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Die Stimme · 1930-01-23 · Heft 110 (23.1.1930) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 110 (23.1.1930)
Date
1930-01-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DTE STIMME Nr. 110 kte I fcw's'i i. ■ wir aal icn rkkflgei weße?“ Große zionistische Kundgebung im „Bayrischen Hof“. — Bedeutungsvolle Rede des H. Lazarus Barth, Mitglied der Exekutive der zionistischen Weltorganisation. (W.) Samstag, den' 18. Jänner, 8 Uhr abends, fand hn Hotel Bayrischer Hof eine vom Zionistischen Landeskomitee einberufeneMassenversammlung statt,in der das Mitglied der Londoner Exekutive, Laza.us Barth, über die Lage im Zionismus sprach. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt und die Versammelten lauschten den überaus sachlichen Ausführungen der Herrn Barth mit größtem Interesse. Der Präsident des Zionistischen Landeskomitees, Dr. Jacob Ehrlich, eröffnete die Versammlung mit einer kurzen Ansprache, in der er den Gast herzlich begrüßte, worauf darin Dr. Barth das Wort zu seiner großangelegten Rede ergriff, in der er ungefähr folgendes ausführte: Heute kann man schon die letzten traurigen Ereignisse in Palästina gewissermaßen vom historischen Aspekte betrachten. Heute kann auch die Frage aufgeworfen werden: Ist das, was in Palästina geschah, geeignet, uns zum Umlernen zu bestimmen? In der Presse war die Rede von einem Nationalaufstand der Araber, von einer religiösen Bewegung gegen uns. Ist das richtig? Als Frankreich den syrischen Aufstand unterdrücken wollte, mußte es dazu unverhältnismäßig große Truppenteile verwenden; in Palästina genügten bloß einige rasch aus Malta und Aegypten herbeigerufene Bataillone. . Es kommt aber nicht nur auf den Umfang der Bewegung an. Die Fäden des arabischen Aufruhrs ziehen sich, wie es tqtsfioH i RAD IO AN LAG EN Batterie- und Netzempfänger, Netzanoden, Lautsprecher . INGENIEURE KRISCHKER&NEHODA Wien, VD, Halbgasse 2. Telephon B-38-J80 Serie. authentisch festgestellt wurde, bis nach Moskau. Wir kennen auch die anderen Fäden, die im Auslande ihren Ursprung haben. In den Augusttagen war der Jischuw infolge des Kongresses lind der Agency-Tagung ohne Führer. Diese Zeit eben wollte man ausnützen, diese Zeit wurde auch von unseren Feinden gehörig ausgenützt. . Durch eine verbrecherische und verleumderische Propaganda gelang es ihnen, ein Feuer zar entfachen. Unter’dem Mäntelchen des religiösen Kampfes wurden Morde,’ Plünderungen und Brandstiftungen vollbracht. In Wort und Bild wurden die Aiaber aufgehetzt,, inj dem man ihnen einredete, daß die Juden die Omar- Moschee zerstören wollen. Diese Propaganda reichte von Aegypten bis Indien. Ueberall wurden sogar Bilder verteilt, die die halbzerstörte Omar-Moschce darstellten. Wie haben nun diese Ereignisse auf die jüdische Öffentlichkeit gewirkt? Die erste Reaktion war spontan. Hilfsaktionen wurden’in der ganzen Welt organisiert. Es entstand eine Einheitsfront des gesamten Judentums, die unsere Solidarität an den Tag brachte. Aber Geld, um unsere Toten zu begraben, war immer da..Geld, um die Verwundeten in den Hospiiälern zu pflegen, war immer vorhanden. Weitaus wichtiger ist e:, ob diese Solidarität auch für weiterhin bestehe i und ob das jüdische Volk jetzt, wo doppelte Anstr^gung rottut, seine Pflicht erfüllen wird? Im Zionismus waren es insbesondere zwei Gruppen, welche