Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 117 (13.3.1930)
- Date
- 1930-03-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE STIMME Nt. I1T Heimat Erez Israel wachrufen. Es ist falsch, was unsere Gegner glauben, daß wir durch die Aufgabe der Kultusgemeinde und Wiedererrichtung einer Volksgemeinde uns in ein neues Ghetto zurückziehen werden. Wir verlangen keine Entfremdung von unserer Umgebung und der Kultur des Wirtsvolkes, in dessen Mitte wir wohnen und leben. Wir fordern aber, daß die jüdische Gemeinde für uns eine wirkliche Brücke zu einem wahrhaft jüdischen, auf eigenen Kulturwerten beruhenden Leben werde. Sie soll jüdische Volkswerte aufnehmen und für uns der Inbegriff einer autonomen Körperschaft sein, deren Aufgabe es ist, nicht den Entjudungsprozeß zu fördern, sondern die Grundlagen zur Sicherung eines im Rahmen der Galuth möglichen nationalkulturellen Daseins zu geben. Der Grundsatz der Minderheitsrechte, daß ein Volk im Volke alle Bürgerrechte gleich den anderen Staatsbürgern genießt und dessenungeachtet dabei Anspruch auf religiöse, national-kulturelie Rechte in der Form einer Autonomie seiner Gemeindeorganisation hat, ist für uns Juden ebenfalls von Geltung. Die Pflege unserer historischen nationalen Eigenart soll und muß der wahre Sinn einer auf der Synthese des Judentums mit der Menschheitskultur. aufgeba-uten jüdischen Gemeinde sein. «Die Autorität der Kultusgemeinde, die Mittel, über die sie verfügt, die Personen, die sie erhält, dürfen nicht gegen den Volksgedanken verwendet werden. Darum glaube ich in Ihrem Sinne zu sprechen, geehrte Kongreßmitglieder, wenn ich als eines unserer nächsten Ziele die Eroberung unserer Gemeinden hinstelle.» Theodor Herzl: Zweite Kongreßrede 1898.) Volk und Gemeinde Von Rabbiner Dr. David Feuchtwang. Die jüdische Gemeinde ist nach der Tradition ein uraltes Gebilde, ihre Entstehung wird bis in die mosaische Zeit zurückverlegt. Inwiefern sie den Charakter hatte, den sie heute trägt oder tragen soll, können wir mit Sicherheit nicht sagen. Wohl aber kennen wir die Aufgaben, die ihr gemäß Lehre, Gesetz und Ueberlieferung obliegen. Sie ist eine Teilerscheinung des jüdischen Volkes und hat in kleinerem Maße die Aufgaben zu erfüllen, welche dem jüdischen Volke im Großen als Ziel gesetzt worden sind. In klassischer Zeit unseres Altertums tritt die Gemeinde wenig in Erscheinung; das Volk steht im Vordergründe der nationalen Geschichte. Erst im babylonischen Exil zeigen sich die klaren Spuren der Gemeindebildung; und auf dem Boden des Heiligen Landes nach Rückkehr und Entstehung des zweiten Staatswesens entwickelt sich die jüdische Gemeinde in organischem Wachstum bis zur Blüte. Sie hat Sinn und Ziel im jüdischen Volksganzen. Je vollendeter sie ist, um so mehr dient sie dem Ideal eines vollkommenen Volkswesens. Ihre Einrichtungen dienen (’cr Erziehung aller Glieder des Gemeinwesens zu Juden, also zu vollwertigen Kindern des jüdischen Volkes, Die Mittel zu dieser Erziehung sind historisch gegeben. Religion im geläuterten Sinne des Gottesglaubens, Gesetz und Lehre, nach der das ganze menschliche Leben des Juden regelnden und ordnenden Richtschnur der Lehre. Die jüdische Gemeinde ist also nicht das, was in der nicht glücklich gewählten und erst der Neuzeit entstammenden Bezeichnung «Kultusgemeinde» zu liegen scheint. Denn die jüdische Gemeinde