Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 117 (13.3.1930)
- Date
- 1930-03-13
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 117 DIE STIMME Seite 1J NIAKK4BI veranstaltet im Rahmen des jüdischen Turnfestes Samstag, 22. März, einen Begrtlßunigs-Abend für das Präsidium des Makkabi-Weltverbandes und die auswärtigen Gäste. Bonntag, 23. März, Y29 Uhr vormittags, im Saale des Hotel «Bayrischer Hof» Internationales 'Wetturnen um die Makkabi-Meisterschaft in Oesterreich. KREIS OESTERREICH IM MAKKABI-WELTVERBANDE Sonntag, 23. März, 8 Uhr abends, in den Sofiensälen ein Schauturnen mit anschließendem Tanz. Rhythmische und akrobatische Turnvorführungen (Freiübungsturnen) Entscheidung im Meisterschaftswetturnen (Preisverteilungen). Karten gültig für das Schauturnen und Wetturnen zum Preise von S 3.50 sowie Logenbestellungen an folgenden Stellen: Zionistische Bureaus, I., Kärntnerstraße 28; Sportklub Hakoah; Caf£ Atlashof, I., Wiesingerstraße; Schuhhaus Dollinger, I., Wipplingerstraße; jügendverein «Erez Israel», II., Zirkusgasse 33; Tageskasse der Sofiensäle, III., Marxergasse 17; Cafö Lovrana, III., Löwengasse; Juwelier Eisinger, IV., Favoritenstraße 6; Sporthaus Fischmann, X., Favoritenstraße 122, sowie in allen Makkabivereinen und bei deren Mitgliedern. daß die Wiener Gemeinde mit materiellen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Aber wir glauben, daß gefade die Arbeit für die Jugend uneingeschränkte Berücksichtigung verdient. «. . . Kinder von Eltern, die ihres Judentums lieh geschämt hatten, die nicht gewagt hätten — wie Herzl es einmal ausdriiekt — vor ihrem Dienstmädchen das Wort Jude auszusprechen, werden sich plötzlich ihres Judentums froh bewußt, organisieren sich als Studenten in jüdischen Vereinen, betonen unter ihren Kameraden ihr Judentum und während ihre Eltern noch möglichst schnell das vergassen, was ein kärglicher Religionsunterricht sie gelehrt, beschäftigen sich die Kinder aus freien Stücken in ihren Organisationen und Vereinen wieder mit der jüdischen Geschichte und mehr oder minder auch mit dem, was unsere Altvorderen uns gelehrt . . .» Dr. Aron Barth. (Orthodoxie und Zionismus S. 36.) Was soll für die Jugend getan werden? Von Ben Chaim. Es wäre überflüssig, wenn wir erst beweisen wollten, von welch eminenter Wichtigkeit die Jugend für jede Bewegung ist. Jede Bewegung, welcher Schattierung immer sie auch sein mag, ist bereits zur Erkenntnis gelangt, daß ihr ganzes Wohl und Wehe von der jungen Generation abhängt Wenn wir bedenken, daß durch die immer größer werdende Austrittsbewegung die Zahl der Juden in Oesterreich immer mehr und mehr abbröckelt, müssen wir für die Zukunft unseres Volkes in diesem Staate mit der größten Besorgnis erfüllt werden. Es muß uns besonders deprimieren, daß es für gewöhnlich junge Menschen sind, die glauben, daß ihnen das Judentum nichts zu bieten hat, und die uns deshalb den Rücken kehren. Der zionistischen Bewegung kanr kein Vorwurf gemacht werden; sie bietet dem Schaffensdrang unserer Jugend ein breites Tätigkeitsfeld und fördert, wo immer sie Gelegenheit dazu hat, die Jugend und damit sich selbst. Unserejüdische Gemeinde, die durch die A u s t r i 11 s b e w e g u n g am meisten gefährdet ist, hat leider auf diesem Gebiete sehr viel gesündigt und die Folgen der zahlreichen Unterlassungssünden machen sich jetzt erst bemerkbar. Der in tote Formen erstarrte jüdische Religionsunterricht hatte dem jüdischen Kinde wenig zu sagen. Es wurde unterlassen, das jüdische Bewußtsein der heranwachsenden Generation zu stärken. Auf der anderen Seite warteten die sozialdemokratischen Organisationen, gaben den Jungen nebst wirtschaftlichen Vorteilen auch Betätigungsmöglichkeiten und entfremdeten uns unsere Kinder. In der letzten Zeit ist allerdings eine Besserung