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Die Stimme · 1930-03-06 · Heft 116 (6.3.1930) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 116 (6.3.1930)
Date
1930-03-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 116 DIE STIM: Seite 5 Masaryk und die Juden Seinen im Jahre 1911 in tschechischer Sprache veröffentlichten Lebeiiscrdnnerungen entnehmen wir nachstehende interessante Aeußerun* über Juden: *fn den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts wurde jedes Kind in der Umgebung von Göding [(Geburtsort Masaryks) durch die Schule, das Haus, die Kirche und durch die ganze Gesellschaft zum Antisemitismus erzogen. Die Mutter verbot uns Kindern» uns Lechners, die Juden waren, zu nähern, weil Juden angeblich das Blut christlicher Kinder brauchten. Ich ging also Lechners Hause in großem Bogen aus dem Wege, und dasselbe taten alle meine Kameraden. In der Kirche und in der Schule wurden wir häufig vor den Juden gewarnt. War der Herr Kaplan in guter Stimmung, so ersuchte er den Herrn Lehrer, daß er die «Judenweise» anstimme, einen Gassenhauer, in dem das Beten der Juden nachgeahmt werden sollte. Der Aberglaube war in mich so tief eingedrungen, daß ich jedesmal, wenn ich zufällig einem Juden nahe kam absichtlich näherte ich mich keinem — diesem auf die Finger blickte, ob an ihnen kein Blut klebe. An dieser dummen Gewohnheit hielt ich länge fest. Und dennoch liebte ich Herrn Füchsel, «unseren Herrn Füchsel», wie wir ihn zu Hause zu nennen pflegten. Ich entsinne mich, daß unser Familienantisemitismus eine philosemitische Ausnahme zuließ: Als Kind kam es mir nicht zum Bewußtsein, daß Herr Füchsel auch ein Jude war. Herr Füchsel war ein Hausierer aus Göding; die Mutter pflegte von ihm Leinwand zu kaufen. Von Zeit zu Zeit suchte uns Herr Füchsel auf, und wir alle freuten uns, wenn er kam; er breitete vor uns seine Waren aus, erzählte, aus welcher Fabrik sie seien, wem und wieviel er davon verkauft habe; er berichtete, was es in Göding und in den umliegenden Ortschaften Neues gebe usw. Daß es dabei nicht immer ohne Klatsch, wenn auch unter dem Siegel der Verschwiegenheit, abging, versteht sich von selbst. Zum Schluß pflegte er mir ein Stückchen von einem Bleistift zu schenken. — Wir liebten Herrn Füchsel, er war «unser Herr Füchsel». Durch Bekanntschaft, Zusammenleben, wirtschaftliche Wechselbeziehungen, vergaß man an das Blut — dieser Aberglaube galt nur für diejenigen Juden, mit denen wir nicht in Berührung kamen; es hatte aber jeder Ritualmordgläubige seinen «Herrn Füchsel». Die jüdischen Kinder, hatten ihre eigene Schule oder ihren eigenen Lehrer und wir Kinder wuchsen voneinander getrennt oder fremd auf. Sie hatten ihr jüdisches Ghetto, wir unser christliches. An der Realschule in Auspitz hatte ich einen jüdischen Mitschüler. Ich ging ihm aus dem Wege und blickte auf seine Finger . . . Wir quälten ihn in unchristlicher Weise, obgleich er ein seelensguter Junge war. Er war nicht überaus klug, gehörte zu den schlechteren Schülern und widerlegte unsere Ansichten über das Judentum. Dieser jüdische Mitschüler bekehrte mich vom Antisemitismus. Wir unternahmen einst einen Ausflug in die Polnaer Berge. Am Rückweg rasteten wir im Gasthaus zu Dunajowitz, um unsere Jause zu nehmen. Es wurde Wein und Bier getrunken, geraucht, die Professoren tollten mit uns, und die Zielscheibe der Witze war «Leopold». (Ich erinnere mich an sein Aussehen, aber seinen Namen habe ich vergessen;) Die Sonne war vor dem Untergehen —■ Leopold verschwand vom Tische, und man ging ihn suchen; die Knaben fanden ihn, hinter einem Tore betend. Nun liefen auch andere Knaben hinaus, um ihn zu beobachten und beim Gebet zu necken. Auch ich ging, mir ihn ansehen. Niemals werde ich vergessen, wie mich