Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 109 (16.1.1930)
- Date
- 1930-01-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nf. 109 Dg STIMME Seife 7 *71 Die Weidali des Hechaluz (a) Das Bild, das sich den Besuchern des Begrüßungsabends darbot, war sicherlich für jeden Zionisten Anlaß zur Freude und Hoffnung auf die Zukunft. In d i e s er S tu n d e, in der dem Zionismus von vielen Seiten her jede Existenzmöglichkeit abgesprochen wurde, gibt es noch Verwirkiicher d es Zi oni s m u s! Die Reihen derer, die bereit sind, nach Palästina zu gehen als Repräsentanten einer neuen Idee und nei*°r Gesellschaftsformen hat kein Angriff von außen und kein Hader im inneren zu lichten vermocht. Es war überdies eine selten gegebene Aufmunterung aus dem Munde außenstehender Nichjuden, Worte der Anerkennung und Bewunderung zu hören. Es war Anerkennung für die Fähigkeit der zionistischen Idee, soziale Umformungen bewirken zu können, wie sie sonst nur vereinzelt zustande kommen. In diese freudige. Stimmung fällt es wie ein Tropfen Wermut, selbst in diese Bewegung positiver Arbeit und einzigartigen Idealismus ein Parteileben eingepflanzt zu wissen, das sich in «Proporz» Ueber- .Stimmung, Erklärungen und Gegenerklärungen, Höher- und Minderwertung nach oft politischen Gesichtspunkten und in so manchen, sonst nur im politischen Leben bekannten Formen auswirkt. Es wirft sich die Frage auf: ist denn keine Gemeinschaft ohne Politik und Proporz möglich? Wenn nicht hier, wo dann? Der Weg, den der Hechaluz nun zu gehen hat, ift durch, die. Verhältnisse genau vorgeschrieben, jede Neuanforderung von Menschen aus Palästina muß erfüllt werden. Mit gut vorgebildeten Menschen, mit auf bauenden Menschen, mit n Uchte r nen und sachlichen Menschen! Der jugendliche Leon Reich {Erinnerungen aus unserer Sturm- und Drangperiode) Es war vor 28 Jahren in Lemberg, im Saale «Tikwath-Zion» . . . Flüsternd teilten wir unseren Kollegen mit, daß am Samstag nachmittag eine interessante Makkabäerfeier stattfindet. Interessant, weil die Festrede stud. jur. Leon Reich halten sollte. Am Abend haben unsere Ehrengäste: Adolf Stand, Gerschon Zipper, Dawid Malz und Salomon Schiller in der ersten Reihe Platz genommen, neben und hinter ihnen zirka 60 von uns mühselig herangezogene «Zionskandidaten». Ganz im rückwärtigen Teil des Saales, erregt und nervös gespannt, wir, vom «Haschachar.» Ich nenne nur einige illustre Namen: Z. F. Finkeistein, Natan Czaczkes (Kirton), Moses Frostig s. A., Karl Haskler, Meilech Chmlelnicki, Isidor Schneider und Jakobsohn. Als Leon Reich in Gesellschaft Heinrich Rosmarins im Saale erschien und bald nachher das Podium betrat, umrauschte ihn schon ein Beifall, der sich im Laufe seiner fast eine Stunde dauernden Rede einige Male zu einem Sturmapplaus steigerte. Wir blickten zu ihm wie zu einem Propheten auf und standen alle in unlösbarem Banne seiner bezaubernden Persönlichkeit. Das erstemal im Leben hörte ich damals mit so wuchtigen Temperament und glühender Ziönsllebe gesprochene. Offenbarung: «Rafft Euch auf, Ihr geknechtete Judenjungen, zum mutigen Freiheitskampf um unser« heilige Erde! — Stolz und stark muß der Jude sein!» — Berauscht drängten sich alle zum Poaium. Leon Reich strahlte vor Glück. Seit diesem unvergeßlichen Abend habe ich das Glück gehabt, durch fast 15 Jahre im täglichen Verkehr des großen Führers kleiner Schüler zu sein. Er besuchte uns oft im «Haschachar», er referierte in der «Awodah», er gründete die «Tikwah». Es hat fast keifte Ortschaft in Galizien gegeben, wo er nicht wie ein wandernder Apostel glühende Fackeln der Zionsliebe geworfen hätte. Die Kultuswahlen, die ersten allgemeinen Parlamentswahlen 1907 und nachher 1911 und 1913 sind unter dem Zeichen einer gigantischen, agitatorischen Tätigkeit