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Die Stimme · 1930-03-06 · Heft 116 (6.3.1930) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 116 (6.3.1930)
Date
1930-03-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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SeDte 4 DIE STIMME Nr. 11« T.G. 80 Jahre a Präsident Masaryk Von Prof. Dr. Chaitti Weidmann Am 7. März feiert Thomas O. Massaryk seinen achtzigsten Geburtstag, zu welchem ich ihm im Namen der Jewislt Agency für Palästina und jener Millionen Juden, die in ihr vereinigt sind, die herzlichstt.5 Glückwünsche entbiete. Nur auf wenige lebende Männer läßt sich mit gleicher Berechtigung wie auf Präsident Masaryk ein" Wort an wenden, das von Anatole France auf Zola gemünzt ward — — il etait un inonument de la conscience humaine; möge er uns noch lange erhalten bleiben, als Staatsmann, als Philosoph und als moralisches Vorbild, möge er noch lange in der Stellung bleiben, in welcher er Kraft und Sieg einer Idee gleichermaßen verkörpert. Präsident Masaryk hat sein Volk aus der Dunkelheit langer politischer Existenzlosigkeit zu den Höhen eines neuen nationalen Lebens heraufgeführt. Als er im Jahre 1914 mit nur wenigen Mitarbeitern — die zu dieser Zeit noch fast gänzlich unbekannt waren — der habsbuTgischen Monarchie den Krieg erklärte, warnte ihn jedermann, der selbst «in seinen Augen klug war», seine Leute nicht durch ein unmögliches Vorhaben in das unvermeidliche Verderben zu führen; seine Handlung wurde als unverantwortlich, ja als strafbar bezeichnet. Er hatte weder Geld noch Menschen, besaß auch gar keine anderen materiellen Kampfmittel, die einen Sieg garantiert hätten; auch versuchte er sich mit Mächten verbinden, die sich entweder weigerten, der tschechischen Nation verpflichtet zu sein, oder bloß so vage Versprechungen machten, daß dieselben im nachhinein glatt abgeleugnet werden konnten. Masaryks Stärke lag nicht in seinen sorgfältigen Kalkulationen, zahlreichen Bataillons, oder in der offenbar günstigen Gelegenheit, nein; er lauschte den Stimmen seines Volkes, ahnte seinen unterbewußten Willen, sprach von seiner Seele, und als die Schicksalsstunde kam, verkündete er eine nationale Idee, die, obwohl durch Jahrhunderte unterdrückt, unsterblich gewesen war und im ganzen Volke gelebt hatte. Als er die Führung der tschechoslowakischen revolutionären Kräfte an sich gebracht hatte, ging er furchtlos ohne Kompromiß vor, ließ sich durch das Auftreten scheinbar unüberwindlicher Hindernisse nicht abschrecken, durch jene Unschlüssigkeit und Zweifel, welche die «Raisonneure» bedrängten. Vorsichtig und geschickt im Entwerfen und Ausführen seiner Pläne, wollte er über Grundlagen überhaupt nicht rechten; er wollte weder mit den Habsburgern verhandeln noch seine Nation an das zaristische Rußland binden — so neidete er jedem die Anteilnahme an der tschechischen nationalen Idee. Die Art, in der er den nationalen Unabhängigkeitskampf führte, hätte ihm den Respekt und die Bewunderung der gesamten denkenden Menschheit verschafft, selbst wenn derselbe mißglückt wäre. Der Erfolg aber hat nicht nur für sein Volk einen unberechenbaren moralischen Wert mit sich gebracht; er hat deutlich die Kr.aft gezeigt, die einer nationalen Idee innewohnt, einem nationalen «kategorischen Imperativ», wenn demselben treu und bedingungslos gefolgt wird. Jeder Zionist sollte die Geschichte der tschechischen Nationalbewegung, wie sie in den Memoiren von Präsident Masaryk und seines ersten Mitkämpfers, Dr. Benes, aufgezeichnet wurde, lesen. Zuletzt ein Wort über des Präsidenten Masaryks Beziehung zu unserem Volke: Kein Jude soll je vergessen, welche Rolle Präsident Masaryk im Hilsner-Prozeß spielte, als ein Jude auf Grund