieben im Leben auch vor Gott ungleich. Und schwiegenf Schwiegen wie jener heilige Bonze Schweig in der berühmten Erzählung des jüdischen Dichters. Und so ist es gekommen, daß draußen im Reiche der Welt, die Gleichheit mit Sie sr er schritte* vorwärtsstürmt, während in der Gemeinde, die sich zur seelischen Erbauung, zur Pflege der Heimat in der Seele zusammenfindet, die Ungleichheit brütet. So ist es gekommen, daß sich der Jude, dem sein Judentum am Herzen liegt, der den Mann seines gläubigen Vertrauens zur Verwaltung dieser Seelenguter berufen, oder gar selbst am ewigen Bau mitarbeiten will — sich mit einem Steuerzettel oder gar mit Kassenschlüsseln ausweisen muß. So ist es gekommen, daß es in den jüdischen Gemeinden Kurien gibt — zu einer Zeit noch gibt, wo sie von dem Staate zum alten Gerümpel geworfen werden. Die Gemeinden sind nicht reine Idee — sagt man. Die Gemeinden haben auch praktische Arbeit zu leisten. Die Gotteshäuser und Spitäler wollen gebaut und erhalten werden. Das kostet Geld und Geld kriegt man nicht von der Gleichheit. Nun, wenn der Staat sich anschickt, sie daher zu bekommen, so wird’s auch noch die Gemeinde treffen. Wenn die Reichen, die Gebkräftigen, nicht ein Vorrecht haben werden, so werden sie nichts geben, sagt man. Wie, so schlecht denkt man von den Leuten und vertraut ihnen doch die Gemeinde an? . . .» Dr. Nathan Birnbaum. (Die Gleichheit vor Gott.) Rationalisierung des jüdischen Fürsorgewesens Von Dr. Isidor Klaber, Kultusvorsteher, Obmann der Fürsorgekommission. Zunächst ist es notwendig, festzustellen, daß «Fürsorge nicht bloß «erste Hilfe» bedeuten darf, sondern daß es vei allem darauf ankommt, vorzusorgen, in Hinkunft die Zahl der zu befürsorgenden Menschen möglichst zu verringern. Niemals werden wir alles Elend und alle Not bannen können/ die Fürsorgetätigkeit hat in allererster Linie aber dort einzusetzen, wo Hilfe gleichbedeutend mit Schaffung von Existenz, mit Erlangung voller Gesundheit, eventuell mit Ausbildung für eine Spezialtätigkeit oder Aehnliches ist. Selbstverständlich ist für Schütz der Waisen, Witwen und Krüppel aller Art zu sorgen. Zweck- und sinnlos aber wäre es, die geringen Mittel den — wenn auch traurigsten—^ doch unheilbarsten FäUen zuzuwenden. Zunächst wollen wir die Entstehung unserer «Wohltätigkeitsvereine» skizzieren. Denken wir zurück an das Fürsorgewesen in der kleinen jüdischen Gemeinde, sei es im Bur.genland, in Ungarn, Böhmen oder Polen; dies ist um so notwendiger, als ja 57 Prozent der Wiener jüdischen Bevölkerung dort geboren sind, 39 Prozent in Wien und 4 Prozent im iibfigen Oesterreich. Viele unserer Brüder sind in der Kleinstadt aufgev/achsen und hängen an den Sitten und Gebräuchen ihrer kleinen Gemeinden. Gab es dort einen Todesfall, kamen die Mitglieder der Chewra, befaßten sich nicht bloß mit dem Toten, sondern halfen sogleich den Witwen und Waisen. Gab es wo Not, brachten die Nächsten ganz von selbst Essen, Kleidung und im Winter Heizmaterial. Der arme durchwandernde Bettler wieder wurde wie der durchreisende Talmudschüler zu Gast geladen. Das kleine jüdische Spital einer Gemeinde stand selbstverständlich im NotfaU dem Armen zur Verfügung. So sorgte bei traurigen und auch freudigen Anlässen einer für den anderen. Freilich gab es dabei vielfach Streitigkeiten, Eifersüchteleien, aber in bezug auf die «Zedakah» suchte man sich gegenseitig zu übertrumpfen. Wie anders ist das Leben in der Großstadt. Das Leben des einzelnen ist dem anderen unbekannt. Wohl spendet man für wohltätige Zwecke, um sich damit eine Art «Ablaß» für etwaige Sünden zu erkaufen, in der «Neuen Freien Presse» gedruckt zu sein, oder gar, um kreditfähiger zu erscheinen, und weil «Wohltäter sein» manchmal erst gesellschaftsfähig macht. Will man ganz großzügig sein, dann gründet man einen Verein «zur Unterstützung.alter, junger, kranker, gesunder usw.Bedürftiger» oder ähnliches. Der Präsident, das Wichtigste, ist da, Bewerber um das zu verteilende Geld finden sich schon. Verbaute Villen, unmögliche Wohnobjekte, werden «zur Unterbringung von .» gestiftet. Ueberall guter Wille, überall eine gewisse Notwendigkeit, unbestreitbar, aber alles systemlos. Ausspeisungsvereine für Kinder, Ausspeisungsvereine für Mittag-, solche für Abendessen, Bekleidtingsvereine aller Art, alles meist ohne Zusammenhang. Ueberall Bittsteller, überall Beamte, Kontrollore usf. Vereine, die bloß polizeilich gemeldet, vor Jahrzehnten ein- oder das andere Mal etwas Ersprießliches geleistet haben, senden noch Immer Aufrufe und Erlagscheine. Vergeht doch AVISO f Vorzügliche, täglich ofenfrische, feinste, dünnste nAZZOTH und OKIESS bekommen Sie nur au* der I. Wiener orth. Mazzothfabrik Israel Vorlreffllld« Wien, II., ObereAugartenstraße 52. Verlangen Sie überall ausdrücklich Vortrefflich-Mazzoth!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.