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Die Stimme · 1930-02-20 · Heft 114 (20.2.1930) · page 9

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 114 (20.2.1930)
Date
1930-02-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 114 DIE STIMME Seite 9 Die Stimme der jüdischen Frau Tagungen jüdischer Frauenorganisationen Kongreß der jüdische« Frauen Amerikas New York. Kürzlich wurde in Los Angeles der Kongreß des Nationalen Rates der Jüdifchen Frauen von der Präfidentin Mrs. Jofcph E. Freund eröffnet. Die verfchicdencn Refforts erftatteten Bericht über ihre weitreichende Tätigkeit. Die Exekutivfekretärin Mrs. Erteile Sternberger betonte in ihrem Berichte, daß die Organisation noch Taufenden von Frauen und Kindern ihre Hilfe bringen mülTc, befonders in kultureller und erziehcrifcher Hinficht. Es komme noch fchr häufig vor, daß jüdifchc Frauen wegen religiöfcr Vorurteile der Gefdiäftsherren keine Stellen finden. Sie machte die auffchencrregende Mitteilung, daßirund 10.000 junge jüdifchc Frauen und Mädchen in der Stadt New York infolge der Sdiwicrigkeiten unbefdiäftigt find, die fich bei einer Anftcllung aus ihrer Zugehörigkeit zum Judentum ergeben. Die Arbeitgeber geben vcrfchiedene Gründe dafür an, warum fic fie nicht befchäftigen wollen, aber der wahre Grund ift die Tatfadie, daß diefe jungen Frauen Jüdinnen find. Die Lage in Chicago ift in diefer Hinfidit noch fchlcchtcr. Obgleich die Zahl der jüdifchen Bevölkerung Chicagos weniger als ein Viertel der New Yorker jüdifchen Bevölkerung beträgt, find in Chicago aus den glcidicn Gründen 8ooo jüdifche Mädchen unbefdiäftigt. Der Kongreß diskutierte die Idee der Verbreitung des Friedens, Erleichterung der Einwanderung für Frauen ufw. Am Schluffe der Tagung fand ein Bankett ftatt, an welchem Mrs. Alexander Kohut, Ehrenvizepräfidentin der Organifation und Präfidentin der Weltorganifation Jüdifdicr Frauen, die Hauptanfprache hielt. Tagung der jüdischen Frauen in England London. Unter dem Vorfitz von Lady Herbert Samuel, der Gattin des früheren Oberkommiftärs, fand in London die Jahresverfammlung der Union Jüdifcher Frauen Englands ftatt. Sie hielt einen warmen Nachruf auf die kürzlich verftorbene Mrs. Hertz, Gattin des Chiefrabbi, welche als Vizepräfidentin der Union große Dicnfte gcleiftct hat. In ihrem Jahresbericht erwähnte Lady Samuel, daß unter dem Vorfitz von Lady Spielmann ein Komitee eingefetzt wurde, das beauftragt ift, einen Plan zur Mitarbeit der Frauen in Erziehungsfragcn innerhalb der Synagogengemeinden auszuarbeiten. Ferner erwähnte fie, daß die Union die allgemeine Friedensbewegung unterftützt habe, fowie die Schaffung eines jüdifchen Studentenheims. Die Berichte und die Rechnungen wurden genehmigt. Zusammenschluß von Kiilturverband und Zionistischer Frauenvereinigung in Deutschland In Berlin fand vor kurzem eine jüdifche Frauentagung ftatt, die die Vereinigung der bisher getrennt arbeitenden neutralen Frauen-Organifation „Verband jüdifcher Frauen für Kulturarbeit in Paläftina" und der Zioniftifchen Frauenvereinigung für Dcutfchland zum Inhalt hatte. Nach eingehender Bcfprechung der Richtlinien gemcinfamer Arbeit kamen beide Organifationen überein, daß fie ihr Werk der Förderung produktiver Frauenarbeit und Kinderwohlfahrt in Paläftina vereint ftärker und intenfiver fortführen können, ohne daß den einzelnen Mitgliedern irgend ein GewilTenszwang auferlegt werden müffe. Dm Ergebnis der Tagung war die Schaffung eines gemcinfamen Landesverbandes