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Die Stimme · 1930-01-23 · Heft 110 (23.1.1930) · page 8

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 110 (23.1.1930)
Date
1930-01-23
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 8 DIE STIMME Nr. 110 Aus der hebräischen Bewegung Wir werden von nun an in dieser Rubrik Mitteilungen und kurze Berichte über die hebräische Bewegung, über Neuerscheinungen in der hebräischen Literatur veröffentlichen, die vom Kulturreferat des Zionistischen Landeskomitees für Oesterreich zusammengestellt und übermittelt werden. Histadruth Iwrith. Die vor einigen Monaten reoganistferte Histadruth Iwrith in Wien entwickelt unter der Leitung eines rührigen Ausschusses eine rege Versamm- Iungs- und Veranstaltungstätigkeit. Allwöchentlich finden im Vereinsheim gut besuchte Vorträge und Aussprachen statt. Auch dne Seminare über Mischnah (Dr. N. Goldstein) und Dikduk (Prof. Wiesen) erfreuen sich großer Frequenz. Die H. J. gibt auch unter dem Namen «Jedioth» zwanglose Mitteilungen heraus, die demnächst in ein monatlich erscheinendes Organs umgewandelt werden sollen. Zahl der Hebräisch-Lernenden In Wien. Der zweiten Folge der von der Histachdruth Iwrith herausgegebenen Publikation «Jedioth» entnehmen wir die erste vollständige Zusammenstellung über die Zahl derjenigen Personen, die gegenwärtig in den verschiedensten Anstalten in Wien hebräischen Unterricht nehmen. Erwachsene: 205 Schüler, und zwar Hebr. Pädagogium 17; Abendkurse der Histadruth Iwrith 30; Zionistische Sektion II 23; Jugendvercin Erez Jisrael 19; Hochschülerverbindung «Iwria» 12; Jüdisches Zentrum 30; Britl Trumpeldor 12; Brith Hamischmar 15; Gordania 25; Zöglinge des Vereines «Zukunft» 12; Zionistische Jugend, HL Sektion 10. Jugendliche und Schüler: 794, und zwar Realgymnasium 300; Talmud Thoraschule der «Polnischen Schule» 70; Hebräische Schule der Zionistischen Sektion II 14; Sektion Prater 50; Tarbuth XX 30; Bibelschule" XXI 220; Jüdisches Zentrum 50; Makkabi Hazair 40; Talmud Thora des Vereines Schomrei H-adath 20. In dieser Aufstellung fehlen die Zahlen der Hebräisch-Lernenden des Bundes «Zirenu» und einzelner Jugendorganisationen. Hebräische Kindergärten: 165 Kinder, und zwar II. Bezirk 60; Prater 30; VIII. Bezirk 25; X. Bezirk 25; XVI. Bezirk 25. Hebräische Kr eise für Sprechübungen: 204, und zwar Brith Trumpeldor 17; J. S. A. J. II 22; Zionistischer Jugendverband 15; Histadruth Iwrith 150. Zahl der Hebräisch«! Lehrer hi Wen; 33, und zwar Hebräisches Pädagogium 4; Chajes-Reaiiigymnasium 3; Hebräische Lehrerorganisätion 22; Privatlehrer 4. In dieser Rubrik sind die hebräischen Lehrer, die sich aus den Kreisen der jüdischen Theologiehörer, Hochschüler usw. rekrutieren, nicht mit eingerechnet. Die britische Akademie der Wissenschaften hat den Archäologen der Hebräischen Universität in Jerusalem, Doktor Sukenik, eingeladen, im Jahre 1930 Vorlesungen über die antiken Synagogen Palästinas und Griechenlands zu halten. Tracht Prügel eintrug, die ich, „Schegez“, einstecken mußte. „Du sollet dir kein Abbild machen!