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Die Stimme · 1930-03-06 · Heft 116 (6.3.1930) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 116 (6.3.1930)
Date
1930-03-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 nre stimme Nr. 116 Die Lage der Juden in Rußland Die Verhaftung der Minsker Rabbiner und der daraufblgende Sturm des Protestes gegen die Religionsvcrfolgung n "der ganzen jüdischen Welt haben die Sowjetregierung veranlaßt, ihre bisherige Politik ein wenig zu mildern. So vurde vom Auswärtigen Amt der Sowjetunion ein vom i)berrabbiner Gluskin und fünf weiteren verhaftet gewesenen ind später freigelassenen Minsker Rabbinern Unterzeichneter Appell an die JudcnheU der ganzen Welt den Vertretern der Presse Ubergeben, in welchem die Mitglieder des Minsker Rabbiuatea ihrer Empörung wegen des im Ausland eingeleiteten Feldzuges gegen die Sowjets Ausdruck gibt und tiittet, diese «ungerechten Angriffe* nicht zu unterstützen. Die Sowjetregierung, heißt es in diesem Appell, bekämpfe mit allem Nachdruck den Antisemitismus. Weiter wird festgestellt, daß seit Bestehen des Sowjetregimes kein einziger Rabbiner hinge rieht et worden sei. Es unterliegt wohl keinem Zweitel, daß diese Botschaft nicht nur inspiriert, sondern direkt unter dem Diktat der S o w j e t m a c h t h a b e r zustande gekommen ist. *'ie Regierung möchte auf diese Weise die Etnpörungstewegung in aller Welt wenigstens teilweise dämpfen. Wie £s aber in Wirklichkeit um die Stimmung in Sowjetrußiand steht, beweisen andere aus Rußland eingetroffenen Nachrichten, denen zufolge nach wie vor eine Hetze gegen die jüdische Religion mit unerhörter Roheit geführt wird. Eine in Minsk erscheinende jiddisch-kommunistische Zeitung «Oktiabr» scheut nicht davor zurück, sämtliche Rabbiner in der Sowjetunion in Bausch und Bogen zu verleumden, indem sie behauptet, daß alle Rabbiner an der Antisowjetkapipagne beteiligt sind und demnach als Spione zu behandeln sind. — Großes Aufsehen hat die Verhaftung zweier prominenter Rabbiner in Leningrad, und zwar des Oberrabbiners Lasarew und des Rabbiners Jasnogorodski hebvorgerufen. Die beiden Rabbiner wurden von der G. P. U. (früher Tscheka) unter der Beschuldigung verhaftet, illegale Beziehungen zu Persönlichkeiten im Ausland, insbesondere zum EU'bawfltseh'er Rebbe, Rabhi Schneirsahn, unterhalten ZU Haben. — Die Schließung von Synagogen in verschiedenen Städten Rußlands geht weiter vor sich. So wurde in einem Städtchen Krupke die letzte Synagoge geschlossen; in Murschan wurde die Ortssynagoge in eine Schule verwandelt; von fünf Synagogen in Hornel wurden zwei in Arbeiterklubs und drei in Wohnungen unigewandelt. Eine jüdische Heimarbeitergenossenschaft im Minsker Kreise wurde aufgelöst aus dem merkwürdigen Grunde, weil sie Pessachtelier mit hebräischen Aufschriften zum Verkauf hergestellt hatte. , Diese Nachrichten beweisen wohl, wie systematisch die sowjetischen Machthaber die Ausmerzung alles dessen, was jüdisch ist, verfolgen. Da hjlft kein Dementi und kein von Rabbinern in einer Zwangslage Unterzeichneter Appell. Die jüdische Oeffentlichkeit in der ganzen Welt läßt sich auch nicht durch diese doppelgleisige Politik irreführen und erhebt auch weiterhin laut die Stimme ihres Protestes. Insbesondere kräftig erschallt sie in Amerika, wo eine vom amerikanisch-jüdischen Kongreß einberufene Konferenz beschlossen hat, Sonntag, den 16. März, als Tag des nationalen Protestes der amerikanischen Judenheit gegen die Religionsverfolgung zu proklamieren. Dr. Stephan Wise, der auf dieser Konferenz die Hauptansprache hielt, erklärte, u. a.: «Es darf keine Anerkennung Sowjetrußlands durch die Vereinigten Staaten erfolgen, bis nicht die religiöse Freiheit in den Ländern der Sowjetunion gesichert ist.» * Die wirtschaftliche Lage der russischen