Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 108 (8.1.1930)
- Date
- 1930-01-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit«, 3 nie emnn; uic emmnt Nf. 108 Kindheitseindrücke Von Frieda Rabinowicz-Kook * Wie gerne fühle ich mich in die Tage meiner Kindheit zurückversetzt, als ich in dem kurländischen Städtchen, wo mein Vater damals als Ortsrabbiner wirkte, unter seiner gütigen Leitung heranwuchs. Noch sehe ich ihn, das traditionelle Käppchen auf dem ausdrucksvollen Kopf und tief in Gedanken versunken, dje große Stube durchqueren, immer wieder hin und her, und wie er unbewußt die Tür zum Nebenzimmer auftut, um Raum zu gewinnen für seine rastlosen Schritte und für seine stürmenden Gedanken. Er sieht nicht, was um ihn vorgeht und ob jemand außer ihm noch zugegen ist. Qft hält er bei diesen Gängen in der Rechten ein Buch, worin er eifrig liest; der Daumen seiner rechten Hand steckt dabed im Gürtel des langen, schwarzseideinen Rockes, der ihn umwallt. Und auch wenn Vater ohne Buch so dahinschreitet, die Hand nachdenklich an die breite Stirn gestützt, kommt es mir vor, als Tase er in einer Zauberschrift, als wäre er seiner nüchternen Umwelt visionär entrückt. Wer ihn so sah, schlich sich, um ihn ja nicht zu stören, behutsam zur Seite. loh freilich hatte manchmal besonderen Grund hiezu; ich fürchtete den Moment, da Vater — mitten aus seinen Gedanken und Träumen heraus — den Blick, bittend und gebietend zugleich, auf mich richten und mich fragen werde, ob ich schon Minoha gebetet habe. Denn wie pflichtgemäß ich auch allmorgens das Schachrith verrichtete, konnte es wohl Vorkommen, daß ich im kindlichen Spiel an das Mincba- oder Maariwgebet vergessen hatte. Doch um Vaters Frage beantworten zu können, lief ich dann rasch und griff zum Siddur, um das Versäumte mitsamt dem letzten Schlußgebet naohzuholen, Eines Tages, als ich aus der Schule heimkam, bemerkte ich sogleich, daß etwas los sei. Und siehe, an der Wand unseres Wohnzimmers hing ein großer Bogen buntbemalten Papiers! „Was ist denn das?“ frug ich den froh erregten Vater. Der beeilte sich, mir leuchtenden Auges zu erklären: „Das hier ist Erez Israel und da,“ rief er, auf die großen Punkte der Karte zeigend, „liegen die heiligen Städte Jerusalem, Hebron, Safed und Tiberias und da hier der Hafen Jaffa.“ Dann tupfte er hier und dort auf kleinere Punkte und rief, von steigendem Enthusiasmus beseelt: „Und das sind die vielen, vielen Kolonien in unserem Lande, wo die Juden ackern und säen und allerlei Feldarbeit verrichten.“ Lange blieben seine Blicke in liebevoller Träumerei an diesem bunten Bogen Papier haften. Damals verstand ich noch nicht recht, wieso Punkte Städte und Kolonien bedeuten können und wie man denn auf Papier ackern und säen kann. Dooh meine Ehrfurcht vor der Palästinakarte an der Wand wuchs von Jahr zu Jahr. Denn oft sah ich meinen Vater sinnend vor ihr stehen und hörte sein sehnsüchtiges Flüstern nach der Hilfe für Erez Israel. „Jede Minute kann der Messias kommen,“ belehrte er mich und fügte bei: „Wenn Haschern Jisboraoh wird wollen, sind auch wir bald dort.