“ hieß es und doch bekritzelte ich jedes Papier das mir in die Hände fiel, mit allerlei Zeichnereien. Mit spitzbübischem Lächeln fährt er fort: „Ünd was gar meine Neigung für die hohe Kunst der Bildhauerei betrifft — ich konnte z. B. als kleiner Bub den Freitag kaum erwarten, den Tag des großen Backens, der mir Teig zum Kneten und Formen der verschiedensten Figuren brachte. In Paris hat er sich in der Malerei versucht, ließ sich das Haar lang wachsen, ging vom Dome ins Rotonde, von hier in die Coupolle, malte, porträtierte manche Amerikanerin, die generös solchem armen, interessanten Künstler Auftrag und Verdienst gibt, freilich nur insoweit es diese verstehen, Natur zu korrigieren. Wehe, wenn das vorhandene Doppelkinn auf dem Bilde nicht als. einfaches festgehalten wird! Als naturtreuem, aufrichtigem Künstler widerfuhr unserem Freunde nun gerade dieser Regiefehler, als er eben dabei war, sich durch Aufträge einiger amerikanischer Reichen endlich einmal zu sanieren. Er konnte von Glück reden, daß es nur beim Nichtzahlen blieb, und von den angedrohten Tätlichkeiten seitens der Porträtierten sowie ihres Anhangs nichts wurde. Nach dieser Enttäuschung fiel es ihm leicht, Abschied von der Malerei zu nehmen. Seinen größten und jedenfalls dauerndsten Erfolg scheint er dennoch mit der Vermittlung und Propagierung seiner originellen Ideen und Einfälle auf wirtschaftlichem Gebiete errungen zu haben. Wir verlassen das diohtgefüllte Cafe Rotonde und schlendern den Boulevard Montparnasee entlang. Bald stehen wir vor dem großartigsten Cafe in diesem Viertel. Wir sind in der Coupolle. „Sehen Sie dieses Cafe?“ wandte sich mein Cicerone an mich — das war vor drei Jahren ein — Kohlenlager! Es währt nicht lange und wir befinden uns im untersten Geschoß, das in ein Lichtmeer getaucht ist, wo sich die Bar, die größte dieser Art in der Stadt befindet. Mondäne Eleganz, internationales Leben und Treiben, Reicht um, Luxus . . .: Einheitstarif Gründung einer arabischen Arbeiterorganisation Nationatis tische n. judenfeindliche Resolutionen In Haifa wurde eine Konferenz arabischer Arbeiter eröffnet, die von der neuerdings geschaffenen arabischen Arbeiterorganisation einberufen war. Vertreter der jüdischen Presse wurden zu der Konferenz nicht zugelassen. Die jetzt auf der Konferenz neugebildete Arbeiterpartei hat in ihr Präsidium ausschließlich Mohammedaner gewählt.DieKonferenz hat beschlossen, die Organisation der arabischen Arbeiter nicht nur in Palästina, sondern auoh in Syrien, Irak, Hedschas und Transjordanien in die Hand zu nehmen. Das Exekutivkomitee, dem die Erfüllung dieser Aufgaben zufällt, besteht aus 21 Mitgliedern. Der Hauptsitz der Organisation ist Haifa, Zweigstellen werden in allen wichtigen Städten errichtet. An der Konferenz nahmen 59 Delegierte, darunter 8 Christen, teil. Die Konferenz vermied es, sich mit politischen Fragen zu beschäftigen. Ein Arbeiterfunktionär aus Jaffa, namens Georg Naesar, von dem es heißt, daß er einer illegalen Arbeitergruppe angehört, wurde mit den Rufen „Verräter!“, „Zionist!“ aus der Konferenz verjagt. Die von der palästinensisch-arabischen Arbeiterkonferenz angenommenen Resolutionen enthalten auch die Forderung der vollständigen Unabhängigkeit Palästinas innerhalb einer panarabischen Konföderation. Eö wird protestiert gegen eine Einwanderung, die den ökonomischen Bedürfnissen des Landes nicht angepaßt ist, sowie gegen die seitens der Regierung angeblioh geübte Bevorzugung jüdischer vor arabischen Arbeitern. Um ihre Haltung klarzumachen, hat die Konferenz auf die vor dem Kriege für Palästina übliche Bezeichnung „Südsyrien“ zurückgegriffen und erklärt, daß sie das politische Regime sowohl in Syrien als auch in „Südsyrien“ (Palästina) nicht anerkenne. Die Exekutive der palästinensischen arabischen Arbeiterpartei wird aufgefordert, Polikliniken mit kostenloser Behandlung, sowie Abend-Fortbildungskurse einzurichten und eine arabische Arbeiterzeitung herauszugeben. Die Exekutive