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Die Stimme · 1930-01-02 · Heft 107 (2.1.1930) · page 8

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 107 (2.1.1930)
Date
1930-01-02
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 8 DIE STIMME Nr. 107 rignisse in der jüdischen Welt. Die letzte Nummer (vom 1. Dezember) ist auch zum Teil dem 50jährigen Jubiläum Jizchak Grünbaums' gewidmet. Der «Heatid» ist besonders den hebräisch Lernenden, soweit sie schon etwas fortgeschritten sind, zu empfehlen. «Lehawoth» (Flammen). Eine Zeitschrift der chaluzischen Jugend, erscheint periodisch. Das letzte Heft (5) ist besonders inhaltsreich und prächtig ausgestattet. Im ersten Teil sind Bilder und Erzählungen aus dem palästinensischen Leben wiedergegeben, der zweite Teil vermittelt allgemeines und soziologisches Wissen und der dritte erzählt von «den Anfängen» des Aufbauwerkes, der vierte schließlich behandelt Fragen «von uns». Das Heft ist zu Unterrichtszwecken (auch für Anfänger) sehr zu verwenden und ist geeignet, eine gewisse Lebendigkeit dem Hebräischlernen zu verleihen, die vielfach abgeht. Jüdischer Jugendtag in der Schweiz. ln Basel wurde die zweite Tagung des 1927 gegründeten jüdischen Jugendverbandes der Schweiz abgehalten. Obwohl in der Mehrheit aus zionistischen Jugendvereinen bestehend, wurde der Grundsatz politischer Neutralität in den Satzungen verankert. Das Hauptreferat hielt Frau Dr. Weldler-Steinberg, die, vom zionistischen Standpunkt, eine freie Aussprache und einen Meinungskampf als nicht neutralitätsverletzend erklärte. Die Versammlung war von Vertretern der Jugendvereine Basel, Zürich, St Gallen, Bern und Genf besucht. Sie beschloß eine Verstärkung der Kulturarbeit und wählte einen fünfgliedrigen .Ausschuß mit Basel als Vorort Simon Bernfeld (Zu seinem 70. Geburtstag.) Seit'mehr als 50 Jahren zählt Simon Bernfeld in der neuhebrärschen Literatur zu den bekanntesten und populärsten, Schriftstellern, dessen Werke dank ihrem reichen Inhalt und klaren Stil mit besonderer Vorliebe gelesen werden. Selbst ein so strenger Kritiker wie Achad Haam konnte sich dem Urteile nicht verschließen, daß Bernfeld jenen Typus eines wissenschaftlichen .Schriftstellers und Publizisten clars teilt, der mit jedem seiner lehrreichen Bücher Sympathie findet Bernfeld, ein Zögling der letzten Haskalahperiode in Galizien, ist am 6. Jänner 1860 in Stanislau (Ostgalizien) geboren und erhielt in seinem Eltemhause eine überaus sorgfältige jüdische Erziehung. Sein, Vater Moses, der einer alten jüdischen Pächterfamilie auf den Gütern der Grafen, Dziedu&zycki entstammte, war in sei her J ugen d ein Anhänger des Chasslsmus und rang sich erst unter dem Einflüsse der hebräischen Haskalahliterätur zu den Ideen der Aufklärungsbewegung durch. Von Beruf Lehrer, unterwies er auch den bekannten polnischen Politiker und Schriftsteller-Graf Adalbert Dzieduszycki in der jüdischen Philosophie und Kabbala. Er zählte zu jenen markanten Maskilimtypen Galiziens, die .mit Ausdauer und unter schweren Kämpfen die europäischen Bildungsideale in der «jüdischen Gasse» verbreiteten. Im Jahre 1872 übersiedelte er nach Lemberg. Hier erteilten jüdische Studenten dem jungen Bernfeld Gymnasialunterricht und bereiteten ihn zur. Matura vor. Bernfeld pflegte auch die jüdischen Disziplinen und versuchte sich' als hebräischer Schriftsteller. Er übersetzte Erzählungen und einen deutschen Roman ins Hebräische, schrieb audh einen Roman, in dem er, die Zeit der französischen Revolution behandelte.: . ' Diese ersten literarischen Versuche, sind aber nie im Druck erschienen. In der hebräischen Literatur debütierte der