Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 111 (28.1.1930)
- Date
- 1930-01-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite t DIE STIMME Nf. 111 im flalsmann-Prozeß hat der Oberste Oerkhtshol die Wahrheit verworten Der Mann, der in den Tiroler Bergen unter den Augen des Sohnes einen gräßlichen Tod fand, hieß Morduch Halsmann. Und der Gastwirt Eder fand auf den ersten Blick den Mörder in Morduchs Sohn. Dem Morduch ward zwar so nebenbei die Brieftasche mit den Schweizer Franken geraubt, die man bis jetzt nicht gefunden hat. Man fand zwar auch keine Blutspuren an Philipp Halsmann, dafür aber vermied man sorglich auch die Souren, die möglicherweise zur Entdeckung p.ines bodenständigen Mörders hätten führen können. Ja, der Fremdenverkehr . . . Professor Erismann, ein Gelehrter von europäischem Ruf, wollte mittels einer Puppe den Beweis erbringen, daß hinter dem Rücken Philipp Halsmanns ein anderer der Täter sein konnte. Aber teutonische Jünglinge vom Hackenkreuz amüsierten sich über das Beweisanerbieten ihres Lehrers und schrieben mit Kreide an die Wände seines Innsbrucker Hörsaales: «Morduch Erismann gibt Puppenspiete.» Ein Jesuitenpater unterstützte den öffentlichen Ankläger recht wirksam mit seinen kirchlichen Predigten, die «das verstockte Gewissen des reuelosen Vatermörders» mit bewegter Stimme anklagten. Ueberflüssig, zu erwähnen, daß die bodenständigen Blätter — andere Blätter werden von den Tiroler Volksrichtern kaum gelesen — in allen Tonarten hetzten. Unter dieser Begleitung erleuchtete das vom besagten Wirt angezündete Irrlicht des Indizienprozesses die Köpfe und Gemüter der Tiroler Geschworenen. Der erste «Wahrspruch» wurde vom Obersten Gerichthof aufgehoben und nun mußten wieder Innsbrucker Schwurrichter (andere waren nach Ansicht des Obersten Gerichtshofes hiezu nicht berufen) sich zum zweiten Male der wochenlangen Mühe unterziehen, einen neuen Wahrspruch zu künden. Es wurde ihnen wahrhaftig nicht leicht gemacht. Mit dem angeklagten Juden kämpften vorurteilslose Nichtjuden einen verzweifelten Kampf um Wahrheit und Gerechtigkeit. Es kamen Zeugen von Ost und West, die alle Schlupfwinkel der Seele dieses fremden Juden erhellten. Der Eindruck dieser Zeugenaussagen auf die Geschworenen schien unverwischbar. Da wurde der Prozeß für mehrere Wochen unterbrochen, die Geschworenen gingen nach Hause, und als sie zurückkamen, fanden sie ein neues Gutachten der Innsbrucker medizinischen Fakultät vor, ein neues «Irrlicht, das in den Sumpf des Justizirrtums führte», wie sich ein hervorragender Rechtsanwalt äußerte. Weit und breit nicht der geringste Anhaltspunkt, nicht der Schatten eines Motivs für den Totschlag. Ein juristisches Unding. Doch der Staatsanwalt, der doch auch etwas für den Angeklagten tun mußte (nach unserer Strafprozeßordnung soll nämlich auch der öffentliche Ankläger alles Für und Wider den Angeklagten erwägen) stürzte sich auf die Eventualfrage wegen Totschlags. Neuer Wahrspruch: Vier Jahre schweren Kerkers. Die obersten Hüter der Gerechtigkeit in unserem Lande hatten die Voraussetzungen des zweiten Geschworenenverdiktes formal- und materiellrechtlich zu überprüfen. Sie haben sich gewiß sehr darum