Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 110 (23.1.1930)
- Date
- 1930-01-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 110 DIE STIMME Seite 3 ANKÜNDIGUNG DER VERTRIEB DER PALXS7INA MAZZOTH HERGESTELLT AUS DEM GE- TREIDE DER FELDER JÜDISCHER KOLONIEN SREZ ISRAELS IN DEN GROSSEN, MODERNST EINGERICHTETEN MÜHLEN DES LANDES LIEGT JETZT AUSSCHLIESSLICH IN DEN HÄNDEN DER FIRMA GUSTAV WILDER WIEN, IY~ BLECHTURMGASSE 12 TEL.: U-43-8-19 GROSSMUHLEN u. MAZZOTHFABRIKEN HAIFA ,-SSg|iP^ Unterordnung des Zionismus? Von Ludwig Bato. An den vor einigen Tagen in Wien abgehaltenen Delegiertentag des österreichischen Hechaluz hat der bekannte Theoretiker des Marxismus, Prof. Dr. Max Adler, ein Schreiben gerichtet, in dem er warme Worte der Anerkennung den Leistungen der Chaluzim zollt, „die zugleich Pioniere neuer Lebensformen des jüdischen Volkes und der Verwirklichung des sozialistischen Geistes sind“. Es soll gewiß nicht die Bedeutung dieses Schreibens unterschätzt werden, denn es ist das erste Mal, daß aus dem Kreise der österreichischen Sozialdemokratie ein Wort des Verständnisses für das große Werk in Palästina zu uns herüberklingt. Ich will nicht einmal den Einwurf gelten lassen, daß es sich hier nur um die persönlichen Anschauungen eines, wenn auch als Theoretiker führenden österreichischen Sozialdemokraten handle, denn jeder, dem die strenge Parteidisziplin der österreichischen Sozialdemokratie bekannt ist, muß sich darüber im klaren sein, daß eine solche Erklärung nur mit grundsätzlicher Zustimmung der Parteibehörde erfolgen konnte. Man vermißt dabei die persönliche Note. Max Adler war Jude und ist von uns gegangen. Der alte Vorkämpfer des deutschen Sozialismus Eduard Bernstein hat in seiner Jugend dasselbe getan und bekannte sich doch auf der jüngsten Tagung der deutschen Poale Zion mit warmen Worten wieder zum Judentum. Das Fehlen eines ähnlichen Bekenntnisses bei Adler hat vielleicht manchen enttäuscht. Jedenfalls scheint aber die Botschaft Adlers dafür zu sprechen, daß endlich auch in den Führern der österreichischen Sozialdemokratie die Erkenntnis von der historischen Größe des heroischen Werkes aufzudämmern beginnt, das von der opferfreudigen jüdischen Jugend in Paläst’na vollbracht wird. Während die Sozialdemokratie des Westens seit Kriegsende mit Begeisterung für die Verwirklichung des jüdischen Freiheitsideales in Palästina eintrdtt, stand jedoch die österreichische Sozialdemokratie bisher der zionistischen Idee nicht nur verständnislos, sondern — und das mußte die Judenheit mit einem Gefühl der Bitterkeit erfüllen — gehässig gegenüber. Es hätte kernen Zweck, jetzt, wo sich uns eine Hand entgegenstreckt, alle an uns begangenen Sünden der österreichischen Sozialdemokratie auf zuzählen. Um aber die Erwartungen, die sich möglicherweise an das Schreiben Max Adlers kaüpfen, auf das richtige Maß zurückführen zu können, müssen wir uns die Frage vorlegen, ob diese Botschaft in der Wirklichkeit eine Aenderung in der Haltung der österreichischen Sozialdemökratie dem Zionismus gegenüber bedeutet? Die Frage ist umso berechtigter, als die Tatsachen der jüngsten Vergangenheit mit dem Inhalt de« ... .., ■ nn. n»iu ■ n .J maj Adlerschen Schreibens in krassem Widerspruch stehen. Wir wollen gar nicht mehr daran erinnern, daß es der österreichische Sozialdemokrat Doktor Otto Bauer war, der vor zwei Jahren durch seinen Einspruch die Einsetzung eines Palästinakomitees der Zweiten Internationale zur Förderung der jüdischen Aufbauarbeit verhinderte.. Aber erst vor wenigen Monaten, zur Zeit des letzten Zionistenkongresses in Zürich, ritt bei der Tagung eiher Instanz der Zweiten Internationale der österreichische Sozialdemokrat Dr. Fritz Adler eine scharfe Attacke gegen die Poale Zion, die er des Verbrechens beschuldigte, in verschiedenen Ländern gemeinsam mit der Bourgeoisie „Komitees für das arbeitende Palästina“ errichtet zu haben. Und kaum haben sich im vergangenen Herbst die Wogen des Sturmes über Palästina geglättet, als die „Arbeiter-Zeitung“ in besonderer Aufmachung einen Aufsatz von Karl Kautsky veröffentlichte, in dem der Theoretiker des Marxismus mit falschen historischen Argumenten und schlecht verhehlter Genugtuung zur Feststellung gelangte, daß der Zionismus — wie er es übrigens immer schon vorausgesagt habe — nunmehr endgültig gescheitert sei. Auch die sozialdemokratische Monatsschrift „Der Kampf“ wollte nicht zurtickstehen und setzte sich erst vor kurzem mit dem Zionismus, den er mit dem Sozialismus als völlig unvereinbar bezeichnete, gründlich auseinander. Wird das nun endlich anders werden? Wird in dem Verhältnis der österreichischen Sozialdemokratie zum Zionismus ein Wandel zum Bessern eintreten? Oder soll der Zionismus vorerst nur die Rolle der geheimen Liebe — ohne Chupa und Kiddusohin — spielen? Darauf deutet der Umstand hin, daß die Tagung des Hechaluz, trotz der Teilnahme der Gewerkschaftsführer, in der „Arbeiter-Zeitung“ gründlich totgeschwiegen wurde. , Von besonderem Interesse ist »her das in dem Schreiben Max Adlers den Chaluzim vorgeschriebene Programm. Er sieht das Aufbauwerk in Palästina von zwei Gefahren bedroht: von dem Ueberwiegen nationaler Empfindungen und der Möglichkeit eines Konfliktes mit den Arabern. „Aber diese Gefahren — schreibt er weiter — halte ich nicht für unüberwindlich, wenn die sozialistisch-zionistsche Arbeiterbewegung den Geist des internationalen revolutionären proletarischen Klassenkampfes für sich derart zur Herrschaft kommen läßt, daß ihm alle anderen Interessen ein- und untergeordnet werden.