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Die Stimme · 1930-02-06 · Heft 112 (6.2.1930) · page 7

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 112 (6.2.1930)
Date
1930-02-06
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 112 DIE STIMME Seite 7 Zum Geleit Es ist eine schwere Zeit, in der der jüdische Hochschüler in Oesterreich seine Stimme erhebt. Krisenhafte Zustände lassen die zionistische Weitorganisation erschüttern. Eine Fülle schwerwiegender Probleme drängt zur Entscheidung, für deren Lösung nicht nur ungenügende Mittel an Mensch und Gut, sondern auch und vor allem unzulängliche gedankliche Vorbereitung und daher mangelhafte Orientierung vorhanden ist. Noch immer glaubt der landläufige Zionismus, mit dem aus vergangenem Erfahrungsmaterial herausdestillierten Gedankeninhalt sein Auslangen zu finden, ohne das inzwischen angeschwollene Erfahrungsmaterial zu berücksichtigen. Alte Denkformen und veraltete Problemstellungen behaupten noch immer das zionistische Feld. Demgegenüber gilt es, die Stimme zu erheben. Eine Besinnung über die Grundfragen des jüdischen und zionistischen Lebens tut not; eine Verarbeitung des ins Ungeheure angewachsenen Erfahrungsmaterials ist dringendes Gebot der Stunde; eine Befreiung von der «Herrschaft des Wortes» und Versachlichung des Denkens mit der damit Hand in Hand gehenden Erkenntnis vom Walten der Notwendigkeit ist unumgängliches Bedürfnis des zionistischen Lebens der Gegenwart. Daß dies der jüdischen Oeffentlichkeit klar werde, wird der «Stimme des Hochschülers» redliches Bemühen sein, daß das oben Gezeichnete durchdringe, ihre Aufgabe, Daneben wird «Die Stimme des Hochschlllers» die in den engeren Kreis des Studentenlebens fallenden Belange nicht vernachlässigen, und sich bemühen, dem jüdischen Hochschüler seine Aufgaben und die persönlichen Voraussetzungen ihrer Erfüllung ständig vor Augen zu führen. Beide Hauptaufgaben der «Stimme des Hochschülers»: Versachlichung des Denkens und Erziehung zur Führerstellung münden ineinander. Möge «Die Stimme des Hochschülers» bei allen, die des redlichen Willens sind, ein offenes Ohr finden, und möge ihr das Glück beschieden sein, verwandte Stimmen auszulösen und zu einem starken Chor zu vereinigen, zum Wohle unseres Volkes und für seine bessere Zukunft. Führen und Folgen Von Dr. Leo Koppel , Zeigt das politische Barometer einen Sturm an, so Erschallt in England das Losungswort: «Männer, nichtMaßnahmenl» Der gesunde politische Sinn ■des englischen Volkes verlangt in Zeiten der Gefahr nicht primär nach Ratschlägen, welche Maßnahmen zur Abwehr derselben getroffen und wie sie ins Werk gesetzt werden sollen, sondern nach geeigneten Männern, •nach Führern, denen man sich bewußt unterordnen will, und die erst die nötigen Maßnahmen treffen Und Ins Werk setzen sollen. Was das englische Volk vor allem wünscht und wonach es vor allem verlangt, ist F ü h r u n g, was es bietet ist bewußte, willige Gefolgschaft. Die Geschichte lehrt, daß diesem Rufe des englischen Volkes nach geeigneter Führung stets entsprochen wurde; England hatte immer geeignete Männer zur Stelle. Warum? Hauptsächlich verdankt es England dem Umstande, daß dem Rufe nach Führung, ja, nach automatischer Führung, dis durch konkludente Handlungen geäußerte Versicherung folgt: wir werden uns willig unterordnen, wir werden uns führen lassen, weil wir an euch glauben, an euren guten Willen und an eure Fähigkeiten. Dem Führer wird freier Spielraum gelassen für selbständige Initiative und freie Bahn zur Entfaltung seiner Fähigkeiten, Das Volk folgt im Glauben an den Führer, willig und ohne Murren, weil zum eigenen Heil. Diese — der Natur der Dinge entsprechende — Grundverfassung alles gesellschaftlichen Lebens von Führerschaft und Gefolgschaft ist es, die in England am besten ausgebildet und am meisten bewußt gehandhabt, aus diesem Lande d a s machen konnte, was es ist, nämlich die hohe Schule der Politik und der politischen Weisheit. Sollen wir, Partner de« englischen Volkes beim Aufbau Palästinas zu