bemüht. Sie wollten aber auch der hehren Justitia endlich Ruhe verschaffen. Sie hatte schon genug Scherereien mit dem Halsmann. Diese Scherereien wären aber in ein neues akutes Stadium getreten, wenn mau der Wahrheit auf den Grund gegangen wäre. Denn die logische Folge einer Aufhebung auch des zweiten Geschworenenverdiktes wäre doch zweifellos die Delegierung eines neuen Schwurgerichtes gewesen. Das durfte aber im Interesse der Ruhe unserer Republik nicht geschehen. Die Formalistik hat es gründlich besorgt. Frau Justitia läßt sich gerne mit einer Binde um die Augen darstellen. Skeptiker wollen au« genügsamer Erfahrung wissen, daß diese Augenbinde zuweilen aus BÜCHERSTUBE M. RATH Buchhandlung, Antiquariat, Leihbibliothek Wien, II., Taboretrafle 20 a, Tel, R-43-1-58 M. RATH’S heueröffnete Leihbibliothek bietet Ihnen eine reiche Auswahl von Büchern aller Art, insbesondere von Neuerscheinungen im Original, bxw. geschmackvollen Bibliothekseinband. Außer den deutschen Büchern auch englische, hebräische, jiddische ju De utsch-Judaica in reicher Auswahl. Täglicher Umtausch Den ganzen Tag von 8 bis 6 Uhr geöffnet Monatsgebühr nur S 3*— Keine Bandgebühr undichtem Stoff ist. Wir Juden sind bekanntlich solche unverbesserliche Skeptiker und der Fall Halsmann hat uns in niederschmetternder Weise diese Skepsis zur Gewißheit gemacht. Frau Justitia hat aber in unserem Falle noch eine zweite Binde angehabt. Nämlich um die Ohren, und diese war aus sehr dichtem Stoff. Die besten und berufensten Vertreter der Strafrechtswissenschaft, in erster Reihe Nichtjuden, haben mit unüberhörbarer, unvergeßlicher Eindringlichkeit gerufen: Die Innsbrucker Geschworenen haben die Wahrheit um Halsmann nicht erforscht. Sie haben kein Gehör gefunden. Ein Schrei des Entsetzens und der Verzweiflung über diese «Katastrophe der Gerechtigkeit» ging durch alle Zeitungen, selbstverständlich in erster Reihe die sogenannten judenliberalen. «Stimmungsmache» nennt dies die offiziöse «Reichspost». Der gemäßigtantisemitische Gerichtssaalberichterstatter dieser Zeitung schließt seine Betrachtungen über den Ausgang der Verhandlungen beim Obersten Gerichtshof und über den hiedurch hervorgerufenen Entrüstungssturm mit dem bemerkenswerten Satze: «Wir glauben nicht, daß dieser Sturm die gleiche Heftigkeit hätte, wenn Philipp Halsmann etwa Antisemit wäre.» Das Blut gerinnt einem in den Adern ob dieser abgrundtief zynischen Verlogenheit. Ja, gibt cs denn noch einen Menschen, der vorurteilslos diesen Prozeß in allen seinen Phasen verfolgte und nicht zur Ueberzeugung gelangt wäre, ämn ttllta Malt ln lim! Sonntag, 9. Februar, halb 11 Uhr vorm, VfATONKINO SU., Taborstfrcifie Ms*. 8 HEBRAEISCH-JDEOISCHES SCH ALLPLATTEN - KONZERT Apparat u. Platten werden von der »Gramola*- Grammophongesdlschaft zur Verfügung gestellt Mitwirkend: Oberkantor Jossele Rosenblatt, Violinvirtuose Jascha Haifetz, Mali Pi c o n u. v. a. Conference: Dr. Sem Wolf. Einlagen: Tanz: Rosl Irom, Fackelschwingen Makka b! IX. Karten von S 1.