Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 108 (8.1.1930)
- Date
- 1930-01-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sei te 6 Kf. 10» Eduard Bernstein 80 Jahre alt (g.) Am 6. Jänner wurde der älteste Vorkämpfer der deutschen Sozialdemokratie um! deren langjähriger Führer, Eduard Bernstein. 80 Jahre alt. Bernstein, ein N'effc des bekannten populären Schriftstellers Aron Bernstein (Verfasser der «Naturwissenschaftlichen Volksbücher», der bekannten jüdischen Erzählungen: * Vögele der Maggid» und «Mendel Glbbor») gehört seit dem Jahre 1872 der deutschen sozialdemokratischen Partei an. Infolge seiner Ausweisung auf Grund des Sozialistengesetzes im Jahre 1878 wohnte Bernstein längere Zeit in der Schweiz und in London, wo er den «Sozialdemokrat» und die «Neue Zeit», das wissenschaftliche Organ der Sozialdemokratie, herausgab. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland wurde er 1902 in den Deutschen Reichstag gewählt, dem er ununterbrochen bis zum Jahre 1918 und dann in den Jahren 1920—24 angehörte. Bernstein ist auch der Begründer der «Sozialistischen Monatshefte». Seine Hauptbedeutung liegt jedoch in seiner Stellungnahme zum Marxismus. In seiner Schrift «Die Voraussetzung des Sozialismus und die Aufgaben der. Sozialdemokraten» (1898) stellt er dem marxistischen Gedanken des revolutionären Klassenkampfes den Reformstandpunkt und die Lehre von der Evolution entgegen und begründete somit den Revisionismus. Zu seinen bekanntesten Werken zählen: «Dokumente dies Sozialismus», «Zur Theorie und Geschichte des Sozialismus», «Geschichte der Berliner Arbeiterbewegung». Im Weltkrieg trat Bernstein als Pazifist hervor und stimmte gegen die Erteilung von Kriegskrediten im Deutschen Reichstag. Bernstein, der in einem jüdischen’ Heim erzogen wurde, trat 1877 seiner sozialistischen Ueberzeugung zufolge, aus dem Judentum aus. Erst im Weltkrieg erwachte sein Interesse für jüdische Fragen. 1917 schrieb er einen Aufsatz über die «Aufgaben des Judentums im Weltkriege», in dem er den Gedanken begründet, daß gerade die Juden dank ihrer Geschichte und ihrer weitbürgerlichen Stellung unter den Nationen berufen sind, für die Völkerverständigung einzufcreten. Von nun an begann sich auch Bernstein für den Zionismus zu interessieren. Seit 1919 steht Bernstein der Poale Zion-Bewegung nahe und trat 1924 dem «Komitee für das arbeitende Palästina» bei. Bernstein, der auch Mitglied des Deutschen Pro-Palästina-Komltee ist, hat erst vor kurzem in einem längeren Aufsatz die antizionistische Stellungnahme Karl Kautskys bekämpft und den Standpunkt vertreten, daß die Juden eine Heimstätte in Palästina haben müssen. Bernstein steht, trotz seiner äußeren Abkehr, positiv zum -Judentum. Die immer größer werdende antisemitische Wille zwingt, seiner Ansicht nach, den Gedanken einer nationalen Heimstätte in Palästina kraftvoller und einheitlicher denn bisher zu vertreten. Auszeichnung»! für jüdische Führer ln Jugoslawien. Belgrad, 1. Jänner. (J. T. A.) Im Zusammenhang mit der Verlautbarung des Gesetzes über die Religionsgemeinschaft der Juden verlieh König Alexander dem Großnubbiner Dr. J. Alkaiay den Karageorg-Orden und den Mitgliedern des Präsidiums des jüdischen Gemcindefbundes, sowie den Vertretern der Orthodoxie upd anderen prominenten jüdischen Persönlichkeiten den Weißen Adler, resp. Skt. Sava-Orden. TM STIMME LAndesverbandstagong der Poale Zion in Deutschland Am 4. Jänner abend« wurde in Berlin die Delegiertentagung der jüdischen soz'alistischen Arbeiterpartei Poale