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Die Stimme · 1930-01-28 · Heft 111 (28.1.1930) · page 7

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 111 (28.1.1930)
Date
1930-01-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 111 DIE STIMME Seife 7 Die Stimme der indischen Frau I Sdmh D orn I I Wien, &a&or straße 8 a ■ Die &Kewwuc I der Xeisiuns(9/tfAi^ffeU I /iir moderne CfuantAis>f«ftuAe. Die Weltorganisation der jüdischen Frau Von Rebekah K o h u t Es ist in der Tat ein erfreuiiches Zeichen, daß die Frauen von heute in ihren Bemühungen das Leben zu verbessern, über die Grenzen der Salonpolitik und der sozialen Liebenswürdigkeiten hinaus, ein weit umfassenderes Arbeitsfeld gefunden haben. Auch ist es ermutigend, die Wohlfahrtstätigkeit der heutigen Frauen von der abgeschlossenen Versammlunigshalle auf die offene Tribüne des Kongresses verlegt zu sehen. In dieses reife und würdige Stadium Ist die jüdische Frauenbewegung heute bereits getreten. Die jüdischen Frauen der ganzen Welt besitzen nämlich seit dem Juni des vergangenen Jahres eine permanente internationale Körperschaft, die eine geeinigte Tätigkeit, nicht nur in Problemen, betreffend die jüdische Frau, sondern in jenen der gesamten Judenheit, zum Ziele hat.. Die Geschichte der «Weltorganisation jüdischer Frauen» liest sich wie manches andere Kapitel der jüdischen Geschichte — ausgefüllt mit Idealen und deren Vereitelung, mit Schmerz und Ergebenheit, aber letzten Endes mit einem unbeugbaren Willen, der im Ueberleben gipfelt. Es war das im Jahre 1914 in Rom abgehaltene internationale Frauenmeeting, welches den dort anwesenden jüdischen Vertreterinnen den Antrieb zur Gründung einer ähnlichen jüdischen Vereinigung gab. Miß Sadie American, die Vertreterin der größten jüdischen Frauenorganisation in Amerika, Fräulein Berta Pappenheim, seitens des jüdischen Frauenbundes in Deutschland, Mrs. Mondei aus England und Mme. Simone aus Frankreich waren die Gründerinnen der Bewegung. Sie verließen Rom mit glühendem Herzen und feurigstem Streben, den internationalen jüdischen Frauen-Kongreß ins Leben zu rufen. Pläne zur Annahme einer Verfassung, das Protokoll des Meetings ist alles, was von jenem denkwürdigen Kongreß in Rom übrig blieb. Leider sah die Menschheit, ehe sie.es recht wußte, dem Weltkrieg ins Antlitz. Die Frauen der ganzen Welt, jüdisch oder nicht, verstanden damals, daß sie ihre Schöpferkraft einer einzigen Aufgabe zu opfern hatten, d. h. der Heilung der Wunden, die der Krieg geschlagen. Während die jüdischen Frauen so ihre Mission erfüllten, blieb die Idee des Kongresses in den Herzen versteckt, wohl aber in der Erwartung, einmal Wirklichkeit zu werden. Kaum war der erste Hauoh des wiederhergestellten Friedens zu fühlen, da j war auch schon die Idee vom jüdischen Kongreß in Geist und Seele der jüdischen Frau übergegangen. Im Mai 1923, neun Jahre später also, trafen sich einige derselben Frauen wie auch einige Neulinge, in Wien. Der Council of Jewish Women of America, der immer wachsam jede Krise im jüdischen Leben verfolgte, nahm sofort den Wunsch der europäischen Frauen nach einem Weltkongreß wahr und stattete dessen Zustandekommen mit den nötigen Mitteln aus. So kam es, daß sich auf dem Weltkongreß jüdischer Zionistische Frauengruppe IX._ Dienstag, 4. Februar, halb 8 Uhr abends im Klublokale des Caf6 Bauernfeld, IX., Liechtensteinstr. 42 VORTRAG des Dr. Josef Löwenherz, Vizepräsident der Isr. Kultusgemeinde, über „Die Stellung der jüdischen Frau in der Gemeinde.“ Gäste willkommen. Frauen in Wien, 92 Delegierte aus 24 Ländern einfanden. Unter den neuen Delegierten befand sich auch Mrs. Nellje Mosshenson Strauß aus Palästina, eine junge Amerikanerin, die in den letzten Jahren als eifrige Zionistin für ihr Volk kämpfte. Es war mein Glück in Wien zur Präsidentin des Kongresses gewählt z>u werden. Eine Organisation wurde fertiggestellt und wir verließen den Kongreß, mehr überzeugt denn je, daß unser in Rom gefaßter Plan gesund und gut war, weiters, daß wir unsere Idee von einer geeinten Weltjudenheit durch eine einige jüdische Frauenfront, auch tatsächlch durchführen werden. Als wir uns im vorigen Jahre in Hamburg trafen, waren sechs Jahre individueller