— bis S 2.50 erhältlich: Zionistische Bureaus, I., Kärtnerstraße 28, Tel. R-27-4-85/86; Bücherstube Rath, II., Taborstraße 20 a; Makkabi, IX., Lichtensteinstraße 20; Jugendverein «Erez Israel», II., Zirkusgasse 33, Tel. R-49-8-98 und Hotel Baron, II., Gr. Schiffgasse 19, Tel. R-43-1-48. daß die Mordanklage gegen Philipp Halsmann überhaupt nicht erhoben, sicher aber im Verlaufe des Prozesses zurückgezogen worden wäre, wenn Halsmann nicht Jude wäre? Die Anklagebehörde ist bekanntlich von Prestige- und Opportunitätserwägungen nicht frei. Denken wir doch an den Fall Karoline Kudisch. Im Rechtsbewußtsein des ganzen Volkes stand die Kudisch als Mörderin da und doch pfiffen es die Spatzen von den Dächern, daß die Staatsanwaltschaft lange erwog, ob die Mordanklage zu erheben ist, trotzdem die Indizienbeweiskette beinahe geschlossen war. Wagt es jemand, zu behaupten, daß die Indizienbeweiskette im Falle Halsmann auch nur annähernd so aussieht, wie im Falle Kudisch? Man hat den Fall Halsmann als Politikum hingestelit. Wer dabei bleiben will, muß zugeben, daß nicht wir Juden und nicht die judenliberalen Blätter, sondern die von der entgegengesetzten Seite aus diesem grauenhaften ProzeßtyUp^ein Politikum zu machen suchten. Wir alle, die wir, die Stimme für Halsmann erhoben haben, befanden und befinden uns nur in einem verzweifelten Abwehrkampfe gegen die Verschleierung und Verunglimpfung der Wahrheit und Gerechtigkeit. Kann ein nur halbwegs denkender Mensch behaupten, daß kein Zweifel an der Schuld Halsmanns besteht? Diese Frage bedarf wohl keiner Antwort. Besteht aber auch nur der geringste Zweifel daran, ob Philipp Halsmann seinen Vater ermordet oder erschlagen hat, so dürfen wir wohl mit Recht darauf hinwelsen, daß in diesem Falle der oberste Grundsatz des Strafrechtes: «Im Zweifel für den Angeklagten» durch den ganzen Verlauf und Ausgang dieses Prozesses in der eklatantesten Weise verletzt wurde. Wir scheuen uns nicht, auszusprechen, was ist, und rufen es laut in alte Welt hinaus: Dem Urteil der Innsbrucker Geschworenen liegt die Mentalität zugrunde: Im Zweifel gegen den Angeklagten, wenn er Jude kt! Wir Juden fühlen uns allerdings berechtigt, Philipp Halsmann, so wie er sich uns aus den gesamten Beweisergebnissen dieses Prozesses darstellt, für einen des Vatermordes unfähigen Menschen liinzustellen, indem wir nicht nur darauf hinweisen können, daß sein ganzes Vorleben und besonders das Verhältnis zu seinem Vater auf kein noch so entferntes Motiv dieser gräßlichen Tat hindeutet, sondern wir können uns mit Fug und Recht darauf berufen, daß in der Geschichte der Kriminalistik kein Fall bekannt ist, wo eh Jude seinen Vater ermordet oder totgeschlagen hätte. Wir würden jede Gemeinschaft mit Philipp Halsmann perhorreszieren, wenn unwiderlegliche Umstände für seine Tat zeugten. 'Wir würden uns dann vor Scham in alle Winkel dieser Erde verkriechen, wie wir es jüngst taten, als die aus dem Pferch der Großstadt herausgewachsene Mißgeburt eines Juden namens Singer auf der Anklagebank saß und schließlich ein verdientes Schicksal erfuhr. Diese restlose Ueberzeugung von der Unschuld Halsmanns aber haben wir von den Tiroler Schwurrichtern niemals erwartet, noch auch erwarten können. Wohl aber haben wir von den höchsten Richtern dieses Landes erwartet, daß sie der Erforschung der materiellen Wahrheit in unserem Falle neue Wege weisen