Zion, Landesverband Deutschland, eröffnet. Die Tagung erhielt ihren Glanz durch die Anwesenheit des greisen Führers der Sozialdemokratie Deutschland« und der Welt Eduard Bernstein, der am 6. Jänner sein 80. Lebensjahr vollendete. Noch stehen wir unter dem schweren Eindruck der Ereignisse im August, begann der Vorsitzende A d I e r * R u d e 1 seine Ansprache, wir gedenken der Gefallenen und grüßen die jüdische Arbeiterschaft, in Palästina, die sich nicht wehrlos abschlachten ließ, sondern das Aufbauwerk mit Einsatz ihres Lebens verteidigte. Auch in den Ländern außerhalb Palästinas hat der Angriff die.Wirkung gehabt, daß sich die Zahl der organisierten Chaluzim, außerordentlich vermehrt .hat und daß überall die Arbeit für Palästina verstärkt wurde. Der Redner grüßte dde Genossen in Rußland, die unter schwerstem Martyrium für die Idee der jüdischen Arbeiterschaft in Palästina arbeiten. Er begrüßte die Gäste, insbesondere den Präsidenten des Zionistischen Aktionskomitees Leo Motzkin. .. Dr. Oskar C o h n hielt eine feierliche Ansprache an den sozialistischen Denker und Führer Eduard Bernstein. Wir geloben, so schloß er, Ihnen und so auch dem Sozialismus treu zu bleiben. Eduard Bernstein dankte bewegt. Ich ' bin, sagte er, nicht Zionist im nationalistischen Sinne, aber ich anerkenne das Recht der Juden auf ein Nationalheim in Palästina. Ich halte es für meine Pflicht, der Bewegung der Poale Zion als Mitkämpfer anzugehören lind wünsche der Konferenz Erfolg. (Minutenlanger Beifall.) Es folgte ein Referat des Leiters des Ver* bändsbureaus Anselm Reiß über Ziele und Arbeit der Poale Ziön-Bewegung und ein sehr aufschlußreicher Vortrag des Führers der palästinensischen Arbeiterschaft Beri K a t z e n e 1 s o n über dte Lage des Jüdischen Nailonalheims und die Politik und die Arbeit der organisierten jüdischen Arbeiterschaft in Palästina. Die Vormittagsaitzung vom Sonntag wurde nut der Debatte zum Bericht des Zentralkomitees eingeleitet, der von der Konferenz zur Kenntnis genommen wurde. Dr. Oskar Cohn referierte über Gemeindepolitik. Im Verlauf der Sitzung erschien Prof. B r o d e t s k v, Mitflied der Zion-Exekutive, und begrüßte die Konferenz. In der Nachmat tagssitzung fand die Palästinadebatte statt, an der sich Fritz Naphtali, Anselm Reiß und Barl Katzenelson beteiligten. Es ging ira wesentlichen um die Einstellung zu den Ereignissen in Palästina sowie um die Stellung der Arbeiterschaft zum Araberproblem. Die Konferenz schloß gegen 12 Uhr nachts. In das Zentralkomitee wurden gewählt S. Adler-Rudel, Dr. Georg Lubinsky, Dr. .Hans Cohn, Dr. Potschter, Joseph Wahl, Dr. Kaleko, Ernst Bloch, Lifschütz, Tschertok. Konferenz der englischen Poale Zion London, 3. Jänner (J. T. A.). In einer Konferenz der Poale Zion-Organisation von Großbritannien hielt der poalezlonistische Führer Dr. S. K a p 1 a n s k y, Mitglied der Zionistischen Exekutive, das politische Referat und stellte die Schwierigkeiten dar, die sich bei der Ausführung des Palästinamandates ergeben haoen. Er wies auf die geringe Zahl der bei Regierungsarbeiten beschäftigten jüdischen Arbeiter hin. Der Sekretär des Londoner politischen Büros der Poale Zion, DovHos, berichtete über die Hilfe, die der Poale Zion-Bewegung aus den Kreisen der britischen Gewerkschaften gewährt worden ist. Die Konferenz beglückwünschte in einem Telegramm die beiden palästinensischen Arbiterparteien zur Vereinigung der jüdischen Arbeiterbewegung in Palästina und nahm die folgende Resolution an: «Die Konferenz schickt Ihre brüderlichen Grüße ihren