Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 114 (20.2.1930)
- Date
- 1930-02-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 114 DIE STIMME Seit« 3 Das jüdische Volk und die Völkergemeinschaft Von Dr. Hermann Kadisch Wir leben in der Zeit der geistigen und seelischen Dekadenz des Individuums, der BagatelUsier-ung des Einzelmenschen, insbesondere des jttdischen Menschen. Es ist dies die naturgemäße Konsequenz der Allmacht des Parteiwesens und des zentralistischen Staates. Die Reaktion dagegen ist die jüdische Renaissancebewegung, die gegenüber offenen und verhüllten Assimilationsbestrebungen die Erhaltung und Erneuerung des jüdischen Volkes auf ihr Banner geschrieben hat. Nur als Renaissancebewegung kann der Zionismus seine historische Aufgabe erfüllen, als dessen wesentliches Mittel zum Ziele das Basler Programm eine öffentlich-rechtliche Heimstätte in Palästina betrachtet. Aber auch die Heimstätte ist ebensowenig als irgend ein anderes nationales, politisches oder ökonomisches Programm überhaupt Selbstzweck, sondern nur Mittel zum Zweck, der Selbstzweck aber ist im Falle des Zionismus die Erhaltung und Erneuerung des jüdischen 16-Millionen-Volkes. Alle Krisen und alle Kämpfe innerhalb des jüdischen Volkes in den letzten drei Jahrzehnten, besonders in den letzten zehn Jahren, sind auf den Mangel an Klarheit, selbst in den Fundamentalbegriffen, zurückzuführen. Man sollte es für überflüssig halten, nach drei Jahrzehnten Zionismus noch darüber zu debattieren, ob die Juden eine Nation oder eine Religion sind, zumal da die allgemeine Entwicklung sowie das Urteil der Majorität aller anderen Völker deutlich zeigt, daß die Juden beides sind, allerdings eine nation sui generis, historisch * verwachsen mit ihrer Religion und von einer eigenartigen sozialen Sturktur. Darum kann unsere nationale, religiöse und soziale Betätigung nicht ein Abklatsch irgendeiner andersgearteten nationalen, religiösen oder sozialen Bewegung sein; denn unser Nationalismus ist nicht chauvinistischer Herrschaftsnationalismus, sondern Kulturnationalismus, u nsere Religiosität ist Streben nach ethischer Verinnerlichung und nicht äußerlicher Dogmatismus, unser Sozialismus eine Synthese zwischen Individualismus und Genossenschaftswese n. Das jüdische Volk bildet für uns in Palästina und in der Diaspora ein untrennbares Ganzes. Die Prinzipien, die wir zur Renaissance de« jüdischen Volkes verwirklicht sehen wollen, folgen gleichmäßig aus der Lage unseres Volkes und aus der allgemeinen Weltlage. Ich habe sie seinerzeit in einer von der zionistischen Exekutive veranstalteten Enquete rückhaltslos dargelegt und huldige der Anschauung, daß aus taktischen Gründen, .Fraktionskämpfen zuliebe oder einer falsch aufgefaßten Parteidisziplin zunutze nicht ein Atom von diesen Prinzipien der jüdischen Moderne im Interesse eines organischen Zionismus geopfert werden darf. Gegenüber dem Staatszentralismus in nationaler, religiöser und sozialer Richtung muß rückhaltslos der Föderalismus mit allen seinen Konsequenzen gefordert werden: Die Autonomie des Individuums, die vollständig die Assimilation ausschließt, denn der jüdisohe Einzelmensch kann sich nur attsleben im jüdischen Volke; die Autonomie des jüdischen Individuums ist aber nur gesichert durch die Völkerautonomie im allgemeinen und die Autonomie des jüdischen Volkes. Wir wollen in Palästina ein souveränes