Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 112 (6.2.1930)
- Date
- 1930-02-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11* DIE STIMME Sette 3 (grfte nte&i$ittifd)e Slutorifäfen Itrie Sptöfeffat Dr. med. ^rofeffot Dr. med. ßajaruS uttb btele anher« betätig««, haß SRabtmtt etm aufret* orbenttidj öilitftifle SBitfuttg bei Slhernbetfalfung auSübt, ittbettt e§ belebcttb uitb anregettb auf beit Organismus uttb toor allem auf alle 9lf> läge röntgen toirft. Utabium iit f«tnftt>erteiliier $orm befittbet ftdj in beit 5R a b t o. f! I e r i n - Tabletten, mefdjc bk ©lutaitfulatiou fSrbern. 8?abiumge^alt a m t I i dj 0 )> r ä f t. ©enerafbejjot uttb SfuSfimft: 3tjjot^ete 50 a b c r, Söicit, 1. S3ej., SSoltgeitc 13. — ^roftrefte gratis unb frnttfo. Warschauer Brief Grünbaum — Präsident der zionistischen Organisation. — Vom Besuche Sokolows in Polen. — Wiedererscheinen der «Hazephira»? — Gründung des «Neuen jüdischen Theaters». — Dulickajas großer Erfolg. — Das Jubiläum der «Literarischen Blätter». (Von unserem Warschauer Berichterstatter.) Warschau, Ende Jänner. Der Beginn des Jahres 1930 brachte eine sensationelle Aenderung in der Leitung der Zionistischen Organisation in Kongreßpolen. Der politische Führer des polnischen Judentums, Izchak Grünbaum, wurde am letzten Parteitag zum Präsidenten der zionistischen Organisation gewählt und übernahm bereits mit starker Hand die Leitung der Geschäfte. Treu seiner demokratischen Gesinnung, berief Grünbaum zunächst viele Volksversammlungen in der Hauptstadt und in der Provinz ein, mit dem Zweck, der neuen «Al-Hamischmar»-Leitung die Unterstützung aller Gg. zu sichern. Die Führer der «Eth-Liwnoth»-Gruppe, die in der Leitung nicht vertreten sind, nehmen eine abwartende Haltung ein und verzichten auf eine billige Oppositionsmacherei. Einen gewaltigen Impuls bekam das zionistische Leben in Warschau und in ganz Polen durch die Anwesenheit des Präsidenten Nahum S o k o 1 o w. Mit unermüdlichem Eifer spricht und wirbt Sokolow, von jugendlichem Elan getragen, täglich in mehreren zionistischen Versammlungen und stampft aus dem Boden neue Mittel für das Palästinawerk. Trotz der schweren Wirtschaftskrise, unter welcher das polnische Judentum am empfindlichsten leidet, werden namhafte Beträge für Palästinazwecke aufgebracht und die unter den, wie es schien, ungünstigsten Auspizien eingeleitete Aktion des verdienstvollen Präsidenten zeitigte bereits einen imposanten vorbildlichen Erfolg. Sokolow ist in Warschau nicht fremd. Vor Jahrzehnten kam er aus einem kleinen Städtchen des Plocker Kreises in die Hauptstadt und leitete fast vier Jahrzehnte lang die Redaktion der «Hazephira», die zum Mittelpunkt der jüdischen Renaissancebewegung geworden ist. Nachdem Sokolow auf einen anderen Abschnitt der jüdischen Kampffront berufen wurde, konnte sich die «Hazephira» nicht mehr halten. Immer wieder — zuletzt auch während Sokolows Aufenthalt in Warschau •— erschallt der Ruf nach dem Wiederaufleben dieser einzigartigen Tribüne des lebendigen hebräischen Wortes. Die hundert jüdischen Journalisten in Warschau, welche sich um sieben Redaktionen von großen jüdischen Tageszeitungen gruppen, bilden wohl eine vom organisatorischen Standpunkt interessante Syndikatsgemeinschaft, aber sie schufen insgesamt kein derartiges geistiges Zentrum in der Diaspora, wie