Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 113 (13.2.1930)
- Date
- 1930-02-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 118 nrc stimme Sette 7 <^i Jahrgang 1910 an die Front! Der /.lonisinus hat in den letzten Jahren eine Krise durchgemacht, die noch lange nicht abgelaufen ist. ln Wien ist sie besonders spürbar. Streit und Hader, parteiliche und persönliche Attacken drohen den Kest jeder zionistischen Arbeit in Wien zu zerstören. Immer wieder werden Versuche gemacht, immer wieder müssen die Männer an die Spitze gestellt werden, die bereits „ausgedient" haben. Die Vierzig- bis Fünfzigjährigen, die nach 15 oder 20 Jahren aufreibender zionistischer Arbeit rein physisch nicht über die Kräfte verfügen, die die Riesenarbeit erfordert, die sie zu leisten haben, müssen dennoch immer wieder einspringen, wenn es das Letzte zu retten gilt. Daher das Fehlen jenes Elans, der eine junge Bewegung wie die zionistische seit jeher auszeichnete. Elan kann aber einer Bewegung nur von jungen, tatgeladenen Menschen eingeflößt werden. Und diese Jugend hat dem Zionismus in den letzten Jahren gefehlt, weil der Krieg auch die jüdische Jugend, die ihn erlebt hat, frühzeitig alt gemacht, entnervt und entkräftet hat. Die Entwicklungsjahre der heute Dreißigjährigen sind durch Blut und Hunger, durch Flucht aus der Heimat, durch freudloses Leben auf der Straße gekennzeichnet, ja viele haben sogar noch das Grauen des Schützengrabens, die Todesangst im bombardierten Hinterland erlebt — die seelischen Folgen sind nicht ausgeblieben, wenn auch äußerlich die Zerstörung verdeckt werden konnte. An allen Ecken und Enden bekam man diese Zerrissenheit, geistige Haltlosigkeit der jüdischen Kriegsgeneration zu verspüren. In Bewegungen, die wie die sozialistische über ein unerschöpfliches Menschenreservoir verfügen, machten sich diese traurigen Folgen des Krieges nicht so stark bemerkbar, aber im Zionismus ist der physische und seelische Aderlaß an der Kriegsjugend noch heute von größter Wirkung. Die heute Führer hätten sein sollen, liegen in Wolhyniens Feldern, an der Piave oder am Isonzo, und die den totbringenden Granaten entronnen sind, sind doch für immer innerlich zerfetzt und geistig erstarrt. Daher eine gewisse Starrheit im zionistischen Leben, daher immer dieselben Menschen, die führen und verantwortlich sind. Menschen, die nicht mehr die Spannung und Geladenheit in sich tragen, die den Zionismus vorwärtstreiben, die die zionistische Organisation der Idee würdig machen, für die sie zu kämpfen hat. Die heute Zwanzigjährigen haben sich über den Ernst der Situation klar zu werden. Es gilt, die Kräfte zu verdoppeln und zu verdreifachen, den gesteigerten Aufgaben entsprechend, die auf uns warten. Doppelt lernen und doppelt leisten, dasistderWeg, den wir zu beschreiten haben. Die Erkenntnis der schweren Situation zwingt uns, aus der Beschaulichkeit des nur Lernenden in die Bewegtheit des Handelnden hinauszutreten. Gewiß, wir werden uns nicht in eine leere Geschäftigkeit stürzen und das Lernen aufgeben, das allein uns erst zum Handeln reif macht. Aber wir werden den Aelteren nicht wie bisher den Gefallen erweisen, die Augen zu schließen und zu allem was vorgeht zu schweigen. Wir müssen wie Hechte im Karpfenteich die Faulen aufrütteln, die Untätigen aneifern, geistige Unfähigkeit überall, wo sie besteht, anprangern und alle reaktionären, kulturfeindlichen Gesinnungen im Zionismus im Keime ersticken. Hier meine ich vor allem gewisse Teile der sich zionistisch nennenden Studenten, die gern die großen Führer abgeben möchten, ohne sich das Führertum anders als durch den Radikalismus des Wortes „erarbeiten" zu wollen und die vor Kellnern ln Tanzdielen bessere Figur