Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 110 (23.1.1930)
- Date
- 1930-01-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3053752-3053859-3053863--1507-3056864- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sette« DIE STIMME Nf. 110 Einheitsfront der palästinensischen Arbeiterschaft. Vereinigung der beiden palästinensischen Arbeiterparteien „Achduth Haawod&h“ und des „Hapoel Hazair“ (Eigenbericht der „Stimme“.) Tel Aviv, im Jänner 1930. Die Fusion der beiden palästinensischen Arbeiterparteien wurde auf der Weidath Haichud, welche hier in den letzten Tagen stattfand, durchgefüihrt. Es waren Tage großer und aufrichtiger Begeisterung. Die langersehnte Einheitsfront der jüdischen Arbeiterschaft Palästinas ist nun zur Tatsache geworden. Die Konferenz seihst bildete sowohl für Tel Aviv als für den ganzen Jisohuw eine Sensation des Tages und ein großes Erlebnis. Im Riesensaale des Beth Ilaam waren 5000 Personen anwesend, welche den Ausführungen der Arbeiterführer mit unerhörtem Interesse lauschten. Der Andrang war so groß, daß viele Personen ohnmächtig geworden sind. Die Begeisterung hatte alle Grenzen überschritten. Am 5. Jänner, 8 Uhr abends, wurde die erste Sitzung eröffnet. Beim Präsidialtisch nahmen die Mitglieder der Leitungen beider Parteien Platz. Blau-weiße und rote Fahnen schmückten die 'Tribüne. Im Hintergründe hingen die Bilder von Herzl, Brenner, Gordon, Marx, Borochow, Bussei, Trumpeldor u. a. Der Abend wurde mit der Internationale eröffnet. Dann sang ein Arbeiterchor das Lied „Techesakna“, worauf Ben Gurion eine großangelegte Rede hielt. Er sprach von der historischen Mission des jüdischen 'Arbeiters in Palästina und gab seiner Hoffnung 'Ausdruck, daß die Interessen der jüdischen Arbeiterschaft durch die vereinigte Partei besser geschützt werden können als bisher. Er unterstrich auch die große Bedeutung des Heohaluz für die Arbeiterbewegung. Nicht Sentimente sind es, welche den Weg des jüdischen Arbeiters vorzeichnen, sondern die unmittelbare Berührung mit dem Leben. Daher wünscht der jüdische Arbeiter nicht einem oberflächlichen Pazifismus und einer abstrakten Solidarität zuliebe brüderliche Beziehungen zum arabischen Volk. Pazifistische Formeln können nicht unsere Existenzsorgen befriedigen, solange wir noch schwach sind. Nur auf uns selbst können wir uns verlassen, auf die eigene Kraft gestützt, können wir uns selbst beschützen. Nach Ben Gurion sprach S p r i n z a k über die. politische Lage. Er protestierte scharf gegen die Regierungsmethoden, welche eine großzügige Kolonisation unmöglich machen. Sprinzak rühmte die Führer der Sozialistischen Internationale und den Weltvcrband der Poale Zion, der sich große Verdienste für die Anerkennung der zionistischen Idee durch den Weltsozialismus erworben hat. Die Vereinigungskonferenz, wird den Trauertagen innerhalb des Zionismus ein Ende setzen. Ein besseres, ein normales Leben steht uns bevor! Es folgten dann Begrüßungsansprachen von Dr. Ruppin, Ascher Barasch, Dizengoif, Feinstein, Scheriff und Jaari, worauf Zuschriften und Glückwunschtelegramme aus aller Welt verlesen wurden. Zum Schluß der Eröffnungssitzung wurden in das Präsidium Ben Gurion, Baratz, Rachel Katzelnelsohn, Ada Fiscbmann, Jehuda Koppelewitech und Sprinzak gewählt. Montag vormittags wurde die zweite Sitzung eröffnet, Ben Gurion las die Vereinigungsresolution vor. Ein Beben der Freude und der Einheit ging durch den diobtgefüllten Riesensaal und der Sturm des Applauses wollte kein Ende nehmen. 