“ Und um diesem Programm den nötigen Nachdruck zu verleihen, fügt er gleich hinzu, daß nur im Falle seiner Erfüllung die Ghaluzbewegung „die Macht, Anerkennung und Hilfe der „Internationale“ ihre Stütze und Förderung finden“ werde. In diesem Schreiben wird also mit aller Entschiedenheit der Primat des sozialistischen klassenkämpferischen Gedankens dem zionistischen gegenüber dekretiert. In allen Fragen der jüdischen Arbeiterschaft in Palästina hat also vor allem die Erwägung des „internationalen revolutionären proletarischen Klassenkampfes“ entscheidend zu sein. Das ist die Adlersche Konzeption des künftigen Hechaluz-Progr&mmes. Diese Forderung ist nicht neu. Im Laufe der Jahrzehnte haben zahlreiche kleinere und größere Gruppierungen sozialistischer Zionisten in ihren Programmen und Theorien dem Sozialismus den Vorrang eingeräumt und fielen dann in letzter und eigentlich folgerichtiger Entwicklung allmählich vom Zionismus ab. So war es in der Zeit der grauen T h e o r i e. Seit- . dem aber Palästina lebendige Wirklichkeit; geworden ist, gilt an Stelle der ausgeklügelten . Prinzipien die opferbereite Tat. Und eines können wir mit großer Befriedigung und auf-, richtigem Stolze feststellen: unsere Chaluzim in Erez Israel und ihre Organisationen haben . sich nicht nur unter größten Opfern in den Dienst der großen Sache gestellt und den neuen, Typus des mit seiner Scholle innigst verbundenen jüdischen Menschen geschaffen, sie haben auch in allen Lagen dem jüdischen Volke und seinen Freiheitsbestrebungen die Treue gehal« tn, auch wenn Theoretiker aller Art, an denen es ja unter uns Juden gewiß nicht mangelt, sie davon unter Hinweis auf den Klassenkampf, und andere theoretische Schlagworte abzubringen bestrebt waren. Unsere Chaluzim wissen ganz genau, daß die junge palästinensische Wirtschaft kein Tummelplatz für Klassenkämpfer sein kann. Von der großen Be-i deutung der Zusammenfassung aller für Palästina wirkenden Kräfte durchdrungen, arbeiten J denn auch die zionistischen Sozialisten ohne äußern Zwang in der Zionistischen Organisation Schulter an Schulter mit den „Andersgesinnten“ und schaffen mit ihnen eine geeinigte jüdische Front in Palästina. Die jüdische Arbeiterschaft Palästinas nimmt lebhaften Anteil an dem gesamten kulturellen und politischen Leben des Landes und jedes Unrecht, das dem jüdischen Volke Züge^ fügt wird, empfindet sie als das eigene. So hielt sie es in der Frage der Klagemauer, der Ar.a-,* berunruben und des Verhaltens der Untersuchungskommission. Ja, ihr .nationales Bekenntnis ging so weit, daß sie zwischen sich und den Leuten vom Brith Schalom einen Trennungsstrich zog und mit aller Wärme für die Verwirklichung des zionistischen .Programmes eintrat. Die Erkenntnis von der Bedeutung der nationalen Einheit war es auch, die die zwei großen jüdischen Arbeiterorganisationen ini er 4 ß Inventanrerkam hat begonnen! S 12.50— 29.50 Bela Kesohovsky II., Graben 17 Lande dazu brachte, sich zu einer einheitlichen Arbeiterpartei zusammenzuschließen. Der Primat? War es nicht die unverbrüchliche Treue des jüdischen Volkes zur alten Heimat, die die Chaluzim von allen Ecken und Enden nach Erez Israel trieb? Gewiß, sie sind zum großen Teile Sozialisten, aber Sozialisten, die ihren Zionismus in sozialistischem Sinne in diei Tat umsetzen wollen. Nicht der Sozialismus führt sie nach Erez Israel, sondern der Zionismus. Ihm daher der Primat. Vielleicht kann aus der Geschichte der jüdischen Arbeiterschaft in Palästina so mancher ein „Ueberwiegen nationaler Empfindungen und Anschauungen und die äußere Gefahr des Konfliktes mit der arabischen Majorität“ herauslesen, niemand kann aber von der jüdischen Arbeiterschaft Palästinas verlangen, daß sie weniger jüdisch sei, als die englische Arbeiterschaft englisch. Die jüdische Arbeiterschaft und ihr Au& bau werk hat seitens der Zweiten Internationale gerade zufolge wiederholten Einspruches der österreichischen Sozialdemokraten nicht die ihr gebührende und in dem Schreiben Max Adlers in Aussicht gestellte Förderung erfahren. Wird es nun anders werden? Oder ist dem Schreiben Max Adlers nur ein theoretischer Wert beizumessen? Die nächste Zukunft wird uns darüber belehren.