Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 110 (23.1.1930)
- Date
- 1930-01-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 110 DTE STIMME Seife 7 'fdiuh otn Wien, 2., Gaßowstcaße 8 a SOie 9rt>n*e «rer Xelsrun^dfflfkl^fteU für moderne GuaiHHig^dHt Ae. Lage der Juden in Osteuropa Eine Sitzung der Anglo-Jewish Association Vor dem Joint Foreign Committee der Anglo- Jewish Association gab Lucien Wolf am 12. Jänner seinen üblichen Bericht über die Lage der Juden im Auslande. Das neue Anwachsen des Antisemitismus auf dem Kontinent gibt weiter Anlaß zu Besorgnis. Aber er möchte die Oeffentlichkeit warnen, eich der Meinung hinzugeben, daß Recht und Ordnung zusammengebrochen sind und die Lage der Juden schlechter ist als vor dem Kriege. Diese Auffassung liegt nahe, weil man jetzt häufig von Zusammenstößen und kleineren Ausbrüchen der Gewalttätigkeit hört. In Wahrheit aber ist die Lage der Juden in Osteuropa dank den Minderheitenverträgen trotz dieser Geschehnisse gegenüber der Vorkriegszeit gebessert. Im Laufe der Jahre haben Regierungen, die sich zuerst energisch weigerten, die Minderheitsverträge anzuerkennen und sie in Kraft zu setzen, eingesehen, daß es unmöglich ist, um die Verträge heriunzukommen, und sie tun ihr Bestes, um sich durch Erhaltung von Gesetz und Ordnung den Minderheitsverträgen anzupassen. Auf die Verhältnisse in Rumänien übergehend, sagte Lucien Wolf, daß die Ereignisse in diesem Lande einige Besorgnis verursacht haben. Die klare Sicht, fuhr er fort, ist uns etwas getrübt durch die politischen Parteigegensätze innerhalb des*rumänischen Judentums, die eine erhebliche Uneinigkeit erzeugt haben. Aber im ganzen ist durch die gegenwärtige Regierung, seit sie zur Macht gekommen ist, die Ruhe erhalten worden. Auch die Wirtschaftskrise, durch die das Land hindurcbgegangen ist, und im besonderen die scharfen Auseinandersetzungen, die im letzten Jahre infolge der sehr mutigen und mit Härten gegen die Bevölkerung verbundenen Pegierungsreform zur Stabilisierung des Lei entstanden sind, haben der Wiederbelebung des Antisemitismus Vorschub geleistet. Bei leidenschaftsloser Betrachtung, sagte Lucien Wolf, glaube ich, daß die Situation in Rumänien bei weitem nicht so schlecht ist, wie sie dargestellt wurde. Eg ist richtig, daß in der Bevölkerung sehr bös« Empfindungen lebendig sind, aber die Regierung handelt loyal und mit Festigkeit. Der Studentenkongreß in Craiova zu Anfang September verlief ohne Zwischenfall, abgesehen von einigen Hetzreden. Dadurch steht er in einem erwünschten Kontrast zu früheren Studentenkongressen, wie dem von 1927, der mit einem ernsten Pogrom in Oradea Mare schloß. Nach der Auflösung des Kongresses in Craiova, über den ich einen nach Ansicht mancher Leute sehr optimistischen Bericht gegeben habe, ereigneten sich zwar an mehreren Stellen Studentenexzesse, aber ihre Ausmaße waren bei weitem geringer als bei früheren Anlässen. Es ist für die neue Regierung in Rumänien schwierig, alles auf einmal zu leisten, aber das Joint Foreign Committee hat das Zeugnis einer ansehnlichen Zahl in der Oeffentlichkeit geschätzter rumänischer Juden, auf deren unparteiliches Urteil man sich verlassen kann, und die über die Situation in Rumänien nicht durchwegs unbefriedigt sind. Ich denke, daß Sie angesich’ Jer alarmierenden Berichte in der Presse diese Feststellungen gerne von mir hören werden. Der Präsident der J. C. A. (Jewish Colonisation Association), Sir Leonard L. Cohen, berichtete kurz über die letzte Sitzung des Rates, der J. C. A. in Paris und teilte bei dieser Gelegenheit mit, daß die politischen Verhältnisse in Rußland dem Rat der J. C. A. eine gewisse Besorgnis verursachen. Gegenwärtig, sagte er, sind die Aussichten außerordentlich trübe. Der Vorsitzende der Anglo Jewish Association, Leonard G. Montefiore, und eines ihrer ältesten Mitglieder, Sir Edward Stern, beglückwünschten in warmen Worten Sir Leonard L. Cohen zu der hohen Auszeichnung, die ihm in der letzten Ernennungsliste vom König gewährt worden ist. Nach kurzen Dankesworten Sir Leonards begrüßte der Präsident den neuen Vorsitzenden des Executive Committee der Anglo- Jewish Association, Leonard Stein (bis vor kurzem Sekretär der Zionistischen Exekutive), anläßlich seines Eintrittes in dieses Amt als Nachfolger des verstorbenen Joseph Prag. Leonard Stein erstattete den Bericht des Executive Committee und gab Aufschlüsse über die Evelina de Rothschild-Schule in Jerusalem, die er in den letzten Wochen besucht hat. Trotz der unruhigen Zeit, die Palästina durchgemacht hat, berichtete er, setzt die Schule ihre Tätigkeit normal fort, und der Besuch ist im Wesentlichen nicht beeinträchtigt worden. Er berichtete noch über die Schwierigkeit der Zwei-Sprachen-Frage in der Schule. Alle Anstrengungen sind gemacht worden und werden weiter gemacht, sagte er, um die Ansprüche des Hebräischen und des Englischen in Einklang zu bringen. Kleine Nachrichten ausPalästina Das britische Rote Kreuz hat die von ihrer Aussage vor der Untersuchungskommission her bekannte Engländerin Miß Newton beauftragt, an die durch die Safeder Unruhen beschädigten Araber Urtterstützungsgelder zu verteilen. — In der Zeit vom 1. Juli bis 15. Dezember 1929 kamen nach Palästina 1640 Chaluzim. Ueber 80 Prozent wurden in der Landwirtschaft untergebracht. — Das lateinische Patriarchat von Jerusalem hat von einem Mitglied des Obersten Moslem irischen Rates nordöstlich von Nabus eine große Bodenfläche erworben. Es ist bereits die dritte Bodenerwerbung des Patriarchats innerhalb weniger Wochen. — Die noch immer in Jerusalem weilenden Flüchtlinge aus Hebron sandten dem Sir Chancellor ein neuerliches Memorandum, in welchem sie sich über de Einstellung der Regierungssubventionen beschweren und dagegen protestieren, daß die Mörder, Aufwiegler und Plünderer noch immer straffrei sind. Zum erstenmal in der Geschichte,'heißt es zum Schluß, ist die Stadt der Patriarchen ohne Juden. — Die Legende von einer jüdischen Verschwörung gegen das Leben des Großmufti wird in einem Flugblatt in der ganzen arabischen Welt verbreitet. — Die Bnei Brith Logen Palästinas haben beschlossen, den Waad Halaschon (Stelle für die Regulierung des hebräischen Sprachgebrauchs) zu subventionieren. — An vielen Stellen im Lande wurden die Bahnkörper durch schwere Wolkenbrüche beschädigt — Arabische Arbeiter, welche in der jüdischen Zündholzfabrik «Nur» in Akko beschäftigt sind, wandten sich in einer Zuschrift an den «Felestin», in der sie sich beklagen, daß der Boykott auch den arabischen Arbeitern Schaden bringt -— Die P. L. D. C. hat die