Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 117 (13.3.1930)
- Date
- 1930-03-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nf. 117 DIE STIMME »eite 5 Sprunge nur Gemeinde und hat sich langsam zu einer halben Kehilla emporgeschwungen. Die Synthese, für deren Schaffung sie nach ihrer geographischen Lage, als Brücke zwischen Ost und West, prädestiniert erscheint, hat sie noch nicht gefunden. «Sie wäre — nach Ansicht des großen Historikers Graetz — vom Anfang an dazu bestimmt gewesen, das Versöhnungswerk zwischen den alten und den neuen Formen zu vollziehen.'' (Geschichte der Juden, XI, S. 436.) Wird ihr das gelingen? Wird sie sich dazu aufraffen, die alte jüdische Originalität und Eigenart, wenn auch in neuem Gewände, wieder auferstehen zu lassen? Wird sie das alte, echte und ursprüngliche Judentum mit den neuen Lebensformen des erwachenden Volkes in Einklang zu bringen wissen? Wird sie zwischen Alt und Neu ausgleichend wirken, indem sie das an seiner allen, national-religiösen Vergangenheit und Ueberlieferung festhaltende Judentum, das zugleich auf eine neue Zukunft in dem zu neuen Leben erwachenden, vom alten Gott von Israel und Zion ihm bestimmten Lande unerschüttert vertraut, als gemeingültiges jüdisches Gemeindeprogramm sich zu eigen macht? Wird sie die alten und neuen Formen nicht dadurch ausgleichen können, daß sie endlich den alt-neuen, jüdisch-lebendigen und historisch-wahren Sinn des Judentums in sich aufnimmt, eiwhaucht und einverleibt? Der Schofar soll ertönen; der ernste Ruf aus d*>r tiefsten Tiefe des ursprünglichen Judentums soll erschallen: Erinnerung an die Vergangenheit und Mahnung an die Zukunft. Beide zusammen heißen Judentum. Der Schofar soll ertönen. Nicht die übersetzte Trompete und nicht das gemaente Judentum Wir wollen Original, keine Kopie. Wir suchen Inhalt, nicht nur Form. Wir brauchen Menschen, keine Bücher. Wir fordern Leben, keine Akten. Die Gemeinde muß den Weg zur Kehilla finden find eine zeitgemäße, auf dem historischen Judentum aufgebaute Synthese zwischen alter Vergangenheit und neuer Zukunft schaffen. Nicht künstliches Ersatzjudentum, sondern schöpferischer Kehillageist wird sie erneuern und alles, was jüdisch ist, lebendig gestalten, denn «Das Alte stürzt, es ändern sich die Zeiten, Und aus den Ruinen blüht neues Leben.» Konfession oder Volk? «. . . „Li — le-Am”: Gott — zum Volk! Darin ist’s schon gesagt, daß Judentum, das von Gott gestiftete Judentum, mit Nichten eine „Religion” sei. Im Judentum gibt es auch Das, was man sonst Religion nennt, aber der Begriff Judentum ist. ein unendlich weiterer und‘ anderer. In „Religionen” hat Gott nur Tempel, Kirchen, Priester schäften, Gemeinden usw.; Völker stehen nur zu Königen, Obrigkeiten usw. in Beziehung und bauen sich von dem Begriffe des Staates, und nicht von Religion und Göttern. Hier aber stiftet Gott keine Kirche, sondern ein Volk, ein ganzes Volksleben soll sich von Ihm aus gestalten. Als Volk, ncht als bloße Konfession, ist Israel sein ...» Rabbiner Samson Raphael Hirsch. (Exodus VI, 7.) Zur Budgetdebatte Von Dr. Josef Löwenherz, Vizepräsident der Israelitischen ICultusgemeinde, Wien. Anläßlich der bevorstehenden Budgetdebatte wird es wohl von Interesse sein, einen Blick auf die Tätigkeit in der Kultusgemeinde zu werfen, um auf Grund unserer Erfahrungen neue Richtlinien für unsere weitere Arbeit in der Gemeindestube ziehen zu können. Im verflossenen Budgetjahr konnte das präliminierte Budget nur dank der Einhebung eines 20prozentigen Zuschlages zur Kultussteuer gedeckt werden. In diesem Jahre wird unser Budget mit einem Ausgabenetat von ca. S 6,250.000.