es seinerzeit unter weitaus ungünstigeren äußeren Bedingungen die Sokolowsche «Hazephira» war. Vielleicht wird der jetzige Aufenthalt Sokolows in Warschau zur Verwirklichung des schönen Planes der Erneuerung der «Hazephira» beitragen. Auf dem Gebiete der Kunst und des Theaters ist zunächst die Gründung eines «Neuen jüdischen Theaters» zu verzeichnen. Bisher hat die rührige Leitung dieses neuen Theaters zwei Dramen herausgebracht. Dr. J. B. Cypors «Aufstand» und Ben Jonsons «Tanz arum Gold» in jiddischer Uebertragung des bekannten Dichters Ber Horowitz. Die Regie des erstgenannten Dramas lag in den bewährten Händen von David Hermann, während die alte Komödie von Ben Jonson vom Regisseur Jonas Turkor inszeniert wurde. Für beide Neuaufführungen ist der nichtjüdische Stoff charakteristisch. «Der Aufstand» ist kein Drama im landläufigen Sinne, sondern ein dramatisches Poem nach der Art der altfranzösischen volkstümlichen Kirchenmysterien. Es handelt sich hier um eine Bauernrevolte gegen einen sadistisch veranlagten grausamen Gutsherrn. Filr die einzige Judengestalt dieses «dramatischen Poems» ist es charakteristisch, daß sich der Dorfjude, von rein menschlichem Mitgefühl geleitet, auf die Seite der Unterdrückten stellt. Hoffentlich wird dieses Poem auch den Weg in die Weltliteratur finden. Das «Neue Jüdische Theater» hat das richtige Zugstück noch nicht gefunden. Dagegen war es Kaminskis jüdischem Operettentheater Vorbehalten, einen wirklichen Schlager mit «Schah, der Rebbe fuhrt» in Szene zu setzen. Dieser Operette verleiht das Auftreten der gutbekannten Soubrette K 1 a r a Jung einen besonderen Glanz. Es wäre noch zu erwähnen, daß die auch in Wien bekannte jüdische Konzertsängerin Hilda D u 1 i c k a j a nach ihrer erfolgreichen rumänischen Konzerttournee im Warschauer Konservatorium einen sehr gut besuchten Liederabend gab. Die Künstlerin erntete großen Beifall und erfreute sich auch einer guten unu wohlwollenden Zeitungskritik. Zum Schluß möchte ich noch das Jubiläum der «Literarischen Blätter» hervorlieben. Diese ernste und gediegene Wochenschrift, unter der ausgezeichneten Redaktion des bekannten Perezforschers und Literaturhistorikers Nachmann Meis 1, konnte, bei kontinuierlichem pünktlichen Erscheinen, bereits ihre 300. Nummer herausbringen. Eine in der jüdischen seriösen Publizistik leider seltene und um so verdienstvollere Erscheinung. In den «Literarischen Blättern» kommen alle bedeutsamen jüdischen Dichter und Schriftsteller zu Wort. Sie geben einen guten Ueberblick über alle Neuerscheinungen des modernen jüdischen Schrifttums und Schaffens und sind vom Büchertisch eines modernen Juden nicht wegzudenken. Für die geistige Einstellung der Zeitschrift ist bezeichnend, daß zum Beispiel als Gratisbeilagen für die Leser je ein Fortsetzungsheft der jüdischen Uebersetzung von Thomas Manns «Zauberberg» und Herbert Wells «Weltgeschichte» allwöchentlich erscheint. Dr. A. F. Einstein an die Araber Das Organ der arabischen Exekutive Palästinas, «Falastin», veröffentlicht das folgende an sie gerichtete Schreiben von Professor Albert Einstein: «Sehr geehrte Redaktion. Meine Aufmerksamkeit wurde auf einen Artikel «Relativität und Propaganda» gelenkt, den Sie in ihrer englischen Ausgabe vom 19. Oktober veröffentlicht haben. Ich will davon absehen, daß Sie in diesem Artikel neben