Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 111 (28.1.1930)
- Date
- 1930-01-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 10 OIE STIMME Nr. 111 i; I f I / i hi HM: Das Kartell der rioniftifch-forialiftifchen Jugend („Linkskartcll“), dem der „Blau-Weiß“, die „Gordoniah", der „Hafchomer-Hazair", die „J. S. A. J.“ und der „Mifchmar- Haowdim“ angcfchlolTen find, veranftaltet am 27. Februar anläßlich der Wiederkehr des Todestages von A. D. Gordon (24. Schwat) eine große Gordon-Gedenkfeier im Hotel Poft, bei welcher Herr Direktor Dr. Viktor Kellner die Gedenkrede halten wird. Näheres wird noch bekanntgegeben werden. Verein für jüdifche Gefdiidhte und Literatur in Wien, II., Ferdinandftraße 23/8. Am Montag, 3. Februar, %8 Uhr abends, findet im Klubfaale der Hakoah, I., Wiefingerftraße n (Caf4 Atlashof, eigener Eingang, Souterrain), ein Vortrag des Herrn Agronom M. Weiner (Jerufalem) über „Der Anteil der öfterreidhifchen Juden am Wettbewerb in Paläftina“ ftatt. Wilnaer Truppe «Schwer zu sein ein Ju d’», von S c h a 1 0 m A1 e c h e m. Es ist ein wehmütiges Lustspiel. Jüdisches Schicksal durch die Brille eines weisen Dichters gesehen. Jüdisches Schicksal, das auch aus Spaß, zeitweilig getragen, nicht zu den größten Annehmlichkeiten gehört. Dies kann an seinem Leibe der russische Generalssohn Iwanow, welcher mit seinem Freunde Schneursohn die Dokumente tauschte, verspüren. Die Schwierigkeiten, die sich aber vor ihm häufen, sind nicht bloß äußerlicher Natur. Seine Liebe zur Tochter des Juden, bei dem er als «Quartierant» wohnt, brachte ihn dem Gedanken nahe, den jüdischen Glauben anzunehmen. So entsteht in Verbindung mit dem Hauptkonflikt auch der erotische. Dem Iwanow, welcher als Schneursohn um das Herz der schönen Betja wirbt, ersteht ein siegreicher Rivale im Schneursohn, welcher als Iwanow die Rolle des christlichen Studenten spielen muß. Es gehört zu der besonderen Art Sch'alom Alechems, das Lustspiel auf eine Weise enden zu lassen, die beweist, daß sowohl echtes, wie auch freiwillig aufgenommenes jüdisches Schicksal schwer zu ertragen sei. Beide Studenten werden verhaftet. Die Wilnaer spielten dieses traurige Lustspiel floit und fern von jeder Schablone, an welche wir in Wien gewöhnt sind. Sowohl die Gesamtregie wie auch die Leistungen aller Schauspieler standen auf der Höhe und riefen einen verdienten Beifallssturm hervor. Ganz hervorragend war Adam Domb als der Vater. Seine realistisch kreiierte Bühnengestalt verdient besonders hervorgehoben zu werden. Getreu sekundierte ihm Sonja Altbaum als seine Frau. Die beiden Studenten fanden in Alex Stein und Israel Kamay die geeigneten Schauspieler. Es war in jedem Sinne des Wortes ein gelungener. Abend. Dr. S. W. Das Gastspiei der „Wilnaer“ verlängert „Jüdifche Künftlerfpielc." Es ift der Direktion J. Goldfließ gelungen, das Gaftfpiel der odiaufpieler der „W ilnaer Truppe" unter Leitung von Alex Stein für kurze Zeit zu verlängern. Trotz des anhaltenden Erfolges der bisher aufgeführten Stücke hat fich Alex Stein entfchloffen, weitere Werke feines Repertoires zur Aufführung zu bringen Freitag, den 31. Jänner, findet die Erftaufführung der Märchenkomödie „D er Sänger •feiger Trauer“ von Ofip Dymow ftatt. Samstag, den 1. Februar, „Der Sänger feiner Trauer". Sonntag nachmittags keine Vorftellung der „Wilnaer", fondern eine Matinee des Jüdifchen Schaufpielervereines Wien. Sonntag abends zwei Vorftellung«n der „Wilnaer Truppe“ von „Der Sänger feiner Traue r", und zwar Abendvorftellung, Beginn 7 Uhr, und Nachtvorftellung, Beginn %io Uhr. — Der Vorverkauf für (amtliche Vorftellungen hat bereits begonnen. Der Theaterabend der Schulgemeinde des Chajes-Realgymnafiums findet am Mittwoch, den 5. Februar, Punkt 7 Uhr im Hotel Poft ftatt. Karten in der