auf Grund der Ereignisse mit Vorcch ägen an die zionistische Öeffentlichkeit herantraten. D’.e Revisionisten verlangten im A. C. die Gründung einer Legion und die Einbeziehung Transjordaniens in das Mandat. Diese beiden Forderungen sind unserer Meinung nach nicht aktuell. Das jüdische Interesse an Erez Israel hatte sich leider stets auf Cisjordanien konzent.iert. Dort liegen die Gräber der Menschen, die während des Mittelalters j aus religiösen Instinkten nach Palästina gegangen sind und dort liegen auch alle Siedlungen des neuen Jischuw. Was wir in Palästina fordern, fordern wir auf Grund der historischen Verbundenheit des Volkes mit dem Lande und unserer eigenen Leistungen. Es ist meine Ueberzeugung,. daß Transjordanien nicht durch das Weißbuch aus dem Mandat herausgenommen worden wäre, wenn wir selbst es nicht zu sehr vernachlässigt hätten. In der Angelegenheit der Legion muß gesagt werden, daß nicht Ueberfälle allein ein Kampfmittel gegen uns sind. Wir sehen jetzt, daß die Araber auch ein modernes Mittel — das des Boykotts — anwenden können. Die Gründung einer. Legion würde zweifellos nur einen Konfliktsstoff zwischen uns und unseren Nachbarn entfachen Die andere Gruppe, welche ebenfalls mit besonderen Forderungen an die zionistische Öeffentlichkeit trat, war der Brith Schalom. Es kommt mir schwer, in diesem Falle rein sachlich zu sprechen, das Gefühlsmäßige vollständig auszuschalten und Ruhe zu bewahren. Der Brith Schalom stellte die Forderung auf, daß wir jetzt aus eigener Initiative den Arabern das Parlament anbieten sollen. Als die ersten diesbezüglichen Artikel der Brith Schalom-Führer erschienen, waren die Leichen von Hebron noch kaum bestattet. Da sollten wir kommen und sagen: wir kämpften jahrelang für unsere Ueberzeugung und stellten unser Programm auf, aber allerdings, wenn ihr mit Gewalt darauf antwortet, dann müssen wir euch nachgeben. Es fehlt aber auch an dem geeigneten Vertragspartner. Die gegenwärtige arabische Exekutive ist von unserem Standpunkt aus gesehen, die schlechteste, die wir uns denken können. Sollen wir diesem Gremium, das nicht gewählt ist, dadurch eine Folie geben, daß wir sagen, Euch erkennen wir an als die Vertreter des Arabertums, Euch wollen wir eine Selbstverwaltung aus eigener Initiative verschaffen? Und was wollen wir später einmal den Fellachen oder anderen Vertretern des a. beitenden Palästinas antworten ,wenn sie uns vorwerfen werden, daß wir ihre eigenen Ausbeuter durch unsere politische Tätigkeit in den Sattel gehoben haben? Jahrhundertelang war das jüdische Volk mit Palästina verbunden. In der Preamble der Balfour-De-ldaration ist von der «Historischen Verbundenheit des jüdischen Volkes mit Palästina» die Rede. Das bedeutet nicht, daß wir deshalb verbunden sind,, weil wir dort einst einen Staat hatten -— solche Rechte werden gewöhnlich als verjährt bezeichnet. Als die Zerstörung Jerusalems erfolgte, richtete das jüdische Volk seine 1R A D I O AN L AG E N Schirmgitter - Netzempfänger ' mit dynamischem Lautsfprecher, Einknöpfbedienung. INGENIEURE KRISCHKER&NEHODA Wien, VII., Halbgasse 2. * Telephon B-j8-j8o Serie. Augen nicht vom Volke hinweg, von Zion hinweg, nur: hinauf zum Himmel. Diesen Weg gingen: nur die Urchristen, die sich vom Judentum lostrennten und deren Religionsstifter sagte: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt.» Einen anderen Weg gingen