junge Bernfeld erst im Jahre 1879 mit einem längeren historischen Aufsatz über die Verbannung der Juden aus Nürnberg, der im «Hamagid» erschienen ist. Kurz darauf veröffentlichte er seine Broschüre «L’torah und l’awodah», die in Fortsetzungen ebenfalls im «Hamagid» zum Abdruck gelangte. Von nun an wurde er ständiger Mitarbeiter dieses Blattes, m dem er Artikel über aktuelle Fragen unter dem Pseudonym «P’lai» veröffentlichte. Im Jahre 1880 kam Bernfeld nach Königsberg, wo er ungeachtet seiner redaktionellen Tätigkeit im «Hakol» seinen Studien an der Königsberger Universität oblag. Im Jahre 1881 trat er in die Redaktion des von Dav-id Gordon 'herausgegebenen «Hamagid» ein. Kurz darauf bezog er dann die Universität und die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, wo er sich auch der hebräischen Journalistik widmete. Im Jahre 1885 wurde er zum Doktor der Philosophie promoviert und kurz darauf nach Belgrad als Rabbiner der sephardischen Gemeinde berufen. In dieser Stellung verblieb er bis 1894, nebstbei leitete er auch die Belgrader jüdische Schule. Da ihm der Rabbinerberuf nicht zusagte, übersiedelte Bernfeld nach Berlin, wo er bis zum heutige Tage als freier Schriftsteller und Publizist lebt. Schon als Ulversitätshörer interessierte sich Bentfeld besonders für die jüdische Geschichte. Das Gebiet der historischen Monographie sollte nun die Domäne seiner wissenschaftlichen Betätigung werden. Auf diesem Gebiete schuf er in hebräischer Sprache überaus wertvolle Arbeiten, Wenn auch Bernfeld ln seinen historischen Monographien zumeist, auf Materialien anderer Forscher fußt, so hat er durch die Art der Auffassung, der Darstellung und dank seines überaus klaren un:! feinen Stils sehr viel zur Popularisierung der jncUsdhen Geschichtswissenschaft in der neuhebräischen Literatur beigetragen. Schon seine ersten historischen Monographien in den hebräischen Sammclbüchern «Heassif» und «Kneseth-Israel» geben Zeugnis von seiner Befähigung, eine historische Persönlichkeit oder eine Epoche meisterhat zu schildern. Als Achad Haam im Jahre 1896 nach Berlin kam, um hier den «Haschiloah» hera-uszugeben, fand er in Bernfeld den einzigen Schriftsteller, auf dessen Mitarbeiterschaft er zuverlässig rechnen konnte. In der Tat wurde auch Bernfeld einer der fleißigsten Mitarbeiter im «Haschiloah». Seine Revues «Kehilloth jakob» und seine geist- und inhaltsreichen historischen Abhandlungen fanden bei den Lesern des «Haschiloah» die größte Wertschätzung, und so konnte Achad Haam mit Befriedigung feststellen, daß Bernfeld, dessen Arbeiten er stets gerne brachte, zu den beliebtesten Schriftstellern des «Haschiloah» zähle. In den Jahren 1895 bis 1900 veröffentlichte Bernfeld nebst seiner zweibändigen Geschichte der jüdischen Religionsphilosophie «Daath Elohim» mehrere Monographien zur Geschichte der Aufklärungsbewegung, die noch neute zu den besten und lesenswertesten auf diesem Gebiete gezählt werden können. Seine Schriften «Dor Cbacham», «Dor lahpuchoth», die Geschichte der Reformationsbewegurkg, die Biographien über S. J. Rappaport, den Mitschöpfer der Wissenschaft des Judentums, Michael Sachs, und Gabriel Rieser sind noch heute Standardwerke der hebräischen Geschichtsliteratur. Die übersichtliche Verarbeitung des Quelienmaterials und klare Diktion erleichterten dem Leser das Eindringen in diese, wenn auch komplizierte Uebergangscpoclie in unserer neuzeitlichen Geschichte. Aber nicht die Haskalahbewegumg allein interessierte Bernfeld, er schrieb auch eine Geschichte der Kreuzzüge und eine Biographie des Mohammed. In den letzten Jahren beschäftigt sich Bernfeld hauptsächlich mit der Erforschung