machen als vor Juden, die Talmud gelernt haben. Alle diese Gefahren und Mißstände aufzuzelpen und zu bekämpfen, soll die erste Aktion in unserem Frontkampfe sein. Es wird vielleicht heiß zugehen, aber unser ungeschwächter Mut, unser zielbewußter Wille müssen uns zum Siege führen. Zu einem Siege, der uns nicht zu indianischem Triumph,gehetil verführen darf, sondern uns schwere Pflichten des Aufbaues auferlegt. Junge Menschen, die Ihr von Verantwortungsgefühl besessen 6eid, lernet, seid wachen Auges, leistet! Wilhelm Ebenstein. Besuch bei einem Schomer Ein bei den Unruhen verwundeter Schomer weilt in Wien. Ich besuchte ihn und war überzeugt, daß eine Unterredung mit ihm für mich ein Erlebnis sein würde. Ich habe mich nicht geirrt. Ein1 junger Mann von mittlerer, gedrungener Gestalt trat mir entgegen und begrüßte mich in hebräischer Sprache. Sein Kopf war ganz verbunden, nur ein Auge lugte aus dem Verbände hervor. Ich wollte mit ihm deutsch sprechen, doch er weigerte sich mit dem Bemerken, daß er mit Zionisten und besonders mit jungen Zionisten nur hebräisch spreche. Er erzählte einige Dinge aus seinem vielbewegten Leben. Er stammt aus der Gegend von Moskau, kam dank seiner Begabung in eine Offiziersschule, entfloh dann nach Deutschland. Hier diente er bei der Landwehr, nahm an der Erstürmung Rigas als Kavallerist teil. Im Jahre 1920 ging er nach Palästina. „Denn ich hörte viel vom Leben und Treiben in Palästina, von den „finsteren Nächten“, in denen die Araber kommen und von „Tel-Chaj“. Bei diesen Worten trat der Schomer zum Kasten und nahm eine kleine blau-weiße Fahne heraus, mit einem goldgestickten Magen-David in der Mitte. „Das ist die Fahne von Tel-Chaj. Für diese Fahne floß das Blut Trumpeldors.“ Viel haben sie geblutet, die wackeren Schomrim. Der Mann, der vor mir steht, verlor im August so viel Blut, daß er nur durch eine Transfusion gerettet werden konnte. Dann zeigte er mir die Kugel, die ihm ein Beduine Ins Gesicht jagte, schließlich ein Album mit Photographien der Massakers in Hebron und der Leichenbegängnisse der Opfer. Ich sehe Photographien des einzigen Kindes, das von der Familie Slonim übrigblieb, ich sehe schauerliche Zeugnisse der Mordwut des arabischen Pöbels. Zum Schluß frage ich ihn, welche Stimmung im Jischuw herrsche. Er antwortet kurz: «Ruach tow baarez» (Gute Stimmung im’ Lande). Die Menschen arbeiten mit doppelter Energie am Aufbau. Aber auch wir müssen mit doppelter Energie arbeiten. Wenn wir solche Menschen sehen, dann können wir ruhig behaupten: das dreißigjährige Ringen des Zionismus war nicht umsonst Elijahu. Glossen (a.) In letzter Zelt konnte man einiges über die erweiterte Jewish Agency lesen, das bewies, daß die neuen Partner, die «Nichtzionisten», von einer großen Naivität getragen werden. Es Ist eigentlich nicht weiter zu verwundern, wenn es sich ergibt, daß Juden, die sich prinzipiell «Nichtzionisten» nennen, nicht sehr viel über ihr Judentum und die damit verbundenen Probleme sich den Kopf zerbrochen haben. Ihre Fremdheit gegenüber der Judenfrage erfordert primitivste Erziehung. Auch die Jugend, die von der zionistischen Idee beherrscht wird, ist berufen, sich ln die ersten Reihen der propagandistischen Front im Zionismus zu stellen. Wenn es gelingt, ist somit ein schweres Stück Weges geschafft. Andererseits hat es sic-h als notwendig erwiesen, die vorhandenen zionistischen Kräfte zusammenzufassen. Man hörte von der Einigung der beiden Arbeiterparteien in Palästina, und dieses Ereignis schlägt seine Wellen bis in die Kreise der zionistischen Bewegung in der Gallith. Schon hört man von Vereinheitlichung von Jugendgruppen sprechen, schon suchte selbst die einander fremdeste Jugend die gemeinsamen Pole ihrer