“ Sein Sehnsuobtstraum wurde wahr. Vor 25 Jahren stiegen wir in Jaffa ans Land und eilten nach Jerusalem, der heiligen Stadt. Unser erster Besuch galt der Klagemauer. Unser« Seele war aufgetan, hier Mystisches, Uebernatürliches zu erleben, ja, ein Wunder zu sehen. Der Weg zu diesem Ziel führte uns durch treppenartige, schmale Gäßohen, wo kein Fuhrwerk Platz fand. Wir passierten den arabischen Markt, zu dessen beiden Gassenseiten die Verkäufer in ihren Buden hockten, von Obst, Gemüse und anderen Landesprodukten umhäuft. Wie wohlig berührte es uns da, diese Leute, die moslemitischen Einwohner Jerusalems, uns jüdisohen Pilgern freundlich gesinnt zu sehen. Denn trotz des Gedränges von Mensch und Tier, Eseln und Kamelen blieben wir unangefochten. Der Zutritt zur Klagemauer lag frei vor uns. Nun endlich stehen wir vor der hohen, von mächtigen Steinquadern gefügten Wand, aus deren Ritzen grünend der Ysop sprießt, mit dem einst Salomo königliche Zwiesprache hielt. Auch jetzt, zu ungewöhnlicher Tageszeit, finden wir dort fromme Beter vergammelt. Sie bestaunen die altersgrauen Steine, umarmen, streicheln und küssen sie. Heiße Tränen träufeln über ihre Gesichter und man fühlt es im tiefsten Innern, daß alles eich erfüllen muß, was an dieser Stelle ungezählte Ge- «chlechter von Juden gebetet und ersehnt haben. •) öeber unser Ersuchen stefläte di« in Wien weitende Tochter des aSverebrten Oberraixbmers Kook der aschkenasiechen Juden sc Haft Palästinas uns diesen Artikel zur Ver- Und Tisoha b‘aw naht, der Tag der nationalen Trauer um unsere gesunkene Größe. Da zieht es auch uns mit magischer Kraft zur Klagemauer. Schon am Vorabend wallen wir mit vielen hunderten und aber hunderten Juden den vertrauten Weg, ehrfurchtsvoll schweigend in der verklärten Stille der Mondnacht. Uns entgegen, die Treppen aufwärts, schieben sich die Reihen der Brüder, die schon ihre Andacht verrichtet, ihr Sehnen gestillt haben. Stets lauter werden die Stimmen der Betenden hörbar, erregte Klagerufe, Weheklänge um Mitternacht. Und die arabischen Nachbarn ringsum in den Häusern und auf den Gassen wissen, daß dieser Zug alljährlich wiederkehrt. Sie kennen die Bedeutung dieses Tages für uns Juden und machen willig den Weg frei Selbst als 1909 nach dem Triumph der Jungtürken, gerade vor Tischa bfaw, die Konstitution ausgerufen wurde Balfours Brief cSunday Times» äußert sich aum Briefe Baültoarr*. Uoyd Georges und Smuths wie folgt: «Kein verantwortlicher Menseh kann an den Verzicht auf das Mandait denken; denn die Lösung dieser Frage an der Art würde bedeuten, daß an Stelle der Engländer das Mandat entern anderen Volke übertragen wenden müßte. Man dart auch nacht vergessen, daß Palästina in der Nähe des Suezkarwafe gelegen ist Würde man dort einen unabhängigen arabischen Staat bilden, so könnte man den Suezkanal keine drei Jahre halten. Bin arabisches Palästina aber unter dem Schutze Großbritanniens würde mtr eine schwere maiterieHe Belastung bedeuten. Aus aflfl dem geht hervor, daß man den Zionirsnvus, sollte er nicht bestehen, eigentlich hätte schaffen Montag, den 13. d., halb 9 Uhr abends Versammlung im Cafe Arkaden. Referent: DR. DAWID BUKSPAN. Anschli' ßend Diskussion. Gaste willkommen. müssen. Unter Berücksichtigung der Lage Englands im Nahen Osten, der Schwierigkeiten in Aegypten und der Bedeutung des Suezkanals müssen wir zugeben, daß dr<e* Verwirklichung des Mandates mit den staatlichen Interessen Englands auf das Engste verbunden ist.» Elben ähnlichen Standpunkt rwfomen auch «ObServer» und «Manchester Guardian» ein. Das bekannte antisemitisch« Blatt «Daily Mail» empfiehlt den Arabern, in England eine poAHiscbe Aktion für ihre Forderungen einizuleiten. und