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Die Stimme · 1930-02-06 · Heft 112 (6.2.1930) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 112 (6.2.1930)
Date
1930-02-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Sette 2 DIE STIMME Nr. 112 Die zionistische Bewegung in der Mandatsperiode Von Prof. Dr. Chaim Weizmann Im «Journal of the Central Asian Society» (Jännerheft 1930) veröffentlicht der Präsident der Zionistischen Weltorganisation einen bemerkenswerten Aufsatz über «The Zionist Movement und der the Palestine Mandate». Nach einem historischen Ueberblick der Entwicklung der zionistischen Idee in der Geschichte des jüdischen Volkes führt Präsident Weizmann nachstehendes aus: Unsere Arbeit in Palästina kann von drei oder vier Gesichtspunkten aus betrachtet werden — Einwanderung, Kolonisation, Erziehung und Gesundheitswesen. Diese vier Zweige unserer Tätigkeit sind natürlich miteinander verbunden. Wir könnten nicht Palästina kolonisieren, bevor wir nicht Boden erwerben; wir könnten nicht Menschen hineinbringen, bevor wir nicht für sie einen Lebensraum schaffen. In den neun Jahren seit 1920 haben wir direkt und indirekt Menschen nach Palästina gebracht. Direkt haben wir sie auf unsere Verantwortung gebracht und indirekt sind sie auf eigene Rechnung gekommen; aber sie sind gekommen, dank der Tatsache, daß für sie Bedingungen geschaffen wurden, die ihnen eine Existenzgründung in Palästina ermöglichten. Wir haben ungefähr hunderttausend Menschen ins Land gebracht; wir haben über hundert neue Siedlungen geschaffen; wir haben ansehnliche Bodenflächen erworben; wir haben von Grund auf ein System von hygienischen und medizinischen Einrichtungen geschaffen, um Trachom und Malaria zu bekämpfen. Ich kann auf den Bericht der Internationalen Kommission verweisen, die vom Völkerbund nach Palästina geschickt wurde, um die dortigen Malariaverhältnisse zu untersuchen. Dort, wo wir kolonisiert und gearbeitet haben, ist die Malaria von ungefähr 87 Prozent auf 2, V/2 und 1 Prozent gefallen. Wir haben Straßen gebaut, Sümpfe getrocknet und Bäume gepflanzt. Wir haben ein neues Erziehungssystem aufgebaut, das vom Kindergarten bis zur Universität reicht. Ein noch besseres Zeugnis ist das Budget für unsere Ausgaben, nicht die Ausgaben der Palästina-Ve.rwab tung, sondern die der Jewish Agency. Es beläuft sich auf dreiviertel. Millionen Pfund Sterling — für eine Bevölkerung von 160.000 Juden. Das Budget des palästinensischen Staates beträgt zweieinhalb Millionen Pfund — für eine Bevölkerung von ungefähr 900.000 Menschen. Ich glaube, mit Recht sagen zu können, daß mai^ beim Studium der von der Zionistischen Organisation dem Völkerbund vorgelegten Denkschriften und der Berichte der Palästina-Verwaltung nur zu einem Schluß kommen kann. Man kann der politischen Entwicklung zustimmen oder sie ablehnen, aber es ist unbestreitbar, daß der Erfolg und die Leistung in Palästina außerordentlich achtbar sind. Sie wurden unter schwierigen Umständen in einem schweren Lande vollbracht, ich „will nicht viel darüber sprechen, aber es ist ein Land, wo wir nicht mit offenen Armen aufgenommen wurden. .Unmittelbar nach dem Weltkrieg gingen wir hinein und man darf nicht vergessen, daß ungefähr zwei Drittel des jüdischen Volkes und besonders jene großen jüdischen Gemeinden, für die der Zionismus eine durchaus natürliche Sache ist, von den Folgen des Weltkrieges schwer getroffen wurden. Wir arbeiten auf der Grundlage der Freiwilligkeit. Wir können die Juden nicht besteuern. Das Budget, welches ganz respektabel ist, wird von den Groschen, Schillingen und Dollars eines Volkes aufgebracht, das über die ganze Welt verstreut ist; und nebenbei möchte ich sagen, daß von diesem seit Kriegsende nach Palästina geschickten Geld — ungefähr 12 bis 14 Millionen Pfund Sterling — vielleicht fünf bis sechs Prozent von reichen Leuten stammen. Der Zionismus ist eine demokratische Bewegung, die auf den Sympathien der breiten Judenmassen der ganzen Welt basiert. loh möchte feststellen, daß durch diese Tätigkeit nichts geschehen ist, was mit den Interessen der arabischen Bevölkerung in Konflikt geraten könnte. Jede unserer Handlungen — sei es Landerwerb, Kolonisation, oder unsere Bemühungen auf dem Gebiete der Erziehung, Hygiene und Sanität — ist weit davon entfernt, die Interesseen der Araber zu verletzen und hat sogar, ich wage es zu behaupten, eher dazu beigetragen, ihre Lage zu verbessern. Wir haben nicht