werden. Da nun aber das Gegenteil geschehen ist, da der Wahrheitsfindung der Rechtsweg abgeschnitten erscheint, können und dürfen wir nicht schweigen. «Das kann man nicht aushalten!» Dieser verzweifelte Ausruf eines Zuhörers bei der Verhandlung des Obersten Gerichtshofes ist uns allen aus der Seele gesprochen. Die Laternenanzünder der Gerechtigkeit haben Schluß gemacht. Wir aber finden keinen Schlaf, solange dieser unglückliche junge Mensch, der seinen guten, liebevollen Vater unter so tragischen Umständen verloren hat, und seine Familie dem tiefsten Elend preisgegeben sieht, nun noch als Mörder seines Vaters dastehen muß. Philipp Halsmann, verzweifle nicht! Wir bleiben mit Dir wach und hoffen mit Dir, daß der Tag kommt, kommen muß, an dem aus den Nebeln um Dich das Tageslicht der Wahrheit durchbricht. Dr. Hermann Frenke 1. Die Sicherheit der jüdischen Kolonien vor dem Unterhaus London, 24. Jänner. (J. T. A.) In der Sitzung des Unterhauses am 22. Jänner fragte das Parlamentsmitglied Major Sir Archibald. Sinclair den Unterstaatssekretär für die Kolonien, Dr. Drummond Shiels, ob er Informationen habe über die 16 oder 17 Kolonien in Palästina, die während der Unruhen gemäß dem amtlichen Verteidigungsplan mit Waffen versehen worden sind, ob diese Kolonien ihre Verteidigungsmittel noch besitzen und ob der Unterstaatssekretär in der Lage sei, bekanntzugeben, weiche Mittel zur Verteidigung der Kolonien in der Zukunft und für die Sicherung von Recht und Ordnung in Palästina überhaupt ergriffen werden würden. In seiner Antwort erklärte Unterstaatssekretär Dr. Shiels, daß gegenwärtig detaillierte Vorschläge für die Verteidigung der jüdischen Kolonien in Palästina geprüft werden. Bis zu einer endgültigen Regelung werden vorübergehende Notmaßnahmen getroffen. So soll jetzt der Bau von Straßen in Angriff genommen werden, um die Verbindung mit fernab liegenden Kolonien herzustellen. Nach Mitteilungen des High Commissioner, fügte Dr. Shiels hinzu, haben die in Frage stehenden jüdischen Kolonien bis auf fünf ihre Waffen behalten und verwahren sie in versiegelten Depots. In der fünften Kolonie (Gezer) ist eine Bewaffnung überflüssig geworden, weil sich dort gegenwärtig eine Truppenstation befindet. Am 27. Jänner trifft der Generalinspektor der Polizei in Ceylon, H. L. Dalblggin, in Palästina ein, um im Aufträge des Staatssekretärs für die Kolonien bei der Organisation der Polizei mitzuwirken. Besprechungen Welzmanns mit Repräsentanten der Jewish Agency ln Europa Wie die J. T. A. schon mitgeteilt ‘hat, hat Professor Chaim Weizmann, Präsident der Zionistischen Weltorganisation und der Jewish Agency, seine Amerikareise, die er am 23. d. M. hätte antreten sollen, bis auf weiteres verschoben. Die «Jüdische Rundschm» erfährt, daß Dr. Weizmann sich zur Erholung in die Schweiz begibt und anfangs Februar Gelegenheit nehmen wird, mit repräsentativen Kreisen der Jewish Agency in Europa die schwebenden Fragen zu besprechen.?■ 1 ' . „ - ~ - - - - - -- . ... - ~ - — ■ ■■■ - ■ - Juden! Fremde erwerben in Erez Israel Boden! Fördert daher den KEREN KAJEMETH Er erlöst den Boden für das ganze jüdische Volk. ** Keren Kajemeth, Wien, I.,K5rntner8tr. 28,Tel, R27-4-83/88