— gegenüber ca. S 5,839.000.— im Vorjahre erstellt werden. Wir glauben aber, daß wir die Fehlbeträge nur mit Inanspruchnahme der. staatlichen Hilfe werden decken können. Die Erhöhung des Ausgabenetats, mußte angesichts verschiedener Notwendigkeiten erfolgen. So mußte die Gemeinde vor allem die Bezüge der Angestellten um 5 Prozent erhöhen; durch diesen einstimmig gefaßten Beschluß ist man den Wünschen der Angestelltenschaft im weitesten Maße entgegengekommen. Wohl mußte die Gemeinde mit der wirtschaftlichen Not rechnen und in den Verhandlungen mit der Angestelltenschaft kam dieses Verantwortungsgefühl der Allgemeinheit gegenüber zum Ausdruck. Durch das neue Uebereinkommen mit der Angestelltenschaft löste sich die Gemeinde von der sogenannten Automatik im Verhältnisse zur Gemeinde Wien los, so daß künftighin allfällige Beschlüsse der Gemeinde Wien ln Angestelltentfragen für die Verhältnisse der Kultusgemeinde nicht in Betracht kommen werden. Die Kultusgemeinde ist auch nicht in der Lage, sich mit der großen Gemeinde Wien zu vergleichen. Die Besoldung der Angestellten der Kultusgemeinde v/ird daher künftighin vollständig autonom zu erfolgen haben, wobei selbstverständlich stets wie bisher auf das gute Einvernehmen mit der Angestelltenschaft besonderer Wert gelegt werden wird. Infolge der traurigen wirtschaftlichen Lage ergibt sich die Notwendigkeit, mehreren notleidenden Tempel- und Bethausvereinen in diesem Jahre höhere Subventionen zu bewiiigen. Die Kultusgemeinde muß den iioJi&brvüMC liefern ihr nahrhaftes Feit zur Kunerolerzeugung. Vom Pressen der Früchte bis zum Verpacken des gebrauchsfertigen Kunerols steht die Herstellung unter streng ritueller Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners $.Ehrenfeld zu Matiersburg. Kunerol kann von jedem Strenggläubigen ohne Bedenken zur Zubereitung von Milch- und Fleischspeisen verwendet werden. NEROL 100% REINES KOKOSNUSS FETT Tempel- und Bethausvereinen mit Rat und Tat zur Seite stehen und den tatsächlich vorhandenen Kultusbedürfnissen entsprechen. Viele Tempelvereine konnten durch Erhöhung der Einnahmen und Verringerung, der Ausgaben, sowie mit Hilfe der Subventionen der Kultusgemeindo das Gleichgewicht in ihrem Budget hersteilen. Dessenungeachtet aber leiden noch einige Tempelvereine unter der Not der Zeit. Ebenso dringend ist die vom zionistischen Klub stets beantragte Förderung der kleinen Bethausvereine, die oft kaum in der Lage sind, ihre auch sehr notdürftig bezahlten Angestellten zu entlohnen und ihre Betlokale instandzusetzen, wobei zu bedenken ist, daß gerade diese Vereine einem großen Bedürfnis nach einem religiösen Leben, entsprechen. Dank den Bemühungen der,Gemeinde ist es. gelungen, ungefähr 20 Lokale der Bethausvereine zu adaptieren. Die ausgiebige Subvention der Gemeinde hat auch den Bau des Tempels in Hietzing ermöglicht. ., Die Ausgaben für das Fürsorgewesen erfahren ebenfalls eine Erhöhung, auf einen Betrag von S 2,000.000.