eingetreten. Auch die Kultusgemeinde hat, nicht zuletzt ein Verdienst der zionistischen Mandatare, erkannt, daß ihr Heil nicht nur beim Kultus der Alten, sondern in viel größerem Maße beim Unterricht der Jungen liegt, womit nicht nur der Religionsunterricht gemeint ist. Ein wichtiger Schritt war die über Anregung der zionistischen Mandatare erfolgte Schaffung des Jugendsekretariates, das bereits Ersprießliches geleistet hat. Es wurde vor allem der Versuch gemacht, einen Kontakt zwischen jüdischer Jugend und jüdischer Gemeinde herzustellen. Das genannte Sekretariat hatte Gelegenheit, bei Lokalbesorgungen, Ferienaktionen, Verschaffung von Fahrtermäßigungen, Errichtung von Bibelschulen usw. seine Existenzberechtigung zu beweisen. Wir wissen wohl, daß wir bei unseren Forderungen das begrenzte Budget unserer Gemeinde berücksichtigen müssen, wir wissen auch, daß dieselbe durch die furchtbaren wirtschaftlichen Verhältnisse stark in Mitleidenschaft gezogen ist und nicht mit der großen jüdischen Gemeinde in Berlin Schritt halten kann. Dennoch glauben wir, daß im Rahmen eines möglichen Budgets noch sehr viel verbessert werden könnte. Wenn der Kultusvorstand von der Erwägung ausgeht, daß bei der immer kleiner werdenden Ziffer der zahlungskräftigen Gemeindemitglieder die Hoffnung auf die Masse gerichtet werden soll und die Erhaltung dieser Masse in logischer Konsequenz nur durch die Erhaltung der Jugend erreicht werden kann, dann wird er auch zu der Ueberzeugung gelangen müssen, daß die Erziehung der Jugend nicht nur Parteisache, sondern auch Grundbedingung für das Gedeihen unserer Gemeinde ist. Es wäre ohne weitere Schwierigkeiten möglich, den Kontakt zwischen Jugendsekretariat und Jugend noch inniger zu gestalten. Man müßte sich bestreben, nicht nur für die Jugend, sondern auch mit der Jugend zu arbeiten., Das Sekretariat müßte ausgebaut werden, der Referent müßte Gelegenheit nehmen, die Führer der Jugendgruppen zu sich zu laden und alle wichtigen Fragen mit ihnen zu besprechen. Die Ausgestaltung des Religionsunterrichtes auf moderner und lebendiger Basis, die Pflege der hebräischen Sprache, die Errichtung von Jugendbibliotheken, Sprechsälen, Kindergärten und Jugendheimen, die Stützung der Chaluzbewegung, die Gründung einer Berufsberatung und eines Arbeitsnachweises, endlich die Förderung des jüdischen Sportes wären im Rahmen des Budgets, wen auch schrittweise, sicherlich durchführbar. Besonderes Interesse müßte der Errichtung von jüdischen Abendlehrkursen nach dem Muster der Volksheime (Schule der jüdischen Jugend in Berlin) zugewendet werden. Die Raumfrage könnte bei Berücksichtigung der leerstehenden Räume des aufgelassenen Religionslehrerseminars unschwer gelöst werden. In diesen Kursen müßten alle Fragen und Probleme, die mit dem Judentum Zusammenhängen, die Leistungen der Juden in Kunst, Literatur und Wissenschaft behandelt werden. Das Judentum, wie wir Zionisten es auffassen, kan auch dem modernen jungen Menschen sehr vieles bieten, und wenn die jüdische Gemeinde ihre Jugend erhalten will, dann wird sie mit uns arbeiten und unsere Forderungen zu den ihrigen machen. «. . . Aber zum Nichtfrommen spricht Gott: Wie kommst Du dazu, von meinen Satzungen zu erzählen? Du führst meinen Bund in deinem Munde?!» (Psalm 50, 16. «. . . Jeder Schlag meines Herzens, jeder Teil meiner Kraft, jede Frucht meines Geistes, jeder Tag meines Lebens soll und wird dem Wohle des Judentums, dem Gedeihen unserer Gemeinschaft voll und ganz gewidmet sein.» Oberrabbiner Zwi Perez Chajes. (Antrittsrede vom 23. April 1918.) Der Jugend Forderung und Förderung Von Julian Aron. In aülen Wiener Bezirken gibt es Heime, in denen jüdische Jugend kulturelle Arbeit leistet. Manchmal ist es ein instandgesetztes Souterrainlokal, manchmal ein Atelier, hoch