einem Erez Israel, diese Hochschule nicht besuchen, sollen wir — durch den Erfolg dieses Verhaltens des englischen Volkes belehrt — nicht auch selbst ein ähnliches Verhalten an den Tag legen? Tut doch solch’ eine Lehre uns dringend not, weil wir über die Grundverfassung von Führerschaft und Gefolgschaft eine verkehrte Ansicht haben und demnach auch ein verkehrtes Verhalten zeitigen. Auch wir rufen nach Führern, wir vergessen aber, hinzuzufUgen, und durch unser Verhalten zu bekräftigen: «wir wollen und werden uns freiwillig u n te r o r d n e n». Unterordnen aber heißt: dem Führer folgen, ihn als Autorität anerkennen und als solche respektieren, seinen Willen zum Motiv des eigenen Verhaltens nehmen. Denn Führerschaft und Autorität fallen notwendig zusammen. Führerschaft ohne Autorität ist ein Widerspruch in sich selbst, ein «hölzernes Eisen». Wir rufen unseren Führern zu: «Kommt her und machet unsere Sache zu der euren, wollen sehen, was ihr zu vollbringen imstande seid. Wir, jüdisches Volk, beobachten, ja, mißtrauisch beobachten wir euer Tun. Robot! Umsonst heißt du unser Führer nicht, umsonst hast du den Kowed nicht.» Und wenn der jüdische Führer endlich zur Strecke gebracht wird, dann erhallt der Ruf nach neuen Führern. Wer stellt sich aber ein und wer muß sich auch unter diesen Umständen mit Notwendigkeit einstellen? Im großen Maße der T yp u s, den man als «robuste Mittelmäßigkeit» zu bezeichnen pflegt. Dem verhängnisvollen Irrwahn, als sei Führer tum ein ins Große projiziertes «Schamestum», muß mit allen Nachdruck entgegengetreten werden. Es muß der wahre Zustand der Dinge klargelegt und — was das Wichtigste ist — hergestellt werden. Dies um so mehr, als wir uns in Zeiten großer Gefahr und sohwerer Nöte befinden, die eine erhöhte Schlagkraft und Zusammenfassung wie Entfaltung aller vorhandenen Energien erfordern. Nur eine geeignete Führerschaft und eine ihr vertrauende, willige Gefolgschaft kann den lauernden Gefahren mit Erfolg die Stirne bieten. Man werde doch einmal der ganzen Tragweite der sich hier ergebenden Probleme inne, man bedenke, daß nur das Führertum das sozialtechnische Mittel der Verständigung der Menschen und Massen untereinander ist, daß nur durch das Medium des Führers die Menschen sich zu einem gemeinsamen Werke zusammenfinden, und dann wird man sich der Bedeutung eines gesunden Verhältnisses von Führertum und Gefolgschaft für die zionistische Organisation bewußt werden. Hier liegt der Kern der Zerfahrenheit der zionistischen Organisation, hier die Wurzel ihrer Krise. Hier ist daher auch der Hebel einzusetzen, soll die Krise der zionistischen Organisation überwunden werden. «Männer, nicht Maßnahmen», muß unsere Parole in der Gegenwart lauten. Die Organisation der jüdischen Studentenschaft Im allen Ländern, sowohl in den europäischen als auch in den außereuropäischen, sind die jüdischen Studenten in gemeinsamen Verbänden organisiert, wobei die Art der Organisation verschieden gestaltet ist. Wenn wir zunächst die europäischen Länder in Betracht ziehen, so ist an denjenigen Hochschulen, an welchen eine verhältnismäßig große Anzahl jüdischer Studenten vorhanden ist, die Organisation derart aufgebaut, daß zunächst die einzelnen Fakultäten eine eigene Fachorganisation besitzen und die Fachorganisationen erst eine gemeinsame Leitung wählen (so z. B. in Oesterreich und Polen), In anderen Ländern wieder gruppieren sich die Studenten der verschiedenen Fakultäten in einer gemeinsamen Organisation. Zu einer Einigung sämtlicher Studentenverbände ist es im Jahre 1924 gekommen. Ueber Anregung der Wiener jüdischen Studentenschaft wurde ein Kongreß sämtlicher, auf nationaler Grundlage stehender europäischer, wie außereuropäischer Studentenschaften naoh Antwerpen eimberufen und der «Weltverband der Jüdischen Studentenschaft» gegründet, auf den wir noch später zu sprechen kommen werden. Die Trennung der national gesinnten jüdischen Studenten von den anderen ist eine ziemlich scharfe. In keinem Lande der Welt, wo nationale und assimilatorische