—, d. s. rund 33 Prozent des Qesämtbudgefs. Der Aufgabenkreis und die, faktisch geleisteten Arbeiten auf diesem Gebiete werden an ariclerer Stelle des Näheren behandelt. Im Zusammenhänge damit wäre zu erwähnen, daß die Bemühungen, die ganze Fürsorge unter den unmittelbaren Einfluß der Gemeinde zu stellen, in der Errichtung der Fürsorgezentrale bei gleichzeitiger Auflassung der bestehenden Zentralstelle Tür soziale Fürsorge, die nur in einem losen Zusammenhänge mit der Gemeinde stand, ihren Ausdruck finden werden. Mit der Errichtung dieser Fürsorgezentrale wird auch die Gemeinde die Mitglieder, der Be.zirkskommissionen zur Arbeit heranziehen. Im Zusammenhänge damit soll auch die Forderung des Zionistischen Klubs hervorgehoben werden, die jüdische Frau zur aktiven Mitarbeit' /im jüdischen Gemeindeleben heranzuziehen. Die jüdische Frau wird eben auf dejh Gebiete des Fürsorgewesens in hohem Maße berufen sein, sehr ersprießliche Arbeit leisten zu können. Nach der vor einigen Wochen durchgeführten Enquete, an der bedeutende jüdische Universitätspröfessoren und Dozenten der Wiener Universität sich beteiligten, wird der Kultusvorstand im laufenden Jahre das Spital der Kultusgemeinde reorganisieren müssen, um das Defizit zu reduzieren und dadurch die Zuwendung der Kultusgemeinde für dieses Spital, welche im verflossenen Jahre. ca. S 280.000.— ausmachte, zu verringern. Auf dem Gebiete des Unterriehtswesenk macht die fortschreitende Errichtung neuer Bibel- und Talmud- Thoraschulen und hebräischer Sprachkurse mehr Ausgaben notwendig. Diese seit jeher erhobene Forderung des Zionistischen Klubs befindet sich im. Stadium der allmählichen Durchführung. Dank unseren Bemühungen hat die Gemeinde im letzten Semester in mehreren Bezirken eigene Bibel- und hebräische Sprachschulen errichtet, die sich durchwegs gut bewährten. Wir hoffen, daß es uns gelingen wird, diese Schulen auch in anderen Bezirken auszubauen. Der Zionistische Klub wird sich auch insbesondere für eine entsprechend hohp Subventionierung des jüdischen Realgymnasiums und der Theologischen Lehranstalt einsetzen. Auch die Ausgestaltung des Jugendgottesdienstes macht in letzter Zeit bedeutende Fortschritte, so daß nunmehr dieser Gottesdienst in 16 Tempeln stattfindet. Besondere Aufmerksamkeit muß der Heranziehung der älteren Mittelschuljugend zugewendet werden. Die von der Gemeinde errichteten Kurse für Mittelschüler, sowie die in einigen Bezirken errichteten Jugendbibliotheken haben sich gut bewährt. Selbstverständlich wird auch die Gemeinde in immer größerem Maße sich mit Fragen der jüdischen Studentenschaft an den Wiener Hochschulen zu befassen haben. Ich bemühe mich jetzt auch sehr eifrig um den Bau eines jüdischen Studentenheimes, um dessen Zustandekommen sich der Sekretär des Jüdischen Hochschulausschusses, Herr Alexander Teich/ große Verdienste erworben hat. Die Errichtung des Heimes unter der Patronanz der Gemeinde wird hoffentlich in absehbarer Zeit ermöglicht werden. ber Zionistische Klub wird sich nach wie vor seinenergisch für eine entsprechende Dotierung des Keren Hajessod und die Förderung der Chaluzorganisation einsetzen. Es erübrigt sich wohl, daran zu erinnern, daß die jüdische Gemeinde nach den Augustunruhen in Palästina die Leitung der Notstandsaktion übernommen und sie mit großem Erfolge durchgeführt hat. Abgesehen davon, daß die Gemeinde den Opfern Hilfe brachte, hat sie sich durch diese Aktion mit der Jewish Agency, der heute allein für den Aufbau unserer Heimstätte verantwortlichen Vertreterin des Gesamtjudcntums enger verknüpft. In das Gebiet des Kreditwesens wird die Gemeinde im Jahre 1930 unmittelbar eingreifen, indem sic durch Uebernahme eines größeren Betrages in Anteilscheinen der bereits bestehenden und glänzend geleiteten Kreditkassa für Kleinhandel und Kleingewerbe die Leistungsfähigkeit dieser sehr nützlichen Institution fördern wird. Die diesbezüglichen Verhandlungen mit dem American Joint Distribution Committee führten auch dazu, daß dieses Komitee mit Rücksicht auf die bevorstehende