der W. I. Z. O. in Dcutfchland, zu deffen Präfidentin Frau Dr. Maria Mayer, Berlin, gewählt wurd»* Damit ift eine organifatorifche Schwierigkeit, die viele Jahre hindurch die Paläftina-Arbcit unter den jüdifchen Frauen Deutfdilanis bdaftet hat, erfolgreich überwunden worden. WIZO Werk in Palästina und Galuth Die Arbeiterküche der WIZO In Tel Aviv. Die Anbeiterküofoe der WIZO in Tel Aviv, die bisher im Klubgeoäude in der Nachlath Benjamiustraße betrieben wird und gerade in der letzten Zeit täglich Hunderte von Arbeitern rasch und befriedigend verköstigt bat, soll infolge von Bauscliäclen verlegt werden. Die Stadtgemeinde von Tel Aviv hat in Würdigung der besonderen volkstümlichen Bedeutung dieser Institution eine Bodenfläche von 810 qm in der Bezalelstraße' für eine neue Küche dieser Art zur Verfügung gestellt, die gleichfalls von der Hauswirtschaftsschule der WIZO (Hostel) geführt werden wird. Anlage der Mädehenlehrfarm «Nea Ziona» In der neuen Mädchenlehrfarm der WIZO wurde mit dem Beginn der Arbeiten eingesetzt. Es wurden 100 Dunam Boden für Orangen- und Bananenpflanzung gepflügt. Die Einrichtung elektrischer Kraft und das Bohren eines Brunnens wurde eingeleitet. Der Bauplan wird derzeit ausgearbeitet; nach seiner Fertigstellung soll sofort mit dei Errichtung des ersten Hauses begonnen werden. Anlage städtischer Nutzgärten Das als Folge der Unruhen in Palästina vom Sommer vorigen Jahres gesteigerte Bedürfnis nach Selbstversorgung des Jischuw hat zu merklichem Ansteigen des Gemüse- Eigenbaues in Tel Aviv und Haifa geführt. Die in den WIZO- Instituten für Nutzgartenbau ausgebildeten Schülerinnen legten bisher etwa 300 Gärtchen in Tel Aviv, davon 25 in Verbindung mit Schulen und Kindergärten, unter Kontrolle des Hostelgärlners an. Außerdem haben sie 200 Obstbäume im Stadtgebiet gepflanzt. Diese nützliche Tätigkeit der WIZO fand, vor allem soweit sie sich auf Schulgärten erstreckte, die Unterstützung der Stadtgemeinde von Tel Aviv. Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich in Haifa, worüber wir noch keine genauen Ziffern besitzen. Gründungskonferenz der WIZO in Transylvanien Anfangs Dezember fand in Timisoara (Transylvanien) eine Konferenz statt, an der Delegierte zahlreicher Ortsgruppen aus Siebenbürgen und Banat teünahmen. Es wurde mit großer Begeisterung der Zusammenschluß zu einer gemeinsamen Landesföderation der WIZO in Transylvanien beschlossen. Neue WIZO-Gruppen im Orient Neue Ortsgruppen der WIZO wurden in den letzten Wochen in Französisch-Afrika (Tunis, Algerien) gegründet, wodurch zum erstenmal in diesen Gebieten die jüdische Frau zur Mitarbeit am Palästinawerk herangezogen wurde. Auch im Fernen Osten (China und Indien) regt sich das Interesse der Verbundenheit der jüdischen Frau in aller Welt für das WIZO-Werk in Palästina. - WlZO-Kinderfiirsorge In Gemeinschaft mit der Histadruth Naschim Ivrioth (Palästinensische Frauenorganisation) übernahm die WIZO in diesem Jahre die Verwaltung des Baby Home in Jerusalem und der Tageskrippe in Tel Aviv. Dadurch, sowie durch das in Tel Aviv auf Grund einer Spende von Mr. und Mrs. Nathan, Neu-Seeland, errichtete Mothercraft Training Centre wurde das Kindcrfürsorgewerk der WIZO, welches bisher ausschließlich aus drei Infant Welfare Stations in Tel Aviv bestand, wesentlich erleichtert. Berühmte jüdische Frauen Eine literarische Anzeige Der bekannte hebräische und jüdische Dichter J. L. Zitron hat vor kurzem eine interessante Sammlung von Studien