Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1930-02-20 · Heft 114 (20.2.1930) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 114 (20.2.1930)
Date
1930-02-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3053752-3053859-3053867--1555-3056916
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Seite 2 DIE STIMME Nf 114 Jewsekzia Alis Sowjetrußland wird gemeldet, daß die Jewsekzia über Auftrag des Zentralrates der kommunistischen Partei aufgelöst und an ihre Stelle für die kommunistische Propaganda unter den russischen Juden Instruktoren des Zentralkomitees bestimmt wurden. Die Jewsekzia ist mit der Zeit zum Inbegriff traurigster Judenverfolgungen geworden, denen gegenüber die mittelalterlichen qualvollen Drangsalierungen der Juden ein Kinderspiel gewesen sind. Während jene Verfolgungen von Christen oder längst getauften Juden inszeniert wurden, standen an der Spitze der Jewsekzia durchwegs Juden. Alle Gebiete des jüdischen Lebens in Rußland waren der Jewsekzia und ihrer strengsten Kontrolle unterstellt. Ihre Führer Nachamkes, Rafes und Litwakow, die in ihrer Jugend sich jüdisch betätigten und noch nach Inkrafttreten des bolschewistischen Systems zu dessen schärfsten Gegnern zählten, hatten konjunkturartig ihre plötzliche politische Wendung gemacht und setzten sich in der jüdischen Gasse als Gralsfrüter des bolschewistischen Terrors fest. Tausende und Abertausende von Juden verloren durch die Jewsekzia ihre Existenz, Tausende von hoffnungsvollen Jünglingen und Mädchen mußten in die finsteren zaristischen Gefängnisse wandern und den Leidensweg nach Sibirien antreten, weil sie es wagten, ihr Judentum offen zu bekennen und auf eine bessere jüdische Zukunft in Palästina zu hoffen. Die Jewsekzia erblickte in allem, was nur jüdisch erschien, konterrevolutionäre Bewegungen und antibolschewistische Aktionen. Jüdische Religion, Anhänglichkeit an die jüdische Tradition, die hebräische Sprache und Kultur, waren ihr ein Dorn im Auge. Selbst Männer wie Litwakow, der noch knapp vor dem Kriege in der Wilnaer hebräischen Tageszeitung „iiasman“ und in Frischmanns feingeistigem „flador“ zionistisch gesinnte Essays veröffentlichte, wurden zu erbittertsten Feinden unserer Nationalkultur. In echt zaristischer Weise unterdrückten sie mit der Knute des russischen Tschinownik das jüdische Geistesleben in Rußland. Diese jüdische Sektion der kommunistischen Partei hat in fanatischer Liebedienerei gegenüber der kommunistischen Bureaukratie nichtkommunistische Juden denunziert. Ihre Exponenten wären nichts anderes als niedrige bolschewistische „Mauschel“-Kreaturen, denen im Gegensatz zum polnischen Moschko kein Mittel zu geringfügig erschien, ihr Volkstum zu verraten. Mißachtung vor jüdischer Vergangenheit brachte sie dazu, den Leidensweg der verfolgten Judenheit in Rußland noch dornenvoller zu gestalten. Ihr Haß galt ebenso religiösen Juden wie jüdischen Sozialdemokraten und Zionisten. Doch auf die Zionisten hatten sie es am meisten abgesehen und die Sowjetbehörden zu den größten Peinigungen der Zionisten veranlaßt. Die russischen Sowjetbeamten erblickten in diesen Peinigungen die beste Gelegenheit, ihrem ererbten Judenhaß freien Spielraum zu gewähren. „Ekelhafte Zionisten“ wurde ein beliebtes Schimpfwort der Jewsekzia. In tagelangen Verhören, die geradezu an die