Arbeit in den einzelnen Gemeinschaften hinter uns; wir standen uns erfahrungsreicher gegenüber, übersahen gründlich die Bedürfnisse unseres Volkes, die allmählich deutlicher wurden, nachdem das Leben sich irgendwie zu stabilisieren begonnen hatte. Wir waren damals über 200 Frauen und fühlten uns als parlamentarische Vertretung der jüdischen Frauen, die eine internationale und doch rein nationale Angelegenheit vor sich hat. Bei den verschiedenen Sitzungen gab es die üblichen lokalen VERBAND ZIONISTISCHER MITTELSCHÜLER jüdische Jugendlichei Erscheinet in Massen beim Vo» trag des Herrn Redakteurs Hanns Margulies (Berichterstatter d. «Tag» während d. Halsmann-Prozesses) Der Halsmann-Prozeß Montag, den 8. Februar, halb 8 Uhr, Altes Rathaus, Wien, 1., Wippliogerstraße 8. Schwierigkeiten, die sich im nachhinein als gar nicht so lokal heraussteliten; allgemeine Sympathie, wenngleich auch einen Großteil gesunder Meinungsverschiedenheiten. Unter den Problemen, die uns vornehmlich beschäftigten, waren: Die Verfügung über die jüdischen Kriegswaisen, ferner der Mädchenhandel mit jüdischen Mädchen und Frauen in Osteuropa, ■ das Agunah- Problem, zu dessen Aufklärung wir einen besonderen Rabbinatsrat einzuberufen beschlossen. Selbstverständlich waren Zionismus und die Jewish Agency gleichfalls prominente Fragen unseres Programmes. Mrs. Rosenbllith aus Palästina sprach sich für den reinen Zionismus, Mrs. Irma Lindheim von der Hadassah für die Agency aus. An dieser Stelle kann ioh auch nicht umhin, einigen Frauen den vollsten Tribut meiner Bewunderung zu zollen, Frauen, die Weisheit und vollendete Menschlichkeit gleichzeitig verbindet. Ich werde niemals den spielerischen Intellekt und die Seelengröße einer Paula Ullendorf vergessen. Diese Frau ist weit über die Grenzen Deutschlands als Shakespeareautorität bekannt und geschätzt und obgleich schon grauhaarig bei den entscheidenden Debatten von elektrischer Beweglichkeit. Mrs. Caroline Wijsenbeck-Franken aus Amsterdam, die gegen die assimilatorische Athmosphäre der Versammlung revoltierte, und eine der führenden jüdischen Frauen Hollands ist. Noch Anitta Müller-Cohen. Sie ist eine temperamentvolle Persönlichkeit, für alle, die um sie herum sind, stets Inspiration; außerdem ist sie bekannt als Mutter von 5000 Waisenkindern. Ich könnte noch viele andere anführen. Wir jüdische Frauen sehen in der Weltorganisation jüdischer Frauen ein Instrument, dessen ungeheure Wirkungskraft für die Zukunft noch gar nicht abzusohätzen ist. Sie ist repräsentativ für das Seelenleben von mehr als 200.000 Jüdinnen; sie schließt alle Schattierungen jüdischen Glaubens und alle Anschauungen jüdisober Probleme in sich. Gerade der kaleidoskopartige Charakter ist es, der unserer Organisation ein solch großartiges Gepräge verleiht. Kleine Geschichten von der großen Giückei Ihren Memoiren entnommen und nacherzählt von Otto Abeies Einleitung Als die Glückei von Hameln anno 1689 Witfrau geworden war, hatte die kräftige, jugendliche Vierzigerin beide Hände voll zu tun. Die Verlassenschaft war abzuwickeln, Schulden waren zu bezahlen, Wechsel Verbindlichkeiten waren zu tilgen, das weitverzweigte Geschäft war SU führen, eine Schar unmündiger Kinder war zu erziehen, Eheschließungen waren vorzubereiten und die verheirateten Kinder waren auch noch zu lenken, zumindest ernstlich zu beraten. Aber — glaubt mir‘s — diese Frau hatte noch immer zu wenig zu tun. Da sie jetzt die Geschäfts- und Familiensorgen auf den eigenen mächtigen Schultern trug, wickelte sie alles doppelt so rasch ab als vor den dreißig Trauertagen, zu Lebzeiten ihres guten, frommen Gbaim, der — glaubt mir‘s — doch nur tat, was sie anriet oder unterließ, was sie untersagte — manchmal um eine tüchtige Spanne Zeit später a]s es zweckdienlich war. Denn, ihr wißt doch, es geht alles rascher, wenn man‘s selbst tut als *enn man —r wie in diesem Falle mit allem Takt einer klugen, jüdischen Ehefrau — es den Herrn und Gebieter für sich lind die Kinder tun läßt. So erübrigte srie jetzt, an der Witwenzeit, noch täglich einige Stunden, um sieben kleine Büchel abzufassen. „Für ihre Kinder“, wie sie in der Einleitung dieser Memoiren versichert. Nebenbei, ja wie wir vermeinen, hauptsächlich