über berühmte jüdische Frauen in jiddischer Sprache (Verlag Central, Warschau) erscheinen lassen. Der Verfasser bringt in dieser Sammlung 23 feuilletonartig gehaltene Essays über berühmte jüdische Frauen in der Galuth.' So finden wir hier kurz gehaltene Studien über das Leben und die Bedeutung folgender jüdischer Frauenpersönlichkeiten: Ester Kaida, Chawa Bachrach, Sara Kopia Sulam, Donna Gracia Mendes, Bela Aschkenasy, die Frau des berühmten jüdischen Diplomaten Salomon Aschkenasy, der im 16. Jahrhundert große diplomatisch-politische Verhandlungen mit Erfolg führte. Ferner Rahel Morpurgo, Dina Wagl und die hervorragenden Frauentypen der jüdischen Salons des 18. Jahrhunderts. Von bedeutenden Frauen des 19. Jahrhunderts werden hier Judith Montefiore, Fanny Lewald, Emma Lazarus, Nahida Ruth Lazarus, Sidonie Zerkowicz und Sarah Mayer geschildert. Nicht minder interessant sind auch die Schilderungen, die sich mit den Frauentypen der Frankistenbewegung beschäftigen. Zu bedauern ist nur, daß die Abhandlungen dieser Sammlung wahllos und ohne chronologische Reihenfolge zum Ausdruck gelangt sind. Die Lektüre dieser Sammelschrift kann jeder Jüdischen Frau, die sich für das Leben und Wirken berühmter Frauentypen interessiert, besonders warm empfohlen werden. g. »■"*• ■' - -LJ "■■■ '■"■i'iülL-ü1 ■■'■■üilLÜLJ!M ihrem Dasein zutrugen und die ich in Glückeis Art zu berichten bemüht sein will. Ein Abschnitt ihrer Memoiren beginnt mit folgendem Satz: «Als wir nach Hamburg kamen, bin ich sogleich guter Hoffnung geworden und meine Mutter — sie soll leben — mit mir zugleich.» Die Glückei war damals noch ein blutjunges Geschöpf (unter uns gesagt: ein Backfisch) und ihr sind, wie sie gesteht, «solche ungewöhnliche Sachen schwer angekommen». Dann lagen die beiden Wöchnerinnen im nämlichen Zimmer und um «das Buch ein bißeichen zu verlängern» wohl auch, um die Lehren, so sie ihren Kindern gibt, durch ein lustiges Intermezzo zu unterbrechen, erzählt sie frisch von der Leber weg folgenden Spaß: Die Stube, in der Mutter und Tochter mit Kind und Enkelkind lagen, war eng und alsbald übersiedelte die Glückei über Betreiben der Mutter in ihre Kammer, das Kind blieb bei der kleinen Schwester, also bei der Großmutter-Wöchnerin, zurück und die Magd brachte es der Glückei etliche Nächte, immer so vor Mitternacht, zum Säugen. Nun geschah es eines Nachts, daß die Magd mit dem Kinde ausblieb. Erschreckt eilte die Glücket in das Zimmer der Großmutter und es ergab sich eine Affäre, wie sie ähnlich in der Heiligen Schrift mitgeteilt wird: An der Brust von Glückeis Mutter lag Glückeis Kind, während der andere Säugling, die Tante von Glückeis Tochter, nebbich hungernd in der Wiege lag. Nach Glückeis Schilderung soll es zunächst einen argen Zank zwischen Mutter und Tochter wegen der Säuglinge gegeben haben und ihr wißt doch, daß Weiber, was die leiblichen Kindlein anlangt, keinen Spaß verstehen, auch wenn sie so nahe Verwandte sind, wie die Mütter dieser Kinder. Die Unterredung der beiden Frauen war bestimmt nicht im Flüsterton gehalten, denn wie es in den Memoiren steht, «das ganze Haus ist darüber wach geworden und alle haben sich erschrocken». Aber der Schrekken hat sich bald in Gelächter verwandelt und man hat gesagt: «Bald hätten wir den gottseligen König Salomo nötig gehabt.» Kleine Geschichten von der großen Glückei Ihren Memoiren entnommen und nacherzählt *) von Otto Abeies Ein diplomatischer Brief Weil die Glückei häufig Kinder bekam, hatte sie