gänzlich ungenügenden Beweises des Mordes schuldig gesprochen wurde, bloß weil die alte Ritualmordliige von neuem gegen unser Volk erhoben und eine wilde Volksagitation entfacht worden war. Dann kehrte sich die heftige Kampagne gegen ihn; man beschuldigte ihn, von den Juden bestochen worden zu sein; Studenten an der Prager Universität wurden von Antisemiten aufgehetzt, ihm seine Vorlesungen unmöglich zu machen, er selbst wurde in der Presse schmählich beschimpft und angegriffen, so daß er schließlich gänzlich isoliert dastand. Eine Zeitlang büßte er viel von seiner Popularität ein, was ihn nicht weiter berührte. Niemals rcufe ihn seine Anteilnahme am Prozeß, vielmehr erklärte er: «Ich stellte mich aus rein ethischen Motiven dem Aberglauben des Ritualmordes entgegen.» Sein ganzes Leben lang kämpfte Präsident Masaryk fiir die Wahrheit und kannte keine Kompromisse. Und deshalb können wir mit Anatole France sagen: «II est un monument de la conscience humainc.» Persönliche Erinnerungen an Masaryk Von Dr. Hermann Kadisch Zu den Männern, die eine über den Rahmen ihres Volkes hinausragende historische Bedeutung erlangt haben, nicht nur in politischem Sinne, sondern auch als Gelehrter und Mensch, gehört der Präsident der tschechoslowakischen Republik, Professor Dr. Masaryk. Es ist unmöglich, im engen Rahmen eines kurzen Artikels alles zu würdigen, was in den letzten Jahrzehnten, vor, während und nach dein Weltkriege, Professor Masaryk für Europa, für die Tschechoslowakei und für das Judentum bedeutet. Nie war für ihn maßgebend, was die kompakte Majorität wollte, sondern imnfer nur, was er für notwendig sowie richtig hielt, im Interesse seines Volkes, des Völkerfriedens und des allgemeinen kulturellen und sozialen Fortschrittes. Angefangen von den Kämpfen in Angelegenheit der Königinhofer Handschrift und später dem denkwürdigen Kampfe für die Befreiung riDö -ifcb Spezial & 100 o/* Fettgehalt Gelb, geschmeidiges Pflanzenfett, überall erhältlich Unter Aufsicht des Herrn Oberrabbiner Fürst (Schiffsschul) Hilsners, von den Kämpfen gegen Alt- und Jungtschechen, gegen den russischen Zarismus, bis zur Gründung der realistischen Partei und dem Eintreten für die nationale Autonomie, sowie schließlich für Paneuropa geht Präsident Masaryk seine eigenen Wege. Meine erste Begegnung mit Professor Dr. M as a r y k fällt mit der Konstituierung der tschechisch-realistischen Partei in Prag am 1. April 1900 zusammen. Einer der Hauptzwecke dieser neuen Partei, der außer Professor Masaryk auch Dr. Kramarsch und der spätere Finanzminister Dr. Kaizel angehörten, war die deutsch-tschechische Verständigung auf demokratischer Basis. Die neue Partei gewann bald nicht nur unter der tschechischen, sondern auch der slowakischen, südslawischen und jüdischen Intelligenz viele Anhänger. Als ich bei einer späteren Gelegenheit den Dr. Masaryk über seine Stellung zur J u.d e nfrage und zum Zionismus interpellierte, meinte er, OOOQOOOCXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX^OOQ Bad Ischl ist ein altrenommiertes Gasthaus mit Maria-’l heresien- Konzession, das infolge seiner zentralen Lage und Bauart für rituellen Betrieb vorzüglich geeignet ist, direkt vom Besitzer zu verkaufen. Anfragen unter M. S. an die Administration der «Stimme». 