einen einzigen Araber seines ursprünglichen Besitzes enteignet. Der Boden, den wir gekauft haben — und das soll sorgfältig erwogen werden — wurde hauptsächlich von Besitzern, die außerhalb des Landes leben, erworben. Nun, was waren diese im Ausland lebenden Grundbesitzer und wer sind sie? Sie sind Gentlemen, die ihre Zeit in Kairo, Paris oder noch weiter weg verbringen. Sie haben Pächter auf ihren Boden und saugen diese Pächter bis aufs Blut aus. Das Land wird vollkommen vernachlässigt. Vor zehn Jahren waren dieselben Böden, auf denen wir nun blühende Siedlungen errichtet haben, Malarianester und die Sterblichkeit unter den Arabern war außerordentlich hoch. Wir haben Sümpfe in ackerfähiges Land, Sandflächen durch Bewässerung in Siedlungen verwandelt, wo eine ansehnliche Zahl von Menschen leben kann. Bisnun — ich hoffe, daß es auch in der Zukunft so bleiben wird — hat nie ein direkter oder indirekter Versuch stattgefunden, einen Araber seines Boden zu enteignen. Ich glaube, es liegt in der Idee der zionistischen Bewegung, daß wir als Söhne des jüdischen Volkes, das soviel Unrecht von Anderen erlitten hat, unsere Tätigkeit nicht damit beginnen können, Anderen Unrecht widerfahren zu lassen. Das ist der Geist, das sind die Prinzipien, die uns in unserer Arbeit leiten. Noch ein Wort über die weit verbreitete Behauptung, daß die Errichtung der Jüdischen Nationalen Heimstätte in Palästina den britischen Steuerzahler riesige Summen koste. Von allen Ländern, die der Türkei angehörten, ist Palästina das einzige, das seine Zahlungsverpflichtungen erfüllt. Palästina ist heute bereits frei von der ottomanischen Schuld. Dies ist nicht der Fall beim Irak, bei Syrien oder einem der anderen Länder der ehemaligen Türkei. Palästina hat für die durch die Militärverwaltung gebauten Eisenbahnen eine Million Pfund bezahlt, während für die Eisenbahnen in Mesopotanien z. B. der britische Schatz zur Gänze aufgekommen ist. Bezeichnend für die ökonomische Kapazität Palästinas ist die Tatsache, daß es nicht nur sein Budget im Gleichgewicht erhalten kann, sondern daß es noch imstande ist, den Zinsendienst für eine Anleihe von 4,475.000 Pfund Sterling zu decken. Im Zusammenhang mit den kürzlichen Ereignissen in Palästina, — ich möchte nicht näher auf sie eingehen, — hörten wir von den Kosten, die die Unterdrückung des arabischen Aufstandes und des Schutzes der Juden vor Pogromen verursachen würden. Die ganze Angelegenheit hat 35.000 Pfund Sterling gekostet, die vom palästinensischen Budget getragen werden. Es ist toi Wirklichkeit keine Sache, über die viel zu reden wäre. Lassen Sie mich abschließend noch über etwas sprechen. Es ist einigermaßen erstaunlich, daß dieses Land, dieser schmale Landstreifen im Östlichen Mittelmeer so viel Interesse in der Welt erregt hat. Es ist in letzter Zeit über Palästina soviel geschrieben worden, daß man es buchstäblich mit Zeitungsartikeln überdecken könnte. Es ist zufällig ein Land, welches drei großen Religionen der Welt teuer ist. Es ist das Land, welches die Wiege unserer Zivilisation und Religion gewesen ist. Es ist das Land, aus dem, von unserer Religion ausgehend, zwei andere Religionen ihre Gestalt empfingen, das Christentum und der Islam. Das ist es, was Palästina zum Brennpunkt der Aufmerksamkeit der ganzen Welt macht. Es ist deshalb wichtig, daß alles, was in Palästina geschieht, ein Werk des Friedens und der Zivilisation sei. Darum muß das leitende Prinzip unseres Aufbauwerkes nach Tunlichkeit Zusammenarbeit mit allen Anderen sein. Palästina ist das Land, aus dem die Botschaft des Friedens und der Verständigung in die Welt hinausging, und alle Ideale, die die Welt hochhält, kamen aus diesem Lande. Wir, eine durch Jahrtausende schwer geprüfte Nation, sehen auf Palästina als unsere letzte Hoffnung. Wir betrachteten das britisohe Versprechen als ein Versprechen, das sowohl dem Volke als auch dem Lande die Erlösung bringen sollte. Wir sind nach Palästina kraft jenes Versprechens gegangen. Wir haben in der von mir geschilderten Weise gearbeitet und die Hoffnung ist nicht zu kühn, daß wenn wir unsere Arbeit fortsetzen — einst wieder aus Palästina die Botschaft des Friedens und der Verständigung in die Welt dringen wird. Polltis soll Mitglied der Klagemauer-Kommission werden Jerusalem, 2. Februar. (J. T. A.) Wie eine gut informierte arabische Zeitung mitteilt, soll der griechische Gesandte in Paris, Politis, zu einem der drei Mitglieder der vom