späterhin viele Söhne und Töchter «auszugeben». Man weiß, daß es in den damaligen Zeiten, da es weder Schnellzüge noch Radiotelegramme, noch Auskunfteien, hingegen Heiratsvermittler gab, welche die entferntesten Judenhäuser miteinander zu verschwägern bemüht waren, nicht immer so ausfallen wollte, wie es die diversen Eltern heiratsfähiger Töchter und Söhne wünschten. Man weiß auch, daß unsere Frau Glückei nicht überall dabei sein konnte und daß ihr Gatte nicht nur keine Glückei war, sondern ohne sie, in geschäftlichen und privaten Dingen, mit Verlaub, Dummheiten machte. In Amsterdam hatte er für eine der Töchter auf dem unvermeidlichen Umweg über den mit allen Salben geriebenen Vermittler einen Schwiegersohn ausgewählt und der Gattin erst geschrieben, als bereits — es sei dem Himmel geklagt — die rechtsverbindlichen Unterschriften am Verlobungspakt standen. Nun hielt aber im Hause Hameln gottlob Frau Glfickel die Zügel der Regierung in der Hand und sie brachte rechtzeitig in Erfahrung, daß der «junge Mann viele Fehler hatte». Als Ghaim heirnkarn, meinte er, die Gattin «würde ihn mit großer Freude empfangen». Was soll ich euch viel erzählen? — Sie hat ihn anders empfangen. Und dann hat sie sich hingesetzt und einen Brief an Frau Jachet, die Mutter des Jünglings, geschrieben. Einen fein-diplomatischen Briet! Der hauptsächliche Inhalt ist in den Memoiren zu lesen, so bündig und eindeutig, daß es mir leicht fällt, die bemerkenswerte Epistel unter Hinweglassung der einleitenden Floskeln wiederherzustellen. *) Siehe Nr. 111 und 112 der «Stimme». «Es sind uns von einigen Seiten Briefe zugekommen, die, denkt euch, uns weismaohen wollen, daß Euer Sohn, der Bräutigam unserer Tochter, einige Fehler hat. Wir müssen annehmen, daß alles Lüge ist, und bitten Euch, Ihr möget doch, wie es üblich, den Bräutigam zum Verlobungsmahl zu seiner Braut schicken. Zweifellos werden wir sofort erkennen, daß es Verleumder und Lügenkrämer waren, die Schlechtes aufgebracht haben, und wir werden den lieben Bräutigam mit großer Freude und in aller Vergnüglichkeit bei uns behalten, es wird an keiner Ehrenbezeigung und nioht an feinen Geschenken fehlen. Sollten hingegen die bösen Gerüchte — was Gott verhüten möge — Wahrheit sein, dann bitten wir Euch: Schicket Euren Sohn nicht zu uns, denn wir wollen doch unser Kind nicht so scheußlich betrügen. Gedächtet Ihr aber Euren Sohn dennoch zu schicken, indem Ihr darauf pochet, daß wir auch sonst befreundet und verschwägert sind, in der Hoffnung, daß wir die Fehler nicht beachten und hinnehmen werden, was schon einmal geschehen ist — so tätet Ihr wahrlich, nicht klug daran. Denn wenn die sehr ungünstigen Nachrichten über Euer Jüngel — Gott behüte — wahr sind, so muß man, was geschehen ist, ungeschehen machen und die Sache verschmerzen. Nachschrift: Wir gestatten Euch, alle Fehler von der Welt unserer Tochter anzuhängen.» Der Brief hat «der vornehmen Frau Jachet in der Nase gekribbelt», wie sich die Glückei ausdrückt. — Es kam auch ein entsprechender Antwovlbrief. — Aber aus der Heirat wurde nichts. Diverses Ungemach, der Glfickel widerfahren und von ihr berichtet Mutterund Tochter kommen zugleich ins Wochenbett Soll ich Eulen nach Athen tragen und festartellen, daß die Glückei Humor hatte? Fällt mir nichi bei. Aber daß ihr das Leben Anlaß gab, ihn zu entfalten, ist doch dankenswert. Und so erinnere ich an einige merkwürdige Begebenheiten, die sich in

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