7& dieser Sitzung hielt Rubasobow einen Vortrag über Eduard Bernstein, worauf Bin G u r i o n über die politische Lage und Probleme der zukünftigen Regierungsform in Palästina sprach. Er wies insbesondere auf den Beschluß de« Waad Haleuml hin, der feststellt, daß man für Pogrome nicht mit Geschenken zahle. In diesem Beschluß kommt die Meinung des ganzen Jischuw zum Ausdruck. Wer das Land reicher macht, hat das Recht, die Regierungsform zu bestimmen. Unser Ziel muß es sein, in unserem Sinne ständig den Weg zu suchen, um das herrschende Regime zu verbessern. In der Abendsitzung ergriff Dr. Ariosor o f f das Wort zu einem längeren Referat über die Lage Im Zionismus. Diesem folgte die Generaldebatte. An der Konferenz nahmen 280 Delegate teil, dayon 134 aus der „Achduth Ilaawodah“, 118 aus dem „Happel Hazalr“ und 28 Unparteiisch/» In kesseren jüdischen Kreisen cingefiihrter .: SclaadcKieiit wird gesucht. Zuschriften unter „Nur ree 11“ an die Redaktion des Blattes. $)ie Wodhe London. Die Frau des englischen Chief-Rabbi Dr. tosef Hertz ist gestorben. — Hier wurde der Grundstein für ein neues jüdisches Einwandererheim gelegt. — Die Jüdische Friedensgesellschaft von Großbrittanien und Irland erließ anläßlich der bevorstehenden Flottenkonferenz eine Kundi gebung. — Der frühere russische Diplomat Gregori Wilenkin, der der erste und einzige Jude im zaristischen Diplomatendienst war, ist im Alter von 66 Jahren gestorben. — Berlin, Vor dem Amtsgericht Amberg in der Pfalz fand ein Prozeß des Zentralvereines der deutschen Juden gegen den Pfarrer Münchmeyer auf Borkum wegen Beleidigung der jüdischen Religion statt. —> Nationalsozialistische Studenten verteilten an der Berliner Technischen Hochschule Hetzflugblätter gegen den jüdischen Dozenten Prof. Dr. Ing. Riebersahn. — An der Schule der jüdischen Jugend wurde diese Woche der zweite Jahrgang eröffnet. — Warschau. Die Assimilanten beabsichtigen hier eine liberale Synagogengemeinde nach deutschem Muster zu gründen. — Zur Generalsekretärin der Zionistischen Organisation für Kongreßpoien wurde die bekannte jüdische Journalistin Frau Dr. Esther Mangel ernannt. — .Memel. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Herr Sch. Abelmann Ist gestorben. — Kowno. Der jüdische Friedhof in Traschkun wurde von Huligans geschändet. 19 Grabsteine wurden zertrümmert und viele Gröber beschmutzt. — Der litauische Staatspräsident Smetona und das Oesamtkabinett wohnten einer Vorstellung des jüdischen Theaters bei. — Eine Abordnung des litauischen Rabbinerverbandes überreichte dem Innenminister ein Memorandum über die katastrophale Folgen des Sonntagszwangsruhegesetzes für die jüdischen Geschäftsleute. — Moskau. Staatsorgane sabotieren die Verordnungen über die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Juden. — Sämtliche jüdische Kolonien in der Krim werden in Kollektiven umgewandelt und von Antisowjeteiementen gesäubert. — Hunderte jüdische Kaufleute wurden nach Narim (Sibirien) deportiert. — Die Kiewer Jüdische Hilfsgesellschaft «Kepo», die Tausenden verarmter Juden Unterstützung gewährte, wurde behördlich aufgelöst. — Das Organ der Jewsekzia «Emes» fordert die Unterwerfung der jüdischen Aufbauorganisationen unter das Gebot der Kollektivisierung. — Die Kollektivierung der Dörfer bedeutet den vollständigen Ruin der jüdischen Kleinstadt. — Haag, ln Niederländisch-Indien, wo letztens größere jüdische Ansiedlungen entstanden sind, wurde vor kurzem die erste jüdischreligiöse Trauung abgehalten. — New York. Der amerikanische Kongreß hat das Projekt für die Errichtung eines Denkmals zu Ehren des verstorbenen jüdischen Staatsmannes Oskar Strauß, das vor dem «Weißen Hause» zur Aufstellung kommen soll, genehmigt. — Der rumänische Gesandte in Washington, Carol Davila, besuchte den neugewählten Präsidenten des American Jewish Committee Dr. Cyrus Adler, um den Kontakt der Botschaft mit dem Komitee zu erneuern und fortzusetzen. — Kongreßmitglied Samuel Dickstein schilderte in seiner Kongreßrede