oben im letzten Stockwerk, selten gewöhnliche Wohnräume oder gar ein ganzes Haus, die der Jugend für jüdisch-kulturelle Betätigung in ihrer freien Zeit zur Verfügung stehen. Aus Gefldmangel müssen die Kurse und Heimabende in engen Räumen abgehalten werden. Die kulturelle Arbeit einer Jugendgruppe (in Wien gibt es etwa 1700 jüdische Jugendliche, die in fünfzehn Jugendbünden und Vereinen in hundert Gruppen je nach Alter und Geschlecht zusammengefaßt sind) ist äußerst vielgestaltig, da die jugendlichen Führer dieser Gruppen das stete Bestreben haben, ihre Mitglieder in recht viele Gebiete jüdischen und allgemeinen Wissens einzuführen. Allem voran wird überall die Erlernung der hebräischen Sprache gepflegt In vielen Jugendgruppen gibt es bereits Kreise von jungen Menschen, die sich miteinander nur hebräisch verständigen. D«r Unterricht erfolgt zumeist mit sephardischer Aussprache. Allerdings machen manche Religions-Mitteischullehrer Schülern, die nach dreimal wöchigen hebräischen Unterricht in die eine Religionsstunde der Woche kommen, Vorwürfe, daß sie nicht in der vorgeschriebenen askenasischen, sondern in sephardischer Aussprache die Psalmen lesen. Dieser Umstand veranlaßt auch manche Eltern, ihre Kinder nicht in die Hebräischkurse zu schicken, um nicht ihre Religionsnote zu gefährden. Die Kurse sind vom Inspektorat der israelitischen Kultusgemeinde inspiziert und bestens qualifiziert. Die wenigsten von den Kursen werden jedoch subventioniert.. Wenn man weiß, aus welchen Kreisen die Mitglieder der Jugendgruppen stammen, und die Lage gerade des jüdischen Mittelstandes kennt, so begreift man, daß solche Hebräaschkurse (es gibt in Wien zirka 45 Kurse mit 600 Lernenden, die Einzelstunden sind nicht übersehbar) sich nicht von selbst erhalten können. Ein jüdischer Jugendbund baut sich ein Heim. Mittelschüler, sonst an Anderes gewohnt, lernen Sandschaufeln und Mauern aufführen. Das ist nun nicht einmal besonders hervorzuheben, daß aber dieselben Jungen sich den Kopf zerbrechen müssen, wie das Defizit dieses Baues zu decken, wie das Geld für Sand und Ziegel aufzutreiben, ist ein Zeichen mangelnden Verständnisses für positiv-jüdische Leistung und mangelnder Unterstützung seitens der maßgebenden, führenden Stellen. Und dieser Fall ist typisch für viele; genau so ergeht es dem Bade in der Kucheflau, dessen Bestand sich jüdische Jugend Jahr für Jahr von neuem erkämpft. Dieses Bad ist klein und unscheinbar, hat lange nicht die Bequemlichkeiten der anderen Bäder; aber es ist das einzige jüdische Bad Wiens und bietet im Sommer Sonntag für Sonntag 150 Jugendlichen, aber auch einer ganzen Reihe von Familien ein kleines, bescheidenes Eldorado. Im vorigen Jahre ist der Grund des Bades von der Donauregulierungskommission an die Geimeinde Wien übergegangen, da hat sie dann den Pachtzins auf da9 Dreifache erhöht; helfende Stellen gabt es nicht, ein Gesuch an die Kultusgemeinde wurde nicht erledigt. Von Jahr zu Jahr werden die Kabinen baufälliger und die Instandhaltung kostet auch Geld In Kreisen der jüdischen Jugend herrscht seit langem das Streben nach Ergreifung produktiver Berufe. Seit jeher tauchte die Notwendigkeit einer jüdischen Stellenvermittlung und Berufsberatungsstelle auf. Alle möglichen jüdischen Institutionen und Verbände haben solches auf dem Programm, kommen aber immer und immer wieder zu dem Schlüsse, daß nur die israelitische Kultusgemeinde die Kompetenz, die leitenden Menschen und nicht zuletzt auch die Mittel für eine jüdische Stellenvermittlung und Berufsberatungsstelle habe (und haben müsse). Vor etwa vier Jahrzehnten kam der Sport- und Turngedanke in Blüte. Auch die jüdische Jugend beteiligte sich an der Ausübung und gelangte zur Schaffung eigener Turn- und Sportgemeinschaften, da man sie ja anderswo nicht gerne