Reichs gestanden. Und das geschriebene Wort hat er gemeistert und beherrscht, geradeso wie die Volkstribüne von den ersten Anfängen in der «Przyszlosc» über die «Almanachs», die «Moriah» und «Wschod» bis zur «Chwila» brillierte seine journalistische Begabung. Für Titeln hatte er gewöhnlich keine Zeit. Diese mußten schon immer Z. F. Finkeistein, Frostig oder meine Wenigkeit geben. Und im Privatleben . . . Symbol der Güte und Offenherzigkeit, eine Engelsseele und goldenes Her2. Ein arbiter elegantiarum wie Petronius, ein Schöngeist wie Nordau und ein jüdischer Erzähler wie Schalom Alechem. Jetzt glänzt schon goldene Morgenröte über seinen frischen Hügel. Sein Ehrengrab, welches ihm das jüdische Volk aufschüttete, wird zur Wanderstätte der jüdischen Jugend werden, die dort ihren Erzieher und Hüter — im stillen Tränenmeer stets würdigen wird. Karl Rosenfeld. Treffen der Chaluzverbände Dm Treffen der Merkafim der Chat uzverbände DeuefchlandUngarn«, Oeftcrrcidhs und der Tfchechoflowakci findet am z y. und z6, Jän ner d. J. in Wien ftatt. Teilnehmen werden daran ans Deut fehl and: Chawerim des J. J. W. B.; aus der Tfdbechoflowakei: Chawerim des Tchcleth-Lawan, des Hafchomer Hazair und des Makkabi Hazair; aus Ungarn: Chawerim des Hafchomer Hazair. Atu Ocfterreich nehmen alle Jugendbunde teil, fowohl die im LinkskarteH als auch die im Zioniftifchen Jugend- Verband organifiert find. Die Tagesordnung ift die gleiche, wie fie feinerzeit feftgclegt war. Anläßlich diefes Treffens wird am Samstag, den *j. d,, ein großes Jugendmeeting ira Feftfaal des Alten Rathaufcs (L, Wipplingerftraße 8) abgehalten werden und voraujfichtlich auch ein gerne infamer Nefchef (am darauffolgenden Sonntag). Alle Jugendörganifationen mttffen Bis fpäteftens ao. d. ihre Vertreter nominieren. In Warfdiau fand vor einigen Tagen die konftituierende Tagung des Hafchomer Haleumi, an dem 130 Delegierte aus f* Städten teilnahmen, ftatt. Laut dem erftatteten Bericht zählt der Hafchomer Haleumi 10z lokale Organifationen mit $600 Mitgliedern. Die Tagung wurde von Abg. Grünbaum, Lewite und Dr. Gottlieb begrüßt. Dr, Fcldfchuh referierte über die Ideologie, Rechtmann über die erzieherifchcn und Rofenfchein über die organifatorifdten Aufgaben des Hafchomer Haleumi. Nach einer längeren Debarife^wurdc eine Exekutive (Hanhaga Harafchith), mit Jakob I^twwiann, Arje Topp und Ben Schern an der Spitze, gewählt. Bücher, die wir lesen . .. Es ift fchwer, aus der täglich neu^rfchcmenden Maße von Büchern die beften herauszufuchen unjJ; zu werten. Hier kann ich nur darftellen, welche Bücher wohl^der junge Meafch lefeh foll, der es verlieht, aus Büchern zu lernen, kein totes Wißen, fondorn lebendige Bildung, geiftige Difziplin, der Bücher nicht als Mittel zum Zeitvertreib, fondern Bauftcine der geiftigen Entwicklung anfieht. Da möchte ich vor allem auf j(Tn|ft erfchienenen Roman des jüdischen Dichters Alfred DÖb^dn: „Berlin, Alexandcrplatz“ hinweifen. Das Buch ift wege'nTe|pcr gewaltigen Anlage, wegen feiner inneren« wie äußeren wohl nicht in einem Atem herunterzulefen, aber wer (ich die Mühe nimmt, mit Bedacht an das großartige Werk heranzugehen, der wird vor Staunen nicht aufhören, die geiftige Intenfität des Stiles, die Einheit zwifchcn Form und Inhalt zu bewundern. Die jungen Verehrer Martin Bubers möchte ich auf di« „Chaßidifchcn Bücher“ von Martin Bub er, erfchienen bei Jakob Hegner in Hellerau, aufmerkfaro machen. Noch einmal find wir Buber aus tiefftem Herzen dankbar, daß er uns verborgene Schätze des Judcntums wieder an den Tag gebracht hat, daß er verfiegte Quellen lebendigen Judentums, lebendiger« wirkiidikeitsverbundener Religiofität neu erftrömen ließ. Es Ul in letzter Zeit in zioniftifchen Kreifen viel über da* Araber-Problem, deßen Bedeutung für die Zukunft des Paläftina- Aufbaues man nun einzufchätzen beginnt, gefprochcn und gcfchrieben worden. Oft und oft mußte ich da die Beobachtung machen, daß Gefühl und Glaube Argumente vorzubringen vernichten, und nicht fachliches Wißen. Mit Unrecht viel zu wenig bekannt ift das Standardwerk des Zioniflen Hans Kohn: „Die nationalen Bewegungen iim Orient.