Juden ist nach wie vor katastrophal. Ausländische Hilfsaktionen sind dem um sich greifenden Elend gegenüber machtlos. Die Hilfe, vor allem die amerikanische, ist ein Tropfen im Meer. Die zwangsweise Vereinigung von jüdischen und nichtjüdischen Kollektivkolonien in Weißrußland ist ein schwerer Schlag für den jüdischen Landwirt. Sie wird, wie man mit Recht befürchtet, antisemitische Strömungen zur Folge haben. Daß unter diesen Umständen die gemeinsame rituelle Küche abgeschafft werden wird, unterliegt wohl keinem Zweifel. Diese zwangsweise Vereinigung hat auch au? der Krim eingesetzt, — Den jüdischen Kolonien in der Krim wurden vom Agro-Joint 11,6 neue Traktoren übersendet. Der Agro» Joint soll im Jahre 1930 für das jüdische Kolonisationswerk in der Krim 750.000 Rubel ausgeben. Die jüdischen Deklassierten in Rußland befinden sich auch weiterhin in völlig verzweifelter Lage, Wie katastrophal diese ist, kann man aus dem Umstande ersehen, daß der Präsident der Sowjet-Ukraine, Petrpwski, erklärte, man müsse gewissen Kategorien deklassierter Juden das Wahlrecht verleihen und ihnen auf diese Weise die Möglichkeit geben, bei der Landwirtschaft und Industrie unterzukommen. — ln Amerika hat eine starke Propaganda der Landsmannschaften eingesetzt, um in der Ukraine Kooperativen für Deklassierte zu organisieren. Drei Antisemiten in Odessa zum Tode verurteilt, Moskau, 28. Februar (J. T. A.). Das Qdessaer Gericht verhandelte vjer Tage lang gegen 23 Agionpmen, die beschuldigt waren, eine antisemitische Hetze betrieben und ihre Kollegin, die junge jüdische Agronomin Helene Goldmann, unablässig antisemitisch verfolgt zu haben, so daß sie in Ihrer Verzweiflung Selbstmord beging. Das Gericht verurteilte drei der Hauptangeklagten, die bekannten Odessaer Agronomen Alexander Haupt, Nikolai Zlatamerschew und Iwan Potschu zum Tode, die übrigen 20 Angeklagten zy kleineren Gefängnisstrafen. ln deutschen Zeitungen war dieser Prozeß iiu falschen Lichte dargestellt. Es hieß, daß die Todesurteile gegen die Agronomen in Odessa deshalb anrfolgt waren, well die Beschuldigten zu wenig Energie in ihrer Arbeit entfaltet hatten und durch ihre Schlamperei die junge Goldmann zur Verzweiflung trieben. In Wirklichkeit aber handelte es sich hier um einen in den russischen Arbeitsstätten nicht seltenen Fall von Peinigung jüdischer Arbeitskollegen aus antisemitischen Motiven. VILLA SEVIGNE, Lausanne, Schweiz Israelitisches Mädchen-Pensionat Erstklassige Referenzen Prospekte durch die Vorsteherinnen; Mmes. M. und B. BLOCH Sie leJodke Berlin: Das Jakobfohn-Heim in Sefen am Harz, das dem Reichsausfchuß der jüdifchcn Jugendverbände gehört, eröffnet am i. Mai den diesjährigen Betrieb. — Der Synagogenneubau in Plauen wurde in den letzten Tagen zweimal gcfchändet. — Der bekannte Literaturhiftorikcr Max Hermann wurde vom neuen prcußifdien Untcrriehtsminifter Grimme zum Ordinarius neuerer deutfeher Literaturgefchichte ernannt. — Prof. Doktor Moritz Julius Bonn von der Handelshochfchule in Berlin wurde für das Sommcrfcmefter J930 als Gaftprofeflor nach Amerika berufen. — Der Landesausfchuß Groß-Berlin der jüdifchcn Jugcndverbände hielt eine Kundgebung für ein Jugend- und Gemeindehaus ab. — Budapeft: Anläßlich des Horthyjubiläums forderte der Prafident der Ifraclitifchen Landeskanzlek Baron Kohner, in einem Rundfehreiben fämtliche Kultusgemeinden des Landes auf, das zehnjährige Amtsjubiläum des Reichsverwefers am I. März in würdiger Weife zu feiern. — Danzig: Der bekannte Holzinduftriclle und Senator Julius Jewelowfky wurde mit Zuftimmung des polnifchcn Staatspräfidenten zum Ehrengeneralkonful der türkifchen Republik für den Frciftaat Danzig ernannt. — Frankfurt am Main. Die jüdifchcn Jugendvereine werden diefer Tage ein eigenes Heim beziehen. Die neubegründctc Schule wird dort