0(XXXX3000000CX30000000000000000000000CX> daß er wohl die Juden als Na t i o n atic rkenn e, es aber doch nicht hindern könne, daß es Juden gäbe, die sich als Tschechen fühlen und sich seiner Partei, der realistischen, anschließen. Die Stellung Professor Masaryks zur Judenfragc trat schon seinerzeit anläßlich des Pisekcr Prozesses gegen Hilsner deutlich zu Tage. Dr. Masaryk schrieb damals: «Die Piseker Revision hat dem wissenschaftlichen Kampfe gegen den rohen Aberglauben zum Siege verholfen, der Piseker Prozeß ist zur kulturellen Revision mittelalterlichen Aberglaubens geworden.» Vor zwei Jahren zeigte der Präsident anläßlich seiner Palästina reise neuerlich seine Sympathie für das Judentum und den Zionismus und. dokumentierte auch sein lebhaftes Interesse für den. Aufbau einer jüdischen Heimstätte, als ein Mittel zur Lösung der Judenfrage. * Da-s entschiedene Eintreten für die Rechte des tschechischen Volkes hat Dr. Masaryk nicht gehindert, schon vor langer Zeit gegen die Unterdrückung anderer Völker Stellung zu nehmen. Er brachte schon frühzeitig der slowakischen Frage das lebhafteste Interesse entgegen und bedauerte in wiederholten Aussprachen, nicht nur vom tschechischen und demokratischen, sondern auch vom gesamtstaatlichen Standpunkte aus die Unterdrückung der Slowaken, Kroaten und Serben. Alle diese Umstände machten Dr. Masaryk schon frühzeitig zum Anhänger 4er nationalen Autonomie. Für diese'^at er auch in der Vereinigung «Nationale Autonomi e» ein; diesen gehörten unter anderen Dr. Nathan Birnb a u m (Matthias Acher), der Ukrainer Dr. Eugen Lew i t z k y, der polnische F r e i s o z i a 1 i s t Ernst Breiter und später auch der jüdisch-demokratischePolitiker'Luz i a n Brunner an. Parallel mit den nationalautonomistischen Bestrebungen, die bei Tschechen, Slowaken, Ukrainern, Slowenen, Serben und Rumänen sowie den Deutschböhmen sich geltend machten, bildete auch seit dem zionistischen Krakauer Parteitage die nationale Autonomie ein wesentliches Postulat der j ü d i s c Ttn a t ionalen La n des p o 1 i t i k. Der Gedanke der nationalen Versöhnung, der Professor Masaryk immer beherrschte und ihn bis zum Kriege zu einem der entschiedensten Vertreter eines föderalistischen Jungösterreich machte, während des Krieges zurücktrat, hat in der letzten Zeit — wenn auch in einer anderen Gestalt — eine Wiederauferstehung gefunden. Er tritt in zwei seiner Aeußerungen deutlich zutage. In der seinerzeitigen Antwort auf die Gratulationen der Parlamentspräsidenten der Tschechoslowakei sagte der Präsident Masaryk: «Der erste Schritt zur Versöhnung zwischen den Deutschen und Tschechen fällt zeitlich zusammen mit der Annäherung Deutschlands an Frankreich. Meiner Ueberzeugung nach wird Deutschland aus dem Prozesse seiner fortschreitenden Demokratisierung stärker und mächtiger hervorgehen, als es vor dein Kriege war. Dieser Tatsache muß die Tschechoslowakei bei ihrer inneren und äußeren Politik Rechnung tragen und hiebei besonders ihre geographische Lage, ihre völkische Zusammensetzung und ihre historische Entwicklung berücksichtigen. Ueber Paneuropa äußert sich der Präsident der tschechoslowakischen Republik folgendermaßen: «Der Gedanke, daß Europa endlich einmal europäisiert werden muß, daß eine europäische Atmosphäre geschaffen werden muß, verdichtet sich . zu einem allgemeinen Empfinden. Das ist der Sinn der Briandisclien Auffassung, und mit Freude habe ich diesen Ruf gehört, der sich im richtigen Moment hörbar macht.» Ein völkerversöhntes Paneuropa und in seinem Rahmen die Volke rversöhnung innerhalb der Tschechoslowakei und mit den ihr angrenzenden Staaten undVölkern ist nebst dem Wunsche nach andauernder rüstiger Gesundheit unser inniger Wunsch zum Geburtstag des Präsidenten Dr. Masaryk. Zionistisches Landeskomitee für österr./ Zionistische Frauenorganisation für österr. si£5a5 Hccüng für die jiidisdie Jugend « Ellern I. Wipplingeratrafie 8 Heber fikdisdie Erzlehuntfsf raffen Redner, Frl. Dr. Henriette Rappaport, Mitglied des Zion. Landeskomitees / Univ. Prof. Dr. Bernhard Geiger, Kultusvorsteher / Frl. Erna Haber, Religions» 'ehrerin / Dr. Isidor Klaber, Kultusvorsteher.

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