hat nicht die alleinige Aufgabe, 'den Kultus zu erhalten und zu pflegen, Das ist ein fremden Kulten entlehnter Begriff, der dem jjidentum wesensfremd ist. Es heißt, den Begriffsinhalt der jüdischen Gemeinde schmälern und entstellen, wollte man ihn im «Kultus» sich ausleben lassen. Das geschah zu keiner Zeit. Weder in klassischen, noch in nachklassischen Perioden unserer Geschichte. Gewiß; auch das, was man seit der Neuzeit Kultus nennt, gehört zu den Hauptaufgaben der jüdischen Gemeinde. In ihren Kreis gehört aber als vornehmste Pflicht seit jeher die Erziehung zum Judentum und im Judentum seinem ganzen Umfange nach. Nicht Religion des Judentums allein hat sie zu erhalten und zu verbreiten, sondern jüdische Menschen zu erziehen. An erster Stelle steht seit urdenklichen Zeiten die «Lehre» im tiefsten und weitesten Sinne dieses Wortes. Sie erfaßt den einzelnen, die Familie, die Gemeinde, das Volk. Sie fordert Schule und Schulung, Pflege jüdischer Kulturgüter, Verwirklichung der sozialen und ethischen Ideale, welche fn ihr verbindlich und verpflichtend niedergelegt PCXXXXXXXXXXXXXXXXXTOOQOQOOOOODQOOOO^ Trelfmuikt der Ulen im Cafe „altes Rathaus" (Cafetier Leo Löwy) Größero and kleine Klublokale 1. Bes.» WippUngerstraße 24 Tel. U 27-4-84, U 26-2-74 OOQOOOOOOOOOOQOQCXXXX30000000QOQOOOQOOO sind; Erhaltung des jüdischen Charakters aller Glieder der Gemeinde und aller ln Ihr lebendigen Kräfte. Die jüdische Gemeinde hat ihre Aufgabe nicht erfüllt, wenn sie nicht für die Möglichkeit Sorge trägt, daß Ihre Mitglieder in voller jüdischer Rüstung nach vollendeter jüdischer Erziehung in einem durch und durch entwickelten Schulwesen den Kampfplatz des Lebens betreten. Sie ist ein Teil des jüdischen Volkes und hat nur als solcher ihre historische Stellung im jüdischen Volke. Parallel mit dieser Aufgabe läuft die Erziehung und Heranbildung der jüdischen Gemeinde zu treuen Kindern und Bürgern der Stadt, des Landes, des Staates. Diese Treue hat das jüdische Volk zu allen Zeiten bewiesen; in Zeiten der Flucht und Heimatlosigkeit, der Entrechtung und Unterdrückung. Es hat alle Sprachen der Länder gesprochen, in die es auf seiner Weltwanderung gelangte, alle Kulturen in sich aufgenommen, am Aufbau dieser Kulturen nach Kraft und Möglichkeit sich beteiligt und sich in deren Dienst gestellt. Das ist der Sinn des so oft mißbrauchten Jeremiaswortes: «Fördert das Wohl der Stadt, in der ihr wohnt, denn in deren Wohl und Frieden ist euer Friede beschlossen.» Niemals ist es dem großen nationalen Propheten eingefallen, seine Volksgenossen zu Leugnung ihres Volkstums aufzufordern. Es blieb der.Neuzeit Vorbehalten, das Judentum zu einer Konfession zu machen. Dasistesnicht und war es nie. Ebensowenig wie Nationalität im engen Verstände unserer Zeit jemals der Charakter des Judentums gewesen ist, ebensowenig ist von den erleuchteten eröffnet eine neue Filiale: Wien XX. Wallensteinstr. 