Genossen, den jüdischen Pionieren in Palästina. Sie drückt ihre Bewunderung aus für den Mut und die Entschlossenheit, mit denen der Jiscbuw zu seinem großen Werke steht. Trotz aller Angriffe auf die jüdischen Bestrebungen betonen die jüdischen Arbeiter Englands von neuem ihren Entschluß, mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Kräften die Erreichung unseres Zieles zu fördern.» _ ""Vier Juden in England ausgezeichnet 1 1 1 " London, 2. Jänner. (J. T. A.) in der Ehrenliste, die in England von Jahr zu Jahr am Neujahrstage erscheint, und Titelverleihungen und Auszeichnungen enthält, stehen diesmal die Namen von vier Juden: Louis Bernhard Baron, der Sohn des vor kurzem verstorbenen bekannten jüdischen Philantropen Bernhard Barem, wurde in den Baronettstand erhoben; die Privatsekretärin Mac Donalds, Miß Rosa Rosenberg, erhielt den Orden des British Empire; der Präsident der J. C. A., Leonhard Lionel Cohen, wurde Ritter des Königin Victoria-Ordens, und Honourable Michael. Myers, Oberrichter von Neuseeland, Ritter des Ordens von St Michael und St. George. Der englische König begrüßt die ChanukaU-Feier der jüdischen Soldaten ln London fand im First Avenue Hotel ein Chanukah-Bankett der jü dischen Soldaten statt. Major Lionel de Rothschild verlas ein Telegramm, des Königs Georg, welches lautet: «Ich bitte Sie, den jetzigen und den früheren jüdischen Mitgliedern der Militärmacht, die auf ihrem Jahres-Dinner versammelt sind, meinen aufrichtigsten Dank für ihre loyale Begrüßung auszusprechen. Chief Rabbi Dr. Hertz hielt eine. Ansprache über die Bedeutung des Chanukah-Festes. (J. T, A) Rabbi Schoenfeld in London gestorben Nach längerer Krankheit verstarb in London Rabbi Dr. Avigdor Schoenfeld, Rabbiner der Adass Jisroel- Synagoge und Begründer der Union orthodoxer jüdischer Kongregationen in England. Er war ein Schüler des berühmten Rabbi Bunem Schreiber. (Schewet Sofer) in Preßburg und ein begeisterter Anhänger von Samson Raphael Hirsch. 1920 und 1921 war er Inspektor des Misrachischulwescns in Palästina; kehrte aber dann nach London zurück, und begründete die orthodoxen Kongregationen, zu deren geistigem Haupt er 1927 gewählt wurde. (J. T. A.) Zeit. Arbeiten, die sie nach den talmudisehen Quellen zu leisten hatte, waren nicht die einer . Herrin, einer Vereorgerin, sondern einer Dienerin, eines untergeordneten Menschen, die dem Manne und Gebieter zu dienen hat. Waschen, kochen, backen, Kinder zu stillen, das Bett für den Mann zu richten, Leistungen, bei welchen < sie durch Mägde vertreten werden kann, falls sie welche in die Ehe mitgebracht hat, oder es ihre Mitgift gestattete, welche zu erwerben. Sie ist eben nichts mehr als die Magd, die dem Manne dienen soll, voll Laster und Fehler. Die\ Misohna zählt im Traktate Ktubot (Kap. 5) alle Arbeiten auf, die in den Pfliohtkreie der Frauen fallen. Sie hat das Getreide zu mahlen, zu backen, zu waschen, zu kochen, das Kind zu stillen, das Bett für den Mann zu richten und Wolle zu. verarbeiten. Brachte eie ihm in die Ehe eine Magd, braucht sie nicht zu mahlen, zu backen und zu waschen. Brachte sie zwei Mägde mit, braucht sie nicht zu kochen und das Kind nicht zu stillen. Brachte sie drei Mägde mit, braucht sie nicht das Bett für ihn zu richten und auch keine Handarbeiten zu machen. Brachte sie vier Mägde — dann kann eie in einem Lehnstuhl sitzen und gar nichts tun. Da sagte R. Eliezer ben Hyrakanos: „Wenn sie auch hundert Mägde mitbrachte, muß sie sich mit Handarbeiten beschäftigen, denn Müßiggang ist der Unzucht Anfang.