ihre Tätigkeit beginnen. — Die orthodoxen Rabbiner haben hier eine Kundgebung für die Paläflina-Arbeit der AguclaS( Jifroel veröffentlicht. — Genf: In den letzten Tagen fand hier eine Tagung der Exekutive der internationalen Konferenz für Wanderfchutjj llatt, an der von jüdifcher Seite Luclen Wolf und P. Cohen teilnahmen. — Leipzig: Eine überfüllte Gemdndeverfammlung hat nach zwei Referaten über den Numerus cläusus und die drohenden Schächtverbotc Proteftrefoluttonen angenommen, in denen gegen Verfuche, AusnahmebefUmmungen gegen das deutfchl? Judentum durchzufetzen, Einfpruch erhoben wird, — London) Hier wurde der 20. Jahrestag der Gründung der B’nci Brith- Logen Englands gefeiert. Anfpradien hielten Chacham Doktor Mofes Gaftcr, Dr. Jochclmann, der forderte, daß die Welt» organifation B’nei Brlth (ich der hungernden Juden ln Ofteuropa annehme, ferner Dr, Brodetzky, und der Vertreter des Deutfdiland-Ordens Dr. Lefchinfky. New York: Di* Föderation der licauifchen Juden leitete eine Aktion zur Schaffung einer Kredithilfe für die Juden in Litauen ein. In einer befonderen Refolution wurde die Htauifdi# Regierung crjucht, die Minderheitsrechte der Juden in ihrem Lande zu fchützen. — Paria: Deputierter Charles Lambert hielt in einer Verfammlung des jüdifchen Redeklubs eine Anfprache, in der er betonte, daß Frankreich an einer jüdifchcn Einwanderung Interefte habe. — Polen: Eine Abordnung des internationalen Verbandes d*r Phyfiker brachte in Strelno, dem Geburtsort des bekannten Phyfiker» Abraham Michelfohn, an feinem Geburtshaufe «ln* Gedenktafel an. — Rom: Das Hilfs- und Aufbauwerk d*F Organisationen „Ort“, „Ofe“ und „Emigdirekt“ leitet # jetzt unter Teilnahme des Schriftftellers S, Poljakow eine Aktion In Italien ein. — Warfchau: Das Direktorium des polnischen Keren HajefTod versnftaJtetc einen Abschiedsabend zu Ehren von Nahum Sokolow, der nach einem mehrwöchigen Aufenthalt Polen verließ. — In der großen Synagoge von Grodno fand eine Trauerfeier für den vor kurzem verftorbenen Chef des Militärftabes von Grodno, Oberft Kfzyfzek, ftatt der ein großer Menschenfreund und Bcfchützer der Grodnoer Judenfchaft ge» wefen ift. — Kownor In dem Städtchen Schcimel wurde der Tierarzt Avifchenis in einem Brunnen tot aufgefunden. Djes gab Anlaß zu einer wüften Judenhetze, Fünf Juden wurden verhaftet und fchweren Folterungen unterworfen, um fie zu einem Mordgeftändnis zu bringen. — Mönchen; 70 Hakenkreuz- Studenten überfielen in einem Hprfaal den jüdifchen Profcffor Nawiafky, 4er an der Jahresverfammhjng des Vereines für das Peutfchtum im Ausland tcilpahm. Eine arabische Gegendelegation? . Jerusalem, 25, Februar. (J, T- A.) Der Nazarethkorrespondent der arabischen Zeitung «EI Ikdam» teilt mit, daß die in Nazareth tagende Konferenz der arabischen oppositionellen Gruppen, die bekanntlich in einem Beschluß die Kompetenz der von der arabischen Exekutive gewählten London- Delegation, das arabische Volk Palästinas zu vertreten, bestritten hat, sich wahrscheinlich entschließen wird, eine Gegendelegation nach London zu entsenden, Diese Gegendelegation soll die Forderung nach völliger Unabhängigkeit Palästinas innerhalb einer panarabischen Staatenföderation vertreten. Prozionistische Intervention Warschau. Der «Hajnt» bringt eine Mel" düng, wonach ein einflußreicher Deputierter der Läbour-Party seinem Londoner Korrespondenten die Erklärung abgab, daß die zionistischen Freunde in der Labour-Party zurzeit auf die Regierung einen großen Einfluß zugunsten des Zionismus ausüben und günstige Resultate ihrer Intervention erhoffen, 15 Jahre Gefängnis für den Attentäter auf Bentwich J e r u s a 1 e m. (J. T. A.) Der junge polfzeibote Abdul Ghani, der vor einigen Monaten das Attentat auf den Chef des Justizdepartements der palästinensischen Regierung, Norman