Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 113 (13.2.1930)
- Date
- 1930-02-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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- Ukraine 2× ep/1001131
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Seite 3 DIE STIMME Nr. 113 Ein Brief aus der sowjetrussischen Hölle Dieses erschütternde Dokument erhielten wir von einem Juden aus Rußland, der ungenannt bleiben will. An unsere lieben und teueren Brüder! Wir wissen, daß Ihr alle Juden liebet und wir wissen, daß Ihr Mitgefühl mit uns habet. Deshalb wundert es uns, daß Ihr über uns schweiget. Es hat den Anschein, daß Ihr nichts von uns wißet. Und hier quält man unsere Juden. Wer spricht, er will Gott dienen, den quält man zu Tode. Nein! Der Tod ist viel geringer als die Leiden der russischen Juden. Ein Jude darf nichts tun. Er darf nicht beten gehen, er darf nicht zum Rabbiner gehen, die Bethäuser zieht man ein und auf das Bethaus, welches noch besteht, legt man soviele Nalog (Abgaben) auf, daß es nicht möglich ist, sie zu bezahlen. In allen Städten fehlt die Mikwah. Man läßt keine Mikwah bestehen. Man läßt kein Koscherfleisch zu. In manchen Städten läßt man sogar kein Geflügel schlachten. Sollte ein Schächter an einem verborgenen Orte Schächten und ertappt man ihn dabei, so setzt man ihn ins Gefängnis und seine «Stube» wird angefordert. Den Rabbinern legt man riesengroße Steuer auf. Man tritt sie mit den Füßen und schreiben kann das auch keiner, deshalb schreibe ich es in größter Gefahr und würde man mich ertappen, so würde man mich erschießen. Sollte ich alle Dinge hinausschreiben, müßte ich acht Tage sitzen und einen solchen großen Brief wird man nicht durchlassen. Ich würde es als großes Glück betrachten, wenn ich wüßte, daß man jedem meiner Worte tausend Gedanken entnimmt.. Man will alle heiligen Stätten einziehen. Will ein Jude beten, so versteckt er sich, als ob er einen großen. Diebstahl beginge. Die Inquisition zu schildern ist unmöglich. Jom Kippur ist man in alle Bethäuser gelaufen, um das Beten zu verhindern. An manchen Orten wurden in die Bethäuser Steine geworfen. Man will nur ein Stückchen Brot geben, wenn man . . . . entsagt und Menschen wollen essen. Würde man nur den Tod androhen, um die Sabbath- Entweihung zu erzwingen, so würde man sich töten lassen, aber man martert zu Tode und Kinder wollen essen, Gar nicht zu reden, davon, daß jedem, der ein . Geschäft hatte, alles weggenommen wurde, sogar, die Wohnung und er selbst ins Gefängnis geworfen, wurde.. '■ Won Tag zu .Tag neues Leid, neue Gesera.. Kissen wurdeiv weggenommen. Unsere Kinder wurden entrissen. Ein Cheder darf man nicht besuchen.; Erwischt man einen Melammed beim Unterrichte: eines Kindes, so wird, er in das Gefängnis gesetzt. . Man hat-ihre Fußböden aufgegraben und die Wände; itiedergerissen, um zu suchen, ob nicht etwas versteckt .wurde. Menschen verschickt man .... Versteht Ihr schon, was sich bei uns tut?! Deswegen, - spllt Ihr nicht verschweigen allen unseren Brüdemdn Amerika zu schreiben, auf daß «Gevvaldem^gemacht werden in ganz Amerika und aufgerüttelt werde die große Welt, daß ein Sturm gehe von einen* Ende der Welt zum anderen. Wie läßt man7£S'<zuV; daß Menschen so gemartert werden?' Warüm-.'schweigen alle unsere Brüder in den freien; Ländern,’ wo man reden darf? Alle Juden sollen sich zusammennehmen uns herauszuhelfen; der richtige Weg, der zum richtigen Ziele führt, wird sich dann schon, finden. Man nimmt uns alles weg, die Kinder aus der Wohnung samt allem anderen und schickt es nach dem Auslande; man tauscht es um gegen Maschinen, unser Blut wird gegen Maschinen eingetauscht.; Wollt Ihr uns nicht retten, so rettet die «Jüdisch-, keit». Man nimmt unsere