Folterqualen mittelalterlicher Justiz erinnerten, konnte der „bolschewistische“ Tschinownik nach Belieben und Herzenslust die „verhaßten“ Jewrei peinigen. In frischer Erinnerung sind ja noch die schauderhaften Leiden der Chaluzim in Rußland, die nur dank der Jewsekzia nach Sibirien verbannt wurden. Intervenierte man bei sowjetrussischen Diplomaten, so bekam man die stereotype Antwort, daß die Jewsekzia doch von Juden geleitet werde, als möchten sie sagen, daß nur Juden fähig sind, derartige Terrorakte auszuführen. Die Jewsekzia wollte mit ihrer Tätigkeit den Beweis erbringen, daß dem bolschewistischen „Mauschel“ kein Mittel zu geringfügig ©ei, das Judentum zu vernichten. Nun wurde die Jewsekzia liquidiert, wohl eine freudige Nachricht, aber die Mitteilung über die Einsetzung spezieller Instruktoren für die bolschewistische Propaganda in jüdischen Kreisen läßt uns nicht außer Zweifel, daß die teuflischen Kreaturen der Jewsekzia wohl in anderer Gestalt und unter anderer Firma ihre Tätigkeit fortsetzen werden. Trotz des Terrors der Jewsekzia ist es bis heute nicht gelungen, den unerschütterlichen Glauben der russischen Juden an unsere Zukunft ins Wanken zu bringen. Diesen Glauben zu zerstören, werden auch die jüdischen Instruktoren des Komintern nicht vermögen. Die Weltjudenheit wird darüber wachen, daß ihre russischen Brüder, die in den letzten fünf Dezennien die wertvollsten Vertreter des geistigen Judentums hervorbrachte, die Verhichtungskampagne jüdischer Kommu- I nisten überdauern, 1 Die, Jewsekzia“ wird aufgelöst Au« sicherer Quelle wird dem Moskauer Korrespondenten der J. T. A. mitgeteilt, daß das Zentralkomitee der kommunistischen Partei Rußlands in einer soeben abgehaltenen Sitzung den Beschluß gefaßt hat, die «Jewsekzja» (Jüdische Sektionen der kommunistischen Partei) aufzulösen und die Führung der Parteiarbeit innerhalb der jüdischen Bevölkerung^ Rußlands Bevollmächtigten des Zentralkomitees anzuvertrauen. Diese Instrukteure des Zentralkomitees der kommunistischen Partei werden sich — so lautet der Beschluß weiter — in keiner Weise in die Arbeit der Regierungsorgane in der jüdischen Sphäre einmischen, sondern sie werden einzig und allein die Instruktionen des kommunistischen Zentralkomitees befolgen, ohne etwas mit den Verordnungen und den Gesetzen des Zentralexekutivkomitees oder des Volkskommissarenrates der Regierung der Sowjetunion zu tun zu haben. — Wie der JTA- Korrespondent weiter erfährt, ist der Beschluß, die «Jewsekzja» aufzulösen, in Verfolg der gegenwärtig in der Durchführung begriffenen allgemeinen Reorganisation des kommunistischen Parteiapparats in der Sowjetunion gefaßt worden und wird in der offiziellen kommunistischen Presse amtlich nicht publiziert werden. (Es bleibt abzuwarten, ob die Auflösung der «Jewsekzja» den auf große Teile der jüdischen Bevölkerung Rußlands lastenden fürchterlichen Druck mildern wird. Die «Jewsekzja» hat ihren ganzen Einfluß für die vollkommene Ausschaltung der jüdischen «Deklassierten» aus dem wirtschaftlichen Leben der Sowjetunion wirksam werden lassen und hat sich dadurch im Gegensatz zu der offiziellen Politik der Regierung der Sowjetunion gegenüber der jüdischen Bevölkerung gestellt. Politik und Beschlüsse der «Jewsekzja», die auf die Vernichtung großer jüdischer Bevöikerungsteile in Rußland gerichtet BÜCHERSTUBE M. RATH Buchhandlung, Antiquariat, Leihbibliothek Wien, II., Taborstraße 20 a, Tel. R-43-1-58 M. RATH’S Moderne Leihbibliothek bietet Innen eine reiche Auswahl von Büchern aller Art, insbesondere von Neuerscheinungen im Original, bzw. geschmackvollen Bibliothekseinband. Außer aen deutschen Büchern auch englische, hebräische, jiddische u. Deutsch-Judaiea in reicher Auswahl. Täglicher Umtausch Den ganzen Tag von 8 bis 6 Uhr geöffnet Monatsgebühr nur S 3.