Tätigkeit zu verbinden. Die Bedeutung dieses Umstandes reicht weit über den Augenblick hinaus, ist er doch mH der Verständigung der künftigen zionistischen Welt identisch. ■ In den Straßen Wiens werden seit einigen Monaten vierzig jüdische Witze um zehn Groschen feilgeboten. Sie sind durchwegs dem Niveau derer angepaßt, die sich nur 10 Groschen für ihre geistige Zerstreuung leisten können. Selbstverständlich strotzt es In diesen Witzblättern von «Jach» und «Waih», von Besudelung jüdischer Würde. Diese Blättchen wirken ln den Händen der armen Kolporteure, die sich damit ein warmes Nachtmahl verdienen, nicht einmal so anwldernd als in den Händen von Obermittelschülern, die glauben, da es sich doch um ein «Witzblatt» handelt, über den Inhalt sich ergötzen zu müssen. Es sind Wolken auf dem Himmel des PalästJnaaufbaues aufgetaucht. Nichljüdische Faktoren kaufen systematisch Böden auf, und der Keren Kajemetb muß dabei tatenlos zuschauen, weil Ihm die Mittel fehlen. Gerstäcker erzählt in seinem Romane von einer amerikanischen Kolonie, die von Mexikanern angegriffen wurde. Die Bewbhner, die auf den Feldern waren, kamen erst herbei, als der Leiter in seiner Not die amerikanische Fahne vom Maste nahm. In diesem letzten Augenblick haben sie ihre Kolonie gerettet. Ein solcher Augenblick ist auch jetzt im Aufbau Palästinas. Die Jugend, die von der Notwendigkeit eines jüdischen Palästina überzeugt ist, wird nicht ruhen, Mitte! und Wege zum Aufbau Palästinas zu finden, muß jetzt das ceterum ceuseo der jüdischen Jugend werden. Bücher, die wir lesen Henri Barbusse, einer der großen Europäer im Kampf ums Menschenrecht, läßt als Frucht mehrjähriger Studien und Reisen über, den Balkan Im Neuen deutschen Verlag ein Buch erscheinen, das sich «Tatsachen» betitelt. Es ist eine flammende Anklage gegen die Reaktion am Balkan, gegen den weißen Terror, der Jede freiheitliche Regung mit Schwert und Pest bekämpft. Von Egon Erwin Kisch, dem «rasenden Reporter», erwarteten wir schon lange ein Amerika-Buch nach seinen sensationellen Rußland-Reportagen. Nun «beehrt» er sich darzubieten: «Paradies Amerika». Nach vielen Amerika-Büchern, die Im allgemeinen die Vereinigten Staaten als den Garten Eden uns hinstellen wollen, ist Kisch’ grandiose Reportage die erste, die uns die Augen darüber öffnet, was wirklich hinter der Freiheitstatue vorgeht. Aus einem «Lande der unbeschränkten Möglichkeiten» wird nach Kisch ein Land beschränkter Unmöglichkeiten. Jüdischer Jugendkalender, Jüdischer Vertag, Berlin. Dieses Buch hat sich für Heimabende mit 10- bis 12jährigen bestens bewährt. Es enthält eine reichhaltige Sammlung von Erzählungen und Gedichten, Anleitungen für Handfertigkeiten und dergl. Arnold Höllricgel, Das Urwaldschiff. Der Verfasser erzählt von einem Menschen, der ein Ziel sucht und auf weiten Reisen zur Erkenntnis kommt, daß er es nie erreichen kann. Höllriegel schildert in seinem gewohnten Stile Urwald- und Tropenstimmungen. Mit diesem Buche lassen sich so manche Stunden selbst in Heimabenden mit 15jährigen verbringen. Chamischa-Assar b’Schwat Der 15. Sclnvat ist nach Anschauung der Schule Hillels das Neujahr der Bäume. Dieser Tag hat natürlich eine andere Bedeutung, als das Neujahr am 1. Tischri, an welchem laut jüdischer Tradition jeder Mensch Rechnung über seine Taten ablegen muß. Die Abgabe des Zehent ist eines von den Geboten der Thora. Er muß von der Ernte desselben jahres und nicht von der des kommenden jahres abgegeben werden. Am 15. Schwat beginnen die Bäume zu sprossen. Daher wird dieser Tag als das Neujahr der Bäume festgesetzt. Nur von jenen Früchten, die nach dem 15. Schwat reifen, muß der Zehent abgegeben werden. .. Die Erinnerung an den 15. Schwat!st auch in