Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 113 (13.2.1930)
- Date
- 1930-02-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nf. 118 DIE STIMME Sette 3 Johann Hrancnezku - nun 80. OdHinstoü Der Nationalfonds-Pionier Von Dr. E. M. Zweig, Jerusalem Der magische Glanz, der von Herzls Persönlichkeit ausstrahlt, ließ jene Männer, die sich ihm als erste für den Dienst am Volk bereitgestellt hatten, in den Schatten zurücktreten. Das ist eine Härte, eine Unbilligkeit der Geschichte. Schon sind diese Männer aus dem Kreis der Lebenden geschieden. Nur einer ragt noch in unsere Zeit: Johann Kremenezky in Wien, welcher am 15. Februar das Patriarchenalter der Achtzig erreicht. Durch die huldigende Verehrung für ihn kann das zionistische Geschlecht von heute ein wenig die versäumte Pflicht der Pietät nachholen. Und wahrlich, Kremenezky verdient das um seiner felsenfesten Treue zum Zionsideal, das ihm als Vermächtnis des verklärten Freundes und Führers Herzl doppelt teuer war, und nicht zuletzt um der praktischen Verdienste willen, welche er sich um die Zionistische Organisation und vor allem um den Jüdischen Nationalfonds erworben hat. Sein Wissens- und Schaffensdrang hatte Kremenezky schon in frühen Jahren aus Rußland nach den Bildungsstätten des Westens geführt, bis er sich in Wien als Fachmann für Elektrotechnik und Fabrikant niederließ. Bald gelang es ihm hier, dank seiner Tüchtigkeit und seines untadligen Charakters, eine angesehene gesellschaftliche und kaufmännische Stellung zu erringen. Doch gab er darum nicht, wie so viele andere Selfmademen, die jüdischen Ideale seiner Jugend preis. Sofort bekannte er sich zu Herzl, als dieser sein Panier erhob. In Herzls Tagebuch steht unter dem 23. August 1896 jenes erste Gespräch mit Kremenezky vermerkt, wo dieser schon das Ehrenzeugnis erhält: «Er ist ein guter Zionist mit modernen Ideen», und wo gleich drei solche Ideen erwähnt werden. Es scheint nicht überflüssig, sie hier zu wiederholen, damit man weiß, wes Geistes dieser Mann ist und wie weit die Anregungen zu Unserem Aufbauwerk in Erez zurückreichen. Kremenezky riet damals Herzl, große chemische Industrien am Toten Meer zu schaffen — die Palestine Potash Ltd. führt das heute aus — ferner einen nationalen Verein zur Aufforstung des Landes zu gründen — hiermit wird eines der volkstümlichsten Arbeitsgebiete des KKL umschrieben — und schließlich zwecks Gewinnung starker Triebkraft, einen Kanal vom Mittelländischen zum Toten Meer anzulegen — ein kühnes Unternehmen, an das sich vielleicht noch die Palestine Electric Co. oder sonst wer heranwagen wird. Seit diesem denkwürdigen Gespräch wich Kremenezky nicht mehr von Herzls Seite, der ihn als einen seiner Getreuen, als einen Freund rühmt, auf den man sich stützen kann, den er bei allen wirtschaftlichen Plänen und bei vielen politischen Schritten zu Rate zog und dem er so manche hochdiskrete Mission anvertraute. Doch Kremenezkys zionistischer Arbeitseifer begnügte sich nicht mit der Stellung eines helfenden Beraters. Er wählte sich eine Spezialaufgabe, der er zeitlebens mit nie erlahmender Liebe gewidmet blieb, den Jüdischen Nationalfonds. Wohl war es Professor Schapira, der diese Idee zuerst formuliert hatte und sie dann als Vorschlag vor den ersten Zionistenkongreß brachte. Ja, der Kongreß hatte dem Vorschlag prinzipiell zugestimmt, doch damit schien er erst recht in tiefen Schlaf versenkt. Es ist nun Kremenezkys Großtat, daß er es verstand, diesen Plan zum Leben zu erwecken und in keimende Wirklichkeit zu gestalten. Groß waren die Widerstände, die er dabei zu überwinden hatte, und — dies verdient betont zu werden — nicht zuletzt bei Herzl selbst. Denn diesem Feuergeist kam es vor allem darauf an, die Zionistische Bank zu begründen und in ihr das Instrument für die öffentlich-rechtliche Sicherung des neuen Gemeinwesens zu schaffen. Daran gemessen, mußte ihm der Nationalfonds mit seinen auf lange Sicht gestellten Zielen als ein Ding erscheinen, das warten kann. Anders Kremenezky. Er hatte in seiner bedachten kaufmännischen Art den grundlegenden Wert der langsamen, doch planmäßig äufbauenden Arbeit eines Volksschatzes und Bodenfonds erkannt und drängte unaufhörlich, damit einen Anfang zu machen. Es war ein zähes Ringen mit Herzl, welcher die von Kremenezky ausgearbeiteten Detailpläne, wie