— Keine Bandgebuhr waren, wurden in der letzten Zeit durch Beschlüsse der maßgebenden Regierungsorgane, die darauf gerichtet waren, auch den jüdischen Deklassierten irgend eine Exisienzmöglichkeit zu geben, desavouiert. Es bleibt ferner abzuwarten, ob nach der Auflösung der «Jewsekzja» der von dieser Körperschaft geführte Vernichtungsfeldzug gegen jüdische Religion, hebräische Spraohe und Zionismus in Rußland aufhören oder wenigstens eine Milderung erfahren wird.) Besprechungen Dr. Weizmanns mit zionistischen Führern Deutschlands und der Nachbarländer Berlin. (J. T. A.) Der Präsident der Zionistischen Weltorganisation und der Jewish Agency, Professor Chaim Weizmann, hat am Donnerslag, den 13. Februar, nachmittags, Berlin wieder verlassen. Er pflog in Berlin Im Hause des Herrn Kurt Blumenfeld, Präsidenten der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Besprechungen mit führenden Zionisten aller kongreßpolitischen Gruppen, an denen auch einige auswärtige Gesinnungsgenossen teilnahmen. (Dr. Jacobson, Doktor Hantke, Rabbi Meir Berlin, Farbstein, Twerski, Lazar Margulies.) In diesen Besprechungen gab Dr. Weizmann eingehende Informationen über die gegenwärtige politische Lage und im Anschluß daran fand eine Aussprache statt. Ebenfalls im Hause des Herrn Blumenfeld fanden Besprechungen zwischen Dr. Weizmann und den Führern der Opposition, Abg. J. Grünbaum, Dr. Max Soloweitschik, Nahum Goldmann, Richard Lichtheim und J. Klinoff, statt. Gegenstand der Besprechungen bildeten alle Fragen der Jewish Agency und der politischen Führung. Alle diese Besprechungen bilden einen Auftakt zu den bevorstehenden Tagungen des Zionistischen A. C. und des Administrative Committee der Jewish Agency, üe in der zweiten Hälfte des März in London stattfinden. Am Donnerstag, den 13. Februar, mittags, gab der ( Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Dr. von Schubert, ein Frühstück, an welchem außer Herren des Auswärtigen Amtes (Freiherr von Richthofen, Legatlonsrat Prof. Sobernlieim), die Herren Dr. Weizmann, Dr. Jacobson, Kurt Blumenfeld, Jakob Goldschmidt, . Generalkonsul Eugen Landau, Chefredakteur Georg | Bernhard, Dr. Klat2kin, Dr. Rosenblüth u. a. teilnahmen. JCXXICXXWOOOOOOOOOOOOÖOOOOOCXXXXXIOOCXX» Tiellpkl der Zionisten im Gatt „Dltes Rathaus“ (Cafdtier Leo Löwy) Großer« und kleine Klublokale 1. Bez., Wipplingerstraße 24 Tel. U 27-4-84, U 26-2-74 OOOOOOOOOQOCXXXXXXXXXXXXXXXX30000000000 Beginn der 6 Millionen-Dollar- Kampagne für Jewish Agency und Joint Distribution Kommittee Felix Warburg dementiert alle Mitteilungen über bestandene oder bestehende Unstimmigkeiten zwischen Zionisten und Nichtzionisten New York, 10. Februar. (J. T. A.) Der Vorsitzende des Administrative Committees der Jewish Agency, Herr Felix M. Warburg, der, wie schon mitgeteilt, die Sitzung des Administrative Committees für den 23. März nach