Bentwich, verübt hat, wobei Bentwich nicht unerheblich verletzt wurde, wurde wegen versuchten Mordes zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Im Gegensatz zu den ausschließlich aus Engländern zusammengesetzten Gerichten, die über Aufruhrfälle in Palästina urteilen, war dieses Gericht aus dem Engländer Tute, dom Juden Valero und dem Araber Budeiri zusammengesetzt, BLAIMSCHEINS Pflanzen-Margarin® TERNO Unerreicht in Qualität und Preis! Erzeugt unter streng ritueller Aufsicht Seiner Ehrwürden des Herrn Oberrabbiners S. Fürst Darf in keinem Jüdischen Haushalt fehlen! naß btt? “iuo Ueberall erhältlich! KARL BLAIMSCHEINS Vereinigte Margarineand Butterfabriken, Wien, XIV., Diefenbachgasse 59 Um die Grazer Kultusgemeinde (Von unserem Berichterstatter.) Ich berichtete schon in meinem letzten Brief von dem Kompromiß Vorschlag der Konservativen. Auf Grund dieses Kompromißvorschlages hat das zionistische Wahlkomitee in seiner Sitzung von! 25. Februar mit 22 gegen 11 Stimmen beschlossen, der gemeinsamen Kompromißliste zuzußtjmmen und somit den Wahlkampf als abgeschlossen zu betrachten, Naehdem die Erhöhung der Höchststeuer von 1000 auf 1500 Schilling im Kompromißwege zugestanden wurde und auch für andere Forderungen, wie die Einführung des allgemeinen Wahlrechtes (in praxi bestellt es, da fast alle Gemeindemitglieder besteuert sind) Im neuen Kultusrat, die wahrscheinliche Zweidrittelmehrheit zu erreichen sein wird, glaubte das zionistische Wahlkomitee, den Vorschlag der Konservativen akzeptieren ZU können, Laut Gemeindestatut entfallen, da keine anderen Listen eingereicht wurden, die Wahlen. Somit ist der neue Kultusrat, dem 14 Zionisten und 10 Konservative angehören, als gewählt zu betrachten. Dem alten Kultusrat gehörten 11 Zionisten, 9 Konservative und 4 Wirtschaftsparteiler an. Die Wirtschaftspartei stimmte teils mit den zionistischen Mandataren, teils mit den Konservativen, Nur in ganz seltenen Fällen stimmte die Wirtschaftspartei geschlossen mit den zionistischen Mandataren. Nunmehr ist eine klarere Scheidung eingetreten; die bisherige Wirtschaftspartei kandidiert nicht mehr, ihre Mandatare sind teils auf der zionistischen, teils auf der konservativen Seite des neuen Kultusrates vertreten. Die Frage, Kompromiß oder Wahlkampf, wurde in der hiesigen zionistischen Oeffentlichkeit ziemlieh heftig debattiert. Es ist gewiß sehr schön, wenn alle Parteien, von dem Geiste der Friedensbereitschaft beseelt, die Einheit und Einigkeit der Gemeinde betonen; diese Friedensbereitschaft muß aber auch in einer wirklichen gemeinsamen Arbeit zum Ausdrucke gelangen. Die Gegner des Kompromisses auf zionistischer Seite forderten die Fortsetzung des Wahlkampfes aus dem Gefühle heraus, daß jedes Gemeindemitglied mit dem Stimmzettel seine klare Stellungnahme zum Ausdrucke bringe. Die Argumentation, daß wir der gemeinsamen Arbeit für Erez Israel zuliebe den Frieden nicht durch einen Wahlkampf stören dürfen, ist nicht stichhältig. Mitarbeit am Palästinaaufbauwerk muß unabhängig sein von der Beeinflussung durch Sieg oder Niederlage im Wahlkampfe- Das Wahlkompromiß ist nun geschlossen. Kritik daran zu üben ist in diesem Augenblick nicht mehr am Platze. Jetzt heißt es, an die Arbeit gehen. An die gemeinsame Arbeit der zionistischen und der konservativen Vertreter im Kultusrate zum Wohle der Gemeinde. Nur noch ein Wort an die zionistischen Kultusräte, In eurer Hand liegt das entscheidende Geschick der Gemeinde, Zeigt dureh zielbewußte Arbeit, daß es nur eine Linie der Entwicklung geben kann. Die Umwandlung der israelitischen Kultusgemeinde in die jüdische Volksgemeinde. I„ SCHOTTENRING 14 I., FÜHRICHGASSE 3 Endtermin fAir EntersdhariftenaKiloi» des Keren Uafemeifii «Iber VerScangen vieler Qrappen auf

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