Buchhandlung Rath, II., Taborftraße 20 a, und in der Schule, II., Caftcllczgaffe 33, und am Abend bei der Theaterkafle. Schülern Podzameze 70 Jahre alt Schülern Podzameze, der mit Recht als der jüdische Girardi bezeichnet wird, ist 70 Jahre alt geworden. Anläßlich dieser Feier und seines 55jährigen Bühnenjubiläums, veranstaltet die Jüdische Bühne, II., Taborstraße 12, am 6. Februar einen großen Ehrenabend. Es sind seitens der jüdischen Künstlerschaft verschiedene Ehrungen für den Künstler vorgesehen. Bereits mit 16 Jahren wandte sich Podzameze der jüdischen Bühne zu. Er wirkte zuerst bei den «Broder Sängern», sodann bei'den ersten jüdischen Theatern in Europa, Horowitz und Gimpel (in Lemberg) mit. Vor dreißig Jahren gründete er in Lemberg eine jüdische Bühne und betätigt sich seit damals als Theaterdirektor. In dieser Eigenschaft hatte Podzameze Gelegenheit, fast alle Länder Europas und Amarika zu besuchen. Sein hervorragendes Charakterspiel, seine große Liebe zum Zionismus begeisterte oft die jüdischen Mas^ sen. kn Jahre 1902 gründete er in ,Wien die erste jüdische Bühne. Podzameze hat auch zahlreiche jüdische Künstler entdeckt und in wirksamer Weise gefördert. Es ist zu erwarten, daß anläßlich des Ehrenabends des ältesten jüdischen Künstlers, der sich noch heute als aktiver Schauspieler betätigt, das jüdische Wien durch zahlreichen Besuch seine Anhänglichkeit beweist. efis. In den Räumen der Zioniftifchen Bezirksfcktion VIII/IX, VIII., Bennoplatz i a, finden Schulkinder-Nachmittage ftatt. Unter der bewährten Leitung einer geprüften Fürforgerin und Kindergärtnerin werden in der Zeit von i bis 6 Uhr mit Kindern im Alter von 8 bis 12 Jahren die Schulaufgaben gemacht. Täglich Spaziergänge, gelegentlich Theatcrbefuche, Eisläufen und Ausflüge. Auskünfte: Tel. A-24-9-JO» Frau Goldenberg, fonft Bennoplatz 1 a, Vereinsheim. „Gedud Zeirim.“ Sonntag, t6. Februar, wird im Helios- Kino, II., Taborftraße 32, der Film „Frühling in Paläftina" zur Aufführung gelangen, wobei Dr. Ch. Tartakower fprcchen wird. Redliche Karten find in unterem Heim, II., Untere Augartenftraßc 33, zu haben. Hebräisch-jüdisches Schallplattenkonzert Für das vom Jugend verein «Erezlsrael» gemeinsam mit dem «Makkabi Hazair» veranstaltete hebräische Schallplattenkonzert zeigt sich regstes Interesse. Es ist zweifellos eine Darbietung jüdischer Musik, die sowohl in Qualität der Wiedergabe als auch in Reichhaltigkeit und Inhalt an erste Stelle zu setzen ist. Tatsächlich ist heute die Schallplattentechnik so weit fortgeschritten, daß sie eine klaglose Wiedergabe jeder Art von Musik sichert. Die «G r a m o 1 a»-Ges., die das technische Arrangement des musikalischen Vormittags, sowie Dr. Sem Wolf, der die Conference und das Programm übernommen hat, geben beste Gewähr hiefür, daß allen Zuhörern einige genußreiche Stunden zuteil werden. Besonders .hervorgehoben sei, daß die beiden veranstaltenden Gruppen, die sich stets durch großzügige jüdische Veranstaltungen hervortun, volkstümliche Preise angesetzt haben, um weitesten Kreisen den Besuch dieses einzigartigen musikalischen Vormittags zu ermöglichen. Jüdische Bühne, II, Taborstraße 12 Ein derzeit aktuelles Problem wurde in dem Lebensbild «D i e j ü d i s c h e K r o j n» auf der Jüdischen Bühne behandelt. Das vom Ensemble vorzüglich gespielte Stück rollt eines der heikelsten Probleme auf: Der Abfall vom Judentum. Die Hauptrolle wurde von Herrn Siegler meisterhaft dargestellt. Außerdem gefielen die Damen P a s t o r, E. Siegler, R. Siegler, Dreiblatt, Kosowski, E. S i e g 1 e r und die Herren Pastor, Kosowski, W a 1 d b e r g, Reißmann und Hausknecht. Freitag gelangt die von Siegler neuinszenierte Komödie «D u s. P i ntele Jüd» zur Erstaufführung. Das Stück wird Samstag und Soantag wiederholt. Konzert