London einberufen hat, erklärt in einer Mitteilung an die Presse, daß die kürzlich in der Palästina-Presse erschienenen Mitteilungen über Unstimmigkeiten zwischen den Zionisten und den Nichtzionisten innerhalb der Agency nicht der Wahrheit entsprechen; die Beziehungen zwischen Zionisten und Nichtzionisten seien heute ebenso freundschaftlicher Natur, wie sie es immer gewesen sind. In einem weiteren Statement teilt Herr Felix M. Warburg mit, daß die National Convention zur Organisierung der sechs Millionen Dollar-Kampagne in den Vereinigten Staaten für das Jahr 1930 am 8. März in Washington Zusammentritt. Von den in diesem Jahre aufzubringenden sechs Millionen Dollar werden 2>/2 Millionen für das Palästina-Werk der Jewish Agency und 3*4 Millionen Dollar für das Aufbauwerk des Joint Distribution Committee in Osteuropa verwendet werden. Stephen S, Wise über die Jewish Agency New York. (J. T. A.) Auf eine Anfrage der in Tel- Aviv erscheinenden hebräischen Tageszeitung «Hasman», ob die zionistische Organisation Amerikas stark genug ist, um in den nächsten Monaten wieder von sich hören zu lassen, erwiderte Rabbi Dr. Stephen S. Wise: Die zionistische Organisation Amerikas ist nichts weiter als ein Resonanzboden für die Stimme Londons, hat keine selbständige Existenz und kein eigenes Programm. Sie willigte in die Jewish Agency-Pläne ein und büßt nun dafür durch Selbstvertilgung. Würde die Agency der Führung Dr. J. L. Magnes folgen und der Doktrine zustimmen, daß die jüdische Siedlung in Palästina durch ein Kompromiß zustandegebracht werden könne, dann würde es um den Jischuw geschehen sein. Dr. Wise gab der Hoffnung Ausdruck, daß sich Dr. Weizmann den neuen Umständen gewachsen zeige und gegenüber der britischen Regierung, in Verhandlungen mit ihr, eine festere Haltung einnehmen werde. Es ist an ihm, sich nicht in das nichtzionistische Lager hineinziehen zu lassen, das in Amerika traurige Symptome eines Wiederverfallens in den Antizionismus gezeigt hat, sondern mit Festigkeit darauf zu bestehen, daß die Balfour-Deklaration nicht beschnitten werde. Die Jewish Agency, schloß Dr. Wise, muß unter der Führung der zionistischen Mitglieder, voran der Dr. Weizmanns, stehen. Hebroner Notabein vor Gericht Jerusalem. (J. T. A.) Am 12. Februar begann die Verhandlung gegen den Bürgermeister von Hebron, vier Mitglieder des Stadtrates und neun Mukhtars von Hebron, sowie gegen 13 Mukhtars aus Hebron benachbarten Dörfern, um deren Verantwortlichkeit Im Zusammenhang mit den Hebron-Massakers festzustellen und zu befinden, wie weit es berechtigt sei, der Stadt Hebron und den in Betracht kommenden benachbarte» Dörfern Kollektivstrafen aufzuerlegen. Grünbaum nicht mehr Präsident des Jüdischen Klubs in Polen Warschau, 13. Februar. (J. T. A.) In der Sitzung des jüdischen Parlamentsklubs stellte der Präsident des Klubs, Abg. J. Orünbaum, den Antrag, der Regierung das Mißtrauen der Jüdischen Klubs wegen ihrer antijüdlschen Wirtschaftspolitik dadurch auszudrücken, daß der Klub im Sejm geschlos en g gen das Budget stimmt. Die Mehrheit des Klubs nahm aber e nen anderen Antrag an, der lautet, daß sich der Klub bei der Abstimmung des Budgets der Stimme en tTelh Darauf erklärte OrLnbaum, daß er die Steile eines Präsidenten des Klubs niederlege. o

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.