Grundbuchtitel über die 160 Dunara an die Kolonie «Herzlia» angrenzenden Boden* erhalten. — In der vergangenen Woche begab sich Rabbi Meir Berlin, Mitglied derZäorusttschen Exekutive in Jerusalem, nach Europa, um namens der Exekutive den Kontakt mit den zionistischen Landesverbänden in verschiedenen Ländern enger zu gestalten. — Die Einnhamen der palästinensischen Regierung vom 1. Jänner 1929 bis zum 31. Oktober 1929 betrugen 1,866.608 Pfund, die Ausgaben im gleichen Zeitraum 1,564;393 Pfund. — Die Eingänge beim Hauptbureau des Keren Haje&sod betrugen während des Monats Dezember 1929 16.575 Pfund, darunter Oesterreich mit 302.1.11 Pf-und. I Palästina-Orangen | In Aroma nnd Geschmack vorzüglich I 14, 17, 22 oder 26 Stück je nach Größe und | Vorrat zum Preise von S 7.40 fl Kisten mit 50, 60, 75 oder 90 Stück zum Preise I von S 23.—. Bestellungen —■ auch ins Haus in I Originalpackung zustellbar — nimmt entgegen 1 Firma S» HALPERN 8 Delikatessenwarenhandlung f| Wien II., Förstergasse 6 Telephon-Nr. R 40-4-12 Jüdische Bohemiens auf dem Montparnasse Von Dr. Jakob Rosenthal (Paris) Zur Zeit, als Montmartre noch Montmartre *ar, gab es dort nichts, das irgendwie Ausdruck jüdischer Art oder jüdischen Wesens wäre. Wohl lebten dort auch damals manche große, jüdische Künstler, aber äußerlich war das nirgends ersichtlich, denn das Milieu in dem eie lebten und wirkten, war ein ausgesprochen unjüdisches. Wie überhaupt Paris bis vor wenigen Jahrzehnten als die unjüdisoheste Großstadt Europas gelten konnte. Seit Montparnasse nun das Erbe Montmartres angetreten, ist es auch in dieser Beziehung anders geworden. Daß dies weniger auf dies.3 räumliche Verlegung, als vielmehr auf die große Welle der Judeneinwandening, die sich im Laufe der letzten 15 Jahre nach Paris ergoß und mit jener räumlichen Aenderung nur zeitlich zueammenfiel, zurückzuführen ist, braucht nicht erst be- ©onders hervorgehoben zu werden. Doch nicht von den großen jüdischen Künstlern, die heute in Paris leben und wirken, die als bewußte Juden nicht weniger bekannt sind, denn als berühmte Maler oder Dichter, nicht von Chagall und nicht von Pissarro, nicht von Pascin und nicht von Schalom Asch soll hier die Rede sein. Ueber die kleinen jüdischen „Bohemiens“, die zu dieser „Lebensform“ mehr aus Not und nun aus diser eine Tugend machend, gekommen sind, von den kleinen, durch Verkettung von Zufällen und unglücklichen Verhältnissen aus der Bahn geworfenen Existenzen, wollen wir hier berichten. Von dem Jeschiwahbeeucher aus der Ukraine, der sich hier in allen möglichen und unmöglichen Berufen versucht hatte, ohne es zu etwas mehr zu bringen, als zu einer Mansardenwohnung im „Künstlerviertel“; von dem jungen, talentierten Maler, dessen Schöpfungen bei Vetter, dem bekanntesten Kunsthändler in Amsterdam, ausgestellt waren, und der es hier, in der Stadt der Künstler, dazu gebracht hat, daß seine Bilder als Pfänder ausgestellt werden; von den kleinen und größeren Schriftstellern und Journalisten, die hier von einer Woche zur anderen auf den großen Haupttreffer warten, soll ein kleiner Ausschnitt geschildert werden. Wie in Wien, besonders vor dem Kriege und noch knapp nach dem Umsturz die Kaffeehäuser „Central*1 und „Herrenhof“, in Berlin das frühere „Caf5 des Westens“, in Prag das erst vor ganz kurzer