Organisationen nebeneinander bestehen, kann eine Mitarbeit beider Gruppen stattfinden, aiich dann nicht, wenn es sich um gemeinsame Interessen handelt. Erfreulioh ist wohl die Tatsache, daß die überwiegende Mehrheit der jüdischen Hochschüler in nationalen Verbänden organisiert ist. Während im Oesterreich die Leitung sämtlicher studentischer Angelegenheiten in den Händen des von den Delegierten der einzelnen Fachvereime und der zionistisch organisierten Studentenschaft gewählten jüdischen Hochsehulausschusses liegt, wird die Wahl der obersten Körperschaft in der größten alter jüdischen Studentenorganisat'ionen direkt vorgenommen. Die jüdische Studentenschaft Polens hat vier lokale Hauptgruppen, in Lemberg, Warschau, Krakau und Wilna. Erst die von diesen vier Gruppen in direkter Wahl hervorgeangenen Delegierten wählen ein für ganz Polen bestimmtes Zentralkomitee mit dem Sitze in Warschau. In Deutschland (Berlin) besteht neben dem Kartell jüdischer Verbindungen, der Verband der jüdischen Studenten, welche beide Unterorgarisationen in allen Hochschulstädten haben und auf nationaler Grundlage stehen, im Gegensatz zu dem leider nicht sehr schwachen Z. V. In den Vereinigten Staaten bestehen -nebeneinander zwei jüdische Studentenorganisationen, von denen die eine (Awu-kah) rein zionistische Tendenzen verfolgt. Was nun die Tätigkeit der einzelnen Verbände betrifft, so ist leider in der Nachkriegszeit das Hauptgewicht auf das wirtschaftliche Gebiet gelegt worden, was sich wohl aus der Not und den elenden wirtschaftlichen Verhältnissen, speziell unter den Juden Europas, leicht erklären läßt. Bedenkt man, daß die Studentenschaft sich nicht nur darum kümmern muß, wie man den Kollegen für Inskriptionen, Prüfungstaxen etc. Geld verschafft, wie man ihnen billiges Essen versorgt, sondern auch in sehr vielen Fällen für die Unterkunft der Studenten zu sorgen (in Polen hat jede Universitätsstadt ein jüdisches Studentenhaus, das jüngste ist erst kürzlich allen modernsten Anforderungen entsprechend j in Warschau eröffnet worden), so wird man vielleicht verstehen, wenn auch keinesfalls entschuldigen, daß sie in diesem Rahmen den anderen Anforderungen nicht ganz gerecht werden konnte. Das K. J. V. in Deutschland ist die einzige Organisation, die in der Lage war, für rein organisatorische Zwecke unter Ausschaltung jeder wirtschaftlichen Arbeit einen Betrag von 25.000 Mark jährlich auszuwerfen. Während nun leider die Tätigkeit der Studentenorganisationen zu einem großen Teile auf wirtschaftliche Arbeit beschränkt ist, hat der Weltverband der jüdischen Studentenschaft ganz andere Ziele. Der «Weltverband», in dem nebst den europäischen Ländern die jüdischen Studenten Palästinas, Südafrikas und Amerikas organisiert sind, ist vor allem die überstaatliche Organisation der jüdischen Studentenschaft und nebst den anderen internationalen Studentenorganisationen als gleichberechtigtes Mitglied vom Völkerbund anerkannt. In der Kommission für geistige Zusammenarbeit ist er durch seinen ständig in Genf wohnenden Sekretär vertreten. Weiters übt der Weltverband eine einigende Funktion zwischen den Studentenschaften der einzelnen Länder aus. Die anderen Aufgaben beziehen sich auf die Regelung der Wanderbewegung der jüdischen Studenten, auf Herausgabe von Bulletins und von Zeitschriften, auf die Organisierung des Kampfes gegen den Numerus clausus und auf national-kulturelle Erziehungsarbeit. Eine nicht minder wichtige Aufgabe des Weltverbandes Ist es, durch Sammeln von Büchern füT die jüdische Nationalbi-bliothek und durch den Bau eines jüdischen Studentenheimes am Skopusberg — die Grundlagen dafür zu schaffen, daß die hebräische Universität zu einer allgemein zugänglichen Lehr- und Lernanstalf und zürn Zentrum jüdischer Wissenschaft werde. P. 70 Semester — J. A. V. «Veritas», Brünn. Am 25. und 26. v. M. feierte die J. A. V. «Veritas», Brünn, ihr 70semestriges Stiftungsfest, welches sowohl etn gesellschaftliches als auch zionistisches Ereignis war. Am ersten Tage fand ein Ball statt, welcher die zionistische Gesellschaft Brünns vereinigte. Am zweiten Tage wurde ein Massenmeeting abgehalten, bei dem der zionistische Abgeordnete Dr. Reiß (Preßburg) über die Tätigkeit und Aufgaben der zionistischen Abgeordneten im tschechischen Parlamente berichtete. Nach ihm sprach Kareski, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Berlin, sodann hielt Oberbaurat Stricker eine Rede, in welcher er, anknüpfend an die Gründung der J. A. V. «Veritas», die Geschichte des Zionismus in .