Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 111 (28.1.1930)
- Date
- 1930-01-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE SUMME Nf. 111 AfilMor Hameiri ln Wien Hameiri über die Stimmung im lischuw und die palästinensischeLiteratur (Aus einem Gespräch mit dem Dichter.) (w.) Lin Interview mit Avigdor Hameiri ist ein Vergnügen. Geist, Witz und dabei auch tiefer Ernst kennzeichnen, wie seine Schreibart auch seine Sprechweise. Und ein doppeltes Vergnügen ist es, von einem Menschen, der gerade aus Palästina kommt, Worte zu vernehmen, die vom ungebrochenen Mut und der Hoffnung des palästinensischen Judentums Zeugnis ablegen. Hameiri, einer der begabtesten hebräischen Dichter — nebenbei der bekannte Leiter des hebräischen satirischen Theaters in Tel-Aviv «Kumkum» —, dessen bedeutender, vor kurzem erschienener Kriegsroman «Haschigaon Hagadol» (Der große Wahnsinn) großes Aufsehen erregt hat und demnächst in einige eu.^päische Sprachen übersetzt werden soll, weilt seit einigen Tagen in Wien auf seiner Durchreise nach Ungarn, wo er an der ersten in diesem Lande stattfindenden Keren-Hajessod-Kampagne teilnehmen wird. — ... nein, von einer Depression ist keine Rede. Ganz im Gegenteil Contra spem spero — das ist die Losung des heutigen Jischuw. Die Arbeit wurde versiebenfacht, von einem Nachlassen dei Energie ist nichts zu bemerken. Allerdings herrscht heute im Jischuw eine große Erbitterung. Diese wendet sich vor allem gegen die Palästinaregierung, welche uns zur Zeit der Unruhen nicht nur nicht geholfen hatte, wie es ihre Pflicht gewesen wäre, songjöfl RAD 1 PAN LAG E N Batterie- und Netzempfänger, Netzanoden, Lautsprecher INGENIEURE KRISCHKER &NEHOD A ■Wien, VTL, Halbgasse 2. Telephon B-38-500 Serie. dem auch als mittelbare Anstifterin und an den Unruhen mitschuldig anzusehen ist; ferner gegen die Araber, von denen man trotz allem nicht erhoffte, daß sie die langjährige Freundschaft mit ihren jüdischen Nachbarn aufgeben werden; und schließlich auch gegen unsere Exekutive, welche zur Zeit der tragischen Ereignisse und knapp nachher, als noch lange Zeit vereinzelte Angriffe auf Juden stattfanden, in die ganze Welt hinausposaunte: «Im Lande herrscht Ruhe.» Das war zur Zeit, als Chaluzim, die zum Beispiel im arabischen Jaffa, arbeiteten, vor einem Dolchstoß oder einer Kugel nicht sicher waren. Man muß heute zugeben, daß Jabotinsky recht hatte. Als er vor drei Jahren uns überzeugen wollte, daß wir auf der Hut sein sollen, wurde er allgemein ausgelacht. «Es herrscht ja Ruhe», das war die übliche Antwort. Worauf er fragte: «Wenn in einem Dorf sieben Jahre lang kein Brand vorgefallen ist, soll man die Feuerwehr auflösen?» Der prophetische Sinn dieser Worte erhielt in den letzten Monaten tragische Wirklichkeit. Und es ist zu betonen, daß gerade. diejenigen Araber, welche in freundschaftlichen Beziehungen mit Juden lebten, wie in Hebron und Saffed, wo die jüdische Bevölkerung arabisch spricht, sich als größte Pogromhelden entlarvten. Besonders bemerkenswert ist, daß kein einziger Angehöriger der arabischen Intelligenz seine Stimme erhoben hat, um die gräßlichen Barbareien zu verurteilen. Sie fragen, was der Grund ist? Sie hatten und sie haben Angst. — — Welche Konsequenzen haben die letzten Geschehnisse im jüdischen Leben gezeitigt? — — Vor allem wurde fast die ganze jüdische Bevölkerung politisiert. Im besten Sinne des Wortes. Politik ist die Kunst, die Zukunft vorauszusehen und danach zu handeln. Diese Kunst haben wir bis vor kurzem überhaupt nicht gepflegt. Jetzt weiß man: Politik ist von größter Bedeutung und jetzt ist auf aller Lippen ein Wort: Selbstschutz. — Und der Brith Schalom? — — Der Einfluß der Brith-Schalom-Bewegung im Lande ist minimal. Hier in Europa spricht man noch von ihr, in Palästina selbst ist sie politisch eine Null. Diesbezüglich hat fast der gesamte Jischuw den rein zionistischen Standpunkt eingenommen, wie denn überhaupt die Tendenz sich zeigt, das Monopol der Revisionisten auf ihre Ideologie zu brechen. Von einem Widerhall des Brith-Schalom-Gedankens bei den Arabern ist nichts zu verspüren. Es sei denn, daß man die Tatsache in Betracht