am 15. Jänner die Religionsverfolgungen in Sowjetrußland und verlangte, daß Amerika, sobald die Verfolgungen fortgesetzt werden sollten, Rußland keine Hilfe zuteil werden lassen soll — Moskau. Im Verlaufe des Dezember 1929 wurden 21 Synagogen in Arbeiterklubs verwandelt. — Die Fakultät für semitische und hebräische Literatur an der Minsker Universität wird demnächst vom weißrussischen Erziehungskommissariat aufgelöst und an Ihre Stelle eine Fakultät für antireligiöse Propaganda errichtet. — Lissabon. Die portugiesische Regierung hat dem bekannten Lodzer Industriellen A. J. Brzesinski zu ihrem Konsul in Lodz ernannt. — Weimar. In Thüringen wurde bei der Neubildung der Regierung der bekannte Nationalist und Teilnehmer am Hitler-Putsch Dr. Frick zum Innen- und Bildungsminister ernannt. — Paris, Bekannte jüdische Persönlichkeiten, unter Führung des Großrabbiners Dr. Levi, richteten an die französische Judenheit einen Aufruf zwecks Einleitung einer größeren Aktion für das jüdische Aufbauwerk in Osteuropa. — Warschau. Mehrere Stadtverwaltungen haben für das «Ortwerk» spezielle Subventionen bewilligt. — Moskau, Mehrere Anstifter des Homeler Judenpogroms vom 13, Jänner 1906 wurden verhaftet und nach einer Gerichtsverhandlung zu mehrjährigen Kerkerstrafen verurteilt. — Kowno, «Jüdische Stimme» veröffentlicht Zuschriften von jüdischen Kaufleuten, die Opfer der Blutabzapfung in Panemum Memelland gewesen sind. — Berlin. Die Kundgebung «Friedensendung des Judentums» wird von der Leitung des jüdischen Priedensbundes demnächst wiederholt werden. — Lemberg, Die hiesige Judenschaft feierte den zehnten Todestag des bekannten jüdischen Recbsanwaltes Dr. Tobias Askenasy. — London. Col Wedgwood begab sich nach Südafrika zwecks Unterstützung der diesjährigen Keren-Hajessod-Kampagne. — Berlin. In der konstituierenden Sitzung der Repräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde wurden Direktor Georg Kareski (Zionist) zum Vorsitzenden, Kammergerichtsrat Leo Wolf und Kommerzienrat Gerson Simon zu stellvertretenden Vorsitzenden wiedergewählt, — Washington. Der polnische Gesandte Tytus Filipowicz empfing eine Abordnung der Föderation polnischer Juden Amerikas, die ihm ein ausführliches Memorandum über die gegenwärtige verzweifelte wirtschaftliche Lage der polnischen Judenheit überreichte, In dieser Denkschrift wird die Einberufung einer Sonderkonferenz zur Ergreifung von entsprechenden Maßnahmen angeregt. Der Gesandte versprach, das Memorandum der polnsichen Regierung empfehlend zu übermitteln. — New York. Demnächst begibt sich eine Delegation von Orientalisten nach Abesaynien, um das in einem dortigen Kloster befindliche Uber 2000 Jahre alte Exemplar der Bibel (in aethiopischer Uebersetzung) zu photographieren, AAAAAAAAAAAAAAAAAAA Verzweifelte Lage der polnischen Judenheit Deklaration des jüdischen Parlamentsklubs im Sej.n. Im Verlauf der Hauptaussprache über die vom Ministerpräsidenten Bartel im Sejm verlesene Regierungserklärung ergriff der Sejmdeputierte Hartglas das Wort, um im Namen des jüdischen Parlamentsklubs die folgende Deklaration zu verlesen. Die wirtschaftliche Lage der jüdischen Bevölkerung ist eine verzweifelte, die im Lande herrschende Wirtschaftskrise trifft besonders schwer die Juden, die aus den bisher von ihnen eingenommenen Positionen in Handel und Industrie systematisch hinausgestoßen werden. Juden werden in keine Aemter oder Unternehmungen, die von der Regierung geleitet oder subventioniert werden, aufgenommen; nichts wird für die berufliche Umschichtung der verarmten jüdischen Massen getan, im Gegenteil; man erschwert den Juden den Zugang zur Landwirtschaft und zu physischer Arbeit bei den staatlichen und kommunalen Institutionen. Die Anstrengungen der jüdischen