der Bibel, die er auch ins Deutsche übersetzte, ln seinem im Jahre 1923 Der erste MuM Ule SprMsigs-ttfilii] der Erich Pommer-Produktion / Regle: Hanns Schwarz Ur* und AIIeinaafführuBg1 täglich im: UFA-TON-KINO 11., Taborstrafie Nr. 8, Telephon-Nummer R-42-3-41 Beginn um 5, 7, und-.9 Uhr, an Sonn-u. Feiert, ab 3 Uhr erschienenem Werke «Mawo Sifruti l’kitwei-hakodesch» übermittelt uns Bernfeld seine auf langjährigen Studien fußenden Anschauungen über die Entstehung der Bibel. In seinem Quellenwerke «Sefer Hadmaoth» liefert Bernfeld eine Sammlung der wichtigsten Quellen zur Geschichte der Judenverfolgungen seit der Zerstörung des zweiten Staatswesens bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts, die mit sehr übersichtlichen Einleitungen aus seiner Feder versehen sind'. Bernfeld hat auch in deutscher Sprache eine Reihe wertvoller Arbeiten zur Kulturgeschichte des Judentums geliefert. Besonders erwähnenswert sind seine Schriften «Juden und Judentum im 19. Jahrhundert», «Kämpfende Geister», «Der Talmud, sein Wesen, seine Bedeutung und seine Geschichte» sowie seine Schrift «Die jüdische Literatur», die einen kurzen Abriß der Entwicklung des jüdischen Schrifttums bis zum Talmud enthält In den Jahren 1920 bis 1924 gab er mit Rabbiner L. Bäck und Prof. J. Ellbogen das große Sammelwerk «Die Lehren des Judentums» heraus. Nebst seinen populär-wissenschaftlichen Arbeiten schrieb Bernfeld unzählige publizistische, historische und literarisch-kritische Aufsätze in fast allen hebräischen, jiddisch en und deutsch sprachigen jüdischen Zeit- und Sammelschriften und Tageszeitungen, der letzten vier Jahrzehnte. Er war auch lange Jahre Mitherausgeber der «Jahrbücher für jüdische Geschichte und Literatur», und Mitarbeiter des «Berliner Börsen«* Courier», in dem er in den Jahren 1895 bis 1903 auslandspolitische Artikel veröffentlichte. In den Jahren 1913 bis 1923 redigierte Bernfeld das Gerneindeblatt der Berliner jüdischen Gemeinde, Er war auch lange Jahre Mitarbeiter der jüdisch-russischen Enzyklopädie. Bernfeld blickt somit auf eine sehr reichhaltige literarische und wissenschaftliche Tätigkeit zurück, die unsere Forschung um viele Bausteine bereicherte. Trotz seines hohen Alters ist Bernfeld nach wie vor wissenschaftlich und auch literarisch tätig. Dr, N. M. Gelber. Die Wahlreformfrage ’n der Kultusgemeinde Eine Interpellation des Klubs zionistischer Mandatare. In der letzten Plenarsitzung des Vorstandes der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde am 30. Dezember richtete Dr. Desider Friedman,n namens des Klubs der zionistischen Mandatare an den Präsidenten Prof. Dr. Pick nachstehende Interpellation: «Bei der Konstituierung des Kultusvorstandes zu Beginn des Jahres 1929 wurde unter anderem auch ein Statuten- und Wahlreiormausschuß gewählt. Zum Obmann dieses Ausschusses wurde Herr Kultusvorsteher Dr. Josef Ticho berufen. Der genannte Ausschuß wurde bisher zu keiner einzigen Sitzung einberufen, obgleich seitens des Klubs der zionistischen Kultusvorsteher mehrmals der Zusammentritt des Ausschusses verlangt wurde. Die Unterzeichneten Kultusvorsteher gestatten sich hiemit, an den Herrn Präsidenten die Anfrage zu richten, ob derselbe bereit ist, das Notwendige wegen ehester Aufnahme der Tätigkeit des Statuten- und Wahlreformausschusses zu veranlassen.» Einen Bericht über diese Sitzung bringen wir in unserer nächsten Nummer. Elieser Ben-Jehuda (Zum 50. Jubiläum seines epochemachenden Aufrufs* «Scheela nichbadah».) In der Chanukah-Woche werden es fünfzig Jahre, seit dem Elieser Ben-Jahuda in Wien im Smolenskischen «Haschachar» seinen Aufruf zum Aufbau des Landes Israel in