-Mähren und seine weiteren Aufgaben behandelte. Am Abend desselben Tages fand ein Festkommers statt, bei dem unter anderem zahlreiche auswärtige Gäste begrüßt werden konnten. Aus Oesterreich waren Vertreter A. V. «Kadimah», J. A. V. «Unitas», J. A. V. «Ivria», A. V. «Libanonia», j. A. V. «Emunah» und der J. A. V. «Charitas», Graz, erschienen. «Hastudent be Universita Halwrith.»; (Eine Zeitschrift der Hochschüler der Jerusalemer Universität.) In dem Geleitwort lesen wir: Dieses Heft ist das erste, welches von der Verbindung EI-AI herausgegeben wurde und überhaupt die erste Hochschülerzeitschrift, welche von den Jerusalemer Studenten herausgegeben wurde. Sie soll die jüdischen Hochschüler in Jerusalem aus ihrer Lethargie wecken, diejenigen Hochschüler, welche seit der Gründung der Universität nichts Praktisches für ihre Entwicklung geleistet haben, im Sinne der Bedürfnisse der jüdischen studierenden Jugend. Es soll unseren Kollegen im Ausland ein richtiger Begriff über die Lage und über die Ziele der Jerusalemer Studenten gegeben werden, und wir glauben auch, daß es mit vereinten Kräften der Studenten im Lande und in der Galuth uns gelingen wird, die vielen Hindernisse zu beheben, welche der Entwicklung der Hebräischen Universität im Wege stehen. «Hastudent» enthält folgende Beiträge: «Die Hochschüler in der hebräischen Universität»; eine reichhaltige Rubrik «Der Zukunft entgegen»; Whiter the Univerr sity (eine Antwort an Norman Bentwich) und Notizen. Die medizinische Fakultät der deutschen Universität ln Prag hat beschlossen, im Jahre 1930 ausländische Studenten nicht neu zuzulassen. Diese Maßnahme trifft besonders jüdische Studenten aus den Ostländern, die ln den letzten Jahren in großer Anzahl die Prager Universität besuchten. Jehoschuah Bierer, ein in Wien lebender jüdischer Student, der längere Zelt als Chaluz in Palästina tätig war, überreichte als seine Promotionsapbeit dem Prof. Graf Degenfeld-Schönborn eine Dissertation über «Die palästinensische Arbeitergesellscha-ft — Chewrath Ovdini» (Versuch einer deskriptiven und kritischen Betrachtung einer neuen soziologischen Erscheinungsform), Der Verfasser hielt auch an der Universität einen Vortrag über dieses Thema, welcher -großes Interesse erweckte. Wie wir erfahren, soll diese Dissertation -demnächst in Buchform erscheinen. Verein zionistischer Hochschüler Z. P. Chajes. Samstag, den 8. Februar, um Uhr abends, Vortrag Daniel Perski (New York): «Die juden in Amerika.» Montag, den 10. Februar, um Vzü Uhr abends, Diskussion in der «Hebräischen Arbeitsgemeinschaft» über die «Grundlagen der Zionistischen Bewegung». Beide Veranstaltungen finden im Vereinsheim, 11., Untere Augartenstraße 35, 2. Stock, statt Gäste willkommen! Vereinigung zioniftifch-fozialiftifchcr Studenten. Montag, den io. Februar, 8 Uhr abends, fpricht Dr. Leo Goldhammer über „Anteil der Juden an der Kapicalsbildung“ im Heime des Blau-Weiß, Wien, IX., Währingerftraße 15AV. Gälte willkommen. Das Achaü Haara-Stipendium der Hebräischen Universität Aan 28. Jänner, dem dritten Jahrestage <les Todes Achad Haams, gelangte zum ersten Male das von Freunden und Verehrern Achad Haams auf seinen Namen gestiftete Stipendium zur Förderung philosophischer Forschungsarbeit zur Verteilung. Der Empfänger des Stipendiums ist Achad Haams Sohn Scloma Ginsberg. Das Stipendium wurde ihm zwecks Ermöglichung eines Aufenthaltes a-n der Londoner Universität, wo er Forschungsarbeiten auf dem Gebiete der Ethik durcMühie-n wÜL zueDkanot,

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