Beteiligung der Kultusgemeinde neue Kredite der Kreditkassa zur Verfügung stellte und der Erweiterung des Wirkungskreises zustimmte. Die Kreditkassa, welche im verflossenen Jahre Darlehen im Be« trage von ca. 370.000 S ausbezahlte, konnte 509 Personen aus dem Kleinhandel, 102 Handwerkern, ‘66 Inhabern kleiner Industriebetriebe und 17 Intellektuellen ln schwerster Zeit beistehen. Ich habe sowohl bei dieser Kreditkassa, in deren Aufsichtsrat ich den Vorsitz führe, als auch in der Kultusgemeinde für die Beteiligung mich eingesetzt und freue mich, daß meine Anträge vom Kultusvorstand einstimmig zur Annahme gelangten. Die Gemeinde leitete auch eine Aktion zur Unterbringung jüdischer Angestellten und Arbeiter ein, und wird diesem Problem im kommenden Jahre im Zusammenhänge mit der Reorganisierung des Fürsorgeamtes ihre besondere Aufmerksamkeit zuwenden. Die befriedigenden Steuereingänge des verflossenen Jahres weisen auf, daß 64,9 Prozent der für das Jahr 1929 vorgeschriebenen Steuer eingezahlt wurden. Die Heranziehung weiterer Kreise zur Steuerzahlung brachte es mit sich, daß trotz der Abschreibung von 4000 Steuerkontribuenten die Gesamtzahl der Steuerzahler auf ca. 60.000 Personen erhöht werden konnte. Trotz dieser Maßnahmen decken die Steuern kaum 35 Prozent des Budgets, wogegen die jüdische Gemeinde in Berlin 60 Prozent ihrer Ausgaben aus Steuereingängen zu decken imstande ist. Dieses Mißverhältnis ist darauf zurückzuführen, daß die Wiener Gemeinde im Gegensatz zu Berlin einen selbständigen Steuer:-f arat mit einem Kostenaufwand von ca. 10 Prozent der Steuereingänge erhalten muß. Die Gemeinde muß daher unter allen Umständen bemüht sein, das Gleichgewicht im Budget wieder herzustellen und hofft, daß es in absehbarer Zeit gelingen wird, vom Bunde einen größeren Betrag für Zwecke der Gemeinde zu erlangen. Diese von uns Zionisten aufgestellte Forderung bedurfte eines langen Kampfes und langwieriger Verhandlungen mit dem Klub der Union, bis es gelungen ist, für diese begründete Forderung in unserem Programm das Verständnis des gesamten Vorstandes zu finden. . Wir können nun mit Befriedigung feststellen, daß diese unsere Forderung akzeptiert worden ist und daß das Präsidium und der Finanzreferent des Vorstandes wegen des an unsere Gemeinde zu leistenden Beitrages mit der Regierung in ständigen Verhandlungen steht. Wir müssen unsere Forderung nicht nur vom Standpunkte der Notlage der Gemeinde, sondern auch aus prinzipiellen Gründen geltend machen. Die Schaffung eines Gemeindebundes, dem alle jüdischen Gemeinden in Oesterreich angehören sollen, wird von unserem Klub nach wie vor gefordert werden. Wir hoffen, daß ein unter der Führung der Wiener Gemeinde geschaffener Gemeindebund zum Wohle der gesamten Judenschaft Oesterreichs wird wirken können. Die zionistischen Mandatare werden nach wie vor für die Durchführung unseres Kultusgemeindeprogrammes mit großer Energie eintreten. «. . . Ein heimatloser Mensch, der nirgends hingehört — ein Schatten, der zwischen Himmel und Erde schwebt und nirgends einen Grund und Boden hat, in dem er wurzle und gedeihe. So es Euer Recht wäre, Ihr könntet es vergeben und verschenken und verhandeln und dennoch wäre es ein ehrloser und gewissenloser Handel. Aber es ist nicht Euer Recht. Es ist das Recht Eures Volkest Eurer Kinder und Kindeskinderh Mannheimer (Gottesdienstliche Vorträge, /, 117.) Montag, den 17., und Mittwoch, den 19. d. M., 7.30 abends, finden öffentliche Plenarsitzungen des Kultusvorstandes statt. Tagesordnung Voranschlag pro 1980.