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Die Stimme · 1930-02-27 · Heft 115 (27.2.1930) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 115 (27.2.1930)
Date
1930-02-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Kr. 115 DIE STIMME Seite 5 Großfleischhauerei SIEGM. KORNMEHL Zentrale IX, Berggasse 19, Tel» A 17-3-99 n. A 16*9-34 Lieferant für Heilanstalten Abtönunoo^^fOr^T^^^JgjÄSSl unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinafs der Israelitischen Kuitusgemelnde Wien Xutomueteliuno koitenloe fX, Berggasse 1* XVHI, Währingerstraße 97 »Unser stolzes Vorrecht“ Ein Engländer über das Palästinamandat .Herbert Sidebotham ist ein englischer Puoiizist, der der zionistischen Welt seit Jahren gut bekannt ist. Seine politischen Schriften und Aufsätze haben ihn uns immer als einen treuen und verläßlichen Freund der zionistischen Sache gezeigt. (Leider wurden sie bisher nicht ins Deutsche übertragen.) Nun freut es uns wieder, ihn auf dem Posten zu sehen, wenn es gilt, das wahre politische Antlitz des Zionismus gegenüber Verleumdungen und mutwilligen Entstellungen zu verteidigen. Seine letzte Schrift: „British Policy and the Palestine Mandate: Our Proud Privilege“, erschienen bei Ernest Benn Ltd., London, die unter dem Eindruck des arabischen Aufstandes in Palästina verfaßt wurde, ist ein weiterer wichtiger Schritt auf dem schweren W.ege der politischen zionistischen Arbeit. Gerade in letzter Zeit sind ja Stimmen laut geworden, die die Balfour-DeklaraUon, als ein leeres Kriegsversprechen hinstellend, bagatellisieren und die dem jüdischen Volke das Recht auf Errichtung einer nationalen Heimstätte in Palästina bestreiten wollen. Denn das ist ja unsere conditio sine qua non: daß wir nach Palästina, gestützt auf unser Recht, gehen können und n:cht auf Duldung seitens der Araber. Auf Grund der diplomatischen Verhandlungen Großbritanniens mit Frankreich sowie zahlreicher Dokumente und Verträge weist Sidebotham nach, daß Palästina nie in den Kreis der arabischen Kalifatspläne einbezogen wurde. Bis zur Balfour-Deklaration war von Palästina als einem geographischen, geschweige-denn nationalen Ganzen nie die Rede gewesen. Schon im Geheim vertrag von 1915, der zwischen Großbritännien und Frankreich und Rußland geschlossen wurde, und der einen arabischen Großstaat bezweckte, wurde die Vereinbarung getroffen, daß Palästina unter internationalen Schiedsspruch gestellt werden sollte. In der Folge war nun die Balfour-Deklaration durchaus nicht der Ausfluß einer momentanen Kriegsstimmung, die unverantwortliche Aktion eines einzelnen Individuums, sondern drückte nur mit einem Dokument aus, was längst ideeller Besitz des englischen Volkes war. Das Volk, das sich mit Recht das „Volk der Bibel“ nennt, hatte durch Jahrhunderte alle Repatriierungsversuche der Juden mit werktätiger Sympathie verfolgt, ja, nicht wenige Engländer haben aus eigener Initiative solche Pläne zu verwirklichen gesucht. Das Mandat analysierend kommt Sidebotham zu der Forderung, daß England bei der Durchführung des Mandates nur ein Ziel vor Augen stehen dürfe: die Errichtung der nationalen jüdischen Heimstätte in Palästina. Nur unter diesem Gesichtspunkt seien füglich die Forderungen mancher Teile der Araber auf Einführung einer parlamentarischen Verfassung für Palästina zu beurteilen. Solange ein Parlament in Palästina geeignet wäre, die entstehende Heimstätte in ihrem Wachstum zu behindern, sei an eine Realisierung von neuen Verfassungsplänen nicht zu. denken. Wie ist nun das Mandat bisher durchgeführt worden? Sidebotham verurteilt die unter dem High-Commissioner Sir Herbert Samuel eingeleitete Politik des ewigen Nachgebens den Aarabern gegenüber, die dazu führte, daß die Regierung oft und oft durch arabischen Druck und Terror in ihren Handlungen bestimmt wurde. Demgegenüber bedauert Sidebotham, daß man englischerseits nicht den Weg der engen Freundschaft und Kooperation mit den ®emt 6djttter*ett... 2ogal=2ööletten! firtb unübertroffen jur <33efämpfung rheumatischer, gichtischer und nervöser Schmerzen, Kopfschmerzen, Erkältungskrankheiten. £ogal föeibet bi« Sarnfäure auf unb gebt baber bireft jur ^Durftet bef Hebel* 1 ‘JBenn ^aufenbe non Zieraten btefeö <3D?tfteI »erorbnen, fönnen auch Sie ef uertrauenfuoU taufen, fragen Sie 3hren 9lrjt! 3n allen Slpotbcfen SDreif S 2.40 Juden gegangen sei, denn das wäre der einzig praktische Weg gewesen, die Araber von den für ganz Palästina sich ergebenden Vorteilen einer ungehemmten jüdischen Einwanderung und Besiedlung zu überzeugen. Welchen Einfluß übrigens die Araber auf die Palästinaverwältung auszuüben verstanden, zeigt die Tatsache, daß unter den 2061 Angehörigen der palästinensischen Polizei 1213 Moslemiten. waren, 522 Christen und nur 326 Juden. Daß angesichts solcher Zahlen die Polizei bei Ausbruch von Unruhen versagen muß und auf auswärtige Unterstützung, die oft zu spät, kommen kann, angewiesen ist, sollte daher niemanden überraschen. Sidebotham erkennt an, daß man einen weitgehenden Personal Wechsel in den Verwaltungsbehörden vornehmen müsse, wenn die Mandatspolitik der englischen Regierung irgendeinen Erfolg zeitigen soll. In der antizionistischen Argumentation kehrt immer und immer die Rolle Palästinas als angebliche finanzielle Belastung des britischen Steuerzahlers wieder. Sidebotham unterzieht nun gerade diese Seite des Palästinaproblems einer eingehenden Analyse. Er weist an notei cati Conflnenfal ■f Wien. II. Pratersfr. 7 Treffpunkt aller Wiener und Fremden Hand von genauem statistischen Material nach, daß Palästina nicht nur eine finanzielle Stabilität aufweist, sondern daß die Palästinaverwaltung sogar imstande gewesen sei, im Laufe von sieben Jahren einen Ueberschuß von 1,500.000 Pfund Sterling zu erzielen. Diese günstige Lage der öffentlichen Finanzen Palästinas ist im wesentlichen der Zionistischen Organisation zu verdanken, die der Regierung die Lasten für Erziehung, Kolonisation und Gesundheit großteils abgenommen hat, ohne dazu irgendwelche Verpflichtungen zu haben. „Ohne die Juden würde Palästina immer (für England) eine finanzielle Verantwortung bedeuten; mit ihnen ist es — vom rein britischen Standpunkt aus gesehen — die billigste aller Reichsnotwendigkeiten.“ Sidebotham schließt seine Broschüre, die als Memorandum an das englische Parlament verfaßt wurde, mit einer Untersuchung über die Stellung Palästinas im Rahmen des British Empire. Er zeichnet ausführlichst dio strategische Lage Palästinas, des „Key of the Empire“, des „Schlüssels des Weltreiches“, wie die Engländer sagen. Er weist nach, daß durch ein starkes jüdisches Gemeinwesen in Palästina der Schutz und die Sicherheit des Suezkanals garantiert wäre, was eine politische Stabilisierung des Vorderen Ostens bedeuten würde. Nur der Jude sei imstande, modernen Geist und moderne Zivilisation nach dem Orient zu verpflanzen und ihn so zu seiner einstigen Bedeutung zu erheben. Die Engländer hätten das stolze Privileg,, dieses Werk des Friedens zu unterstützen. „Wir können nicht den Gewinn berechnen“, schließt Sidebotham, „den uns die Dankhark eit der Weltjudenheit bringen wird. Aber solche Impoderabilien sind die stärksten Realitäten in der Politik.“ Ben Samuels. Amerikanische Chaluzim nach Palästina N e w Y o r k, 19. Februar. (J. T. A.) 50 Chaluzim schifften sich heute, den 19. Februar, an Bord der „Mauretania“ nach Palästina ein; es sind hauptsächlich junge Arbeiter und Arbeiterinnen. Die Magnes-Broschiire im «Felestin» Jerusalem. Das Organ der Arabischen Exekutive, «Felestin», veröffentlicht in Fortsetzungen die vor kurzem erschienene Broschüre des Universitätskanzlers Magnes unter dem Titel «J. L.Mägnes’ Antwort an seine zionistischen Ratgeber». , Sadagora bei Wien Von Dr. Jakob Rosenthal In Baden bei Wien fand vergangene Woche unter starker Beteiligung der jüdisch-chassidischen Welt die Hochzeit einer Schwester des in Wien lebenden Großrabbiners aus Sadagora statt; eine Hochzeit, \vie sie Baden und der Westen überhaupt sicherlich noch nie gesehen und erlebt hat. Eine chassidisohe Hochzeit ist ja immer sehr interessant. Diese Fröhlichkeit, dieses Jubeln, diese Feststimmung anläßlich der Vermählung eines Farpilienmitgliedes ist heute, wenn auch.bei weitem nicht in dem Maße, nur noch bei manchen spaniolischen Familien, insbesondere bei portugiesischen Juden, zu Hause. Nun erst, wenn dieser Tag vom Oberhaupt der Chassidim, von ihrem verehrten und geliebten Rabbi gefeiert werden soll, was