Zeit aufgelassene Caf6 „Bohemia“, so bilden in Paris „Caf6 du Dome“, „Rotonde“ und „Coupolle“ die Zentren der Zusammenkünfte der Künstler, Literaten, Journalisten und, deren unvermeidlichen Anhang. Ich trete Ins Cafe du Dome, spähe nach einem leeren Platze, als ich mich von rückwärts her am Arm angefaßt fühle. Ich wende mich um und sehe einen schlanken, jungen Mann mit dunklen, tiefliegenden Augen in einem in undefinierbaren Farben schimmernden Smoking sitzen. Der junge Mann schiebt nun die neben Ihm sitzende Amerikanerin oder Engländerin ein wenig unsanft nach links und ich — schmal gebaut wie ich bin — habe mein Plätzchen bei meinem Bekannten, den ich erst vor einigen Stunden auf der Hochzeit eines Freundes kennenlernte und ist seine Zutraulichkeit nicht auf den Grad unserer jungen Bekanntschaft als vielmehr auf sein durch den etwas reichlicher genossenen Hoobzeitswein angeregtes Temperament zurückzuführen. In der Tat, er hat ein überschäumendes Temperament, es quirlt nur so aus ihm hervor. Er spricht in dem schönen Jiddisch, das man hier übrigens gar nicht ©o selten zu hören bekommt. Er kennt kaum meinen Namen und doch erzählt er mir unaufgefordert von seinem Leben. Ein Bachur aus einer kleinen litauischen Stadt, der bei Ausbruch des Krieges kaum gewußt hat, ob Paris existiert, der bis vor zehn Jahren, wenn der Name Montparnasse an sein Oh geklügen wäre, sicherlich nur an das Wort „Parnas“ (jüdischer Gemeindevorsteher) erinnert worden wäre. Er war hi ehergekommen wie die meisten heute in Paris lebenden Juden, als Flüchtling, vor den Pogromen in der Ukraine. Was beginnt man in Paris, wenn man mit 25 Jahren in diesen Hexenkessel gerät, von denen man gut zwei Drittel ausschließlich mit dem Studium des babylonischen und jerusalemitischen Talmud verbracht hat? Was er begann? Was so viele seiner Art, was eigentlich alle, die nichts ander« konnten, taten: als Hilfsarbeiter in Fabriken, als „Porteur“ auf den Bahnhöfen, als Federnrupfer oder Inkassant von Kohlenlieferanten. Es gibt kinen Beruf, in dem er sich nicht während seines Aufenthaltes in Paris versucht, keinen aber auch, bei dem er es längere Zeit ausgehalten hätte. Daß darunter auch der, Künstlerberuf ist, ist für ihn fast selbstverständlich. Als er mein ein wenig verwundertes Gesicht bei Erwähnung der Ausübung gerade dieses Berufes bemerkte, lud er mich in dos visä-vis gelegene Cafe Rotonde ein. Hier sind die Wände und Zimmerdecken mdt vielen, manchmal auch künstlerisch wertvollen Bildern geschmückt. „Diese Bilder“ — so besagt ein an sichtbarer Stelle angebrachtes Täfelchen —■ „sind Eigentum der in diesem Caf$ verkehrenden Künstler und zu Verkaufszwecken ausgestellt. Der Cafetier zieht aus den so getätigten Verkäufen keinen wie immer gearteten Nutzen“. Das klingt sehr schön. In Wirklichkeit verhält es sich jedoch ein wenig ändere. Denn so manches Bild — und nicht immer das schlechteste hängt hier nur als Pfand für längst von seinem Schöpfer genossenen und nicht bezahlten Sandwichs oder Kaffeecreme. „Bitte“ begann mein Begleiter, sie glauben mir nicht. Aber ich versichere Sie, daß schon in meiner frühesten Kindheit meine Begabung und. mein Interesse für die formende und bildende Kunst anz hervorragend zutage trat, was mir allerings oft seitens meiner Eltern eine gehörige