manchem Schmeichelhaften auch manches Unschmei- OFFIZIELLE VERKAUFSSTELLE Knoll nlladter L.SIibeiirlngNr.20 TELEPHON: R 29-2-36, R 290-63 EINTAUSCH GEBRAUCHTER I WAGEN GEGEN FABRIKSNEUE STEYR chelhafte über mich sagen, und ich will auch Ihre verletzenden Bemerkungen über den Charakter des jüdischen Volkes nicht zu schwer nehmen. Leider ist es ja eine Gewohnheit streitender Völker geworden, das andere Volk ungebührlich herabzusetzen. Auf das Vergangene will ich in meinem Brief gehen. Was ich darüber zu sagen habe, habe ich in meinem Brief an den «Manchester Guardian» gesagt, mit dem Sie sich in Ihrem Artikel beschäftigen. Aber Ihr Artikel gibt mir Anlaß, ein paar Worte über die Zukunft zu sagen, wie ich sie sehe. Sie bezweifeln meine Worte, daß die Juden mit der arabischen Bevölkerung Palästinas nur freundliche Beziehungen zu haben wünschen. Wer wie ich seit Jahrzehnten die Ueberzeugung vertritt, daß die zukünftige Menschheit auf einer innigen Gemeinschaft der Nationen aufgebaut sein muß und daß der aggressive Nationalismus überwunden werden muß, der kann auch die Zukunft Palästinas nur in der Form einer friedlichen Kooperation der beiden dort beheimateten Völker sehen. Darum hätte ich erwartet, daß das große arabische Volk die jüdische Notwendigkeit, in der alten Heimat des Judentums sein nationales Heim wieder aufzubauen, besser würdigt und daß gemeinsam Mittel und Wege gefunden werden, um eine ausgedehnte jüdische Siedlung im Lande zu ermöglichen. Ich bin überzeugt, daß durch das liebevolle Interesse, das die Judenheit dem Lande Palästina zuwendet, die ganze Bevölkerung des Landes Nutzen ziehen kann, nicht nur in materieller Beziehung, sondern auch in kultureller und nationaler Beziehung. Ich glaube, daß die arabische Wiedergeburt in dem ganzen großen Gebiet, das heute von Arabern bewohnt ist, durch die jüdischen Sympathie nur gewinnen kann. Ich würde wünschen, daß Mittel und Wege gefunden werden, um sich in voller Freiheit und Offenheit über diese Möglichkeiten auszusprechen, denn ioh glaube, daß die zwei großen semitischen Völker, die, jedes in seiner Art, zur Kultur der heutigen abendländischen Menschheit Unvergängliches beigetragen haben, eine große gemeinsame Zukunft haben können, und daß sie, statt in unfruchtbarer Feindseligkeit und gegenseitigem Mißtrauen einander gegenüberstehen, sich gegenseitig in ihren nationalen und kulturellen Bestrebungen unterstützen und die Möglichkeit einer sympathievollen Kooperation suchen sollten. Ich betrachte es gerade als Aufgabe der politisch nicht aktiven Menschen, bei der Schaffung einer solchen Atmosphäre des Vertrauens mitzuwirken. Die traurigen Vorfälle vom vergangenen August werden von mir nicht nur darum bedauert, weil sich darin die menschliche Natur in ihren niedrigsten Erscheinungsformen enthüllte, sondern auch darum, weil sie die beiden Völker entfremdet haben und für einige Zeit den Zugang zueinander erschweren, de? trotzdem gefunden werden muß. Ich bin, sehr geehrter Herr, Ihr» usw. Gemeinsame Sitzung der englischen Sektion der Jewish Agency und der English Zionist Federation London, 28. Jänner. (J. T. A.) Im Anschluß an die Jahreskonferenz der English Zionist Federation fand unter dem Vorsitz des Präsidenten der englischen Jewish-Agency-Sektion O. E. d’Avigdor Goldsmid eine gemeinsame Sitzung der English Zionist Federation