Leopold verblüffte; er stand hinter einem Tore, an einem verborgenen Orte, offenbar um nicht gesehen zu werden. Er verneigte sich stets und betete. Mit einem Male verging mir alle Lust zum Scherzen. Während wir tollten, vergaß Leopold nicht seines Gebetes; von diesem Augenblick angefangen, war mein Antisemitismus untergraben, wenn auch nicht ganz überwunden. Meine Eltern übersiedelten damals wieder nach Göding, und ich hatte Gelegenheit, die dortige Judenstadt und mehrere Juden kennzulernen. Durch die Erfahrungen stürzte das Ghetto von Vorurteilen ein. Aus Bekanntschaften mit Juden keimte die Freundschaft, und zwar eine treue und schöne Freundschaft. In Brünn und Wien vergrößerte sich der Kreis meiner jüdischen Bekannten, die Vorurteile schwanden, obgleich sich die Gewohnheit aus meiner Kindheit ab und zu meldete; und die Gewohnheit ist mächtig und schrecklich. Die heutige Generation vermag den Antisemitismus nicht so zu empfinden, wie wir ihn empfunden haben. Es wird mehr über den sozialen Unterschied von Juden und Christen philosophiert, es werden Wagners, Nietzsches, Lagardes, Gobineaus Theorien gelesen; unser Antisemitismus war abergläubisch, klerikal. In der Hilsner-Affäre meldete sich der primitive, alte, rohe Antisemitismus und bezwang auch einen großen Teil der tschechischen Intelligenz. Oft gedachte ich damals des betenden Leopold hinter dem Dunajowitzer Tore — vielleicht machte ich all das Unschöne, wozu mich damals der Antisemitismus verleitet hatte, wieder gut.» In seinen Erinnerungen über den Weltkrieg (Die Weltrevolution. Erinnerungen und Betrachtungen 1914—1918. Berlin 1925) erzählt Masaryk über seine Beziehungen zu den Juden in Amerika folgendes (S. 249—250)x: «Wie überall unterstützten mich auch die Juden. Und gerade in Amerika «rentierte» sich mir, wenn ich so sagen darf, die Hilsneriade. Schon im Jahre 1907 hatten die Juden in New York einen riesigen Empfang für mich veranstaltet; diesmal hatte ich viele persönliche Zusammenkünfte sowohl mit Vertretern der orthodoxen Richtung als auch mit Zionisten. Von diesen nenne ich Mr. Brandeis, Mit- Motel Cafe ConMneiKal Wien, II. Prafcrsfr. 7 Treffpunkt aller Wiener und Fremden glied des Obersten Gerichtes, seiner Herkunft nach aus Böhmen; er war gut mit dem Präsidenten Wilson bekannt und genoß sein Vertrauen. In New York war Mr. Mack einer der führenden Zionisten. Auch mit Sokolöw, dein einflußreichen zionistischen Führer, wurde ich persoalich bekannt. In Amerika haben die Juden wie in Europa großen Einfluß in der Journalistik; es war vorteilhaft für uns, diese Großmacht nicht gegen uns zu haben. Auch diejenigen, die mit meiner Politik nicht 'übereinstimmten, benahmen sich zurückhaltend und unparteiisch.» Masaryks Memoiren hebräisch Pr ag. (J. T. A.) Auf Initiative des tschechoslowakischen Konsuls in Tel-Aviv, Dr. Grünwald, wird demnächst in Palästina eine hebräische Uebersetzung der Memoiren Masaryks erscheinen. Die zionistische Exekutive lehnt die revisionistischen Forderungen ab London. (J. T. A.) Das Sekretariat des Weltverbandes der iZonisten-Revisionisten hat den Brief-? Wechsel zwischen den Führern der Zionisten-Revisionisten und der Exekutive der zionistischen Weltorganisation betreffend die Forderung der Revisionisten nach Schaffung eines politischen Notkomitees und schneller Einberufung des Kongresses veröffentlicht. Die revisionistische Forderung geht bekanntlich dahin, daß zum Zwecke der Schaffung einer vereinigten zionistischen Front ein paritätisch aus Vertretern der gegenwärtigen zionistischen Exekutive und aus Vertretern der Opposition zusammengesetztes Komitee zur Führung der politischen Arbeit gebildet werden soll, wobei beide Hälften noch ein weiteres Mitglied des Komitees einstimmig ernennen sollen. Ferner fordern die Revisionisten die Einberufung des 17, Zionistenkongresses innerhalb der nächsten Monate auf der Basis einer beschleunigten Schekel- und Wahlaktion. Senn 0djmeGeit... 