des Zimbler*Trio. Ein herrliches Zusammenspiel konnte man aim 15. d.M. beim Konzert des Ziimbler-Trio, welches ganz ausverkauft war, hören. Es brachte das Brahms-Trio in C-Dur und die Trio-Fantasie G-Mo-11 von Josef Marx zur Aufführung. Die Ausfuhr enden: Käthe Koller, Professor Josef Zimhler und Lucian Hor.witz ernteten reichen Beifall. o. m. Richard Lichtheims «Revision der zionistischen Politik» ist durch Dr. David B u k s p a n, Wien, III., Aspangstraße 11/9, erhältlich. Auf diese Broschüre kommen wir demnächst zurück. f '■ __ Biftritzkis neueftes Drama ' Der jung-hcbräifche Erzähler Nathan Biftritzki, der zurzeit in Paläftina lebt, hat ein hiftorifches Drama „Juda Ifch Kerajoth“ herausgegeben. Lexikon für jiddifdhe Literatur Der jüdifche Schriftftcller Salnien Reifen hat vor einigen Tagen den vierten Band feines „Lexikons für jiddifche Literatur, Preffc und Philologie" herausgegeben. Mit diefem Band ift'cipe Publikation, die über iooo biographifche Artikel zählt, beendigt worden. 23. Todestag Eliefcr Schulmanns Vor einigen Tagen jährtc fich der 23. Todestag des bekannten hebräifdien Schriftftellcrs Elicfer Schulmann (1837—-1904), der auf dem Gebiete der Erforfchung der jiddifdien Sprache die erften grundlegenden Arbeiten veröffentlichte. Von befonderem literarifchen Wert find feine hebräifdien Monographien über' Heinrich Heine und Ludwig Börne. Ein intereffantes Memoirenwerk Diefer Tage ift im Wilnaer Klctzkin-Verlag der vierte Band der'lehr intcrcffantcn Memoiren des bekannten amerikanifchjücjifchen Schriftftellcrs Ab. Kahan unter dem Titel „Bieter fon mein Leben" erfdiienen. Diefer Band behandelt die Jahre 1893 bis 1910 und enthält eine Fülle intereflanter Schilderungen aus dem jüdifdien Leben in Amerika. Befonders intercflant find die Abfchnitte, die die Entwicklung des jüdifchen Theaters in Amerika darftellen. Der zwanzigfle Todestag des Ofias Fadenhecht Diefer Tage jährt fich der zwanzigfle Todestag des Herrn Ofias Fadenhecht aus Kolomäa. Der Verblichene, der in den fiebziger Jahren die in Brody erfcheinende, hebräifche Wocfaenfchrift „Iwri Anochi“ redigierte, war ein treuer Anhänger der zioniftifchen Sache. Er ift einer der erften Begründer des „Misrachi", in dem er bis zu feinem im Jahre 1910 erfolgten Tode aktiv tätig war. Was wissen Sie von der jüdischen Küche? Mein alter Freund Catulle Mcndes, Romantiker durch und durch, Vorkämpfer des l’art pour l’art, führte mich eines Tages in ein ganz verstecktes Beisei auf dem Montmartre. Dort gab es jüdisch-elsässische Küche. Das sind jetzt fast dreißig Jahre her. Und ich weiß noch heute, was es gab: einen süßsauren Karpfen, Trockengefilz (igefüllten Gänsehals) und Reis mit Pflaumen; und dabei sprach Catulle das geflügelte Wort: Wie herrlich wäre diese Küche, wenn man nicht einen so guten Magen dazu brauchte! Das ist leider wahr. Um die jüdische Küche wirklich in vollen Zügen und con amore genießen zu können, muß man einen ausgezeichneten Magen haben, denn sie legt sich gerade mit ihren köstlichsten Gerichten sohwer aufs Gemüt. Es wäre vergebliches Bemühen, sie ihrer Schwere zu entkleiden, ihr französische Leichtigkeit Und Grazie verleihen zu wollen. Das käme einer Verfälschung gleich. Sich durch ein jüdisches Koohbuch durchzuessen, ist die tapfere Tat eines unerschrockenen Mannes und nicht jedermanns Sache. Ein solches Kochbuch liegt vor mir: «Gastronomie juive (Paris, Flammarion)». Die Verfasserin heißt Suzanne Roukhomovsky und hat bisher nur Gedichte und Romane veröffentlicht. Sie hat ihre Mysterien, die sie nur den Eingeweihten offenbart. Wohlgemerkt, den Eingeweihten mit guter Verdauung. Das charakterische der jüdischen Küche ist die Trennung von Fleischigem und Milchigem. Man darf zwar eine halbe Stunde nach dem Genuß von