der Diaspora nicht verblaßt. In der Feier dieses Tages, die weder ein Gebot der schriftlichen noch der mündlichen Lehre ist, drückt sich die Sehnsucht eines ganzen Volkes nach dem Boden aus, dem es mit Gewalt entrissen wurde. Trotz der Verschiedenheit der Bedingungen, unter denen die verschiedenen Teile des jüdischen Volkes leben, wird der 15. Schwat von allen Juden in der gleichen Weise gefeiert. Man pflegt an diesem Tage Früchte, die in Erez Jisrael gedeihen, zu genießen. In den meisten Ländern Europas werden am Sabbath vor dem 15. Schwat Gebete eingeschaltet, die sich auf diesen Feiertag beziehen. In Erez Jisrael versammeln sich die Frommen im Bethaus, um verschiedene Flüchte zu genießen und jene Kapitel aus der Bibel und den nachblblischen Schriften zu lesen, die sich auf das Neujahr der Bäume und die palästinensischen Früchte beziehen. Das Neujahr der Bäume war seit jeher ein Feiertag, der in besonderem Maße dem jüdischen Kinde galt. In den Chadarim und Schulen der Diaspora werden an diesem Tage unter den Kindern Früchte verteilt. Der Rabbi oder der Lehrer erzählt den Kindern über Erez Jisrael und erweckt in ihnen die Liebe für ihre alte Heimat. Somit ist der 15. Schwat nicht nur der Tag, der für die Festsetzung des Zehent wichtig ist, sondern auch ein Feiertag, der das jüdische Volk mit seinem Lande, mit Erez jisrael verbindet. Briefkasten der „Stimme der Jugend'* Geehrte Redaktion! Am 7. Februar fand eine große Massenversammlung der V. S. M. gegen die heutigen Schulzustände statt. Der politische Schachzug, den die ganze Versammlung bedeutete, konnte für die zionistische Jugend nicht von Interesse sein; wohl aber die Diskussion, in der Herr Prof. Wollach, Vorsitzender des Deutschen Mittelschülerbiindes, das große Wort führte. Die anwesende, bewußt jüdische Jugend, mußte wüste Beschimpfungen über sich ergehen lassen, mußte sich mH den Juden des V. S. M. in einen Topf werfen lassen —, weil kein berufener zionistischer Vertreter da war, um diesen Herrn Professor Wollach darüber aufzuklären, daß es außer sozialistischen Juden auch noch andere gebe. Wo waren da die Vertreter der «Zionistischen Mittelschüler», wo die vielen zionistischen Verbindungen, die den Titel für sich in Anspruch nehmen, die zionistische Jugend zu repräsentieren? Wenn es der Präsident des Deutschen Mittelschülerverbandes der Mühe wert gefunden hat, zu erscheinen, so hätte schon aus rein taktischen Gründen auch ein Zionist dabei sein müssen. Hochachtungsvoll Fritz Singer. Ein Theaterabend der Schulgemeinde des Chajes-Reavgymnasiums. Mittwoch, den 5. Februar veranstaltete die rührige achre Klasse des Chajesrealgymnasiums einen Theaterabend im Hotel Post, der einen vollen Erfolg erzielte. Was hier geboten wurde, ragt weit über gewöhnliche Schulaufführungen hervor. Die jungen Künstler versuchten ihre Kräfte in einer Komödie von Schalom Alechem und in einem Einakter von Kurt Goetz. Der stürmische Beifall war der beste Beweis der gelungenen Leistung. Den Höhepunkt des Abends bildete die «Nullgroschenoper» (The Pupils Opera), eine Parodie der berühmten «Dreigroschenoper», von Brecht-Weill. Diese Schüleroper, deren Text L .Göttinger neu geschaffen hatte, ist eine beißende Satire auf die Mißstände jeder Schule, eine revolutionäre Anklage gegen jede Lehrertyrannei. Hier hatten die begeisterten Zuhörer das Gefühl, daß wirkliche Künstler und nicht Dilettanten am Werke sind. Einen Sonderapplaus holte sich Milo Sperber, der als Conferencier, Hauptdarsteller, Imitator berühmter Theaterstars und in vielen anderen Rollen die Zuschauer in nicht endenwoilende Lachstürme versetzte. Es sind hier künstlerische Energien an der Arbeit, um die sich berufene Theaterleute kümmern sollten. —-n.