jüdisches Volk, keineswegs aber eine englische Kolonie, oder ein Anhängsel eines panarabischen Staates. Aber weder in Europa noch in Asien dürfen wir immer mit unseren Ideen um ein Jahrhundert Zurückbleiben, wir dürfen weder in Europa noch in Asien die Wandlungen übersehen, die sich seit dem letzten Kriege vollzogen haben und dabei es uns bequem machen, indem wir glauben, daß nationale und soziale Probleme in Europa und Asien und mit diesen das jüdische Problem zu lösen sind durch die einfache Formel: Zurück zu Theodor Herzl, zurück zu Karl Marx. Die Nationalitätenfrage hat infolge der ökonomischen Entwicklung, des Erwachens der gelben und schwarzen Rasse und des Eingreifens Amerikas in die Weltpolitik und Weltwirtschaft eine Wandlung durchgernacht, von der nur die Chauvinisten aller Völker, die Hauptrepräsentanten des Rassenantisemitismus, nichts wissen oder wissen wollen. Das Zurückziehen der einzelnen Nationen auf getrennte Staatsgebiete, der Versuch, bei 40 Millionen nationaler Minderheiten zu entnationalisieren und auf diese Weise Nationalstaaten zu schaffen, ist national-kulturell aut der ganzen Linie in Gesamteuropa gescheitert, führt überall zu einer wachsenden wirtschaftlichen Verelendung und in weiterer Konsequenz auch bei den anwachsenden panasiatischen und panäthlopischen Emanzipationsbestrebungen von der weißen Rasse zur Verschlechterung der Lage der Juden in sämtlichen Weltteilen. Eine Aenderung kann nur geschaffen werden, wenn allüberall neue Bahnen eingeschlagen werden, wenn ln Europa der paneuropäische Gedanke zum Durchbruche gelangt, die wirt- Das (luftige Seutpo Her Seit mnuw bat rittet ftiUjeten fettenett Stranfljrit ju ungeheurer ©erbrritung betroffen. (Ein graftet Zeit bet URämter, bi* ba8 40. ßebenSjahr über|cf)ntten ’baben, leibet an tffbernbetlalfung. $ie Slutgefäfte finb berbidt, bie SÖattbungen bet ®efäfte höben ihre frühere Claftijität betloten. 2>te $olge biefer SJetättberungen an ben ©lutgefäften, toie bäufine Jtopff^ntetjen. Genommen* Beit, ©chtotttbelqefühl, Störung beS ©cbadjtniffeS unb bet Starmtätigfeit, unb bie toielen iSlltetScrftheimmgeit Itnbert rabiumbaltige8, frei berfaufli^eS fRabto* Hierin. SRabiuntgehalt amtltd) geprüft. SDepot unb 2t u 8 f u n f i: ftpothele ©aper, Sßiott, 1. 33cj., SBoHarilc 13. 5JJrofpe11e gratis unb franfo. schaftlichen Schranken beseitigt, die Grenzen niedergerissen werden und durch eine paneuropäische Minderheitengesetzgebung, die auch die Juden als Nation anerkennt, jedem nationalen Chauvinismus und daher auch dem Rassenantisemitismus der Boden entzogen wird. Nur Paneuropa kann auch den in Asien sich einnistenden nationalen Chauvinismus eindämmen. Es kann sich aber keineswegs um einen Kampf zwischen Paneuropa und Panasien handeln, sondern um Frieden und Freundschaft des neu konstituierten Europa mit allen übrigen Weltteilen. Da aber die Juden auch naoh der Realisierung einer palästinensischen Heimstätte, und selbst wenn drei Millionen sich dort niederlassen, auch dann noch Staatsbürger in anderen Staaten Europas und der anderen Weltteile sein werden, so gebieten es ihre ureigensten Interessen, Überall dafür einzutreten, daß innerhalb Europas und zwischen Europa und Asien ein Dauerfriede eintritt. Und nun noch einige Worte zum Sohlusse über das Verhältnis zwischen Juden und Arabern. Man kann es psychologisch begreiflich finden, daß nach den letzten