Milch Fleischkost zu sich nehmen, aber es müssen sechs Stunden vergehen, wenn man nach Fleisch Milch genießen will. Typisch für die rituelle Küche sind auch das Entbluten des Fleisches und die merkwürdige Technik, Gerichte zu genießen, die schon am Tage vorher zubereitet worden sind. Das sind die. für den Samstag charakterischen Gerichte: das Schoiet der Ostjuden, das Gesetz im Elsaß und das Dfina in Tunis. Am Samstag darf man kein Feuer machen und keine Arbeit leisten. Also muß die Samstagmahlzeit schon am Freitag zubereitet werden und die Nacht im Ofen verbringen. Aber nicht nur der Samstag hat sein besonderes gastronomisches Gesicht, auch die jüdischen Fest- und Feiertage haben ihr bestimmtes kulinarisches Gepräge. Man könnte ein eigenes Buch über die Gastronomie des Osterfestes schreiben. Die Kombinationen mit Mazzes und Mazzemehl sind unerschöpflich. Es ist merkwürdig, daß die französische und englische Küche das Mazzemehl noch nicht entdeckt haben. Es hat seine mit keinem anderen Mehl erreichbaren Meriten. Die jüdische Küche liebt Würze und Duft. Damit verrät sie ihre orientalische Herkunft. Sie hat sogar mehr Aroma als irgendeine andere Küche der Welt. In diesem Aroma liegen ihr Zauber und ihre Verführungskunst. Wer einmal gute, echte jüdische Kost genossen hat, kommt nicht von ihr los. Frau Roukhomovsky behandelt die jüdische Küche Deutschlands, Rumäniens, des Elsasses, die Küche der tunesischen und ägyptischen Juden. In all diesen Ländern hat die koschere Küche ihre Besonderheiten, ihre ethnologischen Reize und ihre bodenständigen Spezialitäten. In Rußland gibt es harte Eiersuppe, die verschiedenen Arten von Borscht (mit Kohlrüben, Tomaten, Kraut und Kohl), den gefüllten Fisch, die Fischbuletten, verschiedene Heringsgerichte, die weiteste Verbreitung verdienen. Darunter auch ein Herings^- gericht, das einmal das Entzücken meiner Jugend war. Man nimmt einen geräucherten Hering, man nennt sie Bismarck-Heringe, legt ihn in eine Schüssel, übergießt ihn mit Rum und zündet ihn an. Er grilliert sich in blauer, züngelnder Flamme und schmeckt wundervoll. Russisch ist auch gehackte Leber und vor allem das Schoiet: man gibt in eine irdene Schüssel, die gut verschließbar sein muß, in Stücke geschnittene Rindsbrust, gehackte Zwiebel, Gewürznelke, ein bißchen Knoblauch, Salz, Pfeffer. Kartoffeln und Buchweizen, gießt Wasser zu, verschließt den Deckel sorgfältig, und schiebt das Gefäß in die Röhre, wo es über Nacht bleibt. Man kann auch statt Kartoffeln und Buchweizen Gerste oder Reis verwenden. Manche bereiten es auch mit Bohnen zu. Russisch sind ferner Essigfieisch, Potrawka (ein Hühnergericht), Grieben, süßes Kraut mit Korinthen und Lebkuchen, eine Unzahl Maisgerichte, Lokschen 1 (handgemachte Nudeln), Farfel, Kreplach, Mandelach, Knedlach, Pastolik und neben dem Schoiet der zweite Stolz der jüdischen Küche: Kugel. Das ist eine Süßspeise, bestehend aus Brot, Eiern, Zucker, gehackten Aepfeln, zerstoßenen Mandeln, Malagatrauben, geschabter Zitronenschale, viel Gänsefett und Zimt. Während des Kochens, das zwei Stunden dauert, muß die Kugel fleißig mit Gänsefett übergossen werden. Dazu gehört eine Soße aus Weißwein, Ei und Zucker. Sie wird solange über leichtes Feuer geschlagen, bis sie schäumt. Es gibt auch süßsaure Kugeln. Aus Rußland kommt auch die Mohntorte, Mandeltaschen und ein höchst merkwürdiges Konfekt: schwarzer Rettich in Honig. Ganz anders ist die jüdische Küche im Elsaß. Angefangen von der Suppe, die Gesetzt heißt, über herrliche Karpfengerichte, Lachs mit Sellerie, süßsaurem Hirn und vielen süßsauren Gemüsen (Bohnen Haricots und Karotten) zu Schmalzknäpfllch, Zwiebeltorte, Mazzekugeln und Kugelhopf. Denn der richtige, echte Kugelhopf stammt aus dem jüdischen Elsaß. R. L. Literatur und Kunst