sah. Diese Gemeinschaften schwangen sich im Laufe der Jahre zu eigenen Turnhallen und Sportplätzen auf, die an sich schon ungeheure Werte darsteilen, viel höhere jedoch, wenn man bedenkt, mit welcher Mühe und Plage es zustandegebracht wurde. Sieben Vereine haben die schwere Zeit des Krieges trotz allen Schwierigkeiten, trotzdem die meisten Mitglieder im Felde waren, übertaucht. Heute kämpfen noch fünf Vereine um ihren Bestand; zwei mußten ihren Betrieb schließen. Das monatliche Budget, 2500 Schilling, kann aber bei den 1000 Mitgliedern, meist Jugendlichen, nicht vom Beitrag gedeckt werden. Die Turnvereine werden von der Kultusgemeinde mit 700 Schilling jährlich subventioniert. So sind etwa 6000 jüdische Jugendliche in Wien in kulturellen, Sport-, Turn- und ähnlichen Gemeinschaften erfaßt. An gute Zeiten erinnern Büchereien, Heime und Hallen, Geräte und Einrichtungen. An einen Ausbau, an eine Verbreitung in weitere Kreise ist unter diesen Umständen nicht zu denken. Sie stehen ja allein da! Sie stellen einen Komplex jüdischer Menschen dar, dessen Treue und Liebe zum Judentum über alle Zweifel erhaben ist. Und dies muß anerkannt werden, welcher Partei auch die eine oder die andere dieser Gemeinschaften zustrebt. Würden sie nicht bestehen, so müßte eine aktive Gemeinde unter Aufwendung vieler Mühe und Mittel an die- Schaffung solcher Gemeinschaften schreiten. Für die Leitung einer Gemeinde jedoch, die in die Zukunft denkt, muß eine Situation in der Jugendarbeit, wie sie oben beschrieben wurde, genügend Anlaß zu eingehendem Studium und zu raschester Hilfe geben. Doch unter den gegebenen Umständen ist eine Weiterverbreitung des Judentums auf Art jüdischkultureller Jugendgemeinschaften arg gehemmt. Die Führer der Wiener jüdischen Gemeinde treten jetzt zusammen, um über das Budget des laufenden Jahres zu beraten. Auch die Leistungen für die Jugend werden da gegen andere Posten abgewogen werden. Wenn sie zu leicht befunden werden ... was dann? «Heraus Mauschel aus den Vertretungen des jüdischen Volkes, das Du nicht zu kennen behauptest.» (Theodor Herzl: Mauschel.) «Das Judentum wird zionistisch sein oder es wird nicht sein!» (Max Nordau: Der Zionismus und seine Gegner.) ■ iv,",.,iii'i-.: i, .. Zwangssteuer jüdischer Gemeinden für Palästina Die berühmte jüdische Gemeinde in Venedig hat im Jahre 1594 nach dem Empfang eines Aufrufes des bekannten Rabbi Mosche Alscheich aus Saffed den Beschluß gefaßt, einem jeden Gemeindemitglied, das das zwanzigste Lebensjahr überschritten hat, eine Zwangssteuer von mindestens y4 Dukaten jährlich für Palästina-Zwecke aufzuerlegen. In jenem Beschlüsse heißt es wörtlich: «Diese Palästina- Steuer soll mit allen Mitteln des Zwanges, nötigenfalls auch mit Hilfe der nichtjüdischen Macht («Arkaot schel gojim») eingehoben werden.» (Jahnbuch «Jerusclialajim hgb. v. Lunz, Jahrgang 7, Heft 3.) Die litauischen Gemeinden haben bei der in Selz im Jahre 1655 stattgefundenen Landeskonferenz eine Zwangsbesteuerung, bezw. eine Subvention aus Gemeindemitteln für Palästina-Zwecke beschlossen. (Pinkas hakehilot d’Lita, hgb. v. Dubnow, Nr. 506, S. 120.) Die altehrwürdige Gemeinde Metz hat im Jahre 1712 mit Zustimmung, wie es scheint sogar auf Veranlassung ihres berühmten Rabbiners R. Abraham Brauda beschlossen, von Steuergeldern aus der Gemeindekasse — es heißt ausdrücklich: «Mikupat hakehila chuz mehanedarim wehanedawoht» (aus der Gemeindekasse außer den Widmungen und freiwilligen Spenden) — Palästina-Zwecken eine Zuwendung von fünftausend Goldgulden zu machen. In jenem denkwürdigen Protokoll heißt es noch wörtlich: «Und sollte sich in irgendeinem Lande einzelne finden, die eine angemessene Beitragsieistung für Palästina verweigern sollten, und sollte die benachbarte Gemeinde nicht die Machtmittel besitzen, diese