Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 114 (20.2.1930)
- Date
- 1930-02-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 114 nn QTvifm LflC SI I In HI IS Seite 7 Cinem Kaalmami, der nach Palästina flbersledeln will, bietet steh Gelegenheit, sofort eine einkömmliche, gut fundierte Existenz zu haben durch Uebernahme eines seit Jahren bestehenden, florierenden Geschäftes. Zur Uebernahme sind erforderlich: Allgemeine kaufmännische Fähigkeiten, Kenntnis der deutschen Sprache und eine gewisse Beherrschung des Französischen oder Englischen oder Hebräischen, zirka 1500 Pfund Sterling Kapital. Derzeit ln Europa befindliche Persönlichkeit erteilt an ernste Interessenten Auskünfte. Anfragen unter Chiffre «Wohasltz Tel-Aviv» an die Administration des Blattes. Palästinabrief. «Jirmijahu». (Aufführung des «0 h e 1» in Jerusalem.) Von I)r. E. M. Zweig (Jerusalem) Noch bevor die «Habimah» aus Rußland über curopa nach Erez Israel heimfand, war hier — ln Tel- Aviv — als Gründung der Jüdischen Arbeiter-Organisation das dramatische Studio «Ohel» entstanden. Nach langer, gründlicher Vorbereitung trat es, mit stete vervoilkommneten Darbietungen, vor das heimische Publikum. Den vorläufigen Höhepunkt stellt die Aufführung der dramatisierten Dichtung «Jeremias» von Stefan Zweig dar. Nachdem vor zwei Monaten die Premiere in Tel-Aviv stattgefunden, wurde das Stück gestern endlich auch ln Jerusalem aufgeführt. Den unvermeidlichen Schauplatz bot der Festraum der Jerusalemer Judenschaft: der innen aus Brettern gefügte Saal des «Cinema Zion». Immerhin, die Bretter sind recht geschmackvoll und dabei originell bemalt, und jüngst hat man gar — zum Schutze des Publikums — das durchlässige Dach repariert. Schon dies Publikum fesselt das Interesse. Die Vorderreihen ausgenommen, deren Preis von 200 mllliemmes aufwärts ein rechter Palästinenser nicht mehr bezahlen kann, ist das Haus bis zum letzten Winkel gesteckt voll. Bunt durcheinander Juden aller Art: Aschkenasin und — in recht erklecklicher Zahl — Sefarden, und wenn man durchaus nach der Klassenteilung fragt, Arbeiter und Bürger, ihrer schlichten Kleidung nach kaum von einander unterscheidbar. Nicht mal die «Kasketta» benannte Schirmmütze ist ein Privileg des Poel geblieben, seit sie jene Braven zrerte, die unlängst ln der «Haganah» gegen Raub und Mord ihr Leben eingesetzt. Seht die jüdischen Polizisten inmitten des Publikums! Sie wurden nicht etwa von der Regierung hierher kommandiert — als freiwillige Zuhörer sind sie da. Vergebens aber 6ucht man in der großen Menge einen einzigen «Goj», den einen Gerechten. Das beleuchtet blitzartig unsere Isolierung im Lande. Niemand von den Deutschen, dem «Volk der Dichter und Denker», kein Templer oder sonst wer, ist zugegen, und niemand von den Briten, trotzdem diese zum Theaterfür 12 Personen, bestehend aus 87 Stücken, tadellos erhalten, mit Attest aus dem Nachlasse von Th. Herzl, ist preiswert zu verkaufen. Anfragen an die Administration des Blattes, Chiffre «Speiseservice». besuch schon kraft ihres Vorrechtes auf die gutbezahlten Beamtenposten berufen wär£n, und trotzdem ihre Kolonie durch die neue Garnison so verstärkt wurde. Ein Bibelstück führt man auf. Wo bleibt da nur das Bibelvolk? Und wo bleiben die Schützer unseres Nationalheimes, die doch füglich jede Regung der jüdischen Volksseele liebevoll hegen sollten? Wenn jene Shakespeare oder Shaw spielen würden, kämen nicht wir Juden in Scharen herbei? Eitles Problem; denn sie spielen derlei nicht. Sie spielen nur am Sportplatz. Dort blieb uns die einzige Möglichkeit friedlicher Berührung — Punkt neun Uhr abends beginnt die Aufführung. Der Vorhang teilt sich. Das