die Juden, welchesich selbst treu bleiben wollten. Die Mischna und der Talmud entstanden, die alle Lehrsätze, die nur ausschließlich im jüdischen Palästina Geltung hatten, mit demselben Eifer behandelten, als wären wir noch im Lande. Unsere Großen wußten: «Wir haben die ewige Deklaration Gottes, Palästina ist für ewige Zeiten unser, und wenn die Erlösung noch zögert, sie wird kommen.» Dieser Zusammenhang mit Palästina blieb durch all die Jahrhunderte unserer Wanderungen bestehen. Im Mittelalter kehrten einzelne heim, um im Lande der Väter zu sterben. Im 19. Jahrhundert begann die Kolonisation unter den schweren Bedingungen, denen wir unter der TUrkenherrschaft ausgesetzt waren. Dann kamen die großen Tage des Zionismus. Das bisher stumme Volk begann auf den Zionisten- Kongressen zu sprechen. Es kam die Balfour-Deklaration. Die aufopferungsvolle Arbeit unserer Pioniere, der Chaluzim, welche im Lande diejenigen Arbeiten verrichten, zu denen kolonisierende Staaten sonst Sträflinge verwenden, setzte ein. Trotz aller Schwierigkeiten ist die Hingabe unserer Jugend so groß, daß sie. sich nicht aufhalten läßt in ihrem Drange nach Palästina, und wir die Ungeduld dieser jungen Menschen kaum bändigen können. Die ganze jüdische Geschichte ist dank unserer Verbundenheit mit Erez Israel eigentlich nur eine Vorgeschichte des Zionismus. Und jetzt sollen wir der Plünderungen wegen plötzlich anders zu denken anfangen? Verschwindet nicht das, was im August geschah, im Lichte der Geschichte? Ist es nicht nur eine Episode? Hiezu kommt noch der sachliche Einwand: wir sollen Vorschläge an diejenigen richten, die uns alles, sogar das Recht auf unsere Existenz in Palästina, abstreiten. Die Araber haben die Balfour-Deklaration nie anerkannt. Das Weißbuch wurde von ihnen nicht unterzeichnet. Bei ihnen gibt es auch keinen Brith Schalom, der den Frieden mit uns herbeisehnt. Wenn w i r jetzt mit einem Friedensvorschlag kämen, müßten wir doch von unseren Forderungen etwas nachlassen. Wir müßten uns selbst desavouieren, obzwar wir immer, bei jeder Gelegenheit betonen, daß das Mandat noch nicht seinem Sinne gemäß verwirklicht wird. Es ist natürlich dennoch möglich, daß das Parlament später zustande kommt. Als Chanecl.or nach Palästina zurückkehrte, erklärte er in seiner Proklamation, daß die Verhandlungen wegen der Errichtung eines palästinensischen Parlamentes unterbrochen wurden. Unterbrochen bedeutet aber noch nicht für immer aufgehoben. Dann muß die Mandatarmacht und der Völkerbund dafür sorgen, daß die Verpflichtungen, die sie international übernommen haben, in der Verfassung anerkannt bleiben, das Recht einer ungehinderten Einwanderung, das Recht auf Pflege unserer eigenen Kultur, auf Entwicklung des Landes in dem Sinne, daß dort eine Heimstätte für das jüdische Volk entstehe. Als ich knapp nach den Unruhen nach London kam, war ich von der Stellungnahme der englischen Pr-sse überrascht. Die ukrainischen Pogrome wurden seinerzeit durch die antisemitischen Blätter würdiger behandelt als die Palästina-Geschehnisse durch die Presse der Mandatarmacht. Um diese Stellungnahme begreifen zu können, muß man in die Mentalität des Engländers eindringen und die Grundlagen der weltpolitischen Machtstellung Englands mit offenem Auge betrachten. Das Argument unserer Gegner von der Belastung des englischen Steuerzahlers ist nicht stichhältig. Und