Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1930-02-06 · Heft 112 (6.2.1930) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 112 (6.2.1930)
Date
1930-02-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3053752-3053859-3053865--1532-3056891
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

8 entity mentions

Nr. 112 OIE STIMME Seite 5 Ein meisterhafter Halevi- Uebersetzer Zum Ableben Franz Rosenzweigs Von S. Meiseis In Frankfurt am Main ist vor wenigen Wochen, wie seinerzeit berichtet, der philosophische Schriftsteller Dr. Franz Rosenzweig im 43. Lebensjahre gestorben. Ein Mann scharfen Denkens und ein Meister des geschliffenen Wortes ist mit ihm dahingegangen. Franz Rosenzweig war ein anerkannter Religionsphilosoph. Er veröffentlichte gehaltreiche Schriften über Hegels Staatsbegriff und über den deutschen Idealismus; viel Beachtung fand sein philosophisches Hauptwerk «Der Stern der Erlösung», das 1921 erschienen ist. Das Bedeutendste aber leistete er als Uebersetzer. Er übertrug Jehuda Halevis (1085—1140) hebräische Hymnen und Gedichte ins Deutsche. In letzter Zeit hat er gemeinsam mit Martin Buber an einer neuen deutschen Bibelübersetzung gearbeitet. Im Nachstehenden soll bloß der Halevi-Uebersetzer nach Gebühr gewürdigt werden. Der «Diwan» Jehuda Halevis wurde vielfaoh ins Deutsche übersetzt. Da die Begründer und Ausdauer der Wissenschaft des Judentums auch die ältere hebräische Poesie als ihre Domäne betrachteten, so waren es meistensteils Gelehrte und Historiker, die Halevis Gedichte ins Deutsche übertrugen. Es versteht sich, daß Gelehrte als Uebersetzer wohl ganze Arbeit verrichteten, aber keine vollkommene Leistung vollbringen konnten. Sie haben Nachdichtungen im Dienste der hebräischen Poesie, aber nicht auch in deren Geiste geschaffen. Erst später erstand in Seligmann Heller ein Halevi-Uebersetzer, der wirklich poetische Begabung und die Fähigkeit dichterischen Einfühlens besaß; seine Uebersetzung blieb denn auch lange vor allen anderen ausgezeichnet. In neuerer Zeit hat Emil Bernhard eine Sammlung Halevischer Gedichte in einer sehr flüssigen, dafür aber auch sehr freien Uebertragung herausgegeben. Alle diese Uebersetzungen, selbst die wohlgelungene von Seligmann Heller nicht ausgenommen, weisen den Grundfehler auf, daß sie nur deutsche Uebersetzungen sind; vom Geiste der hebräischen Poesie spürt man darin gerade nur noch einen Hauch. Die unvergleichliche Sprachgewalt und die poetische Kraftfülle der Schöpfungen Jehuda Halevis wird der des Hebräischen unkundige Leser nur dann erfühlen können, wenn im eine Uebersetzung geboten wird, die nicht nur den erhabenen Sinn dieser Dichtungen, sondern auch den Sinn ihrer Erhabenheit offenbart. Ein solches Meisterstück der Uebersetzung lieferte Franz Rosenzweig mit seinen «Sechzig Hymnen und Gedichte des Jehuda Halevi» (in zweiter Auflage: «Neunzig Hymnen und Gedichte»). Hier zum ersten Mal sind die Gedichte des Leviten mit ihren wuchtigen Satzbauten und erhabenen Wortgefügen mit bewundernswerter Treue nachgeformt; hier zum ersten Male ist der feierliche Ton und der dahinrollende Rhythmus des Halevischen Hebräisch in deutscher Sprache festgehalten. Nur ein Uebersetzer von schöpferischer, dichterischer Begabung, nur ein Mit- und Nachdichter, der die Sprache Halevis in allen ihren Tiefen beherrschte und dazu die deutsche Sprache wie ein wundervolles, auf jeden Gleichklang stimmbares Instrument meisterte, — durfte das Wagnis unternehmen, gerade