zieht, daß sie die Brith-Schalom-Argumente gegen den Zionismus ausspielen. Meiner Ansicht nach zeigt übrigens die Brith- Schalom-Bewegung eine große Aehnlichkeit mit der Assimilationsidee von vor hundert Jahren. Menschen, wie Dr. Hugo Bergmann und Hans Kohn, die ich persönlich hochschätze, leben in einer dem wirklichen Judentum weit entfernten Sphäre. Es sind 1 typische Sprößlinge des assimilierten Westjudentums, die vergessen, daß auch die schönste Missionsidee auf dem politischen Gebiete gefährlich werden kann. Wären wir ein Staat, so müßten sie wegen ihrer Gefährlichkeit und Schädlichkeit verhaftet werden. Unser Recht auf Palästina ist unzweideutig und feststehend. Wir sind die letzten überlebenden Eroberer dieses Landes. Es gibt kein lebendes Volk, dem man sein Land genommen hat, außer dem jüdischen Sie fragen, wie sich die jüdische Bevölkerung zur Zeit der Unruhen benommen hat? Darüber war ja ausführlichst in der gesamten Weltpresse zu lesen. Aber betonen möchte ich: Es kam in jenen Tagen ein Heldentum zutage, an welches wir selbst nicht glauben konnten. In Jerusalem zum Beispiel waren es nichl nur die jungen Chaluzim, welche jüdisches Leben und Gut schützten. Alte und Junge. Fortschrittliche und Orthodoxe. Talmudjünger und Chaluzim, Männer und Frauen standen wie ein Mann auf, um mit dem größten Aufgebot aller ihrer Kräfte die Angreifer nicht nur zurückzuschlagen, sondern ihnen auch eine derartige Angst einzujagen, daß sie sich wenigstens in nächster Zeit lange überlegen werden, bevor sie einen Angriff wiederholen werden. :Es war ein heldenmütiger Verzweiflungskampf. Ganz besonders muß auch das Heldentum der jüdischen Mädchen hervorgehoben werden. Es gibt heute Im Lande nicht nur eine Sara Cizik . . . Das Gespräch kommt in andere Bahnen. Ha meiri erzählt von der palästinensischen Literatur und : Publizistik- Seiner Ansicht nach gehören SchÜonski und Grünberg zu den größten Hoffnungen der junghebräischen Lyrik. Dabei sind sie zwei Antipoden. Grünberg hat ein blutendes Herz, ein scharfes Auge, eine prophetisch-visionäre Kraft, aber es fehlt ihm die ästhetische Kultur und er beherrscht die Technik nicht. Schiionski dagegen hat nicht so viel zu sa¬ Union der Zionisten-ReviFionisten Oesterreichs Montag, den 8. Februar 1930, halb 9 Uhr abends, Caf6 Arkaden (Souterrain) spricht Prof. Dr. Oskar Rabinovicz Präsident d. Union d. Zionisten-Revisionisten d. C. S. R. über „Jena, Warschau, Brünn“ Anschließend Diskussion Gäste willkommen lieh, aber Parteiprinzip und* Parteigeist sind nicht identisch Den Parteigeist erachte ich als Zersetzungsbakterien in einem kranken Organismus. Das Charakteristikum dieses Parteigeistes ist der Haß Der einer Partei Angeschlossene ist ein Wesen, das keine eigene Meinung haben darf, nicht einmal in Dingen der Literatur. Es ist für einen schöpferischen Menschen schwer, wenn er nicht ein Publikum hat, für das er schafft. Der Anstoß ist freilich eine Gnade Gottes, aber das Schreiben und das Veröffentlichen ist an ein Verständnis und liebevolles Publikum geknüpft: Wir leben in einer Periode von Schlagworten und Parolen. Die Fahne ist das Symbol eines Ideals. Die Parole ist die Fahne des Geistigen. Ich bin mit «der Legion zum Schutze der hebräischen Sprache» ' in Palästina unzufrieden: sie küssen die Fahne, vernachlässigen aber das Buch. Das Ideal einer jeden Partei ist heilig, jede Idee 'ist heilig, aber sie kann bei dem Menschen nur dann lernst genommen werden, wenn er auch die Fähigkeit ibesitzt, sich für das Ideal zu opfern. Es gibt Parolen, •die ihren Inhalt verloren haben. Nehmen wir den Revisionismus.