denn die Mittel für den «Nationalfonds» aufzubringen seien, immer wieder beiseite schob. Als sich das in der Sitzung des zionistischen Aktionskomitees, welche die Tagesordnung für den V. Kongreß beschließen sollte, zu wiederholen drohte, konnte Kremenezky seines bitteren Unmutes nicht mehr Herr werden. Er brach in Tränen aus. Da, durch den Schmerz des aufrechten Mannes, des treuen Freundes fühlte sich Herzl überwunden. Kremenezky konnte nun endlich vor dem Kongreß zu Basel sein Nationalfondsreferat halten und Herzl warf seine ganze Autorität in die Wagschale, um gegen alle Anfechtungen den denkwürdigen Gründungsbeschluß vom Dezember 1901 durchzusetzen. Die zweite Tat Kremenezkys war es dann, daß er die junge Gründung unter seine persönliche Obhut nahm. Als einer ihrer Direktoren richtete er in Wien deren Zentralverwaltung ein, die beispielgebend werden sollte für die Sammelarbeit in allen Siedlungen der Judenheit. Die Aufgabe war schwer genug. Es galt, da die Hilfe der Reichen versagt hatte, die jüdischen Massen zu mobilisieren und sie zum öpferwillen für die Volksgemeinschaft und die Erlösung des Väterbodens zu erziehen, und es galt zugleich, die Ehrlichkeit dieser Finanzverwaltung wider hämische Zweifel Uebelwollender einwandfrei zu erweisen. Für jedes Land wurde dessen kleinste Münze als Spendeeinheit festgesetzt und als Quittung hiefür wurden jene ersten Nationalfondsmarken, mit dem Davidsschild im blauen Feld, ausgegeben. Doch vom Erhabenen zum Lächerlichen ist nur ein Schritt. Wie leicht fiel es, die Zionisten, welche einen Judenstaat wollten und für ihn Kreuzer und Pfennige sammelten, zu verhöhnen! Da trat Kremenezky in die Bresche. Er, der Großkaufmann, der Notable, ging hinaus unter seine Bekannten, Juden und auch Christen und streckte allwöchentlich bittend und fordernd seine Hand aus OFFIZIELLE VERKAUFSSTELLE Knoll u. ßiidtcr lMSlnbenrlna Nr. 20 TELEPHON: R 29-2-36, R 290-68 EINTAUSCH GEBRAUCHTER WAGEN GEGfcN FABRIKSNEUE STEYR um üpfergaben für den Volksschatz. So war das Eis gebrochen. Damals erstand, überall und von Monat zu Monat wachsend, jenes Heer freiwilliger Sammler und opferfreudiger Spender. Nun ging Kremenezky in stiller, unermüdlicher Arbeit Schritt für Schritt weiter und vorwärts. Er führte neue, von ihm erdachte Sammelmittel ein, welche schon größere Gaben heischten: das Telegrammblankett, die Büchse, die Selbstbesteuerung und schließlich das Goldene Buch. Alle diese Einzelspenden, mochten sie noch so klein sein, ließ Kremenezky in sorgsam geordneten Ausweisen der «Welt» verlautbaren. Einen Großteil der Kosten aber, welche mit dieser mühsamen und komplizierten Gebarung verbunden waren, nahm er auf sich, um dem Vorwurf der Verschwendung vorzubeugen und das öffentliche Vertrauen rascher zu gewinnen. Als Ende 1907 der Setzling unseres Nationalfonds aus der Wiener Baumschule nach Köln überpflanzt wurde, da war sein unhemmbares Wachstum endgültig gesichert. So hat Kremenezky den festen Grund zu jener unerschütterlichen Popularität des Nationalfonds gelegt, welche die schwersten Krisen der folgenden Jahrzehnte zu meistern vermocht hat. Kremenezkys zionistisches Lebenswerk war hiermit noch lange nicht abgeschlossen. Er blieb der Mann der Initiative. Im Bewußtsein der Pflicht, die ihm sein Wohlstand auferlegte, investierte er persönlich durch Bodenkauf und durch die — noch von Herzl approbierte — Anlage einer Sandziegelfabrik bei Tel-Aviv große Summen in Erez Israel. Und erst jüngst half er durch Beitritt zum Pro- Paiästina-Komitee in Wien das politische Rückgrat unserer Bestrebungen stärken. Ueber alldem aber wurde er niemals an der Ueberzeugung irre, daß die Sicherung des nationalen Bodens durch den KKL die erste und größte Aufgabe der Zionisten und aller Palästinafreunde ist und bleibt. Darum wird sich zum Jubiläum des Nationalfonds-Pioniers Johann Kremenezky aus allen Teilen der jüdischen Welt eine unabsehbare Gemeinde in dankbarer Huldigung vereinen. VILLA SEVIGNE, Lausanne, Schweiz Israelitisches Mädchen-Pensionat Erstklassige Referenzen Prospekte durch die Vorsteherinnen: Mmes. M. und B. BLOCH Kremenezky und der KKL. Von Adolf Böhm. Während wir heute den Keren Kajemeth als eine selbstverständliche und unentbehrliche Einrichtung an*- sehen, hatte man in der ersten zionistischen Aera sehr wenig