und der britischen Mitglieder der Jewish Agency statt. In seiner Eröffnungsrede wies d’Avigdor Goldsmid auf den erstmaligen Charakter dieser Zusammenkunft hin und betonte die Notwendigkeit, daß die englische jüdische Oeffentlichkeit nun dem Keren Hajessod als dem Finanzinstrument der Jewish Agency die Mittel zur Verfügung stelle, die zur Durchführung des Agency-Programms notwendig sind. Simon Marks und Mr. Myer Spielman legten im einzelnen die Notwendigkeit der Beitragsleistung für den Keren Hajessod dar. Die englische Judenschaft solle zu dem Keren-Hajessod-Budget des laufenden Jahres im Betrage von 750.000 Pfund den Mindestbetrag von 50.000 Pfund beisteuern. Die Sitzung wurde von Dr. Weizmann in einem Brief begrüßt, der die besondere Verantwortung der britischen Juden als Bürger der Mandatsmacht betont, die Zusammenarbeit der englischen Zionisten und Nichtzionisten willkommen heißt, d’Avigdor Goldsmids Verdienste hervorhebt und erklärt, wir müssen der Welt durch Taten, nämlich vergrößerte Immigration und eine viel schneller vor sich gehende Kolonisation, beweisen, daß unser Geist ungebrochen ist und daß wir entschlossen sind, unser Programm durchzufiihren. Das Mitglied der zionistischen Palästina-Exekutive, Rabbi Meir Berlin, bestritt, daß Gelder aus dem Hilfsfonds unsachgemäß verteilt worden seien. Der palästinensische Arbeiterführer Berl Katzenelson verlangte eine Steigerung der Immigration nach Palästina als Sicherung vor einer Wiederholung der August-Massaker. Weit besser als Jabotinskys militärische Streitkräfte wird die Errichtung kompakter, jüdischer Siedlungen im Lande Sicherheit schaffen. Sicherungsmaßnahmen, Steigerung der Einwanderung und Vergrößerung des Bodenbesitzes, zu deren Ermöglichung die Agency dem Keren Kajemeth so viel Mittel wie möglich zur Verfügung stellen sollte, sind die drei wichtigsten Aufgaben, die heute in Palästina zu erfüllen sind. In einer Resolution wurde tiefe Befriedigung über diese ernste Demonstration jüdischer Solidarität und die praktische Zusammenarbeit aller Teile der englischen Judenschaft an der historischen Aufgabe des Palästina-Aufbaues zum Ausdruck gebracht und an die englische Judenschaft der Aufruf gerichtet, nach ihren Kräften an den bevorstehenden gemeinsamen Anstrengungen für den Keren Hajessod als das Finanzinstrument der Jewish Agency teilzunehmen. Anfragen über den Bericht der Shaw-Kommission im Oberhaus und Unterhaus London, 29. Jänner. (J. T. A.) Auf eine Anfrage Lord Templetowns im House of Lords erklärte der Kolonialminister Lord Paßfield, der Bericht der Palästina-Untersuchungskommission werde vor seiner Veröffentlichung von der Regierung geprüft werden müssen. Im Unterhaus beantwortete der Unterstaatssekretär für die Kolonien, Dr. Shiels, eine Anfrage Major Nathans dahin, daß er nicht imstande sei, zu sagen, wann der Bericht der Kommission erscheinen werde, und ob auch die umfangreichen Zeugenaussagen publiziert werden würden. Das letztere solle erst erwogen werden, wenn der Bericht selbst erschienen sein wird. Eine Anfrage Nordwintertons beantwortete Dr. Shiels dahin, daß er nicht sage» könne, ob die Regierung zugleich mit der Veröffentlichung des Berichtes ihre Anschauungen über den Ausbruch der Unruhen und die zur Verhinderung einer Wiederholung derselben anzuwendenden Methoden öffentlich darlegen werde.