Verbindung mit der Belebung der hebräischen Sprache als Volkssprache veröffentlicht hatte. Auch die größten Gegner und Widersacher Ben« Jehudas geben es zu, daß er der erste gewesen ist, welcher die Grundlagen der modernen jüdischen Renaissancebewegung in dieser so lebendigen und klaren Aus« druaksform — Land — Sprache — Volk — festlegte. Wenn heute ein Kanonier einen Krieg auf eigene Rechnung und Verantwortung vom Zaune brechen wollte, so würde ihm die Welt auslachen. Eheser Ben- Jehuda hat aber auf diese Weise gehandelt; er wartete nicht, bis das Volk sich organisierte, sondern zog 1881 mit seiner jungen Frau nach Jerusalem. Von der ersten Stunde seiner Ankunft in Jerusalem führte er für sich, seine Familie und im Verkehr mit anderen Juden das Hebräischeals Umgangssprache ein. Man kann heute sich kaum einen Begriff davon machen, welche Schwierigkeiten in jener Zeit einem solchen Beginnen im Wege standen. Aber Ben-Jehuda überwand diese Hindernisse mit einer Energie ohnegleichen. Er und seine Frau pflegten bei Bekannten ungebeten Besuche zu machen, um die Einführung des Hebräischen im Alltagsleben zu efkämpfen. Von keiner Seite ist dem Kämpfer Ben-Jehuda die Sache leicht gemacht worden. Nicht alle waren Anhänger der Wiederbelebung des heiligen Landes in Verbindung mit einer Wiederbelebung der hebräischen Sprache als Unterrichts- und Umgangssprache. Selbst Achad-Haam war noch im Jahre 1900 Gegner der Einführung der hebräischen Sprache als Unterrichtssprache für a 11 e Fächer, obwohl er im Jahre 1893 in der Art, wie die ersten Pioniere sich das He bätsche unter dem Einflüsse Ben-Jehudas zu eigen macht e.n, nur ein Zeidien des Vertrauens zur nationalen Saohe erbliokte. Als Achad-Haam Ben-Jehuda im Jahre 1887 in Palästina besuchte und dessen erstgeborenen Sohn hebräisch sprechen hörte, warnte er den Vater vor den geistigen Gefahren, die dadurch dem Sohne entstehen könnten. Ben-Jehuda und seine Jünger ließen sich auch nicht von einer so starken Persönlichkeit wie Achad- Haam beirren. Sie setzten ihre Arbeit auf dem Gebiete der Hebräisierung der Schule und der Familie solange fort, bis ihnen der Erfolg gesichert war. Elieser Ben-Jehuda war der erste, welcher für den Schulgebrauch ein Lehrbuch der jüdischen Geschichte im klassischen Hebräisch verfaßte. Sodann machte er sich an die Abfassung eines großen hebräisohen Wörterbuches heran. Dieses Wörterbuch sollte den Gesamtschatz der hebräischen Sprache zugänglich machen. Eine Arbeit, der Ben- Jehuda vierzig Jahre widmete und von der er acht Bände der Oeffentliohkeit übergab. Mit 25 Frcs., welche er sich irgendwo geliehen hat, gründete er im Jahre 1885 den «Ha-Zebi». Für einen Artikel zu Ehren des Chanukah-Festes, in dem er die Makkabäer als Beispiel hinstellte, wurde er von der Orthodoxie bei der türkischen Regierung denunziert und ins Gefängnis gesteckt (1894). Nach seiner Freilassung wurde er von der Orthodoxie in den Bann getan. Einen besonders scharfen Kampf führte Ben- Jehuda gegen die christliche Mission, die in Palästina ihr Unwesen trieb. Sein Kampf gegen das Chalukka-System trug ihm ebenfalls viel Gegnerschaft auf Seiten der Orthodoxie ein. Während des Weltkrieges weilte Ben-Jehuda in Amerika. Später kehrte er nach Jerusalem zurück, wo er am 16. Dezember 1922 starb, ohne jedoch sein Lebenswerk ■— das große Wörterbuch — beendet zu haben. Max Weiner. Die bekannte Phllantropln Frau Jenny Schur gestorben. Fra« Jenny Schur, die Gattin des Wiener . Industrielten Moriz Schur, die eine segensreiche•.Fürsorgetätjgkeit entfaltete und jüdische Wohltätigkeit übte, ist gestorben.

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