Publikum verstummt sofort. Man sieht sich nach dem Vorplatz des Tempels entrückt. Noch herrscht, obschon unter Babels Joch, Frieden im Land; auch an der Westwand konnte damals jeder Jude ungestört beten. Alles Leben des Volkes spielt sich gleichsam im Schatten des Gotteshauses ab. Händler sitzen an seiner Schwelle. Ein reicher Grundbesitzer vom Land bringt die Erstlinge als Maasser ins Heiligtum. Weißumschleierte Mädchen schlingen ihren lieblichen-Reigen. Ihm folgt klirrend ein Schwertertanz der Jünglinge, mit Hieb und Stich, mit Jauchzen und wilden Sprüngen, — wie es noch heute beim Nebi Mussa-Fest die Araber tun. Schmerzlich durchzuckt dich da der Gedanke: wie nah sind sie uns, und doch so fern! Stefan Zweigs Gedicht mußte sich starke Aenderungen gefallen lassen. Zum Teil sind sie schon vom Wesen des Dramas bedingt, wo es gilt, den Knoten rascher zu schürzen. Von 9 Bildern des Originals sind gleich ihrer 5, welche nur den Uebergang zu den eigentlichen Geschehnissen bilden, gestrichen. Doch auch sonst überall starke Kürzungen. Das verstehende und mitfühlende, ja fast mitagierende Publikum braucht hier wahrlich weniger wortreiche Deutung als anderwärts. Dafür ist der Ausdruck in Szenerie, Maske, Kostüm und Bewegung aufs höchste gesteigert. Manches mag dem abgeklärten, ausgelaugten Europäer zuerst bizarr erscheinen, doch schließlich muß er sich gestehen, daß all dies trefflich aufeinander abgestimmt ist und echtfarbig bis ins innerste Gewebe. Ohne den Theaterzettel zu befragen, weiß man: dies Ist der edle König Zidkijahu, dies der grimme Heerfürst Afoimelech, der selbstbewußte Hohepriester Pascbur, dies der Wundermann von Derwischart Chananja, im grellen Wüstenhaibit, und dies dort der Prophet Jlrmljahu, Friedensfreund und Unheilskünder, ein einziges, graues Stück Elend, vom fahlen, zerfurchten Antlitz, bis zum Büßermantel. Vielfach ersetzt die Geste völlig das Wort, ersetzt und steigert es. So, da der König mit dem Gesandten Mizrajims den verhängnisvollen Kriegsbund schließt; langsam neigen beide ihre Schwerter einander zu, bis die Eisenspitzen sich gegenseitig berühren. Die Bewegungen sind stilisiert, doch immer edel und groß, und deshalb schön. Hat gleich jeder seine Sonderart, Mann und Weib, Bürger und Soldat, so ist doch all dies von einem packenden Rhythmus getragen. Bei steigender Erregung geht die lebhafte Geste in Tanz über, den reizvoll eine eigenartig orientalische Musik umschwebt. Dero Klang der Instrumente gesellt sich am Gipfel der Ekstase der beseelte Ton von Menschenstimmen. So, als das Volk Jerusalems, durch Nebukadnezars Belagerung zur Verzweiflung gebracht, in Bittprozession tief gebeugt durch die Straßen wallt und mit dem altvertrauten Psalm «Adonai hoschianahl» den Höohsten um Rettung anfleht. Und im Schlußbild, da die Juden nach Babel in die Knechtschaft ausziehen, hebt die Klage einer weiblichen Stimme an, um alsbald ln jubelndem Chorgesang aufzugehen und zu verklingen. Und welch' markige, heroische Sprache diese Juden gebrauchen! Eine erlesene Wortkunst macht jede Silbe weithin vernehmbar und klar verständlich. Es ist ein vollartikuliertes Sefardi6ch mit ausgeprägtem Sch'wa, stark gutturalen Kehllauten und dem unverfälschten Ajin dabei, ganz wie im Arabischen. Und wieder wird man an die in Haß verschanzten Landesgenossen erinnert! Verblüffen muß, mit wie sparsamen Mitteln, zumal mit wie wenigen Menschen auf dieser kleinen Bühne die größte Wirkung erreicht wird. Der rauschende Zug, welchen Zweig für die ägyptische Gesandtschaft vorschreibt, wird hier durch jenen einen Mann, der freilich einem Wandgemälde aus den Pyramiden entstiegen scheint, voll ersetzt. Oder, als