kleinen Kinder und redet ihnen ein, daß es — fern sei es von uns — keinen Gott gebe. Dies lehrt man alle Kinder. Warum schweigt Ihr? Wir würden schreien, könntet Ihr unser Geschrei vernehmen. Man hält uns das Gewehr mit Bajonett vor. Schweiget nicht! Schreiet in allen Ländern, daß man uns befreie von der bitteren Inquisition. Ihr wißt nicht, was sich tut. Man schickt amerikanische Delegierte zu uns, und unsere Regierung hält sie in allen schöneren Orten auf. Man gibt ihnen gutes Essen, man führt sie ln TräNS GKHNIIZTAHIROL 5chn*ltzug»tation SUituch am Brannar laufpJatx. OTE LU MD PENSION' 1214 m (Ld. M., In »orntlgw Lag«, nau arbaut, modarn und gadlagan alngtricMat, SO Batten, NlaBandt» Kalt- und Wannwawar, Zantralhabcung und BMdar. tratklaaalga Wlanar KUcha. Panatoiiaprala ab Mk. 7.20. Auf Variangan Proapakta. das Theater. Was erfahren sie? Sollen sie kommen und dorthin fahren, wo es ihnen selbst beliebt, so werden sie wissen, was sich heute tut. Von Tag zu Tag wird es ärger. Schweiget nicht! Rettet uns in unserer großen Not und befreiet uns von unserem großen Leiden! Mit Blut schreibe ich, nicht mit Tinte! .... Schwere Lage der Juden in Rußland Schon seit längerer Zeit kommen aus Rußland Nachrichten über die unerträgliche wirtschaftliche Lage der jüdischen. Bevölkerung in der Sowjetunion. Außerdem gewinnt die antisemitische Bewegung trotz der gegenteiligen Bemühungen der Regierung immer mehr an Ausdehnung. Wie die «J. T. A.» meldet, wurde auf Sachalin ein jüdischer Arbeiter von seinen russisch-kommunistischen «Kollegen* derart mißhandelt, daß er irrsinnig geworden ist. In einem Dorfe, Witergi, hat ein Führer der «Kulaken» (reiche Bauern; die Bauernschaft aufgefordert, alle jüdischen Mitbewohner, abzuschlachten. Die Moskauer jüdische Zeitung «Emes» nimmt von derartigen Auswüchsen des Huliganentums ziemlich wenig Notiz. Dafür aber bekämpft sie unermüdlich und unerbittlich die eigenen Volksgenossen, indem sie zum Beispiel scharfe Angriffe gegen den «Ort» und «Agro Joint» richtet. Bekanntlich bemühen sich diese beiden Organisationen, den jüdischen Deklassierten zu helfen. Dem «Efnesv erscheint es als Sünde seitens des «Ort», daß er Produktionsgenossenschaften für Deklassierte gründet, die als einstige Händler aus allen Genossenschaften ausgeschlossen wurden; gegen den «Agro Joint» dagegen richtet diese jüdische Zeitung ihre Angriffe, weil angeblich ein Angestellter des «Agro Joint» in einem Schreiben an ein;en hohen Sowjetfunktionär mitteilte, daß 70 Prozent der jüdischen Heimarbeiter, dank der Ausschließung aus den Produktionsgenossenschaften dem Untergang geweiht wurden. Die Lage der jüdischen Heimarbeiter ist katastrophal. Der Kabinettsbeschluß der Sowjetregierung, wonach die Beamtenschaft verpflichtet ist, jüdischen Heimarbeitern zu helfen, wird vom Handelskommissariat der Sowjetunion sowie von den Moskauer Vertretern der ukrainischen und weißrussischen Republik sabotiert. Die jüdischen Kolonisten in' der Ukraine werden dem Beschluß der Regierungskommissiori für Berufsumschichtung der Juden («Komzet») gemäß in. jlesfpaare in tfchiufken. Sparsame Leute Können jetzt hotfi Wfrfiae v?e<toaore zu s*Hr D!i«t3+*n Preisen bei Schuh-Dora hauten. 