diejenigen, die behaupten, daß die Balfour-Deklaration ein im Kriege gegebenes Versprechen war und deshalb in Friedenszeiten zurückgezogen werden kann, haben ebenfalls unrecht. Die Balfour-Deklaration wurde auch von sämtlichen britischen Regierungen bestätigt und alle Mächte haben sie bekräftigt. Palästina ist ein Mandatsland und kann daher nie eine englische Kolonie werden. Vom Mandat — dies ist die Ueberzeugung der mandatsfeindlichen Presse — hat England keinen materiellen Nutzen zu erwarten. Hiezu karii noch der. Umstand, daß die Arbeiterregierung ihre Regierung, mit sehr selbständigen außenpolitischen Taten begann.. In Aegypten wurde der High Cömmissioner brüsk ab-’; berufen und eine andere Politik eingeleitet. Dem-Ira>K wurde ein derartiges Maß von Selbständigkeit gewährt," daß er in zwei bis drei Jahren ein Völkerbundmitglie^’ werden kann. Trotz dieser politischen Linie der Arbeiterpartei' soll uns um Palästina nicht bange werden,', denn auch jetzt wieder hat die Regierung mehrmals sich.’ ■ feierlich zur Ba.lfour-Deklaratiön bekanriL Wird einmal das Parlament kommen, . darin - LAGEN Celestion - Lautsprecher — seit Jahren die führenden.. .t INGENIEURE KRISCHKER&NEHO DA Wien, VII., Halbgasse'2. Telephon B-38-J80 Serie. mmmmmmamKuaHmmamwamBBmnmasmmammaBmmmmmmmmimmmwelle uns, wenn wir nicht darauf vorbei eitet sind. Wir müssen daher Schritte einleiten, um ein Verständnis’ zwischen uns und den Arabern ’ anzubahnen, wir sollen in ihnen nicht unsere Feinde, sondern Nachbarn sehen, die wissen, daß unsere Arbeit das Wohl des Landes hebt. Solche versehenden Freunde zu 'finden, muß unsere ernsteste Aufgabe für uns sein. So drängt sich zum Schlüsse meiner Ausführungen die am Anfang gestellte Frage wieder auf:, sind wir auf dem richtigen Wege? Diese Frage können wir Wohl ruhig bejahen. Wir brauchen keine neuen Ziele t\x suchen. Die Erfahrung hat bewiesen, daß auf ungeschützte Punkte ein blutrünstiger Mob Ueberfälle macht. Was im Lande geschah, ist, gemessen an dem festen Palästina-Willen unseres Volkes, bedeutungslos, und kann uns nicht davon abbringen, unseren einzig möglichen Weg weiterzugehen. Die Einheitsfront des jüdischen Jischuw in Palästina gibt uns Kraft und' Mut.1 Wenn wir fest auf der Erde stehen, bekommen wir von ihr lebenspendende Kraft wie der mythische Anthäus, Nur diejenigen, die in der Luft hängen und keinen ..Zusammenhang , mit dem Boden unseres Landes haben,’ konnten ihre Kraft verlieren. ’ >'•'•■•.: Unsere Kolonien müssen so ausgebaut ^werden, daß sie sich selbst schützen können, und einen, geschlossenen Sicdlungskranz bilden. Jeder voii uns, auch jeder von Euch, soll zuerst helfen und miftuh, bevor er diejenigen angreift, welche die Geschäfte führen. Die überaus inhaltsreichen Ausführungen, des Herrn Lazarus Barth, die von den Versammelten mit stürmischem Beifall aufgenommen wurden, hinterließen einen nachhaltigen Eindruck. Präsident Dr. Ehrlich dankte dem Gaste für seine in die Herzen und Gemüter eindringenden Ausführungen und versicherte »ihn, daß die österreichischen Zionisten’ ’g e s c h 1 0 Sr sen hinter der Exekutive' •$ t e,h;e n> i h r, vollstes Vertrauen entgegen bringen und allen ihren Anforderungen zu folgen bereit sind. Mit dem Absingen des «Hatikwah» schiloß diese eindrucksvolle Kundgebung. . Unsere Feinde erwerben in Erez Israel Boden

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