Wunder, daß da alles andere dieser Art in den Hintergrund tritt. Dooh nicht Pomp, nicht blendende Aufmachung, sondern, ganz im Gegenteil, größte und vornehmste, adeligste Bescheidenheit waren das hervorstechende Merkmal dieses Festes. Dennoch: groß und stark, echt und unverfälscht war die Begeisterung, von der diese Gemeinde beseelt war. Dem stillen Zuschauer, der mehr Gast als Beobachter, und letzteres nur mit einem von Sentiments und Erinnerungen gerührten Auge ist, bietet sich ein Bild, ein einheitlich gegossenes Bild wohl, das trotz der schönen, lebendigen Eigenheit der Farben doch nur eine Reproduktion eines klassischen Gemäldes erscheint, das allerdings einer anderen, beschaulicheren Zeit entstammt. Und doch: Man horcht auf, man schaut und sieht und sieht und wird dessen nicht müde, bis in die frühen Morgenstunden hinein. Und man staunt und bewundert mit derselben Naivität, mit der man diies als zwölfjähriger Knabe bei einem ähnlichen Anlasse getan hat. Vor allem — diese unvergleichlich schönen Juden; Juden jener Art, wie man sie leider in unserer Zeit immer seltener trifft. Judenantlitze, in die man schauen und schauen kann, ohne sich sattsehen zu können, Antlitze, aus derlen so viel Güte, Weisheit, Geistigkeit und Uebersinnlichkeit ausstrahlen. Alltag fällt ab, Rauheit des Lebens wird fern und flüchtig, Helles, Lichtes steigt auf, Wärme umgibt milde und löst halbverkrustetes Gemüt. Man fühlt sich geborgen, daheim. Auch die berühmt schönen Frauen des Sadagoraer Hofes verleihen dem Fest durch ihre hoheitsvolle Anmut erhöhten Glanz. Und dochl Ich sagte vorher, es wäre eine schöne Reproduktion. Es war eben nicht mehr Sadagora, es war eben nur Sadagora bei Wien. Sechzehn ereignisschwere Jahre liegen dazwischen und bedeutend mehr, als die Zahl es auszudrücken vermag. Sadagora, Sadagora-— Erinnerungen steigen auf. Allzu verlockend ist der Wunsch, ihnen, die zu den schönsten und einprägsamsten einer im chassldischen Milieu verlebten Kindheit gehören, nachzugehen, nachzuhängen. Sadagora 1914! Zwei Antlitze hat dieses Sadagora 1914. Sadagoraer Frühling des Sohicksalsjahres. Hoohzeit im Hause Friedmann. Drei Wochen lang dauern die Festlichkeiten. Drei Woohen ist dieses kleine, ruhige Städtchen an der äußersten Grenze der großen Monarchie i.n einen Festestaumel versetzt, wie er seit der Erhebung Sadagoras seitens des großep Rizeper zur Residenz traditionell war. Hier zeigte sich wieder das starke, lebensbejahende und der Festesfreude zugewandte Prinzip, das dem Chassidismus innewohnt. An den Toren der Städt, an den Pforten des schönen Rabbipalastes sind geschmückte Triumphbogen aufgestellt, durch welche die Hochzeitsgäste sohreiten sollen. Nichts . ist scheinbar nach einem Plane organisiert, von einem Punkte aus geleitet und alles klappt wunderbar. Jung und alt ist auf den Beinen, Tag und Nacht. «Heute», heißt es, «kommt der Rabbi aus Kopyczynce, morgen der aus Wizniz und aus Bojan und aus Czortkow und aus Husiatyn» und aus allen anderen Orten, wo Zweige und Zweigehen der Friedmannschen Dynastie ihre Residenzen aufgeschlagen hatten. Und Gäste, Chassidim; aus den entferntesten Dörfern und Städten Rußlands pilgern die alten Chassidim in das Wallfahrtsstädtchen Sadagora, um an dem Feste dieses Mannes teilzunehmen, dem sie nunmehr mit derselben rührenden Treue, Liebe und Verehrung Gefolgschaft leisten wollen, wie sie sie seinem nicht lange vorher so tragisch und jung verstorbenen Vater, dem berühmten und gütigsten Reb Aarenju Sichrono lewraoha geschenkt hatten. Liebes, friedliches Sadagora! Noch ahntest du nicht, wie jäh du aus deiner beschaulichen Ruhe aufgeschreckt werden solltest! Am Horizont des europäischen Himmels begann es drohend und schicksalsschwer zu wetterleuchten. Tiefe Sommerstille liegt über dem kleinen Städtchen, als die Nachricht von der Ermordung des österreichischen Thronfolgerpaares wie eine Bombe hineinplatzt. Bald schwirren allerlei Hiobsbotschaften durch die Luft, eine Schreckensnachricht jagt die andere, und bald, allzu bald sollte sich alle bange Ahnung in grausame Gewißheit umwandeln. Schon jammern Mütter beim Begleiten ihrer Söhne, schon verzweifeln junge Frauen beim Ab-

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