hat das Recht erhalten, wenn nötig, einen arabischen Generalstreik zu proklamieren. Die Konferenz hat sich bereit erklärt, in allen Dingen, die nicht den Interessen und Grundsätzen der Arbeiterschaft widersprechen, gemeinsam mit der ganzen arabischen Nation vorzugehen. Gegen die Verhängung von Kollektivstrafen über die der Teilnahme an den Augustunruhen schuldig befundenen arabi- 25 Francs. „ Das war vor drei Jahien noch ein Kohlenlager“, wiederholte er. „Und wissen Sie aber auch, wer dem Besitzer zu diesem Reichtum verholfen, wer ihm die glückliche Idee gegeben, aus diesem Kohlenlager einen — Diamantenkeller, wie er es heute ist, zu machen?“ Er hielt einen Moment inne und antwortete auf meine stumme Frage: „loh, Josse! Leibowitsch aus der Ukraine, der bis vor neun Jahren nicht gewußt hat, ob Paris existiert.“ „Und was hat er Ihnen dafür als Entgelt gegeben?“ wagte ich ihn aus seiner Selbstvergessenheit zu wecken. Jossel Leibowitsch blickt halb stolz, halb verächtlich um sich: „Was er mir dafür gegeben? Dieser „Franzois“, er steckt alle polnischen Juden ein. Was er mir gegeben? . . . „Ich habe freie Konsumation“ d. h. verbesserte er sich, „ich darf hier tanzen, ohne konsumieren zu müssen“. Nachdem wir wieder oben im Cafd saßen, machte er mich auf einen Mann mittleren Alters aufmerksam. „Ein sehr begabter, jüdischer Schriftsteller, der auch in Wien eine zeitlang lebte“ meint mein Begleiter. Wir kommen an seinen Tisch, er wLd mir vorgestellt. „Sie sind aus Wien, Herr Doktor? Ist’s noch immer so schön und so gemütlich dort? Wien ... ja, es ist nicht lange her . . . und doch schon ziemlich lange.“ Hier hat er die Schriftstellerei an den Nagel gehängt, sie versuchsweise mit dem vielleicht lohnenderen Handel von Pelzwaren vertauscht und sucht nun, seine früheren Beziehungen zur Künstlerwelt für seinen neuen Interessenkreis auszunützen. Unweit von uns sitzt im Kreise einiger jüdischer Journalisten der Dichter Sohalom Asch, der in dem schönen, malerisch zwischen Paris und Versailles gelegenem Bellevue sein schönes Heim hat, doch allabendlich hier anzutreffen ist. Er wird, ohne daß er es merkt, von einem ihm schräg vis-ä-vis sitzenden jungen Maler porträtiert. Diesem, einem sehr begabten pol n‘sch-jüdischem Künstler war ich vor paar Tagen zu meiner freudigen Ueberraschvng hier begegnet, nachdem wir uns das letztemal vor vier Jahren in einem kleinen, stirlfranzösisohen Orte h*»i sehen Dörfer wurde ein scharfer Protestbeschluß angenommen. (J. T. A.) Orangen aus Erez Israel Die Nachfrage nr 'h den Erez Israel-Orange* ist gestiegen. Es ist aus diesem Grunde auch möglich, zu billigen Preisen da« Produkt abzugeben. Es werden geliefert und nach Hause zugestellt (im Preis ist die Zustellung bereits inbegriffen): Siicke, und zwar zu 15 Stück (früher 14), 18 Stück (früher 17), 23 Stück (früher 22). und 27 Stück (früher 26). Die Qualität und Größe bleiben die gleichen, ebenso die Preise. Zu bestellen bei: Zion. Bureau, Wien, I., Kärntnerstraße 28, Tel. R 27-4-85/86, und bei S. Halpern, Wien, II., Förstergasse 6, Tel. R 40-4-12. Tagung der deutfehen Orientaliflen in Wien. Wie wir erfahren, wird die diesjährige Tagung der „Deutfehen OrientaUften“ in der Pfingftwoche 1930 in Wien ftattfinden. Mit diefer Vcranftaltung find eine Mitgfiederverfammlung der „Deutfehen Morgenländifchen Gefellfchaft“ und eine Tagung des „Deutfehen Paläftina-Verbandes", ferner eine Sondertagung der Altteftamentler Deutfchlands verbunden. An allen cliefen Tagungen nehmen jücüfche Gelehrte Deutfchlands