'fthuh-jzrom Wien, 2., 3aöorstraße 8 a diesem Jahre keinerlei. Unterstützung bekommen, da die Regierung das «Komzet»-Budget für i930 von sieben auf fünf Millionen Rubel herabgesetzt hat. In den •kleineren Städten Weißrußlands, herrscht unter der jüdischen Bevölkerung1 ein derartiges Elend,. daß nicht allein Händler, sondern auch Arbeiter zum Wanderstab greifen, um sich im Ural, in ' der Krim oder im Biro-Bidschan eine neue Heimat zu gründen. Der Direktor der wirtsSchaftsstatistischen Abteilung vom «Ort» in Rußland, L. Singer, weist in einem Aufsatz nach, daß-nicht weniger als 400.000 Juden in der Ukraine, die vollständig arbeitslos sind, der dringendsten Hilfe bedürfen. Der Massenhinauswurf der «Jüdischen Kulaken» dauert nach wie vor an. Den besser gestellten jüdischen Kolonisten wird, der gute^Boden weggenömmen und schlechter zugeteilt. Nunmehr fordern jüdische Kommunisten, daß die Kulaken vollkommen enteignet und aus den Kolonien vertrieben werden. Diese Bewegung ist besonders stark in den Rayons Odessa, Cherson und Saporosche, wo sich die alten und die neuen I. C. A.-Kolonien befinden. Einen einzigen Lichtstrahl unter diesen traurigen Nachrichten bildet die Mitteilung, wonach tausende Juden, einstige Händler, die als, Rechtlose aus ihren Privatwonnungen, aus den Kooperativen, den Arbeitsgenossenschaften und; den Darlehenskassen ausgeschlossen wurden und zu den Sowjetwahlen kein Wahlrecht hatten, nunmehr alle diese Rechte wiedererhalten. Diesem Beschluß des Präsidiums des Zentral-Exekutivkomitees der Sowjetunion wird große Wichtigkeit beigemessen, weil er die ökonomische Lage der Juden in Sowjetrußländ verbessert und als eine schwere Niederlage der jüdisch-kommunistischen Sektionen, die sich für die vollständige politische und wirtschaftliche Vernichtung aller einstigen jüdischen Händler eingesetzt haben, betrachtet werden kann. Wie die «J. T. A.» meldet, beschloß der «Komzet», im Jahre 1930 2,250.000 Rubel zur Ansiedlung von 1000 jüdischen Familien in Biro- Bidschan zu verwenden. . Nicht uninteressant ist der einstimmige Beschluß der Sowjetkommission für Kalenderreform, der besagt, daß das Sowietjahr zwölf Monate, der Monat sechs Wochen, die Woche fünf Tage zählt. Der Sonntag und der Sabbath werden aus dem Kalender vollkommen eliminiert. Das Sowjetjahr beginnt nicht am 1. Jänner, sondern am 7. November, dem Tage des Ausbruches der bolschewistischen Revolution. Der Kalender beginnt, statt wie bisher mit Christi Geburt, nunmehr mit dem Jahre der bolschewistischen Revolulion 1917. Das Jahr 1931 wird in der Sowjetzeitrechnung als das Jahr 14 figurieren. Nur hebräisch und jiddisch Sprechende dürfen sich zur jüdischen Nationalität bekennen Prag, 6. Februar. (J. T. A.) Der Statistische Staatsrat unterbreitete der Regierung einen Antrag auf Anberaumung der Volkszählung für den 1. Dezember 1930. ln diesem Antrag wird eine Neuerung in bezug auf das Bekenntnis der Nationalität vorgesehen, die, wenn sie von der Regierung angenommen werden sollte, das nationale Selbstbestimmungsrecht der Juden in der Tschechoslowakei, das durch die Verfassung gewährleistet wird, illusorisch macht. Die beantragte Verordnung sieht vor, daß die Nationalität bei jedem Einwohner nach der Sprache eingetragen wird, die er am vollkommendsten beherrscht. Als jüdische Sprachen werden Hebräisch und Jiddisch angesehen. Das bedeutet, daß Personen mit anderer Muttersprache sich *ur jüdischen Nationalität nicht bekennen dürfen. Palästina-Orangen In Aroma und Geschmack vorzüglich 15 (früher 14), 18 (17), 23 (22), 27 (26) Stück je nach Größe und Vorrat zum Preise ven S 7.'«0 Kisten mit 50, 60, 75 oder 90 Stück zum Preise von S 23.—. Bestellungen — auch ins Haus in Originalpackung zustellbar — nimmt entgegen Firma S. HALPERN Dclikalessenwarenhanölung £ Wien, .11,, Förstergasse 6 Telephon-Nr. R-40-4-12 Nach der beantragten Verordnung hat der Volkszählungskommissär das Recht, Aenderungen in den Angaben über die Nationalität vorzunehmen. Wiewohl auch die Rede davon ist, daß auf die Angabe des nationalen Bekenntnisses und der Konfession kein Druck ausgeübt werden kann, ist es klar, daß diese Bestimmung Mißbräuchen weiten Spielraum gibt, ln jüdischen politischen Kreisen glaubt man, daß der Antrag ln dieser Form von der Regierung nicht