Gesellschaften für eine Berufsumschichtung der verarmten und ökonomisch hinausgestoßenen jüdischen Bevölkerung werden in keiner Weise unterstützt. Die Steuerlasten werden nach wie vor in der Hauptsache auf die Schulter der wirtschaftlich ruinierten Juden geladen, und für das Geld, das man den Juden abnimmt, werden Institutionen errichtet, deren wesentliche Aufgabe es ist, eben die jüdischen Steuerzahler weiter dem Ruin entgegenzuführen. Die antijüdischen Beschränkungen aus der Zarenzeit werden in der Praxis noch immer angewandt. Auf dem Gebiete des jüdischen Schulwesens hat sich ebenfalls noch nichts zum besseren gewendet. Im Gegenteil, es sind Anzeichen der Verschlechterung zu konstatieren. Nicht nur den jüdischen Studienwilligen im Inlande, sondern auch denjenigen jüdischen Studenten, die sich zum Medizinstudium nach dem Auslande begeben wollen, werden Schwierigkeiten bereitet. Die jüdische Bevölkerung hat keine Elementarschulen mit jiddischer und hebräischer Unterrichtssprache, die Zahl der jüdischen Lehrer in den Elementarschulen, die von jüdischen Kindern besucht werden, wird immer mehr reduziert, die entlassenen jüdischen Lehrer werden durch Nichtjuden ersetzt. Zu Schulen, die von nichtjüdischen Kindern besucht werden, haben jüdische Lehrer überhaupt keinen Zutritt. Dem jüdischen Fachschulwesen werden ungeheure Schwierigkeiten in den Weg gelegt. Die Regierung gewährt den jüdischen Fachschulen keinerlei Stütze, sie streicht jene Budgetpositionen der Stadtverwaltungen, die für jüdische Bildungs- oder philantropische Institutionen bestimmt sind. Das Gesetz über die Zwangssonntagsruhe zwingt die ihrem Glauben anhängende jüdische Bevölkerung, zwei Tage in der Woche zu feiern, wodurch ihr Einkommen und ihre Konkurrenzfähigkeit gemindert wird. Wir erwarten, daß die Regierung die Notwendigkeit einsehen wird, sich ernstlich allen diesen Fragen zuzuwenden und das Notwendige zu veranlassen, daß diese katastrophale Lage der jüdischen Bevölkerung beseitigt wird. Die geschilderten Zustände dürfen nicht länger andauern, sollte nicht auch dem Staate ernster Schaden daraus erwachsen. (J. T. A.) Bar Mizwah des jüngsten Sohnes Weizmanns London. (J. T. A.) In der New Wesfend Synagoge von London wurde Dr. Weizmanns jüngster Sohn Michael anläßlich seiner Bar Mizw&h zur Thora Verlesung aufgerufen. Am Tag darauf, den 12. Jänner, fand in Dr. Weizmanns Haus ein Empfang statt, zu dem sich u. a. Lady Samuel, Harry Sacher, Dr. Brodeteky, Dr. Rosenblüth und andere Führer der zionistischen Bewegung eingefunden haben. Ein interessanter Prozeß in Bulgarien (Eigenbericht der «Stimme»,) Plovdiv (Bulgarien). Vor einiger Zeit fand vor dem biea'gen Kreisgericht eine Gerichtsverhandlung gegen die jüdische Genien de statt. Die zion<isti»chen Mitglieder de« jüdischen Gemeinderate« "O© Jahre 1926 wurden über Anzeige eines Lehrers der Israelitischen Allianzschule an geh lagt, aus dem Etat der Gemeind« eine Subvention zugunsten des Keren Hajessod bewilligt zu halben. Diese Gerichtsverhandlung ging unter großer Beteiligung der jüdischeil Bevölkerung vor sich. Der Staatsanwalt sprach sich in seiner Schlußrede für den Zionismus aus und zog die Anklage, unter Hinweis auf die glänzenden Leistungen des jüdischen Aulbauwerkes in Palästina, zurück. Das Gericht sprach sämtliche Angeklagten frei. (Zu bemerken Ist, daß die der Verteidigung nötigen Materialien, wie Gutachten über Kepen-Hajossod-Lcistwmgen anderweitiger jüdischer Gemeinden, unserer Bruderonganisation seinerzeit vom zionistischen Londeskomitee für Oesterreich zur Verfügung gestellt wurden. Die zionistische Zentrale für Bulgarien hat in ihrem Schreiben vom 15. d. dem hiesigen Landeskomitee für diese Hille den Dank der bulgarischen Zionisten übermittelt)