“ Wer unter uns Jungen Menfchen nicht dem Schlagwort, der leeren Parole, nachrennt, londern fachlich fundierte Anfchauungen fidi zu eigen machen fucht, der muß zu diefem Werk greifen. Es läßt an uns in anfchaulicher Weife die Wandlung, die Revolurionicrung des Oriente vorüberzichcn. Mancher Zionift mag wohl bittere Lehren aus diefem Buche ziehen, aber es ift beßer, den Gegner Land! Land! Land! Verheißungsvolle, fchwarze, (lumme Scholle! So rang ich jahrelang mit Dir. Und wenn des Sommers glühender Peitfchenhicb auf meine Stirne volle Tropfen trieb — mein Körper müde und gebrochen fchier —, tönt es in mir: „Ich hab’ Dich lieb!“ Land! Land! Verheißungsvolle, fchwarze, dumme Scholle! Zehn Jahre geh* ich hinter’m Pfluge hier, fenke den Samen in das brache Feld, bau’ eine neue, eine Zukunftswclt. Und Jahre wurden, fo wie Tage hier: So hab’ ich Dich — Du meine Heimat, lieb, dich Land, verheißungsvolle, fchwarze, dumme Scholle! Irma Singer (Kwuzath Dagama A). oder den Freund zu kennen, als über ihn mit einigen nichtstagenden Phrafen hinweggehen zu wollen. Der Raum ift zu eng, um hier ausführlich über ein Buch zu fpreeben, das unferen anderen Partner in Paläftina, England, betrifft. Ich meine das „Britifche Weltreich“ von dem Franzofen Albert Demangeon, verlegt bei Kurt Vowinckel in Berlin. Der Gcift der britifchen Politik, die Methoden der Kolonifattan, Formen der britifchen Zivilifatioc und Mentalität, alles findet man in diefem Buche. Sachlichkeit ift heute nicht mehr der dernier cri einer, literarifchen Konjunktur, fondern das Streben veranwortungsbewußter Menfchen, die das Leben vor der drohenden Verflachung und der noch gefährlicheren Allmacht Phrafc erretten wollen. E—n. Die Kinderrepublik Bensch einen Selten ist es einem sozialen und pädagogischen Werk gelungen, die Sympathien weiter Kreise in dem Maße zu erlangen, wie dem Jugenddorf Benschemen. In diesen Tagen hatte nun der Schöpfer dieser Jugendrepublik Doktor Siegfried Lehmann, der zu einem kurzen Besuch in Berlin angekommen ist, Gelegenheit gehabt, vor einem zahlreichen geladenen Kreis der Freunde dieses Werke« über die Entwicklung Beneohemens in den letzten zwei Jahren zu berichten. Dr. Lehmann entwickelte ein Bild der Arbeit in der Wirtschaft und in der Schule in Benschemen. Beginnend mit dem Kleinkinderheim, in dem die Kinder von S bi« 8 Jahren erzogen werden, über das Schulkinder heim (von 8 bis 13 Jahren) bis zur autonomen Jugendgemeinschaft (14 bis 18 Jahren), geht alle® von der Idee aus, daß die wahre Erziehung nicht in dem autoritären Zwang, sondern in der freien Entwicklung der eigenen Kräfte der Jugend besteht. Wenn z. B. die autonome Jugendgruppo ein Vergehen einiger ihrer Mitglieder im eigenen Jugendgericht dadurch ahndet, daß die ganze Gemeinschaft aus ihrem kargen Taschengeld den Schaden ersetzt, den einige Jungens angerichtet haben, so bedeutet das ein solches Maß von Selbstwürde und Selbstverantwortung, das manchem Gemeinwesen von Erwachsenen abgeht. E® resultiert daraus eine Einstellung der Jugend zu ihrem Dorfe als zu ihrer eigenen Sache, für die sie verantwortlich ist. Sehr bezeichnend ist die Beziehung derjenigen Schüler, die Benschemen schon absolviert haben und die sich auf Arbeitsstellen außerhalb des Jugenddorfes befinden, zu ihrem Heim. Die 30 Jugendlichen, die eich schon als vollgültige Arbeiter in verschiedenen Siedlungen im Lande befinden, haben den Entschluß gefaßt, nach