45 (ehemals M. lazar) und erbittet zahlreichen Zuspruch. Konkurrenzlos njedere Preise Zu jeder Tageszeit heiße Würstel m. Brot u. Senf 60 g NEUERÖFFNUNG Streng orth. Selchwaren FABRIK „PET VAN,, Geistern des Judentums Konfessionalität im engen Sinne der Gegenwart und anderer Konfessionen zugegeben oder nur gekannt worden. Keiner der großen jüdischen Propheten, Philosophen und Ethiker hätte es zugegeben, daß ihre Universalität dazu mißbraucht werde, den Bestand des jüdischen Volkes zu leugnen. Keiner der Gesetzeslehrer aller Zeiten. Und auch der einfache, schlichte jüdische Bürger irgendeiner Stadt oder irgendeines Staates, dem er als treuer Sohn diente, hat auch nur einen Augenblick daran gezweifelt, daß er gleichzeitig ein Sohn des jüdischen Volkes sei, Es heißt buchstäblich Irrlehren verbreiten, diese Tatsache zu leugnen; heißt die jüdische Vergangenheit und Geschichte mißdeuten oder gar verhöhnen. Wir lügen in allen Gebeten aller Tage des Jahres. Lügen beim Lesen der heiligen Schriften, beim Studium unserer ganzen hebräischen Literatur bis an die Grenze der Neuzeit, wenn wir unser jüdisches Dasein ausschließlich als ein konfessionelles betrachten, zumal sich ln einem großen Teile der Bekenner dieser Religiosität das Bekenntnis ln allgemeine Ethik verflacht und verflüchtigt. Die jüdische Gemeinde ist aber nicht eine ethische Gesellschaft, sie ist es sicher auch, aber nicht ausschließlich. Es Ist durchaus möglich und steht auch jedem Gliede der jüdischen Gemeinde und Gemeinschaft frei, daß es sich vom jüdischen Volke, das über alle Länder der Welt verbreitet ist, lossagt und sich nur zu dem Volke bekennt, in dessen Mitte er als Bürger lebt. Er schließt sich aus der Gesamtheit aus und leugnet einen Hauptgrundsatz. Nicht aber steht es ihm frei, den Volksbegriff in sich zu leugnen und zu behaupten, die Juden der Welt seien kein Volk. Das ist entweder Unwissenheit oder Entstellung. Es bedarf nicht erst des Bekenntnisses zum jüdischen Volke; iin Judesein ist es implicite enthalten. Das hat aber auch mit dem gehässigen, unduldsamen, herrschsüctigen und sogar gewalttätigen Nationalitätsbegriff nichts zu tun, der heute viele Völker der Welt beherrscht und den Vorstellungen zuwiderläuft., welche wir haben, wenn wir von «Kultur» sprechen. Es ißt jedoch auch die Feststellung nötig, daß ln dem weitgezogenen Kreise der jüdischen Kultur, dem nichts fehlt, was auch allgemein menschliche Kultur bedeutet, unverrückbar und wesenhaft im Qebiete der Qelsteskultur die Religiosität eine erste Stelle einnimmt, die im religiösen Privatleben und Gemeindeleben« im Haus« Familie, Synagoge zum Ausdruck kommt. Je vertiefter sie um so mehr vollendet sie den Idealcharakter des jüdischen Volkes, wie es sein sollte. Das ändert nichts an der Tatsache, daß die jüdische Gemeinde sich als einen Teil des jüdischen Volkes zu betrachten hat und nur in dieser Relation ihre hohe historische Aufgabe zu erfüllen hat, wenn sie auch für sich und absolut als ein geschlossenes Ganzes ihre Rechte besitzt und ihre Existenz zu immer höherer Entwicklung und Vollendung bringt. Für die Richtigkeit dieser Anschauung kann man die jüdische Geschichte als Zeugen stellen und die edelsten Vertreter, Lehrer und Führer aller Zeiten, die wahrlich keine Fanatiker falschverstandenen Nationalismus gewesen sind, und in deren Reihen bis in die Gegenwart die strenggläubigsten Verkünder der jüdischen Lehre standen. Von Moses bis Mendelssohn, von Jochanan ben Sakkai bis Samson Raphael Hirsch. Der 12. Grundartikel des jüdischen Glaubensbekenntnisses von Maimonides, ins Deutsche übertragen von Moses Mendelsohn «Ich erkenne für wahr und gewiß, daß die Kinder Abrahams, Isaacs und Jacobs nicht immer von dem gelobten Lande entfernt und unter anderen Nationen zerstreut leben werden, sondern Gott wird zu