Abimelech die schwankende Menge zum Krieg aufruft, steht im statt der reisigen Scharen des Buchtextes ein einziger Soldat zur Seite, in jeder Regung aber das Muster des blindgehorsamen Gefolgsmannes. Und der Fahnenträger, der dem König vorausschreitet, verkörpert prächtig den geschwellten Stolz des Volkes auf seine Ehre. Ja, mit 15 und höchstens 2Ö,Personen werden Massenszenen gestellt, gegen die alle Meiningerei Reinhardts nicht aufkommt. So beim Aufzug , des .Hofstaates zum Tempel ist alles, da® Gefolge des Königs, Heer und Volk, durch wenige, doch ausdrucksvolle Typen wirksam vertreten. Auch beim Ausmarsch der Tausende und Abertauseh'. ins GaJuth genügt hier die Andeutung durch zwei Gruppen gefesselter Juden, in deren Mitte ein babylonischer Scherge mit Riesenspeer aufragt und zwischen denen Jirmijahu als Tröster hin und wiedergeht. Und zuvor schon — im letzten Stadium der Belagerung — ist die Bühne zwar laut von Kriegslärm erfüllt, doch manchmal menschenleer, und es packt einem doppelt, wenn etwa ein Gepanzerter in die Szene tritt* und mächtig in das Kriegshorn, den Scliofar, stößt. All diese edlen Männer sind — horrible dictu! — von langen, rabenschwarzen Pejoth umrahmt. Die Schläfeniocken, dort draußen in der Welt die Zielscheibe ach so billigen Spottes von Antisemiten und Assimilanten, hier möpbte man sie, als Schmuck dieser Helden, nicht mehr missen. Armer Stefan Zweig! Wie souverän ist man mit Deiner Dichtung umgesprungen! Frag man Dich und war's Dir recht? Und doch, wenn Du hier zugegen wärest, wenn Du dies Stück und seinen Zauber auf dies Volk, Dein Volk, sähest, Du könntest nicht grollen, Du müßtest dankbar sein, daß man es hier und nur hier verstand, Dein hohes Gedanken werk mit heißem, jüdischem Blut zu durchfluten. Dank gebührt auch Dir und nicht zuletzt Dir, der den Anstoß gab und das heilige Feuer entfacht hat. Wieso aber kam er noch nicht, sich diesen Dank?u holen, den ihm die Judenschaft Erez Israels zujubeln würde, wie er das noch nie in deutschen Landen gehört? Manche Offenbarung stiege ihm auf aus solch’ belebendem Kontakt. Jirmijahus Tat und Geschick tritt hinter jenem des Gesamtvolke® zurück. Auch wird Zweigs Messias, Jirmijahu, und das Messiasvolk der Juden, hier im Judenland anders als im Original, nicht durch das Leid erlöst, sondern trotz dem Leid. Wohl bleibt e® dem Kämpfervolk nicht erspart, vom harten Griff der Geschichte gebeugt zu werden, doch niemals beugt es sich selbst. So wird jede Erinnerung an die Episode des Christentums peinlichst vermieden. Und noch eins: Wenn der Wiener Dichter von der heroischen Vergangenheit in eine triumphale, doch ferne Zukunft ausblickt, hier hat sie schon begonnen, sich in pulsierende, fiebernde Gegenwart zu gestalten. Wer aber sind all die Prachtmenschen, die dieses wahre «Tozereth Haarez» geschaffen haben? Wer der Neu-dichter, der Komponist, der Regisseur, und wer die hochherzigen Schauspieler, die sich mit denen der besten Bühnen Europas messen dürfen? Leute aus dem Volk, die sich nicht vordrängen und nach denen man nicht weiter fragt. Avig-dor Hameiri, der Umgestalter, nennt sich, obschon er als hebräischer Dichter einen Namen im Lande hat, hier bescheiden: Uebersetzer. Die anderen Künstler und Schauspieler gar sind so gut wie anonym, gleich den Liedern des Volkes. Es kann kein Personenkult in Erez Israel aufwuchern, wo sich jeder als Diener am Aufbauwerk der Allgemeinheit fühlt. Diese Leute sind begabt mit den Talenten des jüdischen Volkes und erstatten ihm gern und reichlich wieder, was sie als nur anvertrautes Gut betrachten. Sie sind Arbeiter an unserem großen, gemeinsamen nationalen Werk, und sie sind Arbeiter im