Vorgängen in Palästina in den breiten jüdischen Massen wenig Geneigtheit zu einem Frieden mit den Arabern, beziehungsweise mit der Führung der arabischen Feudalen vorherrscht. Aber auch dann, wenn OFFIZIELLE VERKAUFSSTELLE Hnoii nnadcer LSMfeewMNr.2t TELEPHON: R 29-2-36, R 290-68 EINTAUSCH GEBRAUCHTER WAGEN GEGEN FABRIKSNEUE STEYR man dies begreift und im jetzigen Moment mit gewissen arabischen Fraktionen eine Verständigung nicht für durchführbar hält, so darf man nicht in den Fehler der extrem Nationalen aller übrigen Völker verfallen und einen Ausgleich mit den Arabern mit anderen Führern und unter anderen Modalitäten für unmöglich halten. Selbst Jabotinski, der Führer der Revisionisten, erklärt in seinem letzten Artikel in der «Reiohspost», daß er nicht unter allen Umständen eine jüdisch-arabische Verständigung für unmöglich halte. Einen jüdisch-arabischen Ausgleich für alle Zeiten für aussichtslos zu halten wäre gleichbedeutend mit der Aufgabe der Hoffnung auf einen dauernden Frieden in Palästina und der Verwirklichung der zionistischen Ideale. Die jüdische Renaissancebewegung aber, welche die geistige, physische, national-kulturelle und ethische Erhebung ihres Volkes will, ist der Ueberzeugung, daß in der nationalen, religiösen wie sozialen Frage neue Bahnen und eine neue Politik eingeschlagen werden muß und daß nur im Zeichen der jüdischen Moderne die Judenfrage in ihrer Totalität gelöst und der Zionismus als jüdische Renaissancebewegung verwirklicht werden kann, zum Nutzen des jüdischen Volkes, zum Heile der ganzen Kulturmenschheit. Das jüdische Volk ist durch die B a 1 f o u r - Deklaration in den Kreis der asiatischen Völkerfamilie eingetreten und daher mit dem Schicksal Asiens ebenso verquickt wie die in Europa verbleibenden jüdischen Minderheiten mit dem Schicksal der übrigen europäischen Minoritäten. Der Aufgabenkreis der jüdischen Politik ist daher gewachsen und es kann eine jüdische Volkspolitik daher immer weniger einen nur lokalen Charakter haben, sondern das jüdische Volk muß sowohl in Europa wie in Asien programmatisch seine eigenen Bedürfnisse mit denen der anderen Völker in Einklang bringen. In Europa ist dies ausschließlich mittels des paneuropäischen Programms möglich, aber dieses paneuropäfsche Pragramm können und müssen wir zum Unterschiede von jüdischen Assimilanten nur als Angehörige des jüdischen Volkes vertreten. Was aber Asien betrifft, dessen Völker jedwede europäische Herrschaft abschütteln wollen, und deren Stellungnahme zum Teile auch darauf zorückzuführen ist, daß sie im jüdischen Volke Verbündete des feindlichen Europa sehen, so besteht die Hauptaufgabe einer jüdischen Politik in Asien in der Zerstreuung dieses Argwohns. Prinzipiell kann es nirgends die Aufgabe einer jüdischen Volkspolitik seint nationale Unterdrückung oder wirtschaftliche Ausbeutung zu stützen, sondern sie kann nur in der Forderung der nationalen Autonomie für sich und für alle an«* deren Völker bestehen, sobald die Menschen und die Verhältnisse es zulassen. Naoh einem Jahrzehnt vorwiegend organisatorischer Kämpfe gebieten es die Zeit und die Verhältnisse dringendst, sich endlich der Erneuerung beziehungsweise der Vertiefung der zionistischen Ideologie sowie einer ethisch-jüdischen Volkserziehung zu widmen. Neue antisemitische Ausschreitungen in Rumänien Die antisemitische Studentenschaft in Bukarest traf Anstalten zur