2ogah2obletten! £ogal*$:at>teffett ftnb unübertroffen jur 93efämpfung rheumatischer, gichtischer und nervöser Schmerzen, Kopfschmerzen, Erkältungskrankheiten. §ogöt föetbet bie Äamfchtte auS unb gebt ba^er btreft &ut TCurjet beS Hebetö 1 QBenn ^mtfenbe »on Zieraten biefeö bittet »erorbnen, fönnen au* Sie es uerftauenä- »oU taufen, fragen Sie ßtyren Slrafl 3n alten Slpotbefen ‘Drei« S 2.40 In dem Antwortschreiben der zionistischen Exekutive heißt es: Die Führung der politischen Arbeit ist von der Exekutive der zionistischen Organisation auf die Exekutive der Jewish Agency übergegangen. Zu dem Vorschlag, die Führung der politischen Angelegenheiten der Exekutive der Agency wegzunehmen und einem Sonderkomitee zu übertragen, könnten sich nur die zuständigen Organe der Agency äußern. Sollte ein solcher Vorschlag der Jewish Agency unterbreitet werden, so werde die Exekutive sich ihm widersetzen. Die Exekutive, heißt es in dem Schreiben weiter, ist jederzeit bestrebt, die Meinungen aller wichtigen Teile der Bewegung einzuholen und angemessene Vorschläge hinsichtlich der Führung der Arbeit zu empfangen und zu geben. Um diesen Austausch auf dem politischen Felde zu erleichtern, wurde das politische Komitee gebildet. Die Exekutive pflegt auch von Zeit zu Zeit verantwortliche Mitglieder der Bewegung zu empfangen und sie zu informieren. Bei solchen Anlässen wird Gelegenheit genommen, irgendwelche erhobenen Vorstellungen anzuhören und sie einer Erwägung zu unterziehen. Die Exekutive ist der Meinung, daß diese Prozedur die vorteilhafteste und in konstitutionellem Sinne freieste ist. Sie würde deshalb gerne die Union der Zionisten-Revisionisten einladen, aus ihren Reihen ein Mitglied für das politische Komitee zu nominieren und ferner von Zeit zu Zeit mit der Exekutive zu obenerwähnten Zwecken Zusammentreffen. Die Einberufung eines außerordentlichen Kongresses im Jahre 1930, heißt es zum Schluß des Briefes, würde so offensichtliche und schwerwiegende Nachteile mit sich bringen, daß sie nur auf Grund einer überwältigenden Forderung seitens der Zionisten in Angriff genommen werden könne. Gegenwärtig liegt der Exekutive kein Beweis für das Bestehen einer solchen überwältigenden Forderung vor. Wie der Jischuw seine Helden ehrt Dieser Tage wurden in Chulda sechs Zypressen auf dem Grabe des gefallenen Helden Ephraim Zisik gepflanzt. Bei dieser Feier waren auch zwei Brüder des Gefallenen anwesend, die ersuchten, keine Reden zu halten. Einer der Brüder intonierte die. «Hatikwah» und alle Versammelten fielen in dieses Lied ein. Das neue Gemeindegesetz bestätigt Jerusalem. Die Palästinaregierung hat das’ neue Gesetz, betreffend die jüdischen Gemeinden in Palästina, bestätigt und den Wortlaut des Gesetzes im Regierungsblatt veröffentlicht. Im Verlaufe eines Monats sollen im Sinne dieses Gesetzes die Wahlen zur jüdischen repräsentativen Körperschaft, der 71 Personen angehören, stattfinden. Wahlberechtigt sind alle registrierten jüdischen Bürger in Palästina, Männer und Frauen, die das 20. Lebensjahr vollendet haben. GroßNeisdihauerei SIEGM. KORNMEHL Zentrale IX, Berggasse 19, Tel. A17-3-99 u. A16-9-34 Lieferant für Heilanstalten AMeHunoonfüiOg2iJ®^2ll unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Autozustellung kostenlos IX, Beregasse 15 XVIII, Währlngerstraße 97 sa» ymmrnSS. Die bekannt beeten und bezüglich verläßlichsten amerikanischen Mazsoth in Wien. Ueberaii erhältlich. Vertretung für Oesterreich: 90 Brüder Weinreh, Wien, //., Taborstraße 62, Teleph. R-41-5-19

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