Völkerbundsrat beschlossenen Kommission zur Entscheidung der Rechtsstreitigkeiten an der Klagemauer ausersehen sein. Politis vertrat den Griechen Mawromatis vor dem Haager internationalen Gericht in seiner Klage gegen die englische Regierung wegen Anerkennung der ihm seinerzeit von der türkischen Regierung verliehenen Konzession für Jerusalem. Jahreskonferenz der englischen Zionisten Lord Melchett zum Präsidenten wiedergewählt London. Nach den Referaten von Harry Sacher und Prof. Brodetzky, über die wir in der letzten Nummer der «Stimme» berichteten, begann die Debatte. Während der Rede des Führers der Revisionisten, Meir Großmann, der Angriffe auf die Exekutive mit einer scharfen Kritik an den Referaten der beiden Exekutivmitglieder verband, und die Einberufung eines außerordentlichen Kongresses, sowie die Einsetzung eines besonderen politischen Komitees forderte, kam es zu einem Tumult. Den Ausführungen Großmanns, der seine Rede vorzeitig abbrechen mußte, traten Paul Horowitz und Doktor Daiches entgegen. Letzterer sagte, der Revisionismus sei das «Unglück der zionistischen Bewegung». Auch Brodetzky bekämpfte in seinem Schlußwort Thesen und Taktik der revisionistischen Opposition und forderte die Schaffung einer Chaluzbewegung in England. Nachdem Simon Marks über Keren Hajessod und Emergency Fund und Leopold Schön über Keren Kajemeth berichtet hatten, wurden mehrere Resolutionen angenommen. In der politischen Resolution wird Trauer und Entrüstung über das, was in Palästina geschehen ist, zum Ausdruck gebracht, zugleich mit der Entschlossenheit, den Aufbau des Nationalheims unter britischem Mandat und den internationalen Garantien der kultivierten Welt fortzuführen. Lord Balfour, Lloyd George und General Smuts wird der Dank der englischen Zionisten dafür ausgesprochen, daß sie die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Notwendigkeit einer Ueberprüfung der Verwaltungspraxis in Palästina gelenkt haben. Die Balfour-Deklaration wird als unerschütterliche Grundlage der Errichtung des Nationalheims betont. Ferner wird Beschwerde geführt, daß der Mangel an Verständnis für die Rechte der Juden und ihren Schutz seitens einiger Verwaltungsbeamter in Palästina dazu geführt hat, daß nichts geschehen ist, um die Unruhen in Palästina zu verhindern. Die britische Regierung wird aufgefordert, in Zukunft die Mitarbeit der Jewish Agency heranzuziehen, insbesondere wo es sich um die Sicherheit und den Schutz von Leben und Eigentum der Einwohner handelt. Schließlich wird verlangt, daß die palästinensische Verwaltung personell in der Weise zusammengesetzt wird, daß der britischen Regierung die Erfüllung der Balfour-Deklaration dem Geiste und dem Wortlaut nach ermöglicht wird. In weiteren Resolutionen wird die Bestellung der Internationalen Klagemauerkommission begrüßt, die Resolution des XII. Zionistenkongresses zur arabischen Frage neu bestätigt lind die Jewish Agency ersucht, ihre Bemühungen bei der Regierung wegen Verstärkung der Immigration und einer angemessenen Beschäftigung jüdischer Arbeiter bei Regierungsarbeiten zu erneuern. Schließlich wird noch der Geist der Zusammenarbeit zwischen Zionisten und Nichtzionisten begrüßt, der die Interessen des Palästina-Aufbaues fördert. Die Wahlen ergaben die Wiederwahl von Lord Melchett als Präsidenten. Vizepräsidenten sind: Professor Brodetzky, Simon Marks, J. M. Sieff, Morris Myer, Montague Burton, Dr. S. Daiches, Levay Lawrence und M. I. Adler. Ehrenpräsident ist Dr. Weizmann, Ehrenvizepräsidenten Revisionist J. K. Goldbloom und Philipp Guedalla. (J. T. A.) Revision des Todesurteils gegen Josef Urphaii Jerusalem, 26. Jänner. (J. T. A.) Vor dem Appellationsgericht in Jerusalem wurde am 25. v. M. in der Berufungsverhandlung wegen des gegen den Jaffaer Juden Josef Urphaii im Herbst vorigen Jahres gefällten Todesurteils die Entscheidung getroffen. Das Todesurteil ist aufgehoben und der Prozeß an die erste Instanz zwecks Einvernahme neuer Zeugen zurückverwiesen worden. Das gegen Josef Urpha«? ausgesprochene Todesurteil ist das erste und einzige gegen einen Juden in Palästina gefällte Todesurteil. Er ist beschuldigt, während der Augustunruhen einen Araber ersohossen zu haben. Der Beschuldigte ist ein wohlhabender sephardischer Jude aus Jaffa. Unsere Widersacher erwerben ununterbrochen Boden! Stärket unaufhörlich den Keren F -rV Wien, I., Kürntnerstr. 28, Tel. R27485, R27486

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