gänz Jerusalem in jubelnder Freiheit entfesselt war, wurde den jüdischen Wallern zur Klagemauer kein Haar gekrümmt. Andere Zeiten kamen. Die Türken wichen aus dem Land und dem gequälten jüdisohen Volke wurde das Nationalheim verheißen. Und nun Mord und Brand! Sogar unser Recht, an der Klagemauer zu weinen und zu beten, wagt man anzu tasten. Und gerade meinem Vater wurde von der Untersuchungskommiesion zugemutet, dies Recht der Juden dokumentarisch zu erweisen. Gewiß, wohl gibt es derlei Papiere, doch ich erkenne meinen Vater als den aufrechten Mann wieder an der würdigen Antwort, mit der er als Fürsprecher der Juden solche Zumutung zurückwies: „Das würde ausseihen, als wenn man eine Kerze hochbält, trm das Licht der Sonne zu verstärken!“ Das Ergebnis der UnfersticfitOTgskommlssIon Der Jemisatonner Korrespondent des «Berliner Tageblatt» Dr. A. Reifenfcerg bespricht den Verlauf der Veihamdlmngen vor der britischen Untersuchunigskonnmissioii in Palästina und kommt zu dien folgenden Schlußfoöigeruiragien: «Wenn mm auch die gewonnenen Ergebnisse einen stanken EinifluÄ auf die zuiküintfFige Politik der Engländer in Palästina haben werden, so ist trotz alledem nicht zu erwarten, daß fundamentale Aenderuragem eintreten werden. Eines ist allerdings klar: Beide Völker, Araber ur.d Juden, müssen zu einem Modus vivendi kommen. Konzessionen werden dabd von beiden Teilen gemacht werden müssen. Juden und Araber sollen sich darüber klar sdm, daß, wer auch immer die Majorität im Lande hat, dien anderen nicht majorisieren darf. Viieüleioht wird eine kantonale Lösung, ähnlich wie in der Schweiz, wo sogar drei Völker miteinander leben, das Gegebene sein. Die Araber müssen sich dazu bequemen, das vom Völkerbund feierlich bestätigte historische jüdische Anrecht aarf Palästina an®oerkennen, während es ach die Zionisten an,gelegen lassen 9ein sollt ein, noch mehr als bisher die Araber an den wirtschaftlichen Vorteilen der Kolonisation teilneihmen zu lassen. Eine schwierige Frage dagegen bleibt die Schaffung einer parlamentarischen Volksvertretung, die arabischerseits mit allem Nachdruck gefordert wird. «Doar Hayom» billigt in einem Leitartikel das Verhalten von Sir Boyd Merriiman, der sein Resümee des jüdischem Standpunktes vor der Untersuchen,gskommission nicht zu Ende geführt hat. Dadurch habe. Sir Boyd klar zum Ausdruck gebracht, daß er kein Vertrauen in die Unparteilichkeit der Kommisson setze, die ihre Unters uchumg anstatt gegen die an den Ausschreitungen Schuldigen gegen die jüdische Renaissance-Bewegung än Palästina geführt habe. Seit dem ersten Dreyfus-Prozeß, fügt «Doar Hayom» hinzu, habe es keinen derartigen Fall von Rechtsvendrehung gegeben. Das arabisohe Organ «El Carmd» veröffentlicht einem Leitartikel unter dem Titel «Nach der Kommiission», in dem der arabische Standpunkt zusam,mengefaßt wird. Selbst wenn die Empfehlungen der Kommiission zugunsten der Araber ausfallen sollten, wird das arabische Volk sdoh selbst helfen müssen. Poale Zion und deutscher Zionismus Zu der in Deutschland im Zusammenhang mit den Ereignissen in Palästina geführten Diskussion über Ziele und Wege zionistischer Politik erläßt das Zentralkomitee der jüdischen Sozialdemokratischen Arbeiterorganisation Poale Zion in Deutschland nachstehende Erklärung: Die jüdische Arbeiterschaft, welche Jahre hindurch in den deutschen Zionisten ihre Verbündeten sah, verfolgt mit