engeren Sinne, mit tätiger Hand, die erst am Feierabend zu Mimen werden. Sie sind durchglüht von ihrer patriotischen Aufgabe, so draußen auf dem Baugerüst und zwischen den Ackerfurchen, wie hier auf der Schaubühne, deren Traum ein neue®, schöneres Leben verheißt. Und jetzt, nach dem jüngst arrangierten Massakers, erst recht1 Wie müßte so ein Spiel in Europa oder Amerika wirken, und zumal auf unsere dort versprengten Brüder? Zumindest so stark wie jenes der «Habimah», ja gewiß noch stärker, je mehr das Spiel des «Ohel» mit Vermeidung jeder Manier von natürlicher Charakteristik getragen und je mehr es — befreit vom russischen Vorbild — jüdisch ist, als eine Offenbarung ureigenen, aus verschüttetem Tiefquell hervorbrechenden Wesens. Wo bleibt nur der Mäzen, der da Brücken schlägt und die Kunst unseres palästinensischen Arbeitertheaters den Juden des Galuth zugänglich macht?- Der Vorhang fällt. Vollgepackt rattert der Autobus rach der Vorstadt Talpioth. Auch im Wagen das gleiche demokratische Gemisch von Burganim und Poalim, denn die vom «Gdud», denen man ihre Wohnbaracken niederbrannte, sitzen jetzt in den Bürgervillea zu Gast. In allen Fahrtgenossen vibriert das Erlebnis des gnadenvollen Abends in drängender Spannung und löst sich schließlich im Chorgesang. «Kadimah, Kad4mah . . .» und «Am Jisrael chaj» ertönen die altneuen Freiheitslieder durch die Nacht. Hört es, Ihr Räuber kl den Bergnestern ringsum, «Gentlemen» der arabischen Nationalidee von Mr. Preedys Gnaden, und hört es, Ihr biederen Tommies, die Ihr ganz oben in Talpioth die rauchgeschwärzten Trümmer von Judenhäu6ern bewacht, Chiefsecretair Lukes rühmlosen Nachlaß. Lachend geht der Haupttrupp der Chaluziim ins Beth Haknesseth, das man ihnen einstweilen zu-wies, zur Ruhe. Morgen früh ruft neue Arbeit ... ln meinem Häuschen angelangt, hält mich die seelische Erschütterung noch lange wach. An die Brüstung der Terrasse gelehnt, spiele ich verträumt mit einer Goldfrucht aus den jüdischen Gärten bei Jaffa. Es zieht den Blick dorthin nach Jerusalem unten und wieder zum hehre» Himmel hinauf, mit seinen magisch leuchtenden Sternen, die den Erzvätern, in der Fremde wandernd, den Weg wiesen ins gelobte Land. Ewiges Volk — ewiges Landl Jerusalem, im Februar 1930. Keren Hajessod in Jugoslawien. Auf Wu-n-sch des Direktoriums des Keren Hajessod in Jugoslawien hat Dr. Hugo Hermann, Generalsekretär des Keren Hajessod in der Tschechoslowakei, eine Einladung nach Beograd angenommen und sich für eine Aktion in Jugoslawien zur Verfügung gestellt, die Anfang März beginnt und zirka sechs Wochen dauern wird. Die Immigrationsbank «Bank Haolim» In Palästina Wie neulich gemeldet, wurde in Palästina eine Immigrationsbank unter obigem Namen gegründet, und zwar unter Teilnahme der weitesten jüdischen Bevölkerungsschichten, ohne Unterschied der politischen Einstellung. Gelegentlich des Wiener Aufenthaltes zweier Delegierter dieses Kreditinstituts, der Gg. Dr. David Spindel, Rechtsanwalt in Tel-Aviv und Syndikus der polnisch-palästinensischen Handelskammer in Tel-Aviv, und Abraham Lerner, Mitgliedes de« Stadtrates Tel-Aviv, beide Mitglieder des Waad Leumi, wurde in Wien ein Komitee geschaffen, das die Aufgabe hat, Aktien dieser Bank in Wien zu placieren (Preis einer Aktie 5.25 Dollar). Dieses Komitee setzt sich aus folgenden Herren zusammen: Adolf Böhm, Hermann Bloch, Dr. Desider Friedmann, Dr. N. M. Gelber, Gurary, Dr. Josef Löwenherz, Dr. David Rothblum, Ing. Robert Stricker, Dr. Chaim Tartakower, Dr. Israel Waldmann. Zum Vorsitzenden wurde Herr Dr. David Rothblum bestimmt. Die Zeichnungs- und Einzahlungsstelle befindet sioh in dessen Bureau, I., Bräunevstraße 7,