angenommen wird. Es wird in der tschechischen Presse auch darauf hjngewiesen, daß eine Einschränkung des jüdischen Nationalitätsbekenntnisses in dieser Art eine politisch unerwünschte Stärkung des deutschen Bekenntnisses zur Folge haben würde. Die große polnische Rabbi- und Rabbiner-Konferenz In Warschau wurde eine Konferenz der jüdischen religiösen Führer aus ganz Polen abgehaiten, der die weltberühmten CHassidim-Rabbis, wie «Gerer Rebbe», «Alexander Rebbe», «Beizer Rebbe», sowie zahlreiche Rabbiner beiwohnten. Die Versammlung wurde geleitet von dem berühmten «Chofez Chajim». Eine Abordnung der Konferenz, bestehend aus dem «Chofez Chajim», dem «Gerer Rebbe», «Beizer Rebbe» und «Alexandrer Rebbe», Senator Mendelssohn (Agudah) und dein «Nassi» des galizischen «Kolel», David Schreiber (Agudah) aus Boryslaw, begab sich zum Minister des Innern, Juzefski. Der Minister begrüßte die Mitglieder der Delegation und empfing den Segen des Chofez Chajim, der wegen seines höhen Alters von seinem Enkel Rabbi Eiieser Kaplan gestützt werden mußte. Die Rabbiner ersuchten den Minister um Aufhebung der Zwangssonntagsrühe, die so schwer die jüdische Bevölkerung bedrückt, die gezwungen ist,.zwei Tage der Woche zu feiern. Minister Juzefski erklärte,, er werde sich bemühen, die Forderungen und Wünsche - der Rabbinerkonferen? zu erfüllen. . . . Später begab sich die Konferenz zum Kultusmini-. ster Czerwinski und übermittelte ihm.die Förderungen der Konferenz hinsichtlich einer Regelung der Rabbineranstellung, der Bildung eines religiösen Oberrates, des Inkrafttretens des neuen Gemeindegesetzes, der Qualifikation für Lehrer an den religiösen Schulen u. a. m. Der greise Chofez Chajim sprach davon, daß er in dem für Polen unglücklichen Jahre 1863 mit großem. Schmerze der Peinigung der unterlegenen Polen durch die Russen beiwohnen mußte; .jetzt danke er dem Schöpfer, daß er Polen aus den Händen der zaristischen Unterdrückung befreit hat. Die übrigen Mitglieder der Delegation brachten weitere einschneidende. Fragen der jüdischen Religion zur Sprache. Minister Czerwinski erklärte, er werde sich nach Kräften bemühen, die Wünsche der Rabbinerkonferenz zu erfüllen. Ueber die Konferenz selbst ist zu berichten: Der Schwerpunkt der Arbeiten war in die Kommissionen verlegt. Es wurden Beschlüsse, betreffend die Neuverordnung über Anstellung von Rabbinern, den für Rabbineranwärter geforderten Zensus an allgemeiner Bildung — wobei die Rabbiner nur die Forderung nach Beherrschung der polnischen Sprache in Wort und Schrift konzedieren wollen — gefaßt. Die Versammlung sprach sich einstimmig gegen den Plan aus, eine Kommission von 25 Rabbinern einzusetzen, die allein das Recht haben soll, «Smichah» (Rabbiner-Zeugnis) zu erteilen; es müsse das Prinzip bestehen bleiben, daß das Kultusministerium sich in innere Angelegenheiten der Rabbinate nicht einzumischen habe. Das neue Gemeindegesetz müsse so gestaltet werden, daß eine Schmälerung des religiösen Charakters nicht Platz greife. Das in einigen Monaten in Kraft tretende Gesetz, wonach die «Melamdim» (Leiter und Lehrer der «Chedarim») und die Lehrer an den Talinud-Thora-Schulen über ein bestimmtes Maß allgemeiner Bildung verfügen müssen, wurde als unberechtigt und schädigend bezeichnet; es wurde darauf hingewiesen, daß bei Inkrafttreten des Gesetzes eine sehr große Zahl jüdischer religiöser Lehrer brotlos würde und zahlreiche Chedarim wegen Lehrermangels schließen müßten. Einstimmig wurde beschlossen, einen religiösen Oberrat für ganz Polen zu gründen, in dem alle Richtungen vertreten sein sollen. (J. T. A.) lS®®H®HSH®@®®E®®®®SE An unsere Abonnenten! Wir ersuchen unsere Abonnenten, aut die letzthin ausgeschickten Mahn-Erlagssoheine «u reagieren. Die Administration.