einer Zeit, die ihm allein bekannt ist, aus dem Hause Davids ein gesalbtes Haupt erwecken, das dieses Volk wiederum zu einer freien Nation machen und in dem Lande ihrer Väter über sie regieren wird.» Hiezu bemerkt Maimoindes: «Diejenigen, die sich selbst täuschen und sagen, daß sie auf ihren Plätzen zu verharren haben, bis der Messias nach dem Westen kommt und erst dann auswandern und nach Jerusalem gehen werden — diese begehen selbst eine Sünde und führen die anderen irre . . . Die Erfüllung der Gebote ist nicht vom Erscheinen des Messias abhängig; wir sind vielmehr verpflichtet uns mit Thora und Mizwoth zu beschäftigen und bestrebt zu sein, sie zu vollftihren. Wenn wir unsere Pflicht getan haben werden und Gott uns oder unseren Rindern es vergönnt, den Messias zu sehen — desto besser. Falls nicht, haben wir nichts verloren, vielmehr durch unsere Tat, zu der wir verpflichtet sind, profitiert.» («Kiddusch Haschern*, in Responsen des Maimonides, Ausgabe Leipzig.) 4W4P1W» Die Zionisten in der Wiener Kultusgemeinde Von Kultwvorßteher Dr. Jakob Ehrlich, Präsident der Zionistischen Landesorganisatio» für Oesterreich. (Aus einem Gespräch.) Bel den letzten Kultusgemeinde wählen hat dl« „Union“ trotz ihres unnatürlichen Bündnisses mit der Aguda mit dieser zusammen lediglich 18 Mandate bekommen und somit die Mehrheit im Kultuavorstand verloren. Dieser Koalition gehören 15 Kultuevorateher der erster«» Gruppe und drei der letzteren an. Dieser geschlossenen Gruppe steht der Zionistische Klub mit 12Mitgliedern gegenüber; nicht Mitglied des Klubs, aber der zionistischen Partei angehörig, lat der Vertreter der „Polnischen Schule“ Dr. Landau, so daß den 15 Mitgliedern der „Union** 13 Zionisten gegenüberstehen, zu denen in zionistischen Fragen noch drei Poale-Zionisten zuzuzählen sind, ein Kräfteverhältnis, das sieh die Herren der „Union“ besonders dann deutlich _ vor Augen halten müssen, wenn wir zionistische Postulat« erheben. Dies gilt insbesondere für die Frage unseres Schul Werkes, für die Subventionierung des Paiäetinaaufbaues und für ähnliche Forderungen. Eine wesentliche Verstärkung hat die Stellung der „Union“ durch den Zerfall des Klubs der „Werktätigen Juden“ erfahren, der sich in zwei einander heftig bekämpfende Gruppen geteilt hat, und e« hat durchaus nicht für einen großen politischen Weitblick gezeugt, als bei der vorjährigen Budgetdebatte die zwei „Werktätigen7* gegen die Subventionierung des Paläetinawerkee gesprochen und gestimmt haben, Sie haben sich dadurch nicht nur in Gegensatz zu den jüdischen Sozialisten der übrigen Länder gestellt, sondern handelten auch unklug, weil eie ohne jede pro- Srammatisßhe Notwendigkeit die Mißstimmung er Zioniaten hervorgerufen haben, mit denen sie ixn Hinblick anf wichtige gemeinschaftlich« Programmpunkte — verwiesen sei insbesonder« auf die Frage des allgemeinen Wahlrechtes — bessere Kameradschaft halten sollten. Wir haben uns im vorigen Jahre mit Rücksicht auf die schlechte finanzielle Lage der Gemeinde mit einer Herabsetzung der Subventionierung de« Paläetinawerkee einverstanden erklärt. Dies« Rücksicht fällt heuer weg. Die Erweiterung der Jewish Agency und die immer größer werdend« Bedeutung Palästinas für das Gesamtjudentum macht m dem Kultuevorstand zur Pflicht, dieses Werk heuer mit größeren Mitteln zu unter* stützen als es im Vorjahre der Fall war*