die schwersten und nenliriisten Paitien aus dem Halevischen «Diwan» für die Uebersetzung auszuwählen. Franz Rosenzweig hatte es gewagt, und es ist ihm in allen Stücken gelungen. Es braucht wahrlich nicht erst gesagt zu werden, denn es ist bereits vielerseits und von berufener Seite gesagt worden: die Halevi-Uebersetzung Rosenzweigs ist ein Meisterstück ersten Ranges. Durch sie ist Franz Rosenzweig in die Reihe der großen Uebersetzungskünstler getreten. Wie nahe war da nicht die Verlockung mit Wortgeschmeide zu prunken, bald Ziseliertes und bald Geballtes in männiglich bekannter Auffassung zu geben. Der sittliche Ernst Franz Rosenzweigs ist diesen Verlockungen aus dem Wege gegangen. In Ehrfurcht vor dem Worte Halevis und sich selbst getreu, wissend und eigensohöpferisch, kennend und könnend, hat Franz Rosenzweig ein Uebersetzungswerk geschaffen, das ihn den größten deutschen Uebersetzungskünstlern als ebenbürtig erweist. Friedrich Gundolf rühmt es einmal an Schlegels Verdeutschung Shakespeares, daß sie aus . dem Erlebnis und aus der leidenschaftlichen Erweckerfreude kam; deshalb sei sie Schöpfung, nicht bloß Wiedergabe. Auch Rosenzweigs Halevi-Uebersetzung ist aus dem Erlebnis und leidenschaftlicher Erweokerfreude entstanden — und das allein schon gibt ihr Wert und Bedeutung. Ungemein groß sind die Schwierigkeiten und die sprachlichen Widerstände, die sich einer wortgetreuen, in Reim und Rhythmus mit dem Original vollkommen Würstel-Biel I., SCHOTTENRING 14 I., FÜHRICHGASSE 3 übereinstimmenden Uebertragung der Hymnen Halevis entgegenstellen. In den Hymnen dieses Gottessängers, in seinen Preisliedern, hat sich die Inbrunst sichtbarlich zu blockhaft getürmten Dichtungswerken geformt. Als Gottessänger gleicht Jehuda Halevi dem königlichen Psalmisten, dem sich täglich das Wunder erneuerte, daß der Abendwind über die Saiten seiner Harfen strich und sie eigenherrlich zum Klingen brachte. Das Erhabene in Halevis Preisgesängen ist eben jener Ton, der selbsttätig zu schwingen scheint. Und darin auch besteht die Meisterschaft Rosenzweigs, daß er uns in seiner Uebertragung fühlbar macht, wie sich das Lied triebhaft und wuchtig aus der gotterfüllten Seele des Dichters hervorwälzt. Da gibt es bei Halevi einen Hymnus, der von der Unvergleichlichkeit Gottes singt: «Mi kamocha». Wir wählen aus diesem Gedicht, als Beispiel, nur zwei Strophen: Hältst dir ferne böse Lust du, Findest Gott in deiner Brust du; Herzensstill nur wandeln mußt d-u — Er senkt, hebt des Lebens Welle. Und Rätsel sieh: der Seele Pfade! ln dieser Weisheit selig bade; — Findest drin der Freiheit Gnade: Bist ja Häftling, Welt die Zelle. In diesen deutschen Versen ist wirklich — bis zur Grenze des Möglichen — der Ton Halevis eingefangen; auch wer des Dichters heiligen Laut nie vernommen, kann ihn im Abklang hier erfühlen. Oder nehmen wir Großfleischhauerei SIEGM. KORNMEHL Zentrale IX, Berggasse 19, Tel. A 17-3-99 u. A16-9-34 Lieferant für Heilanstalten Abteilungen für Itt^-Fleisch T, .... j Unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Israe- | iitischen Kultusgemeinde Wien I Autozusfellung kostenlos I IX, Berggasse 15_XVI11, Währingerstraße 97 | das jechszeilige Gedicht: «Jeribhuni boch holkne ch’schekhini» (Es schmähen mich die Finsterlinge) — bei Rosenzweig «Der Jude» überschrieben: Es schmähn mich Deinethalb, die irrn durch Nächte, Die Diener erzgegossner Wahngemächte. Erwidert’ ich: Gott dienen ist das Rechte. Was wirkten jene, was