Unruhe und Besorgnis die Entwicklung, die der deutsche Zionismus in den letzten Jahren genommen hat. Zuerst kam in einem Augenblick schwerster- Depression unserer jungen Wirtschaften in Erez Israel die radikale Abkehr des deutschen Zionismus und den sozialwirtschaftlichen Bestrebungen der jüdischen Arbeiterschaft Der Preisgabe der schöpferischen Schicht des Zionismus folgt nun ein Umschwung in der zionistischen Zielsetzung, der in sich außerordentliche Gefahren für die Schlagkraft der zionistischen Bewegung birgt. Die deutsche zionistische Presse schreckt nicht davpr zurüok, vieles über Bord zu werfen, was den Zionismus zu einem mächtigen Faktor im jüdischen Leben gemacht hat. Die ganze historisch-bedingte Kompliziertheit unserer Politik in Erez Israel sucht man einem falsch verstandenen Pazifismus anzupasdbn. In disem Augenblick erachtet es die zionistisch-sozialistische Bewegung als ihre Pflicht, zu erklären, daß ihr Ziel nicht irgend ein Gebilde ln Palästina ist, das der Befriedigung der kulturellen Bedürfnisse einer dünnen Schicht von Intellektuellen dienen soll, 8onderndie j üd i s c h« Ma s s e n a n s i e dlung in Erez Israel, die allein imstande ist, die jüdischen Massen von dem unerträglichen Druck ihrer unnormalen Situation zu befreien. In schwerem Kampfe und unter großen Opfern, Heißt es ln der Erklärung weiter, brachte die jüdische Kolonisation neues Leben in das verwüstete Land. Die arabische Bevölkerung profitierte in einem sehr hohen Maße von dem Aufbauwerke des Zionismus ... Es ist unsere Tragödie, daß die in Unwissenheit und tiefster Unkultur lebende arabische Masse unsere Vergangenheit und unser wahres Streben nicht kennt. Diesen Umstand machte sich ein Häuflein arabischer Feudalen, die ihre Herrschaft über das Volk bedroht sah, zunutze, um durch lügnerische religiöse Propaganda blutige Unruhen zu entfesseln. Es ist nicht am Platze, daß das Organ des deutschen Zionismus, das Häuflein der arabischen Feudalen, das ihre Herrschaft über das Volk bedroht sieht, mit jener Glorie, mit der die fortschrittliche Welt mit Recht die Freiheitsbewegungen kolonialer Völker umgibt. Ungewollt wird somit den Interessen der arabischen Reaktion gedient, denn wir haben es in Palästina nicht mit einer Erhebung gegen die koloniale Unterdrückung zu tun, sondern mit einer Auflehnung der dunkelsten Kräfte des Landes. Gegen eine Bewegung, die dem Lande moderne wirtschaftliche Entwicklung bringt und so die letzten Reste der Feudalherrschaft hinwegzufegen droht. Es gibt keinen Widerspruch zwischen den Lebensinteressen des arabischen Volkes und unserer Kolonisation. Die jüdische Arbeiterschaft Palästinas unternimmt alles, was in ihren Kräften steht, um den arabischen Massen die wahren Absichten und Motive ihrer Führer, denen sie heute noch folgen, aufzuzeichnen. Der jüdische Arbeiter in Stadt und Land sucht überall Verbindung mit seinen arabischen Klassengenossen. Der gefährliche Kurs des offiziellen Zionismus in Deutschland, heißt es zum Schluß der Erklärung, gibt dem Revisionismus die Möglichkeit, als Hüter der großen zionistischen Traditionen aufzutreten. Aufgabe der Weltorganisation ist es, der Welt den wahren Charakter der arabischen «Nationalbewegung» zu zeigen. Aufgabe der Bewegung ist es, die schöpferischen Kräfte des jüdischen Volkes erneut zu mobilisieren und an dem großen Werke in Erez Israel weiterzubauen. (J. T. A.) Pressesdtmi