tciL Der zwanzigfle Todestag des Ofiaa Farbenheeht. Diefer Tage jährt (ich der awanrigäe Todestag des Herrn Ofias Farbenheeht aus Kolomäa. Der Verblichene, der in den fiebziger Jahren die in Brody erfdieinende, hebräifdie Wochenfchrift „Iwri Anochi* redigierte, war ein treuer Anhänger der rioniflifchen Sache. Er ift einer der erften Begründer des „Misrachi", in dem er bis ru feinem im Jahre 1910 erfolgten Tode aktiv tätig war. Gg. Leo Weiß gestorben Knapp vor Redaktionsschluß erhalten wir die traurige Nachricht, daß unser altbewährter Gesinnungsgenosse Herr Leo Weiß in Klosterneuburg einem plötzlichen Schlaganfall erlegen ist. Mit Leo Weiß scheidet von uns einer der ältesten Zionisten der Wiener Organisation. Noch lange vor Herzl war der Verblichene ein aktives Mitglied der Chowewe-Zion-Beweeung. Sein besonderes Interesse galt Erez Israel, das er mehrmals besucht hatte. Leo Weiß hatte in den neunziger Jahren in Palästina Boden für Pflanzungen erworben und auf diese Weise sich mit Palästina eng verbunden. An den Arbeiten der Zionistischen Organisation nahm Leo Weiß stets großen Anteil. Vor dem Kriege gehörte er mehrmals der Leitung der Zionistischen Landesorganisation für Innerösterreich an. Ein-besonderes Verdienst erwarb sich der Verstorbene in den._ letzten Jahren um die Förderung unserer Chaluzim, denen er sich mit besonderer Liebe und Hingabe widmete. Mit ihm schied aus unserer Mitte einer der Besten der alten Garde unserer Bewegung. Marseille gesehen hatten. Auf fast all meinen Reisen hat mich der Zufall mit ihm zusammengefiihrt. Mit gewohntem Humor nimmt er es hin, daß jetzt seine Bilder bloß als Pfänder ' ausgestellt sind. Man muß schon von der Größe eines Chagall oder Asch sein, um da nicht unterzugehen. Wie ein Rauschgift umlauert einen diese „Künstleratmosphäre“, die im Grunde genommen, längst nicht mehr jene ursprüngliche, so romantische, beglückende und auch — befruchtende aus der Montmartrezeit eines Murgers ist. Hier ist sie längst industrialisiert und auf Fremdenverkehrsförderung aufgeputzt. Wer von dieser oft eingebildeten Atmosphäre Befruchtung, künstlerische Aneiferung . erwartet, wird sehr bald enttäuscht. Wer nicht genügend Kraft in sich selbst hat und auf diese skizzierte Atmosphäre angewiesen ist, wird von ihr erdrückt. Den Heimweg nahm *ch durch den geliebten, schon ganz verlassenen Jardin de Lu. nbourg. Hier in der großen nächtlichen Stille, wo der Widerhall eine« jeden Schrittes hörbar war, sah ich vor meinem geistigen Auge gespensterhafte Gestalten aus längst verklungenen und zum großen Teil überwundenen Zeiten vorbeihuechen: Schalom Alejchems Luftmensohen. Langsam beginnen sich die Konturen des Pantheon au6 dem Dunkel zu lösen. Ich nähere mich dem Ausgang und gelange alsbald auf den noch sehr lebhaften Boulevard St. Michel. In den hier aneinandergereihten Kaffeehäusern sitzen noch viele Gruppen von Gästen, meistens Studenten. Eine Gruppe jüdischer Studenten ist unter diesen, an mein Ohr dringt ein Gespräch in hebräischer Sprache. Ich freue mich so unendlich gerade heute diese jungen Juden zu sehen, sie zu hören. Für einen Augenblick drängt sich der Vergleich auf zwischen den Schatten des Gestern und diesen hellen, ernst-jungen Gesichtern. Ja, es liegt hinter uns, das Luftjudentum früherer Generationen, es ist überwunden und nur hie und da fällt noch der Schatten einer dieser so ganz und gar unsachlichen, auf den Zufall bauenden, von dom Zufall hin und hergeworfenen Gestalten.

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