“ Wie schon au« dieser Misch na zu ersehen ist,: waren jetzt die Stellung der Frau, ihr Pflicht- und Wirkungskreis ganz anders als in der früheren Zeit, wo~die ganze Last und Verantwortung der Wirtschaftsversorgung ihr zufiel. Es waren schwere, untergeordnete physische Arbeiten, die die Frau zu verrichten hatte, wenn sie nicht die Möglichst hatte, eine Magd zu erwerben. In jener Zeit sinkt die Frau im besteh Falle zu einer Zierpuppe herab und so sagte R. Chija bezugnehmend auf die erwähnte Mischnä: „Die Frau ist nur der Schönheit wegen da, die Frau ist, da, um Kinder zu haben, die Frau ist da, um sich zu schmücken. Wer seine Frau zart und geschmeidig haben will, soll er eie nur in feines Gewebe kleiden.“ In dieser Zeit wollen die Gelehrten der Frau keine geistigen Werte zusprechen, dafür fand man bei ihr viele Fehler, die Gott selbst nicht zu vertilgen vermochte. Und so erzählt eine Agada in Bereschith Rabba 18: „Als Gott Eva erschaffen wollte, da schaute er zuerst, aus welchem Körperglied Adam«, er Me erschaffen solle, und meinte: Ich werde Sie nicht aus dem Kopf erschaffen, damit sie siob nicht übedhebt, und auch nicht aus dem Auge, damit sie nicht neugierig wird, alles zu sehen, und nicht aus dem Öhr, damit sie nicht neugierig alles zuhört, und nicht aus dem Munde, damit sie nicht zu viel plauscht, und nicht aus dem Herzen, damit sie nicht neidisch wird, und nicht aus der Hand, damit sie nicht diebisch wird, und nicht aus dem Fuß, damit sie nicht zu viel herumläuft. Ich werde sie aus der Rippe, aus einer Stelle, die verborgen im Körper ist, erschaffen., Bei jedem Glied, welches Gott an ihr erschaffen halte, sagte er: Sei eine keusche Frau, sei eine keusche Frau! Aber alles umsonst, denn mit all den Fehlern ist die Frau behaftet.“ Vier Eigenschaften besitzen die Frauen, sagten die Gelehrten. Sie sind gefräßig, neugierig, faul und neidisch. R. Jebuda bar Nachernte fügte hinzu: auch müßig und tratsohsüchtig. R. Levi sagte: auch diebisch und laufen gerne herum. Zehn Maß Gespräch kamen auf die Welt, lautet ein Ausspruch, davon nahmen die Frauen neun Teile in Anspruch und e i n e n die ganze übrige Welt. Die größte Sehnsucht der Frauen sind ßchmuoksachen, sagt der Talmud. Ja, das war aber auch die einzige Freiheit, die die jüdische Frau genießen konnte, sie durfte sich sobmükken und schminken. Sogar alte Frauen durften eich schminken. So erzählt eine Agada. in Moed Eatan 9: „Die Frau des R. Chisda hat sich in Anwesenheit ihrer Schwiegertochter geschminkt. R. Huna bar Chanania saß vot R. Chisda und meinte: unsere Weisen lehrten, daß nur Junge sich schminken sollen, aber doch nicht Alte. Sofer deine Mutter, sogar die Mutter deiner lütter, sogar eine, di© schon am Grabesrande steht. Es gibt doch ein Sprichwort: Eine Sechzigjährige ist wie eine Sechsjährige, hört sie nur die Rauke, da teuft sie schon.“ Der Talmud zählt auch die Schönheitsmittel auf, welche die Frauen zu benützen haben, darunter auch Augensohminko und Geslohtsschminke. So sieht die Frau in der telmudischen Zeit aus und so geht es mit ihrer Bedeutung im Judentum immer mehr bergab, bis sie später im düsteren Leben des Golus fast vollständig verschwindet. Trotzdem die Frauen in der talmudisohen Zeit eine untergeordnete Stelle einnehmen und mit dem Volke der Männer wenig Gemeinsames haben, „weil die Weiber ein Volk für sich bilden“ (Scbabath 62), gab es Frauen, die eine bewunderungswerte Selbstbeherrschung, Charakterstärke und eine ungewöhnliche Geisteshöbe erreichten. (Fortsetzung in der nächsten Nummer.)