Organisierung von Exzessen gegen die jüdische Bevölkerung und die jüdischen öffentlichen Institutionen. Die Polizei griff ein und verhinderte die beabsichtigten Ausschreitungen. Alle Synagogen, das Haus der jüdischen Gemeinde und die Gebäude anderer jüdischer öffentlicher Institutionen werden durch Polizeiposten bewacht. Auf Anordnung der Polizei mußte der Festakt aus Anlaß der Einweihung des jüdischen Hauses verschoben werden, weil zu befürchten war, daß der Festakt durch Antisemiten gestört werden wird. Ueber antijüdische Exzesse in Kischinew haben wir bereits in der letzten Nummer der «Stimme» berichtet. In den letzten Tagen sind in der Gemeinde Balaceana, Bezirk Suceava, mehrere jüdische .Häuser angezündet worden. Es ist unzweifelhaft, daß diese Brandstiftungen auf, die letzte antisemitische Hetze zurückzuführen sind, die anläßlich der Wahl zu den Bezirksräten von cuzistischen Agitatoren entfacht wurde. Der Bürgermeister des Ortes, der um Gendarmerieassistenz angesucht hat, erhielt Drohbriefe, in denen ihm angedroht wurde, daß auch er zugrunde gerichtet werden würde, wenn er sich der Juden annehmen, sollte. Unter der jüdischen Einwohnerschaft der Gemeinde herrscht unbeschreibliche Panik. ln der letzten Zeit kamen auch auf den Eisenbahnen Ausschreitungen gegen jüdische Reisende vor, bei welchen mehrere Juden verletzt wurden. Einen niederdrückenden Eindruck machte es auf die Judenschaft von Jassy, daß unter den 35 Studenten der Jassyer Universität, die im Zusammenhang mit den letzten antisemitischen Universitätsunruhen für ein Jahr ausgeschlossen worden waren, zwölf Juden sind, obwohl doch die Juden überall der leidende Teil waren. (J. T. A.) Das südafrikanische Parlament nimmt das Einwanderungseinschränkungsgesetz in zweiter Lesung am Kapstadt. (J. T. A.) Das Parlament der südafrikanischen Staaten-Union hat am 12. d. M. das vom Innenminister Dr. D. F. Malan eingebrachte Einwanderungseinschränkungsgesetz, von dem besonders die Länder mit starker jüdischer Auswanderung betroffen werden, .nit überwältigender Mehrheit angenommen. Die meisten der Parlamentarier, die ln der Debatte das Wort ergriffen, brachten zum Ausdruok, daß das Gesetz sich nicht gegen die Gemeinschaft der Juden richtet, sondern nur gegen gewisse Länder, wobei sie aber Zugaben, daß die Juden die Hauptmasse der Einwanderer aus jenen Ländern bilden, deren Auswanderer nun von Südafrika möglichst femgehalten werden sollen. Alle jüdischen Mitglieder des Parlaments, mit Ausnahme von Sir Ernest Oppenheimer, griffen In die Debatte ein. Charles P. Robinson, ein jüdisches Parlamentsmitglied, erklärte, die Einwanderungsbeschränkungsbill sei als eine Maßnahme gedacht, die Juden von Südafrika fernzuhalten. Er gab eine Charakteristik der jüdischen Einwandererbevölkerung und schloß mit dem Appell: Schließt nicht die Tore vor armen Menschen, ermutigt die Einwanderung! Emile Nathan und Eli Buirski, die ebeso wie Robinson der von General Smut« geführten Südafrikanischen Partei angehören, charakterisierten die Bill als ein Dokument zur Stigmatisierung der jüdischen Bevölkerung. Dagegen unterstützten die Führer der oppositionellen Smuts-Partei, Krlge und Hofmeyr, die Bill, wobei sie bemerkten, nur ungern zögen sie sich die Gegnerschaft der 70.000 Personen zählenden jüdischen Bevölkerung zu, die in Oeneral Smuts Ihren Freund sehen. (General Smut« wellt zurzeit Im Auslande.)