nicht Er vollbrächte? Wenn Er mir grollt, bin ich der Knecht der Knechte. Ist Er mir hold, bin ich die Macht der Mächte. Das Meisterstück der Rosenzweigschen Uebersetzung besteht darin, daß sie sich nicht damit begnügt, das Sprachgewand zu ändern, Wort um Wort zu wechseln, kurzum, zu übersetzen, — sondern daß sie die bald sphärenhaft hymnisch, bald rauschend aufsteigenden Dichtungen Halevis nahezu gleichgeformt und gleichgestaltet in fremdes Sprachgebiet versetzt. Es ist nicht gar so leicht, die Vorzüge einer Uebertragung gleichsam theoretisch zu umschreiben. Wert und Bedeutung einer Uebersetzung läßt sich nur im Vergleiche mit dem Original erweisen. Wer den Halevi in der Ursprache kennt, wird die Meisterschaft Franz Rosenzweigs doppelt bewundern. Aher auch so wird der Leser erkennen, daß bei dieser Uebersetzung Frommsinn, Ehrfurcht, Versenkung, Einfühlung und dazu ein starker Wille und ein nicht gewöhnliches Können am Werke waren. Eine jüdische Wirtschaftskonferenz Lemberg, 3. Februar. Heute wurde hier die Jüdische Wirtschaftskonferenz eröffnet. An ihr nehmen 140 Delegierte teil, die kaufmännische Vereinigungen, Handwerkerorganisationen, Kleinhändlervereine vertreten. Zur Konferenz sind auch viele jüdische Abgeordnete sowie Vertreter der Regierung erschienen. Dr. Rottenstreich erstattete ein ausführliches Referat über die wirtschaftliche Lage der polnischen Judenheit. Sodann folgten Referate des Dr. Emii Sommerstein und des Abg. Rosmarin. Nach einer längeren Debatte wurde eine Resolution gefaßt, in der dem jüdischen Sejmklub für die bisherige Tätigkeit der Dank ausgesprochen wird. In die Exekutive,, d.'e die Zusammenarbeit aller jüdischen Wirtschaftsorganisationen in'die Wege zu leiten hat, wurden u. a. gewählt: die Abgeordneten Dr. Rosmarin, Dr. Leser, Dr. Wolf, Eisenstein^ Dr. Schmorak, Dr. Schreiber, Dr. Ringel und Vertrete# einzelner Provinzstädte. Brandeis dementiert New-York. Oberriohter Brandeis dementiert kategorisch die in seinem Namen von einigen Zeitungen verbreiteten Gerüchte, daß seiner Ansicht nach Dr. Weizmann mit der ganzen Zionistischen Exekutive zu demissionieren hätte. Kleine Geschichten von der großen Glückei Ihren Memoiren entnommen und nacherzählt von Otto Abeies (Schluß) Glaubt mir‘s, es ist nicht Schadenfreude über Glückeis Ungemach, die mich bewog, die Geschichte von ihrer Seekrankheit als erste hervorzuholen. Es erscheint mir bezeichnend für ihr Wesen, ihren Tatendrang, ihr Frauentum: Sie hat es nicht vergessen können, vom Zeitpunkt der stürmischen Schiffahrt bis zur Abfassung ihrer nachdenklichen, empfindsamen und didaktischen Autobiographie, daß sie einmal in ihrem Leben von des Sohicksals Tücke völlig überwältigt ward, ein hilflos* Geschöpf, ausgeliefert dean überlegenen Lachen ihres braven, frommen, aber gar nicht bedeutenden Chaim. „Obschon ich nun darüber erzürnt war,“ schreibt sie, „so ist doch damals keine Zeit gewesen, mit meinem Manne darüber zu zanken; ich habe auch nicht die Kraft gehabt, ein Wort zu reden.