aber, weil die reiche Fülle ihres Wesens an der Leitung der Firma und der Familie keine genügende Betätigung fand, trotz der unglaublich häufigen, anstrengenden Besuche von Märkten und Messen, trotz der Sorge um pünktliche Abwicklung der Wechselfälligkeiten, trotz der schwierigen Entwirrung recht verwickelter Geschäfts- und Familienaffären ihrer weit wohnenden Deszendenten« Früher mußte sie dies alles auf dem Umweg über ihren Gatten abwickeln, den sie. in aller Demut beherrschte; jetzt blieb reichlich Zeit zum schreiben. Leider erst jetzt. Guter, frommer Chaim Hameln, Geschöpf deiner Gattin, wir werden dir‘s nie verzeihen, daß die Glückei nicht auch schon während der dreißig Jahre ihrer Ehe Lust und Muße hatte, ihrem Drang, Tagebücher zu führen, nachzükommen. Es ist ein Jammer, daß sie nicht früher schrieb, als bis du das Zeitliche gesegnet hattest. Du kannst es in jener Welt nicht verantworten. Wenn wenigstens ein Eckermann, wie er sich Goethe an die Sohlen heftete, ihre mündliche Ueberlieferung fixiert hätte oder auch nur ein Chapiro, wie er sich vor Jahren bei dem alternden Gerhard Hauptmann einnistete! Aber wenn auch, wie unsere Glückei immer wiedd? versichert, alles schon dagewesen ist, und wenn auch tatsächlich die Eckermanns und gar er^t die C'hapiros schlechte Wiederholungen der Schüler des Sokrates sind, so ist doch sehr zu bedauern, daß im Hause des Chaim Hameln keine Schreibkraft mit der erforderlichen geistigen Potenz lebte, welche die Bedeutung der Glückei und ihres Mundwerkes erkannt, alles sauber aufgezeichnet und der Nachwelt überliefert hat. Sosind war auf die verflucht spät abgefaßte, dem Mangel an hinreichender Betätigung zu dankende Selbstbiographie angewiesen, Ira will im folgenden die Historie ihres Lebens vernachlässigen und keinesfalls versuche#, das Tatsachenmaterial zur Geschichte der deutschen Juden in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts aus den sieben Memoirenbüchein herauszuschälen. Es liegt mir nicht, ich bin auch kein Fachmann. Statt dessen will ich bemüht sein, auf dem Umweg über Anekdoten, die ich ihren Memoiren entnehme, diese Frau zu u#s sprechen zu lassen. Die Gliickel von Hameln in Seenot Naoh der glanzvollen Hochzeit ihrer Tochter zu Amsterdam fuhr die Glückei mit ihrem Manne nach Delfzyl, wobei eine stürmische Meerfahrt nicht zu vermeiden war. „Da ist ein starker Wasserwirbel und das Schiff wird sehr gerüttelt. Der stärkste Mensch, der das Meer nicht gewöhnt ist, muß da todkrank werden.“ Auch Frau Glückei, die füglich zu den Stärksten zu zählen ist, wurde es. Ihr Mann hatte sie angewiesen: „Glückelchen, da leg dich hübsch auf eine Bank, ich will dich gut zudecken und nimm dich in acht, errege dich nicht und liege ganz still, da wird dir das Meer nicht schaden.“ So legte sie sich denn hin und blieb zunächst ganz munter, denn sie konnte noch folgendes beobachten: „Das Schiff ist sehr hohl gegangen und alle, die in dem Schiffe waren, sind todkrank gewesen und haben sich, mit Verlaub zu sagen, übergeben müssen.“ Dann aber, als ihr Kind, das der Magd anvertraut war, „hat angefangen zu heulen und zu kreischen,“ erhob sie sich, um das Kind an die Brust zu legen «- und sofort ist das Malheur geschehen. „Aber mein Gott, wie ist mir so weh geworden! Es hat mich stracks Todesnot ergriffen.“ Die Glückei begann das Sündenbekenntnis zu sprechen, „so gut ich es konnte,“ wie sie aufrichtig bemerkt, „und so viel ich davon auswendig wußte“, ihr Mann aber, denkt euch, hat sich amüsiert. „Ich liege da in Todesnot und mein Mann liegt da und lacht!“ Bauch-, Magen-, Kopfschmerzen und sonstige Pein haben der Frau Gliickel nicht so weh getan wie die jammervolle Tatsache, daß sie nicht die Kraft hatte, „auch nur ein Wort zu reden“ und den geliebten Chaim, den die ungewohnte Ohnmacht der Gattin in ungestrafte Heiterkeit versetzte, tüchtig auszuzanken. Noch jetzt, beim Memoirensdhreiben, kann sie nicht vergessen, daß sie damals mundtot war. Die Glückei, verurteilt dazuliegen, gelähmt an Händen, Füßen und — Zunge! Eine Katastrophe, wie sie nur der tückische Dollart mit seiner Seekrankheit verursachen konnte. (Fortsetzung in der nächsten Nummer.}

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