Verständnis für ihn gehabt. Die Anregung von Prof. Schapira war zwar scnon am ersten Kongiuo erfolgt, aber es dauerte bis zum 5. Kongreß, also volle viereinhalb Jahre, bis das Statut des KKL. endgültig beschlossen wurde. Auf diesem wurde das das Kremenezky eingebracht hatte, verlesen und aut Grund dessen nach einer langen Debatte, die sich fast ausschließlich um juristische Fragen sowie um das Verhältnis von Natlonalfonds und Bank drehte, der Nationalfonds ins Leben gerufen. So ist Kremenezky quasi der Vater des KKL, und er wurde auch mit seiner Leitung betraut. Am sechsten Kongreß hatte er zum ersten Male das KKL-Referat. Schon damals erklärte er die Aufbringung von 12 Millionen Francs für de« KKL, das sind zirka 500.000 Pfund, für möglich, indes in diesem ersten Jahre bloß zirka 19.000 Pfund eingegangen waren. Der Referent hätte unter solchen Umständen als Phantast bezeichnet werden können, und doch hatte er recht gehabt. Denn nach dem Kriege hatte der KKL — neben dem KH, der zur alten Zelt noch nicht bestand und der jetzt zirka 450.000 Pfund im Jahr einnimmt — Jahreseingänge von 250.000 bis 300.000 Pfund, und Ussischkin verlangt bereits eine Million Pfund pro Jahr. Bis zum Jahre 19Ö6 blieb die Hauptleitung des KKL in Wien unter Kremenezky und damals wurden die organisatorischen Einrichtungen und die Sammelmittei geschaffen, die mit wenig Neuerungen bis zum heutigen Tag sich erhalten haben. Unermüdlich war Kremenezky bestrebt, die Aufmerksamkeit der jüdischen Welt auf den KKL zu lenken, was besonders in einer Zeit starker Erschütterungen der Bewegung (Ugandafrage, Herzls Tod) und des einseitig politisch gerichteten Interesses eine schwere und undankbare Aufgabe war. Allein es gelang Kremenezky, den «Jüdischen Nationalfortds» im Bewußtsein der Zionisten tief zu verankern, so daß, als 1906 der KKL mit dem Engeren Aktionskomitee nach Köln übersiedeln mußte, sein Nachfolger Int Vorsitz des Direktoriums, Dr. Bodenheimer, an den weitere« Ausbau der Organisation schreiten konnte. Noch viele Jahre, bis 1921, blieb Kremenezky Mitglied des Direktoriums, aber ob er in offizieller' Eigenschaft für den KKL wirkte oder nicht, für jeden Zionisten war und ist er «der Mann des KKL». Denn im Volke fühlt man immer, daß der Repräsentant einer Idee nicht der «Fachmann» ist (in diesem Falle etwa der Jurist oder Soziologe), sondern derjenige, der sie aus dem Schweben im Bereich des Gedanklichen gezogen und ihr Körper und Leben verliehen hat. Diese «Hitgaschmuth» (Verwirklichung) der Keren Kajemeth- Idee ist die große Tat Kremenezkys. Diese Kraft der Realisierung hat Kremenezky auch in anderer Weise (abgesehen von seinen bedeutenden beruflichen Leistungen) im Zionismus bewiesen. Als Palästina für die zionistischen Politiker noch bloß ein Programmbegriff war, hat er dort schon als einer der ersten Mittel investiert, oder, wie der schönere hebräische Ausdruck «schakoa» sagt: versenkt. Er besaß schon zu Herzls Zeiten Orangengärten in Palästina, war nach dem Krieg an der Gründung der Zementfabrik u. a. hervorragend beteiligt, hatte 1910 durch eine KKL- Spende den Oppenheimerschen Versuch ermöglicht u. a. m. Wie viele hundert Zionisten, die ihr Streben mit Erez Israel in Berührung brachte, er gefördert hat, ist wohl unzählbar. Der nie müde Helfer, der stets treue Eckart der Idee, der Mann des Vertrauens und der Liebe aller Zionisten, das war unser Jubilar von allem Anfang an und das wird er auch bleiben. Kremenezky — der idealistische Realist Von Dr. Chaim Tartakower Kremenezkys Zionismus ist ein Ausfluß seines realistischen Wesens uncl seiner Geradheit. Das jüdische Volk ist eines, das keinen Boden unter seinen Füßen hat, folglich muß es sein Land wiedererlangen. Aber der Realist blieb nicht dabei stehen. Er verstand sofort, daß «Boden unter den Füßen» wirklichen, realen Boden voraussetze. Und kaum hatte er diese Erkenntnis gewonnen, so war er auch schon mit allen Fasern, seines Wesens dabei, den Gedanken zu verwirklichen. Der Keren Kajemeth wurde so zum Mittelpunkt seiner zionistischen Arbeit. Vorerst freilich mußte er den Boden für die Schaffung einer Institution vorbereiten. Es galt hier riesige Hindernisse zu überwinden, mußte doch auch Herz! selbst hiefür gewonnen werden. War Herzl gewonnen, so war auch schon der Keren Kajemeth — die Institution — da. £