“ Als sie das Schiff verließen, ist die „Krankheit gottlob auf einmal weggewesen“. Anzunehmen, daß sie alsogleich das Versäumte nachtrufe. Einige Proben ihres Stils, einige Kostbarkeiten aus ihrem Wortschatz Sie durfte sioh‘s gestatten, sich gekränkt zu fühlen, wenn man — was heißj „man“? — wenn höhere Gewalt sie hinderte, das letzte Wort zu behalten. Denn sie hatte etwas zu sagen, sie wußte sich auszudrücken. Ein ganz famoses Wort, wie ee nur die GrlUakfd iiftden kennte ist zuan Ex-ampel di* vom „durchlöcherten Krieg“. Man hört es bestimmt lieber und es klingt bestimmt angenehmer als das Wort „der durchbrochene Frieden“, zu welchem die Glückelsche Prägung ein Gegenstück bildet. Die treffliche Hamburger Jüdin hat da etwas gar Helles, bildhaft Heiteres niedergeschrieben, als sie von dem Krieg zwischen Dänemark und Schweden erzählte, den braven, guten Dänenkönig bedauerte, dem der Schwede so arg zusetzte, und dann fortfuhr: „Nachher haben die Holländer dem König beigestanden, sind mit ihren Schiffen durch den Sund gekommen und haben ein Loch in den Krieg gemacht, daß Friede geworden ist.“ — Möge in aller Zukunft diese Methode erfolgreich am Werke sein, möge es trotz Luftkriegsflotten, Giftgasschwaden und Flammenwerfern also gelingen, ein „Loch in den Krieg zu machen, daß Frieden, wird.“ — Amen. Von einem Schwager will sie berichten, daß es ihm wohlergangen ist und drückt das, kurz und vielsagend, derart aus: „Me:n Schwiegervater hat ihn nach Hannover gesetzt und er hat dort sehr gut gesessen.“ Als fromme Jüdin hat sie das Lippengebet verachtet und war besonders gegen jene erbost, welche Gebet mit Unterhaltung, Gottesdienst mit Geschäftsabschluß zu verbinden suchten. Sie empörte sich über solche praktische Naturen nicht minder als über die Falschen und Heuchler und belehrte ihre Kinder: „Euer Gebet sollt ihr mit Andacht und Gottesfurcht verrichten und nicht zur Zeit des Gebetes stehen und über andere Dinge sprechen.“ Das sei eine Hauptsünde, mittendrin, während einer mit seinem Weltscböpfer spricht, abzubreohen und über gar irdische Dinge mit Menschen zu reden. „Soll denn“ — frtgt die Glüokel in diese» lehrhaften Kapitel ihrer Memoiren — „soll denn der liebe Gott solange auf ihn warten, bis er mit jenem fertig ist?“ Aber daß sie auch tragische Ereignisse mit ergreifender Einfachheit zu berichten wußte, daß die Gesprächige, Temperamentvolle, Leidenschaftliche, recht karg in ihrer Rede sein konnte, just dann, wenn ihr eine große Prüfung auferlegt war, bezeugt diese Stelle ihres Buches, betreffend den Tod eines Kindes: „Es hat dem lieben Gott gefallen, sein Teil zu sich zu nehmen und unseren Teil zu unserem großen Herzeleid vor uns liegen zu lassen“. Zwei Fässer, ein Gebärstuhl und Sabbathai Zewi Als die Glückei mit ihrer Tochter Mate ins Kindbett kam, hat man angefangen, so berichtet sie, „von Sabbathai Zewi zu reden“. Die Glückei kam so oft als nur irgendwie möglich ins Kindbett. Das hatte nebst dem allgemeinen Vorteil, daß sich ihr trefflicher Stamm vermehrte wie der Sand am Meere, in diesem Falle noch einen besonderen: sie holt nämlich bei der Behandlung des Sabbathai-Zewi-Rummels einen Vergleich aus der ihr sehr vertrauten Naturgeschichte des Kinderkriegens herbei und trifft damit den Nagel auf den Kopf. „0, Herr der Welt! Wie wir gehofft haben, daß du mit deinem Volk Israel Barmherzigkeit üben und uns erlösen wirst, da waren wir, wie eine Frau, die auf dem Gebärstuhl sitzt und große Schmerzen und Wehen erleidet. Sie meint, nach allen ihren Schmerzen und Wehen werde sie mit ihrem Kinde erfreut werden, aber sie hat nichts anderes als einen — Wind gehört. Dein liebes Volk Israel ist zwei bis drei Jahre lang auf dem Gebärstuhl gesessen, aber es ist darnach nichts als Wind herausgekommen.“ Der kräftige, die damalige Ernüchterung nach der jubelnden Hoffnung prachtvoll kennzeichnende Vergleich, wird snr Belehrung des

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.