-Es bedarf hiefür keiner eigenen Partel.v - Jabotinsky hat von mir einmal gesagt, ich sei. ein INGENIEURE KRISGHKER&NEHOD A Wien, VII., Halbgasse 2. Telephon B-38-500 Serie. Prärevisionist. Jeder einfache Mensch in Palästina fühlt die Berechtigung des Revisionismus. Aber wir i müssen Revisionismus von uns selbst verlangen.; Das Ideal kennt nur Liebe und nicht Haß. Eine leer gewordene Parole wirkt zersetzend. Diejenigen, die den Judenstaat ablehnen, für sie ist in Palästina ikein Platz. Man kann in Palästina nicht einmal ein Haus bauen, ohne ein Maximum von Schutz. i . Wessen bedarf es in Palästina und im Golus, um Iden Jüdenstaat zu verwirklichen? M 0 n i smus. Es I gibt ein Volk auf Erden, das die außerordentliche! Fähigkeit besitzt, die Einheit zu finden. Dieses Volk . heißt das jüdische. War es nicht vor Jahrtausenden ein absoluter Wahnsinn, den Glauben an einen Gott zu propagieren? Es fehlt bei uns an dem Willen zur Einheit. Tragödie ist eine Seele ohne Körper. Komödie ein Körper ohne Seele. Das jüdische Volk ist eine Tragödie. Es hat eine Seele, aber keinen Körper: es hat kein Land, keine Sprache, keine Würde. Der Antisemitismus setzt sich zusammen aus Haß 1 und Verachtung. Es gibt ein Volk auf Erden, das allgemein gehaßt wird: das deutsche. Aber dies hat seiner Weltstellung nicht geschadet. Es gibt ein Volk aut Erden, das nur von Verachtung umgeben ist: die Zigeuner. HeirzI wußte/daß er das jüdische Volk vor der Verachtung retten aber nicht den Judenhaß aus der Welt schaffen kann. Uns gebricht es an der Form. Mein Großvater sagte einmal, es gibt keinen Bundisten, der, wenn er einen jüdischen König sehen würde, nicht mit ausrufen würde: es lebe der König! Wir haben em tiefes Bedürfnis nach äußerer Schönheit. Der Chassid verehrt seinen Rabbi als seinen Führer, das ganze jüdische Volk braucht einen Führer. Es gibt keine Schönheit ohne Liebe, es gibt keine Schönheit ohne Tragödie. Unsere Tragik besteht in Palästina auch darin, daß wir nicht einmal fähig sind, eine professionelle Vereinigung der hebräischen Schriftsteller zu schaf-; fen; es fehlt uns wohl der Sinn für die Form. Mit einem Appell zur Pflege der hebräischen Sprache und Verb-eitung des hebräischen Buches schloß Hameiri seine Ausführungen, die bei den Anwesenden einen nachhaltigen Eindruck hinterließen. T. der Form und verfügt über eine blendende Technik. Von den jüngsten Talenten wären Larndan, S. Schalom und Rachel, eine sehr talentierte Dichterin, hervorzuheben. ‘ Macht sich der Einfluß der letzten Unruhen In der Literatur, insbesondere in der Dichtung, bemerkbar? — Jawohl. Grünberg hat in den letzten Monaten zwei Bände herausgegeben. Auch Schiionski schrieb; einige Gedichte unter dem Einfluß der Augustgeschehnisse. Ich für meine Person konnte mich dazu noch nicht aufraffen. Die Distanz ist noch zu klein. Vielleicht später. Meiner Meinung über das Geschehene gab ich dagegen in publizistischer Form Ausdruck, in Angriffen gegen die Regierung und in einer Kritik unseres Jischuw selbst. Die Angriffe gegen die Regierung verschafften mir das Vergnügen vieler Konfiskationen wie auch eines Prozesses, von dem aber dann der Staatsanwalt zuriiekgetreten ist. Wir sprachen dann noch über das palästinensische Drama und Theater. Darüber in der nächsten Nummer. Empfangsabetid der hebräischen Organisation zu Ehren des Dicht^ Avigdor Hameiri Auf die Nachricht hin, daß Avigdor Hameiri auf der Durchreise qaeh Ungarn sich in Wien aufhält, , berief die Leitung der hebräischen Organisation ihre Mitglieder zu einem Empfangsabend zu Ehren des Dichters. Wiewohl die Einladungen erst im letzten Moment verschickt werden konnten, hatte sich ein sehr zahlreiches Publikum eingefunden. Nach der Begrüßung durch Herrn Prof. Gelernter sprachen die Herren Dr. Chaim Tartakower, D r e x 1 e r, Daniel P e r s k i, Salomon Auerbach, Lasowitzky und Gottfried. Den Höhepunkt des Abends jedoch bildete die Ansprache des Dichters selbst. Er führte aus: Es gibt meiner Meinung nach keine Kultur ohne Politik. Nach den letzten Ereignissen irn Lande herrscht große Erbitterung, aber absolut keine Depression. Ich habe bi-s nun in Palästina noch niemals ein solches Aufleben der Geister und eine solche Sehnsucht nach vollem Wiederaufleben des Volkes gesehen wie nach diesen Ereignissen. Als das größte Uebel sehe ich den Partelengeist an. Ein Volksleben ohne Parteiungen ist nicht mög- | Schirmgitter - Netzempfänger,, mit dynamischem Lautslprccher, Einkqopfbedienttflg. < . - INGENIEURE KRISCHKER & NEHO D A •Wien, VII.. Halb-nsse 2. ' Telephon B-^eob Serie. ’RADIOANLAGEN Celestion - Lautsprecher — seit Jahren die führenden. gen, wie Grünberg, er ist aber ein wahrer Meister RADIOANLAGEN